Alles bleibt, wie es war
Nichts veraltet so schnell wie Gefühle. Wer dieses Postulat belegt haben möchte, der schlage ein beliebiges Monatsmagazin auf, das in den vergangenen Tagen an den Kiosk gekommen ist und lese das Editorial. Wohin man blickt, ob in die Spex oder in Der Modelleisenbahner (eine Ausnahme macht das Söldnermagazin Soldiers of Fortune, aber das ist eine andere Geschichte, und sie soll ein anderes Mal erzählt werden): Überall wird bestürzt die Sinnfrage gestellt. Was machen wir hier eigentlich (unwichtige, banale Dinge), können wir so weitermachen wie bisher (nein), hallo, lieber Leser, wir wissen nicht weiter, gebt uns mal Zeit zum Nachdenken (gerne).
Nun haben wir uns in jenen Tagen, als diesen Magazinen der Redaktionsschluss auf das Hirn drückte, alle so gefühlt. Aber nachdem wir allesamt durch das Fegefeuer des Nachdenkens gegangen sind, müssen wir feststellen, dass wir wirklich darauf gespannt sind, wie denn die Zeitschriften aussehen werden, wenn die Redaktionen nachgedacht haben. Wie deren Welt wohl aussehen wird, nachdem nun alles nicht mehr so ist, wie es einmal war. Ist es vermessen, davon auszugehen, dass dieselben Leute die gleichen Thesen wie immer aufschreiben werden? Mit avancierten Bildlösungen, die kreativ mit dem Problem umgehen, dass man das Nicht-abbildbare, was schon tausendmal abgebildet worden ist, doch irgendwie abbilden muss, nur anders als die anderen Anderen?
Die dümmsten Demonstranten der Welt
Alle, die nicht da waren, haben etwas verpasst. Auf der Berliner Demonstration gegen, ja wogegen eigentlich? Auf jeden Fall sind am 23. September einige tausend Menschen demonstrieren gewesen, um ... es fällt schwer, wirklich zu verstehen, was diese Leute der geneigten Öffentlichkeit mitteilen wollten, sie trugen auf jeden Fall Plakate, auf denen Sätze standen wie: »Zuerst die Terroristen bestrafen, die Hamburg, Dresden, Hiroshima, Korea, Vietnam, Libyen, Irak & Jugoslawien zerbombt haben!« Waren es Nazis? Oder waren es Hippies? Schließlich gab es auch Plakate, auf denen stand »Love thy enemy! Give peace a chance«. Für alle, die nicht bei dieser Demonstration waren, die Plakate aber gerne bewundern wollen: Unter www.henryk-broder.de findet man eine hübsche Galerie. Das Plakat »Zivilisation ist Völkermord« fehlt allerdings leider. Die, die glauben, das Lackieren der Fingernägel sei Ausdruck derselben Barbarei wie das Abhacken von Fingern, waren natürlich auch da.
Weltpolitik in Güstrow
Eigentlich stehen wir auf Demokratie. Wir mögen den gesamtgesellschaftlichen Meinungsbildungsprozess. Wir mögen die ganzen Gespräche an Tischen, Theken und auf Terrassen darüber, was man denn nun mit den Taliban anstellen soll. Machen wir ja auch nicht anders. Auch wir fangen unsere Sätze seit Tagen am liebsten mit Worten wie: »Powell hat gestern auf CNN ...« oder mit: »Auf Inforadio heute morgen, haben sie gesagt ...« an.
Manchmal können wir uns ein Lachen allerdings nicht verkneifen, etwa wenn die Meldung hereinsegelt, der grüne Landesverband Mecklenburg-Vorpommern habe sich in Güstrow gegen »Militäraktionen ausgesprochen, bei denen Unbeteiligte in Gefahr geraten und die internationale Lage destabilisiert werden könnte«. Wie mag das wohl ausgesehen haben? Die sieben Mitglieder der Grünen von Mecklenburg-Vorpommern sitzen in Güstrow zusammen. Zwei sind dafür, Fischer zu unterstützen, fünf dagegen. Die sieben kennen sich aber schon so lange, dass es kein Problem ist, sich auf eine Kompromissformel zu einigen. Die Weltgemeinschaft müsse ein gemeinsames, langfristiges Konzept der Terrorismusbekämpfung unter der Führung des Weltsicherheitsrat der Uno erstellen.
Aber, Hand aufs Herz, das Lachen ist billig. Denn anders geht es in Ihrer WG-Küche und an unserem Redaktionstisch auch nicht zu. Jeder spielt ein bisschen Weltpolitik. Jeder glaubt das Rezept in der Tasche zu haben, mit dem man alle Probleme lösen könnte, und jeder ist überzeugt, die da oben würden wieder einmal alles falsch machen und zwar aus diesen und jenen Gründen. Die Interessenlage sei ja schließlich so und so, das sei doch völlig klar.
Hallo Ihr Linken da draußen! Freundet Euch mit dem Gedanken an, dass Euer Geschwätz Teil eines gesamtgesellschaftlichen Diskurses ist. Das hat auch etwas Gutes! Ihr seid mit Euren Sorgen nicht allein.
Whitney Houston lebt
Wir leben in schlimmen Zeiten. Nichts bleibt uns erspart, und mittlerweile glauben wir auch alles. Wenn etwa das Telefon klingelt und jemand sagt, er sei gerade von jemandem angerufen worden, der gehört habe, dass Whitney Houston an einer Überdosis gestorben sei, dann sieht unsere erste Reaktion ungefähr so aus: Auch das noch. Oh Herr, bitte lass diesen Kelch an uns vorübergehen. Wir glauben es sofort. Dabei stimmt es gar nicht. Whitney Houston ist nämlich bei ihrer Familie und wohlauf, wie wir dann herausbekamen, als unsere journalistischen Reflexe wieder funktionierten und wir den New Musical Express konsultierten. Und nicht nur das: Sie hat angekündigt, eine Verison von »Star spangled banner« aufzunehmen. Alles in Ordnung im Hause Houston.
Carl Crack gestorben
Ganz anders dagegen ist die Lage im Hause Atari Teenage Riot: Dort ist gar nichts in Ordung. Denn Carl Crack, ein Drittel der Band, ist tot. Schon am 6. September soll er in seiner Berliner Wohnung gefunden worden sein. Viel mehr wurde nicht bekannt gegeben. Bekannt ist allerdings, dass Carl Crack eine lange Krankheitsgeschichte hatte und dass sein Körper wegen jahrelangem Alkohol- und Pillenmissbrauch geschwächt war. Carl Crack wurde 30 Jahre alt.
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