Jungle World Banner
Nr. 42/2001 - 10. Oktober 2001
Im Archiv suchen:
Inhalt
Inland
Antifa
Euro
Dossier
International
Feuilleton
Heim & Welt
Medien
Sport
Junk Word
Rubriken
Nachrichten
Inland
Nachrichten
Euro
Nachrichten
International
Nachrichten
Feuilleton
Deutsches
Haus
action
Sonstiges
Archiv
Jungle Abos
Impressum
Jungle World in Österreich
Kleinanzeigen
Ausgewählte
Texte und Vorträge
E-Mail
Redaktion
Webmaster

Mädchen müssen Miezen retten

Mariana Leky baut mit ihrem Debütband »Liebesperlen« auf ein altbekanntes Muster. Von Frank Fischer

Die Dozenten des Deutschen Literaturinstituts Leipzig geraten regelmäßig ins Stöhnen, wenn sie auf die Bewerbungspost zu sprechen kommen. Sie werden nicht müde, die Phantasielosigkeit der Bewerber zu betonen, ihre Fixierung auf Zweierbeziehungen, auf ein ständiges, immer gleiches, banalisiertes Er und Sie. Den Auswahltest meistert mit solchen Einsendungen niemand, und auch sonst ist es schwierig, angenommen zu werden, erlaubt doch das Institut jährlich nur einer kleinen Auswahl von Talenten, das Studium aufzunehmen. Auch bei einem verwandten Studiengang in Hildesheim kommen höchstens zehn Bewerber pro Jahr durch.

Mariana Leky hat es geschafft. Nach einer abgebrochenen Buchhandelslehre studiert sie jetzt »Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus« an der Universität Hildesheim. Sie gehört zum ersten Jahrgang des neu geschaffenen Studiengangs, der unter der Leitung des Autors Hanns-Josef Ortheil steht.

Leky ist als Studentin keine graue Maus mehr, mit ihrer Erzählung »Liebesperlen« hat sie durch den dritten Preis beim Allegra-Literaturwettbewerb im vorigen Jahr (Thema: »Alltagsdrama«) einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht. Nun liegt bei DuMont ein Band mit Erzählungen vor, der unter anderem den preisgekrönten Text enthält. Die eine oder andere Formulierung dieser Erzählung wurde für die Buchfassung geglättet, und einige wenige Sätze, die mit ihren expliziten Informationen die subtile Textumgebung gestört haben, wurden gestrichen.

Der Plot ist schnell skizziert: Der asthmatische Vater macht seiner 14jährigen Tochter mit einer Reise nach Marokko ein eigennütziges Geburtstagsgeschenk, das sie etwas enttäuscht annimmt. Im Urlaub mit den Eltern will keine rechte Stimmung aufkommen, und so wendet sie sich dem Hotelanimateur zu. Die Spannung zwischen Vater und Mutter (Asthmatiker vs. Kettenraucherin) tritt unterdessen deutlich zu Tage, der Vater geht Tag für Tag seine eigenen Wege, die Mutter bleibt stets allein zurück. Abwechslung schafft ihr die Beobachtung eines »Katzenkindes«, das von seiner Mutter nicht angenommen wird. Um es zu retten, suchen Mutter und Tochter nach einer Möglichkeit, dem Kätzchen Milch einzuflößen, und damit sind wir bei den Zuckerperlen, die der Titel der Erzählung verspricht. »Mir fielen die Liebesperlenfläschchen ein, die meine Freundinnen und ich früher am Kiosk gekauft haben, Fläschchen mit sehr kleinem Schnuller. Winzige bunte Kugeln sind darin, die Liebesperlen heißen und nach überhaupt nichts schmecken.«

Es ist ein Blick zurück in eine Welt, in der es Liebesperlen und Frieden gab. Die Erzählerin merkt, dass sie deshalb immer weniger Kind ist, weil sie die Rituale der Kindheit abgelegt hat. Nun geht diese Zeit allmählich vorbei, aber Liebesperlen und die dazugehörigen Fläschchen gibt es trotzdem noch. Nur eben nicht in Marokko. Und so wird der kleinen Miezekatze die Milch - o kalte Welt! - mit einer Spritze in den Rachen geträufelt. Eine Lösung ist das nicht, der Vater beschleunigt mit seiner Lüge vom Tod des gemeinsamen Schützlings die Abreise der Familie, alles bleibt verfahren wie es ist, und der egoistische Vater reist von nun an regelmäßig allein Richtung Wüstenluft.

Neben der Titelgeschichte gibt es acht kurze Erzählungen, darunter insgesamt fünf Beziehungskisten und drei Pubertätserinnerungen, die alle etwas mit einem Hund zu tun haben. Thematisch bewegt sich Leky also recht einfallslos zwischen dem Hundewunsch einer 13jährigen und dem Phlegma im 17. Universitätssemester, sie liefert Berichte von ganz normalen Krisen und Abschieden, mit denen ihre Adoleszenten konfrontiert werden.

Nun scheinen alle Erzählungen miteinander verwoben zu sein, und der Verlagsprospekt spricht auch von »Lekys Heldin«, im Singular, also von einer einzigen identischen Instanz. Das kann man so nicht hinnehmen, widersprechen sich doch die Informationen in den einzelnen Geschichten an einigen Stellen, auch wenn es viele Gemeinsamkeiten gibt. Das auseinanderzudividieren hätte aber wenig Sinn, ist doch eines offensichtlich und Zeile für Zeile spürbar: Es ist dieselbe Autorin, die da schreibt. Der Allegra gegenüber, im Interview von Frau zu Frau, spricht Leky vom autobiografischen Ferment ihrer Prosa plus anschließender Verfremdung, und jede dieser Geschichten ist eben in eine andere Richtung abstrahiert.

Zur Verfremdung gehört zum Beispiel, dass die Erzählerin den Menschen um sie herum den bürgerlichen Namen abspricht, und sie ohne Varianz nach ihren sozialen oder gesellschaftlichen Funktionen bezeichnet, als »der Freund«, »der Hauptdarsteller«, »der Bräutigam«, »der Animateur«, »der Patient«, »die Kieferorthopädin«.

Ihr Handwerk versteht die angehende Schriftstellerin mit Diplom, sie hat kunstfertig verknüpfte Prosa in Druck gegeben. Die Geschichten sind in Rahmen eingebettet, es gibt Leitmotive, rote Fäden und, als stilistische Eigenheiten, sehr kurze Sätze und wörtliche Wiederholungen.

Nach einer »Komik des Tragischen«, wie sie der Klappentext verspricht, sucht man aber vergeblich. Tragik steckt in keiner der Geschichten, weder in den Pubertätsproblemen noch in den Beziehungskrisen, die der Band schildert.

Es müssen ja nicht gleich Mord und Selbstmord sein, die Größen der Tragödie, die in der Gegenwartsliteratur sowieso zu bloßen Effekten verkommen sind. Aber liest man bei Leky von den pubertären Scheinproblemen, sehnt man sich förmlich nach einer kleinen Portion grausamen Schicksals und einem kleinen echten Konflikt zwischen Einzelperson und Gesellschaft, Zutaten, die der Interessantheit der Geschichten gewiss nicht abträglich gewesen wären. Gekünstelte Misanthropie reicht nicht, und eigentlich weiß Leky das auch. »Wenn man schreiben will, dann muss man auch was erleben«, erklärt sie der Allegra.

Und die versprochene Komik? Wenn man genau liest, wandern die Mundwinkel tatsächlich manchmal schräg nach oben. Wenn der Geliebte in der Erzählung »Hochzeitstage« plötzlich anfängt, statt Romanen systemtheoretische Bücher zu lesen, ist das eine witzige Chiffre für die bevorstehende Strukturierung seines Lebens, der auch die Beziehung zur heiratswilligen Erzählerin zum Opfer fällt.

Insgesamt gibt es wenig Schönes in diesen Geschichten, nichts scheint zu gelingen, die Texte gefallen sich in ihrer Schwermütigkeit, ihrer Trägheit und Unentschlossenheit. Darin erinnern sie an die vor mehr als drei Jahren veröffentlichten Debüts von Zoë Jenny und Judith Herrmann. Seitdem ist auch die Kombination einer jugendlich-problematischen Prosa mit dem Foto einer adretten jungen Autorin ein gängiges Verkaufsargument der Verlage.

Man muss den Buchumschlag von »Liebesperlen« auseinanderklappen, um sich das Foto der Autorin anschauen zu können, ein großformatiges Schwarz-Weiß-Bild einer jungen Frau, die gerade einige Haarsträhnen am Hinterkopf neu anordnet. Wer sich wegen dieses Schnappschusses nicht gleich das Buch kaufen will, kann das Fotoposter auch separat bei DuMont erwerben.

Mariana Leky: Liebesperlen. DuMont, Köln 2001, 108 S., DM 29,80



Jungle World, Bergmannstraße 68, 10961 Berlin, Germany
Tel. ++ 49-30-61 28 27 31
Fax ++ 49-30-61 8 20 55
E-Mail: redaktion@jungle-world.com