KanakAttack: Rebellion der Minderheiten
Die Herkunft aus der Fresse wischen | Feridun Zaimoglu
Im Juli 1965, nach drei Tagen und drei Nächten im überfüllten Sonderzug auf der Wanderarbeitertrasse, kam meine Mutter eher tot als lebendig mit ihrem damals sieben Monate alten Sohn im Münchner Hauptbahnhof an. Mein Vater löste sich aus der Menschenmenge auf dem Bahnsteig und kaum, dass sie sich umarmt und verlegene Wiedersehensworte gefunden hatten, wurden sie auch schon in den Luftschutzbunker am Gleis 11 heruntergeführt. Wenige Stunden später saß die zusammengeführte Familie in einem der vielen Transportwaggons auf der Fahrt nach Berlin. Meine Mutter hatte zwar für die lange Reise Vorkehrungen getroffen und fast zwei Dutzend Nuckelflaschen mit Babynahrung abgefüllt. Doch weil sich keine Kühltasche auftreiben ließ, verdarben sie auf halber Strecke. Aus unerfindlichen Gründen war auch ihre Brustmilch versiegt, vielleicht lag es daran, dass sie mit einem offizielleren Empfang gerechnet hatte, vielleicht war auch die defekte Heizung schuld, die kurz nach der Abfahrt aus Istanbul ausfiel.
Die eigentliche Enttäuschung stellte sich bei dem Anblick unserer neuen Behausung im verheißenen Land ein. Eine zwölf Quadratmeter große Einzimmerwohnung mit Nasszelle und abgegliederter Küchenzeile, ein schauriges Kabuff, das meine Eltern ein halbes Jahr lang mit einer anderen Gastarbeiterfamilie teilen sollten. Erst viel später, nachdem mein Vater in den Techniken der Ledergerbung unterwiesen und zudem zum Sprachmittler aufgestiegen war, konnten sie den Verschlag gegen das oberste Stockwerk eines Gastarbeiterlagers tauschen.
Es war ein trostloser Einstieg in das, was die ersten Vertragsarbeiter als das »Deutschland-abenteuer« bezeichnen. Als die Zeit, die in ihre Herzensfibern und Gelenkkapseln Sporen der Bekümmerung setzte. Auch wenn die meisten nach Deutschland mit dem Gefühl aufbrachen, das große Glück habe nach ihnen gepfiffen, und nach ihrer Ankunft mit dünner Armeleutegrütze vorlieb nehmen mussten - sie alle hielten sich daran, dass Arbeitsamkeit die beste Lotterie sei. Also füllten sie Fabrik- und Montagehallen, standen oder saßen am Fließband, wuschen und putzten Böden blank, bekamen eine Anstellung bei der Müllabfuhr oder verdingten sich als Toilettenpförtner. Sie waren ins Land geholt worden, um ehrbarer Arbeit nachzugehen, und das taten sie denn auch, ohne sich an dem Mangel an Ansehen zu stoßen, der mit der Art ihrer Beschäftigung einherging. So gesehen fiel es meiner Mutter nicht ein, sich die Nase zuzuhalten, wenn mein Vater den recht strengen Geruch der Gerbermittel ausdünstete, mochte er sich noch so oft mit dem Lappen abreiben.
Es ist besonders in unserer Zeit eine Binsenweisheit, dass kein Mensch mit einer strengen linearen Biographie aufwarten kann. Der Versuch, Einzelne wie Kollektive zugunsten vermeintlicher Erkenntnisgewinne zu vereinheitlichen, muss in einer Art Küchentischethnologie enden. Wer vom Zusammenprall und von Unverträglichkeit spricht, muss sich früher oder später mit dem Umstand abfinden, dass die Konfliktlinien nicht zwischen den Kulturblöcken, sondern vor allem innerhalb der Kulturkreise verlaufen. Eine Schafherde bleibt zusammen, weil die Hirtenhunde sie zusammentreibt. Menschen haben es an sich, dass sie die angestammten Schollen verlassen und neue Siedlungen aufsuchen.
Meine Mutter beispielsweise ist Tscherkessin und kommt aus dem Kaukasus. Ihre Sippe entkam nur knapp der Deportation nach Sibirien; das geschah in der Zeit, als Stalin mit eisernem Besen fegte und auch das kleine Tscherkessenvölkchen seiner Zwangsumsiedlungspolitik zum Opfer fiel. Nicht vielen gelang die Flucht an die türkische Schwarzmeerküste, und die es doch schafften, wurden über Nacht türkische Staatsbürger. Mein Vater wiederum gehörte der dritten Generation der Balkanflüchtlinge an, die sich nach der Weltkriegsniederlage und dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches in das türkische Kernland aufgemacht hatten. Ich bin im anatolischen Bolu geboren, meine 18 Monate jüngere Schwester ist gebürtige Berlinerin. Kann man vor solch immensen Zeitzäsuren und biographischen Brüchen noch von einer einzigen Identität sprechen, die alle Altersklassen in der Geschlechterfolge in Haft nimmt? Irreguläre Lebensläufe aus Zusammenbruchsszenen sind das wahre Gesicht der Einwanderung.
Meine Mutter ist noch immer ein tscherkessisches Frauenwunder, die hohen Jochbögen spannen die Haut der Wangen, die keines Rouges bedürfen, das sich am Nachtkissen abreiben ließe, und von ihren Fesseln schwärmte einst jeder beflaumte Jüngling in der Nachbarschaft. Der Zuchtrute ihres Vaters in die glückvolle Ehe entflohen, verbarg sie sich als frische Ehefrau nicht mehr den Blicken und legte ein buntes Seidentuch aufs Haar, Scheitel und Stirn aber frei, die Tuchzipfel um den Zopf am Rücken gewunden und zum leichten Knoten geschürzt. Wenn sie im Zinnzuber die weißen Hemden meines Vaters wusch und die Kragenspitzen erst mit Kernseife anstrich und aneinander scheuerte, sprach sie von den wundersamen Umständen meiner Geburt. Ich sei an einem Freitagmorgen um vier Uhr sieben-undfünfzig zur Welt gekommen, knapp drei Minuten später sei der Ausruf zum Morgengebet von den Zinnen des Minaretts erschallt. Sie habe sich gefühlt wie ein Wild im Wundbett und als sie sich aufstützte, um meine Geburt nicht zu verpassen, habe sie das Wunder erblickt: Ich sei nämlich in einer unversehrten Fruchtblase zur Welt gekommen. Angelockt vom Schrei der Hebamme lief das Krankenhauspersonal zusammen, und auch einige herangehumpelte Kranke seien unter dem Pulk gewesen, der sich um das Bett versammelt hatte. Und dann sei die Plünderung losgegangen. Jeder habe sich um ein Stück Fruchtblase gerissen, um es als Amulett gegen den Bösen Blick oder die Widerstände des Versuchers zu benutzen. Die so genannte Juwelenhaut des Neugeborenen ist Gottesgabe, sagte sie, und wer sich damit wappnet, hat leichtes Spiel in kommenden Tagen. Es gibt eine mächtige Liebe, sagte sie, eine Liebe, die das Fassungsvermögen der Hölle sprengt und wem sie beschieden wird, der braucht kein Balsam gegen Qual und keine Tinktur gegen Querelen. Der Rest der Geschöpfe aber will sich das Nest warm halten, und wenn die Gelenke spröden und das Augenlicht vertrübt, bedarf es erst recht der Wundermittel wie eines Hautstücks der Fruchtblase. Und wie zur Bestärkung kippte sie die Seifenlauge in das Kachelbecken, und das Schmutzwasser strudelte unter lautem Gurgeln in den Ausguss, und was ich noch mitbekam, war das Knacken der Wirbelkörper meiner Mutter und vielleicht noch die roten langen tiefen Rillen an den Fingern. Der ihr anvertrauten Arbeit Genüge tun, nannte sie ihr Tageswerk, egal ob es um die Hausarbeit ging oder um die bezahlte Arbeit im Gastarbeiterlager.
So hießen die streng nach Geschlecht getrennten Wohnheime der Fremdländer Mitte bis Ende der Sechziger. An Komfort hatte man bei der Einrichtung nicht gedacht, doch das war auch nicht Sinn der Anwerbung gewesen. Dafür sorgten dann die Türkinnen, Kurdinnen und Jugoslawinnen selbst. Eine venezianische Gondel, die sich erhellte, wenn man sie an die Steckdose anschloss, Postkarten aus der heimischen Meeresküste, Poster des heimatlichen Tourismusministeriums, Kilims und Teppiche, Wasserpfeifen en miniature und vor allem Häkeldecken, Häkelschoner für die Sessellehnen, Häkelkissenbezüge, Häkeltagesdecken und gehäkelte Klorollenhütchen. Zwei Ängste trieben die Frauen im Wohnheim um. Zum einen die Angst, sich versehentlich auf Häkelnadeln zu setzen. Zum anderen die Angst vor deutschen Polizisten, in deren starre Gesichter man nicht hineinzusehen wagte, aus Furcht, man könnte sich mit der Lähmung anstecken. Sie kamen nicht als Freunde ins Haus, das ahnte man irgendwie, und auch wenn sich keine der Gastarbeiterinnen hatte etwas zuschulden kommen lassen, sie liefen vor Scham rot an, als hätten sie gemeinsam verbrochene Gräuel zu verbergen. Das aber ist ein anderes Kapitel.
Mein Vater seinerseits hielt viel von der osmanischen Erziehung, jenseits der Hausschwelle sollten die Torheiten auf das kindliche Mindestmaß getrimmt werden. Er war ein harter Malocher in der Gerberei und auch, wenn er sich in den vielen Künsten verstand, Häute und Felle abzuziehen und in chemischen Säften zu baden - das wahre Mannestalent bestand für ihn darin, sich in die Schale des gestandenen Kerls hineinzuputzen. Nur am Sonntag, seinem freien Tag, konnte er sein Spiegelbild genießen, oder wie er sagte, sich guten Gewissens in die Spiegelaugen schauen. Nur der Anzug sei das wahre Kostüm des Mannes. Wer aber keine Ehre im Leib habe, bräuchte sich nicht zu bedecken mit Rock und Überwurf, einem Ehrlosen würde der Zwirn anstehen wie als hätte man einem Asphalt-spucker Lumpen angeflickt. Früher verlangte man Genugtuung, wies er mich ein, indem man den Ehrenschänder auf blanke Faust oder auf Degen und Säbel forderte. Man konnte eine ganze Batterie zum Schweigen bringen, man konnte sie dazu bringen, in den Abwässern ihrer Sentimente zu baden. Heute, sagte er, und es war das Jahr neunzehnhundertsiebzig in Deutschland, ist Mut eher in einem Totgeschlagenenhaufen zu finden als in den Herzbeuteln der Männer. Das Bekenntnis zur alten Faustkämpferschule, angereichert durch den Kavaliersbenimm, fiel wohlgemerkt in die Zeit einer Rebellion, an der die Besten ihrer Generation teilnahmen. Die Studenten gingen auf die Straße, mit Bannern und Bändern, sie liefen zusammen zu einer Vollstreckungsbrigade, zu einer Sturmfaust, wie ein aus dem Schlaf gerütteltes Hunnenheer, sie lüpften die Talare und schritten erhobenen Hauptes in den Cordon der knüppelnden Ordnungskräfte, und auch wenn am Ende dieser Aufreizung wider den Systemmuff zertretene Saatgefilde und verheerte Fluren übrig blieben - mein Vater war beeindruckt! Und er wurde nicht müde, sich darüber allen mitzuteilen, ob im Vereinslokal oder im türkischen Teehaus, ob bei der Arbeit oder im Wohnzimmer. Diese jungen Männer mit den zugewachsenen Backen und der hüftlangen Mähne hatten klopfende Pulse und kippten aus der starren Generationsachse und machten kurzen Prozess mit den schuftigen Tarifen. Im Schatten eines deckenhohen Nippesregals saß mein Vater in schlappenden Operslippern Länge mal Breite des Wohnzimmers, und er verwandelte sich in diesen Momenten von einem geschundenen Gastarbeiter in einen Nachrichtenübermittler, der Agitationspoetik ausstrahlt.
Wer in solch einer Klimazone der Unterschichtskräfte aufwächst, hat sich für sein späteres Leben eins vorgenommen: Er will und wird nicht auf halber Strecke verrecken, um Gottes Willen Nein. Ich spreche nicht nur von einem Aspekt meiner Kindheit, ich spreche, von tausend mal tausend Gastarbeiterhaushalten der ersten Stunde, ich spreche von den verschimmelten Arbeiterbaracken, von den Hinterhausbuchten und den Elendskabuffs, in denen wir groß geworden sind, wir - das sind die Zuwandererkinder. Für Sozialromantik hätten weder unsere Eltern noch wir glutäugigen Kids Zeit und Verwendung, dafür saßen wir zu sehr in der Falle der Armut. Arm waren die Verhältnisse, reich aber der Stamm an Legenden und Kalendersprüchen, katechis-mustauglichen Psalmen und anatolischen Dialekten. Das Elternhaus gab uns einen äußerst relevanten Sprachschatz ein, und unsere Ankunft in Deutschland prägte ein hellwacher Geist und Verstand. Zum anderen kamen wir uns auf einer kalten aufgesprungenen Scholle vor wie Kulissenschwadroneure, die zwischen romantischer Ausdrucksfähigkeit und Plastikmüll der Metropolen ein neues Garn sponnen. Es war, als riefe sich ein ferner geächteter Gott von der Schädelbasis hoch in Erinnerung. Unsere Bußgebete nach mehr Atmosphäre prallten am deutschen Hartschalenhimmel ab. Man muss sich das einmal vorstellen: Hunderttausende Anatolier meist bäuerlicher Tradition finden sich über Nacht verwandelt in das Heer des zugewanderten Industrieproletariats. Und ihre Kinder und Kindeskinder, also vom Sinn und der Temperatur her BauernArbeiterKinder, verlassen die Muster der sozial Deklassierten und begnügen sich nicht nur mit dem Gang durch die Institutionen, wie es einst der deutsche bürgerliche Nachwuchs bis zur Perfektion betreiben sollte. Diese jedoch stießen auf ein wirkliches Kulturvakuum und füllten es aus. Heute aber toben soziale Ausscheidungskämpfe und wer bitte-schön wird freiwillig bekennen, dass er auf einen nicht Deutschstämmigen gewartet habe?
Auszug aus: Feridun Zaimoglu, Kopf und Kragen. © 2001 Rotbuch Verlag, Hamburg.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlags.
Feridun Zaimoglu ist Schriftsteller und lebt in Kiel.
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