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Subtropen #6/10 - Oktober 2001
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Misere der feministischen Kritik

Was denken in der postsozialistischen Situation? Eine Kritik an Nancy Fraser | Cornelia Eichhorn

Die US-amerikanische Feministin Nancy Fraser klagt in ihrem Buch Die halbierte Gerechtigkeit eine neue Vision für die soziale Emanzipation ein. Cornelia Eichhorn zeigt, wie sie dabei in ihren eigenen Prämissen befangen bleibt.Nach Nancy Fraser müssen sich die neueren Ansätze der US-amerikanischen Theorielinken wie der feministischen Zirkel daran messen lassen, ob sie selbst Teil der gegenwärtigen historischen Konstellation sind, die sie als »postsozialistische Situation« bezeichnet, oder ob sie den Raum für die Kritik eben dieser Situation zu öffnen vermögen. Mit dem Terminus »postsozialistische Situation« versucht Fraser die spezifischen ideologischen Bedingungen der spätkapitalistischen Gesellschaften nach der Implosion der staatssozialistischen Regimes unter einem Begriff zusammenzufassen. Er soll den ideologischen Horizont bezeichnen, in dem sich das politische Denken derzeit notwendigerweise bewege. Anerkennung, Kulturalisierung und Globalisierung sind die Stichwörter, die diese neue historische Situation umreißen, vor allem aber das Fehlen der Vision einer anderen Gesellschaftsordnung. Fraser zeigt, wie in der Verschiebung der feministischen Debatten von der Frage »Gleichheit oder Differenz« auf die Frage »Dekonstruktion oder Identität« soziale Herrschaftsbeziehungen weitgehend ausgeblendet werden und wie sich die neuere Diskussion allein um kulturelle und diskursive Praxen konzentriert.

Umverteilung oder Anerkennung. Die entscheidende Gegenüberstellung der postsozialistischen Situation kennzeichnet Fraser durch die Begriffe Umverteilung und Anerkennung, ein antonymisches Paar, dem sich die unterschiedlichen Ansätze zu- und unterordnen ließen. Beharrlich bis zur Ermüdung dekliniert sie dieses Begriffspaar anhand der sozialen Konstruktionen »Rasse«, »Klasse«, »Geschlecht« und »Sexuelle Orientierung« durch. Doch sie gelangt nur zu dem erwarteten und bereits in ihren Prämissen angelegten Schluss, dass Anerkennung ohne soziale Gleichheit unmöglich ist. Deshalb müsse das von ihr diag-nostizierte Dilemma von Umverteilung oder Anerkennung durch eine »Kombination aus Sozialismus und Dekonstruktion« kleingearbeitet werden. In ihren als »postindustrielles Gedankenexperiment« bezeichneten Ausführungen zum Wohlfahrtsstaat entwirft sie den idealen Sozialstaat, der Anerkennung und Umverteilung zu synthetisieren verspricht.

Anders als etwa in Widerspenstige Praktiken. Macht, Diskurs, Geschlecht, dem ersten Buch von Nancy Fraser, das 1994 in der Gender-Reihe der edition suhrkamp erschien, stellt sie hier die Frage, wie sich die gesellschaftlichen Gewaltverhältnisse reproduzieren und welche Rolle dabei die staatlichen Apparate spielen, nicht mehr. Ihr Ansatz in Widerspenstige Praktiken, die Bedürfnisinterpretationen zum Politikum zu machen, hatte noch eine offen anti-etatistische Ausrichtung. Mit dem Konzept eines besonderen Staatsapparats, der juristische, administrative und therapeutische Aspekte sozialer Machtverhältnisse bündelt, hatte sie dort ein analytisches Instrument geschaffen, das es erlaubte, die staatliche Regulierung bestimmter gesellschaftlich umstrittener sozialer Bedürfnisse zu umreißen und anzudeuten, wie es gelingt, Emanzipationsbestrebungen zu desorganisieren und zu kanalisieren.

Bedürfnis oder Bedarf. Die staatliche Regulierung bedeutete hier, die im feministischen Emanzipationsprojekt artikulierten Bedürfnisse so zu transformieren und zu zerlegen, dass sie als kalkulierbarer Bedarf auftreten, der durch gesetzliche Bestimmungen, Sozialarbeit, Therapie und Aufklärung gedeckt werden kann. Im Aufweis dieser Transformation der Bedürfnisse in den staatlich regulierbaren Bedarf liegt zweifellos die Überzeugungskraft von Frasers theoretischem Ansatz. Der häufig zitierte Niedergang der neuen Frauenbewegung in den kapitalistischen Metropolen ist nicht zuletzt als Resultat dieser staatlichen Regulierung zu verstehen. Vor mehr als 30 Jahren war die neue Frauenbewegung mit der Parole »Das Private ist politisch« angetreten, die patriarchalischen Strukturen des Fordismus auseinanderzunehmen. Inzwischen haben die Grenzen zwischen dem, was als privat gilt, dem, was öffentlich umkämpft ist, und dem, was einer unmittelbaren Regulierung und juristischen Kodifizierung durch die Staatsapparate unterliegt, sich verschoben und zum Teil ihre Vorzeichen umgekehrt.

Die Frage, wie der Sexismus in diese neuen Regulationsmechanismen eingeschrieben ist, wie er trotz oder möglicherweise auch mittels der Veränderungen im Geschlechterverhältnis wirkungsmächtig bleibt und welche widerspenstigen Praktiken dagegen auszumachen sind, spielen in Frasers Ansatz heute offensichtlich keine Rolle mehr. Ihr Augenmerk gilt den linken und feministischen Intellektuellen. Um deren Theorieansätze von vermeintlich falsch konstruierten Antithesen zu befreien und ihnen wieder so etwas wie ein emanzipatorisches Potenzial beizulegen, unternimmt Fraser die Integration der theoretischen Entgegensetzungen, oder anders gesagt, die Verwandlung des Entweder-Oder in ein Sowohl-Als-Auch.

Allerdings ist das von Fraser attackierte Paradigma von Umverteilung und Anerkennung nicht erst in seiner Verabsolutierung als Entweder-Oder fragwürdig. Auch das Sowohl-Als-Auch enthält bereits eine desorganisierende und kanalisierende »Vision« für eine andere Gesellschaft. Sie ist selbst Teil oder Ausdruck der postsozialistischen Situation, der Misere, deren Kritik Fraser leisten wollte. Anders dagegen, wenn es gelänge, die »Umverteilung« von den Defiziten des Verteilbaren aus zu dekonstruieren und die »Anerkennung« als transitorisches Stadium der Emanzipation zu kritisieren, mit anderen Worten, den Kapitalismus als Wirtschaft des Mangels und seine staatliche Organisation als Verwaltung des physischen und psychischen Zwangs zu enthüllen. In dieser Perspektive bliebe auch die Unterscheidung von Bedürfnis und Bedarf virulent.

Nancy Fraser, Widerspenstige Praktiken. Macht, Diskurs, Geschlecht, Frankfurt/M. 1994

Nancy Fraser, Die halbierte Gerechtigkeit. Schlüsselbegriffe des postindustriellen Sozialstaats, Frankfurt/M. 2001



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