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Subtropen #6/10 - Oktober 2001
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Brisas de Madre: Die tabuisierte Seite einer US-Intervention

»War on Drugs« und Aufstandsbekämpfung in Kolumbien | Diego Gómez

Die USA und die westlichen Staaten wollen nun den »Terrorismus« besiegen. Diese Rhetorik bleibt unglaubwürdig, solange die USA und ihre Verbündete im Kampf gegen ihre politischen Gegner oftmals auf jegliches Menschenrecht pfeifen. Der vor allem von der US-Regierung forcierte »War on Drugs« in Kolumbien, ein Krieg niederer Intensität, der sich vornehmlich gegen die Guerilla und die Zivilbevölkerung richtet, trägt zum Beispiel deutlich staatsterroristische Züge. Wer aus Gründen eines kurzfristigen Macht- und Profitstrebens mit dem Teufel geht, sollte nicht erstaunt darüber sein, wenn dieser plötzlich vor der eigenen Haustür steht. Den Ort Brisas de Madre im Nordwesten Kolumbiens erreicht man über einen breiten, erdfarbenen Fluss mit starker Strömung und lehmigen Ufern. Oder über einen Weg mit riesigen schlammigen Löchern, den die Bauern stolz »Straße« nennen. Die Siedlung im Bezirk Ríosucio in der Provinz Chocó besteht aus 20 Hütten aus Holzbrettern und Blech und ist direkt am Fluss gebaut. Für die Bauern der Umgebung ist Brisas de Madre zum Hauptanziehungspunkt geworden. Sie kommen hierher, um Holz oder Kochbananen zu verkaufen. Im Gegenzug versorgen sie sich mit Salz, Öl, Gummistiefeln, Werkzeugen und anderen lebenswichtigen Dingen, gelegentliche Liebesdienste in den sechs Cantinas des Orts inbegriffen.

Der Tod umkreiste die Hütten am 8. Oktober des letzten Jahres. Es war Sonntag, Markttag. Während der Nacht hatte ein Verband von Paramilitärs in den angrenzenden Bananenplantagen heimlich Stellung bezogen. Er wartete darauf, dass einige unerwünschte Zuschauer abreisten und sich der Ort langsam füllte. Gegen zehn Uhr morgens drangen sie schießend in Brisas de Madre ein. Wie Vieh trieben sie die Leute zusammen und zwangen sie, sich zwischen den Verkaufsständen und dem Flussufer in den Dreck zu werfen. Mit einer Liste in der Hand wählten sie drei Bauern aus und töteten sie. Zusätzlich zu diesen Dreien bestimmten sie unter den 80 Anwesenden noch fünf weitere, die sie ebenfalls ermordeten.

Mosquera

Er meinte, sein Heimatbezirk Ríosucio habe vor allem die eine Krankheit, dass es dort nichts gibt. Kein fließendes Wasser, keinen Strom, keine Schulen, kein Krankenhaus, keine Medikamente. Der letzte Arzt hatte die Gegend verlassen, bevor er wahnsinnig wurde. Einige behaupteten, er hätte aus Liebeskummer den Kopf verloren. Andere sagten, er hätte den Druck nicht länger ertragen, eine Region ohne Transportmittel und Medikamente versorgen zu müssen.

Als die Paramilitärs Mosquera im Dorf überraschten, versuchte er sofort ans Ufer zu laufen, um über den Fluss zu entkommen. Aber er hatte keine Chance, die Schläge hielten ihn zurück. Er wusste, dass dies seinen Tod bedeutete, denn sein Delikt wog schwer: Er war Gemeindevertreter, jemand also, der die Leute organisiert. Mit ihm hielten sie sich nicht lange auf. Der Mörder Emerson kannte ihn. Er sagte, nun bekäme Mosquera den Lohn dafür, dass er mit den Ausbesserungen der Straße rumnerve und Beschwerdebriefe an den Militärstützpunkt schreibe.

Mosqueras Großmutter erzählte, dass ihre Familie mit der »königlichen Bergbaugesellschaft Pavarandó« in diesen Teil von Chocó gekommen sei. Sie mussten als Sklaven in einer Goldmine für die Spanier arbeiten. Sie lebten immer in dieser Region der Flüsse. Und es schmerzte sie sehr, als die Paramilitärs der schwarzen Bevölkerung vor zehn Jahren auch das letzte Stück Land wegnahmen, das ihnen noch geblieben war. Bauern aus dem Norden traten an ihre Stelle. Doch sie waren sicher, dass auch diese Siedler wiederum alles verlieren würden.

Als Mosquera noch ein Kind war, lebten an diesem Flussabschnitt etwa 20 schwarze Familien. Sie brauchten keine Eigentumsurkunden. Um die Grenzen ihres Landes zu markieren, genügten Bäche oder ein großer Baum. In den sechziger Jahren verstärkte sich die »Violencia« und aus den Bergen und von der Küste wanderten weitere Bauernfamilien ein. Am Anfang war das kein Problem. Man schenkte den Ankömmlingen Land oder gab es ihnen für ihre Arbeitsdienste. Später wurde es schwieriger, aber man ließ sie machen. Die Neuen waren in großer Not und die Alten waren friedliche Leute.

Dieses Massaker wird die Zone leer fegen. So sagten es in Brisas de Madre zwei der Mörder, Rodolfo Rubides und Victor Morelos. Für diejenigen, die am 8. Oktober noch daran zweifelten, dass sie in einer gefährlichen Gegend lebten, hatten die Paramilitärs die Todesbotschaft ausgesandt. Noch Tage später trieben die verstümmelten Leichen den Fluss hinab.

Senén Viloria

Er war der Sohn eines dieser zähen Bauern, die in den sechziger Jahren nach Chocó gekommen waren. Mit zwölf Jahren hatte er genug davon, den Urwald zu roden. Er entschied sich, in den Bananenpflanzungen von Urabá, eine Tagesreise entfernt, nach Arbeit zu suchen. Bananen anzubauen, war keine Sache der kleinen Siedler mehr. Die Bananengesellschaften hatten sich das Land nach und nach angeeignet und ihre Geschäfte florierten. Senén Viloria verdingte sich als Wanderarbeiter auf ihren Plantagen. Er lernte nicht nur den Zyklus der Produktion kennen, sondern auch Forderungen zu stellen. Er wurde aktiver Gewerkschafter, nahm an Streiks und Demonstrationen teil, aber es passierte ihm nie etwas, denn er war immer ein Angsthase gewesen und man traf ihn nie in der vordersten Reihe.

1992, zu Zeiten des Präsidenten Cesar Gaviria, eskalierte die Gewalt in der Region Ura-bá. Um das Gebiet von der Linken zurückzuerobern, mobilisierte die Regierung die Armee und bewaffnete die Banden der ehemaligen Guerilla vom Ejército Popular de Liberación (EPL). Die Aktion nannte sich »Operation Rückkehr«. Leute wie Senén Viloria verloren dadurch Arbeit und Land. Viele Menschen flohen in die Städte, nach Montería, Medellín oder Cartagena. Aber Senén Viloria, der schon als Kind ein Bauer gewesen war, beschloss, zurück nach Chocó zu gehen. In der Tiefe des Urwalds und seiner Flüsse hoffte er, in Ruhe leben zu können.

Mit dem bisschen Geld, das er auf der letzten Finca verdient hatte, machte er in Brisas de Madre ein Geschäft auf. Es war Laden, Bar und Bordell in einem. Er kaufte Holz und Kochbananen von den kleinen Bauern der Umgebung und verkaufte sie weiter an die Händler, die mit Lastwagen die abenteuerliche Reise bis nach Brisas schafften. Er beschloss, sich mit nichts näher einzulassen, am allerwenigsten mit Politik. So wie die Dinge standen, hielt er das für das Klügste. Nun, da auch er sich in den Dreck legen musste, war er sich fast sicher, mit dem Schrecken davonzukommen. War er nicht gestern noch in Bajirá einer gemeinsamen Patrouille aus Paramilitärs und Regierungstruppen begegnet und ihm war nichts passiert? Er bat die Jungfrau, dass sie ihm beistehen möge. Aber vielleicht war es doch ein großer Fehler gewesen, dass er mit den Leuten von der Kirche geredet hatte. Er hatte sie da-rum gebeten, bei den Soldaten vorzusprechen, damit sie an den Straßensperren wenigstens wieder Nahrungsmittel durchließen.

Facundo Santos

Drei Tore sind drei Tore. Und wenn man sie in einem wichtigen Ligaspiel selber erzielt, dann will man sie natürlich gebührend feiern. Auf seinem Weg durch den Urwald traf er schon im ersten Tageslicht auf die Guerilla. Sie war eindeutig auf dem Kriegspfad und warnte ihn, dass die Paramilitärs in der Nähe seien. Facundo Santos wollte nichts davon wissen. Die regulären Armeeeinheiten lagen doch keine 20 Minuten von Brisas de Madre entfernt in Bajirá! Warum sollten sie die Paras durchlassen? In Brisas wartete auch »la Chola« auf ihn, die Frau, die ihm so sehr gefiel. Der Wunsch nach Vergnügen war stärker als die Angst und besiegte die Vorsicht.

Wegen des Fußballspiels hatte er wirklich allen Grund zum Feiern. Die Idee, eine kleine Fußballliga zu organisieren, hatten die Gemeindevorsteher bei einer ihrer letzten Zusammenkünfte. Das Leben in ihren Dörfern wurde immer trister. Für Facundo Santos waren es so drei aufregende und schöne Monate geworden. Jeden Samstag war er der Größte und immer für ein Tor gut. Natürlich waren die drei Treffer von gestern etwas Außergewöhnliches. Drei zu null gegen die Mannschaft von »La Milagrosa«, und er hatte alle Tore geschossen. Er erinnerte sich an jede Einzelheit, besonders an das erste Tor, als er diesen Pass direkt aufnahm und so hart schoss, dass der »Reiher«, der magere Torhüter, dem Ball nur noch hinterhersehen konnte. Der Ball rauschte in den nahen Wald und dort den Bach hinunter. Fußball war sein ein und alles.

Als Schatzmeister der Liga sollte er heute in Brisas einen Satz Trikots für den künftigen Meister kaufen. Er wollte versuchen, sie auf Kredit zu bekommen oder wenigstens den Preis zu drücken. Mit dem Geld aus der Fußballkasse gedachte er »la Chola« einzuladen. Heute würde er ganz sicher ihre vollen Lippen küssen und ihren dicken Hintern streicheln, der ihn ganz verrückt machte. Calixto, sein Nebenbuhler, würde das genauso akzeptieren müssen wie seine Frau Nelcy. Schließlich wäre er nicht der erste, der zwei Frauen und zwei Zuhause hätte. Sein Vorhaben war aus vielen Gründen gewagt. Vor allem wegen der Paramilitärs und weil er Geld ausgeben wollte, das er in nur acht Tagen wieder auftreiben musste. Aber er vertraute auf sein Glück. Er hatte Fallen im Urwald aufgestellt. Irgendein kostbares Pelztier würde schon hineingehen, und er würde das Fell an einen »Paisa« von Medellín oder einem anderen Auswärtigen verkaufen. Doch seine Hoffnungen sollten sich nicht erfüllen. Jetzt kauerte er im Uringestank an den Pfählen unter der Cantina von Segundo und hoffte, dass sie ihn nicht fänden. Er begann zu zittern, als er die Verwünschungen und Drohungen des Paramilitärs Conrado Pérez hörte, in die sich das Flehen der Bauern mischte, die sie aus der Menge herausholten.

Calixto

Schon als Junge wusste er, was die »Violencia« war, und er lernte den Regierungen zu misstrauen und das Militär zu hassen. Von dieser Seite lernte er nur Gewalt und Demütigungen kennen. Nie würde er vergessen, wie die Soldaten seinen Bruder umgebracht und seine Eltern von der Finca aus Andes vertrieben hatten. Er erinnerte sich an viele Nächte voller Angst auf der Flucht. Die Armee war stets auf der Seite der Reichen. Er war immer noch vol-ler Wut, wenn er daran dachte, wie sie ihn 1990 von seinem Land am Fluss Sinú verjagt hatten. Die Regierung errichtete damals in Urrá das Wasserkraftwerk. Er verlor nicht nur Boden und Tiere. Auf der Flucht starb inmitten all der Bombardierungen auch seine Frau, die kurz zuvor ein Baby zur Welt gebracht hatte. Sie ließ ihn zurück mit den kleinen Kindern und mit der Aufgabe, sie allein durch seiner Hände Arbeit großzuziehen. Er musste wieder bei Null anfangen und stieß weit in unbesiedeltes Gebiet vor. Bis nach Limón, damit ihn Kilometer um Kilometer mehr Urwald von den Mördern trennte. Er traf auf die kommunistische Partei und lernte die Guerilla kennen. Später trat er der Partei bei und unterstützte die Guerilla.

Er hatte die Guerilla immer respektiert, auch wenn er die jüngere Generation sehr kritisch sah. Viele Jugendliche schlossen sich heute der Guerilla aus Not und Hass an - nicht aus Überzeugung. Dennoch war er sehr stolz auf seine zwei ältesten Söhne, die bereits als kleine Jungen zur Guerilla wollten. Wer, wenn nicht die Guerilla, garantierte einigermaßen die Ordnung in diesem Gebiet? Sie ließ Calixto von einer besseren Welt träumen, schlichtete Streitigkeiten, sprach Recht und verlangte von den Wohlhabenden Abgaben. Er kannte die früheren Guerilleros des EPL, die heute im Sold der Paramilitärs standen. Manches Mal war er zur anderen Guerilla gegangen, um sich über diese Banditen zu beschweren, die ganz Urabá unsicher machten. Die EPL nutzte nur ihre Macht aus. Sie waren eine Plage für die Bevölkerung, diese Säufer und Angeber.

Nun lag Calixto gefesselt am Boden. Sie hatten ihn in Promitivos Cantina überrascht; es gelang ihm nicht, wie einigen anderen, sich noch rechtzeitig in den Fluss zu werfen. Als er die Schüsse hörte, versuchte er, durchs Fenster zu springen. Aber die Typen waren schon an allen Ausgängen. Schlimm für ihn und vor allem auch für seine Kinder. »La Chola« hatte ihm versprochen, die Hurerei sein zu lassen und mit ihm zu gehen und ihm zu helfen, die Kinder großzuziehen. Er betete »la Chola« an. Und fast liebte er sie wirklich schon. Welche Frau war schon bereit, mit einem Mann zu leben, der ihr Vater sein könnte, und Kinder großzuziehen, die beinahe ihre Geschwister sein könnten, mit kaum einer anderen Aussicht als Armut und Gewalt?

Nicomedes

Sein Hof lag in der Gegend von Blanquiset, nahe der »Panamericana«. Genau da, wo die berühmte Straße endete und wo sie, wenn es nach den Ingenieuren ginge, die kürzlich hier wieder einmal das Land angeschaut hatten, bald weitergebaut werden sollte, um Kolumbien endlich mit Panamá und ganz Amerika zu verbinden. Als sie auftauchten, das Land vermaßen und die Bewohner zählten, machten sich einige bereits Illusionen und dachten, dass mit der Straße auch der Fortschritt Einzug in die Region halten werde. Sie erhofften sich, dass die Straße Arbeit bringe und es einfacher werde, die Kochbananen zu transportieren und zu verkaufen, die Yuca und all das, was die Bauern hier produzierten. Man behauptete auch, die Straße werde mit dem interozeanischen Kanal verbunden werden. Diese Geschichte erzählten die Provinzfürsten von Chocó ebenso wie der kolumbianische Präsident und von Zeit zu Zeit auch der Gouverneur von Antioquia. Die Bauern sahen sich bereits im Schiff reisen. Und diejenigen, die ein bisschen in der Welt herumgekommen waren, über die Urwald-Pfade durch den Darién bis nach Panamá, glaubten schon das große Schmuggelgeschäft vor sich. Es waren die Älteren, die man schon öfters herumgeschoben hatte, die warnend ihre Stimmen erhoben. Sie glaubten nicht daran, nannten es Unsinn und forderten, man solle damit aufhören. Lieber sollten sie einmal überlegen, wie viele arme Bauern sie kannten, die Land und Hof an einer bedeutenden Straße besaßen. Und sie erinnerten daran, dass Hand in Hand mit den großen Bauvorhaben auch immer die »Violencia« in die Region kam und die Bewohner verjagte, die am Ende nicht einmal mehr als Knechte ein Auskommen fanden.

Der Tod begann sich also auch in der Ausbauzone der Panamericana wie ein schmutziger Fleck auszubreiten. In Nicomedes' Weiler hielt er auch an einem Sonntag Einzug. Die Paramilitärs plünderten die Läden. Und sie töteten Don Enrique und die Krankenschwester, nachdem sie sie beschuldigt hatten, für die Guerilla zu arbeiten. Sie prahlten und drohten damit, sie würden in der Gegend aufräumen, und gaben der Bevölkerung einen Monat Zeit, das Feld zu räumen. Nicomedes hörte sich das an, beschloss aber zu bleiben. Er wollte das wenige, was er besaß, nicht verlassen. Wie die meisten Bauern hatte er keine Besitztitel auf sein Land in dieser abgelegenen Gegend, in die nicht einmal die Hand Gottes reichte. Er wuss-te, wenn er ginge, würde er alles verlieren. Es war klar, dass diejenigen, die die Paramilitärs für die Vertreibung der Bevölkerung bezahlten, auch in der Lage wären, sich Besitztitel zu beschaffen.

So beschloss er, sich zu verstecken und Augen und Ohren offen zu halten. Im Dickicht errichtete er eine kleine Hütte, in der er mit seiner Familie schlief. Immer wachsam, achtete er auf jedes Geräusch, wenn er in der Nähe seiner Felder war, die ihn so viel Schweiß gekostet hatten. Für Salz und Öl, und um das wenige, was er erntete, zu verkaufen, musste er nach Bajirá oder Brisas de Madre gehen. Das waren große Distanzen, die er zu Fuß zurücklegen musste. Aber auf der Überlandstraße einen Bus oder Jeep anzuhalten, war zu gefährlich geworden. Die Paramilitärs waren jetzt überall in den Dörfern und stellten Straßensperren auf. Er stand als renitenter Bauer auf ihrer Liste, da er sich weigerte, die Zone zu verlassen, und damit verhinderte, »dass Investoren, Viehzüchter und Agroindustrielle sich hier niederließen, die der Region wirtschaftliche Stabilität, Arbeitsplätze und höhere Löhne bringen«. So stand es auf einem Flugblatt, das die Paramilitärs verteilten. Darauf spezialisiert, Bauern zu verjagen und zu töten, wagten sie es tatsächlich, sich »Selbstverteidigung der Bauern von Urabá und Córdoba« (Autodefensas Campesinas de Córdoba y Urabá, ACCU) zu nennen. Nicomedes kannte in Brisas de Madre keine Seele. Auf dem Boden liegend wusste er, dass er hier und jetzt sterben würde. Er betete zu Gott für einen schnellen Tod ohne Folter. Und er betete vor allem darum, dass seine Familie von seinem Tod erführe, um ihn beerdigen zu können. Es war eine fürchterliche Vorstellung, dass er bald tot den Fluss hinuntertreiben sollte, um die Lebenden zu erschrecken.

Der fliegende Händler

Er war nicht immer ein fliegender Händler gewesen. Als er noch in Mulatos wohnte, war er der Besitzer eines der größten Läden am Platz, wo er Nahrungsmittel, Schnaps und Kleider verkaufte. Er verlor alles, als die Paramilitärs kamen. Sie sagten, dass alle Händler, die mehr als vier Jahre in der Region waren, gehen müssten. Denn ihre lange Anwesenheit beweise, dass sie sich mit der Guerilla arrangiert hätten oder sie sogar direkt unterstützten. Zuerst beschlagnahmten sie seine Ware, aber das war nicht weiter schlimm. In Gegenden wie Urabá waren solche Eventualitäten bereits in die hohen Ladenpreise einkalkuliert. Die ernsthaften Probleme begannen erst, als sich die Armee ganz in der Nähe von Mulatos niederließ. An einem gewöhnlichen Wochenende zogen die Soldaten plötzlich ab. Und wie es der Zufall wollte, traten unmittelbar darauf die Paramilitärs auf den Plan, steckten die Läden in Brand und töteten die Ladenbesitzer, deren sie habhaft wurden.

Der fliegende Händler konnte sich damals retten, sollte jedoch bald darauf seine Existenz verspielen. An einem Dienstag schrie er bei einer Zusammenkunft mit dem Armeekommando den Offizieren voller Wut die Wahrheit ins Gesicht. Er beklagte sich über die Erpressung durch das Verhalten der Armee. Auch wollte er wissen, weshalb es zwischen den Regierungstruppen und den Paramilitärs denn nie zu Kämpfen käme, obwohl ihre Kontrollposten und Lager so dicht beieinander lägen. Er fragte auch, wie es komme, dass die Paramilitärs oftmals aus dem Schatten großer Verschiebungen bei den Regierungstruppen agieren könnten, die die Guerilla zum Rückzug zwinge.

Später an diesem Dienstag wurde er euphorisch. Erst am Abend, als er in sein Haus trat, seine schlafenden Kinder betrachtete und mit seiner Frau sprach, wurde ihm bewusst, dass er zwar die Wahrheit gesagt, aber gleichzeitig damit sein Todesurteil unterschrieben hatte. Am anderen Morgen in der Frühe sprach er mit den ausländischen Beobachtern, die in der Gegend waren. Sie sollten ihm helfen, seine Familie nach Medellín zu bringen. Die wenigen Waren, die ihm geblieben waren, verteilte er an ein paar Freunde und andere Händler, die ihn als Helden betrachteten. Und er beschloss, einer neuen Tätigkeit nachzugehen. Von nun an agierte er als fliegender Händler im Untergrund.

In Urabá fehlte es ihm nicht an Arbeit und Kunden. Es gab viele Siedlungen, die von der Versorgung abgeschnitten waren. Und viele Bauern verließen aus Angst, umgebracht zu werden, ihre Felder nicht mehr. Die Regierung kurbelte sein gefährliches Geschäft noch an. Ihre »Maßnahmen zum Erhalt der öffentlichen Ordnung« setzte das Militär rigoros um. So durften die Einwohner nur noch kleine Mengen an Nahrungsmitteln transportieren. Damit sollte der Nachschub für die Guerilla unterbunden werden. Als ob die Guerilla nicht ihre »Großeinkäufe« tätigte, indem sie auf der Straße zwischen Medellín und der Küste ganze Lastwagenladungen einfach konfiszierte. Er war also ein Schmuggler von Öl und Salz, Seife, Kleidern und anderen Kleinigkeiten geworden. Ihm wurde schnell klar, dass seine vorherige Tätigkeit im Dorf zwar gefährlich gewesen war, so wie der Beruf des Lehrers, Heilers oder Bootsführers auch, dass seine neue Tätigkeit aber noch viel mehr Risiken barg. Fliegende Händler waren allen bewaffneten Gruppen suspekt. Denn selbst von der Guerilla wurden sie verdächtigt, in ihr Gebiet einzudringen, um Informationen weiterzugeben.

Manchmal wünschte er sich zum Tragen so viele Arme wie ein Tintenfisch. Er konnte sich nur sehr umständlich fortbewegen und musste mit seiner Ware die vielen Kontrollposten und Straßensperren der Armee sorgsam umgehen. Dazu musste er die in den Dschungel geschlagenen unwegsamen Pfade benutzen und Flüsse überqueren. Er glaubte nicht, dass ihm in der Gegend bei Brisas de Madre jemand Probleme machen würde. Er kannte die ELP-Paramilitärs in dieser Zone nicht, und auch sie hatten ihn nie zuvor gesehen. In der Zone, aus der er geflüchtet war, agierten andere Einheiten der Paramilitärs. Als er sie im Dorf plötzlich erblickte, setzte er eine Unschuldsmiene auf. Und obschon er Angst hatte, beschloss er, der Situation die Stirn zu bieten. Er vertraute darauf, dass es doch nicht verboten sei, Fußballerleibchen und Nahrungsmittel zum Verkauf bei sich zu haben.

Mit all den anderen lag der fliegende Händler auf dem Boden und hörte, wie sie redeten. Die Drohungen, ihr Gelächter und ihre makabren Scherze. Er war besorgt, weil sie ihm seine Identitätskarte abgenommen hatten und seinen Namen mit denen auf ihrer Liste verglichen. Und er erinnerte sich darin, wie damals, nach dem Streit mit dem Militär, ein Soldat nach seinem Namen gefragt hatte.

Emerson

Mit dem Tag, an dem er als Junge in Barranquillita aufhörte, sich Esteban Cuesta zu nennen und sich den Namen Emerson zulegte, fand er Freude daran, Waffen zu tragen und den Leuten Angst einzujagen. Im Juni hatte er ernsthafte Probleme mit der Guerilla bekommen, die von ihm ein zurückhaltenderes Auftreten verlangte. Emerson merkte, dass er hier nicht weiter kam und beschloss, sich mit seiner Gruppe der Armee zu ergeben, drüben in Campo Bonito. Aber er dachte nicht im Traum daran, die Waffen abzugeben. Stattdessen wollte er sich für die erlittene Schmach und Zurechtweisung an seinen ehemaligen Genossen rächen und als Paramilitär weitermachen. Sie bekamen auf Kosten des Militärs ein paar Wochen Ferien, ließen sich für ihre neuen Chefs fotografieren, die dafür sorgten, dass sie mit viel Wirbel in der Presse erschienen. Im August begann ihr neuer Einsatz.

Die Siedler zittern vor solchen Überläufern. Sie wissen, dass sie gefährlicher sind als gewöhnliche Paramilitärs. Sie kennen die Gegend, die Schleichwege und die Gewohnheiten der einfachen Leute. In der Regel versuchen solche Überläufer durch besondere Brutalität, sich rasch das Vertrauen ihrer neuen Chefs zu erwerben. Sie handeln so, dass kein Zweifel mehr bestehen kann, auf welcher Seite sie stehen. Das ist schließlich gar nicht so einfach. Denn auch ihre neuen Auftraggeber sind misstrauisch. Auf ihnen lastet der Fluch eines Verräters. Und wie sagt man? Einmal Verräter, immer Verräter. Niemand mag sie. Von den Emersons verlangt man deswegen immer mehr als von gemeinen Söldnern. Sie müssen die Drecksarbeit machen, unbewaffnete Bauern töten und sich zusätzlich noch im eigenen Dreck wälzen. Das ist ein Teufelskreis: Je mehr sie töten, desto größer ist die Wut, die sie auf sich selbst haben und desto bestialischer werden sie. Einige unter ihnen halten das nicht aus und versuchen, sich davonzumachen. Werden sie erwischt, sind sie der eigenen Gruppe ausgeliefert. Sie sind dann die Paramilitärs, die die Armee angeblich im Gefecht getötet hat und die beweisen sollen, dass sie mit ihnen nicht unter einer Decke steckt. Andere - und dazu gehörte Emerson - empfinden immer größere Freude an der Brutalität. Zudem ist es auch ein lukratives Geschäft.

Mit seiner Größe von über einem Meter neunzig und seiner schleppenden Art zu sprechen, setzte Emerson sich gern in Szene. Zusammen mit Leuten wie Valle oder Carevieja bestimmte er über Leben und Tod in Ríosucio. Neben dem schnellen Tod durch Erschießen haben sie auch sadistische Varianten wie das qualvolle Zerstückeln mit Motorsägen und Macheten in ihrem Programm. Es ist, als gäbe es unter ihnen einen Wettbewerb der Grausamkeit. Ihre Auftraggeber wissen das zu schätzen; ihre grauenvolle Art zu töten sendet deutliche Botschaften aus. Wo diese Typen auftauchen, gerät die Bevölkerung in Panik, lässt alles stehen und liegen und flüchtet.

Schon lange mussten sie sich nicht mehr verstecken wie in dieser Nacht vom 7. auf den 8. Oktober. Sie mussten die Nacht da draußen in der Bananenplantage verbringen, weil die Kirchenleute und die ausländischen Beobachter wieder unterwegs waren. Sie wollten auch mit ihnen sprechen und sie überreden, die Zivilisten in den Dörfern zu verschonen. Die Paramilitärs aber hatten ihre klaren Weisungen, und daran würden sie sich halten. Es geht schließlich darum, dass die Bevölkerung die Gegend verlässt und die Guerilla keine Unterstützung mehr findet. Einige Bewohner, die Emerson und seine Leute in Brisas de Madre überraschten, kannten sie bereits. Von anderen wussten sie nur die Namen auf ihrer Liste. Der fliegende Händler war ihnen bereits einmal entwischt, nun töteten sie ihn eben in Brisas, als er vorlaut werden wollte. Die Hurensöhne Mosquera und Calixto waren ihnen nur zu gut bekannt. Sie sollten sich ihre Revolution ein für alle Mal in den Arsch stecken! Die anderen hatten einfach das große Los gezogen. Viloria und dieser andere, das war wirklich eine Geschichte zum Totlachen! Dieser Viloria musste sich wohl ziemlich sicher fühlen. Am Freitagabend, als sie mit den Soldaten zusammen in Bajirá waren, hatten sie ihn sogar gegrüßt und zusammen gelacht. Wahrscheinlich hatte er danach gedacht, sie hielten ihn für »sauber«. Aber Viloria hatte nicht verstanden, dass er ihnen als Toter an diesem Tag sehr viel nützlicher war. Endlich würden die Leute hier begreifen, dass sich die Zeiten geändert hatten und dass es keinen Platz mehr für »Neutrale« gab. Wer nicht mitmachte, sollte besser schauen, dass er verschwand!

Auch Facundo Santos hatte wohl geglaubt, er käme davon. Als sie den Leuten sagten, sie könnten sich wieder erheben und gehen, kam er mit seinen durchnässten Kleidern aus dem Versteck. Nasse Kleider bei dieser brütenden Hitze. Der Valle nahm ihn sich gleich vor. Er hatte einfach zu viel Geld dabei. Und weil ihnen diese Sache mit dem Fußballturnier sowieso nicht gefiel - hatten sie es ihnen nicht verboten? - brachten sie ihn ebenfalls um.

Als ihr Funker, Chepito, in seinem Gerät hörte, dass die Armee die Straßensperren aufgehoben hatte und in Brisas de Madre von einem Moment auf den anderen die Guerilla auftauchen könnte, zogen sie ab. Einige von ihnen waren bereits besoffen. Sie schlossen Wetten darüber ab, welche der Leichen, die sie in den Fluss geworfen hatten, zuerst versinken werde und veranstalteten ein Zielschießen auf die flussabwärts treibenden Kadaver.

Diego Gómez ist Journalist in Kolumbien.

Aus dem kolumbianischen Spanisch von Barbara Affolter.



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