Donald Trump sagt, was geht
Die ganze westliche Welt übt sich im Anzünden von Kerzen und im Niederlegen von Kränzen. Dagegen haben wir wenig einzuwenden, auch wenn das gerade in Deutschland damit einhergeht, in einem fort zu glauben, das nächste Flugzeug würde ausgerechnet auf dem eigenen Kopf oder Regierungsviertel landen. Wenn wir gefragt würden, was die richtige Haltung in dieser überaus schwierigen Lage ist, uns würde nur einer einfallen, der die richtigen Worte gefunden hat: Donald Trump, der Immobilienmogul und Erbauer des niegelnagelneuen Appartment-Hauses an der 47. Straße von Manhattan - das höchste Appartmenthaus der Welt, das bei ungünstiger Sonnenlage das Hauptquartier der Vereinten Nationen in den Schatten stellt.
In einem Fernsehinterview sagte Trump, das World Trade Center werde wieder aufgebaut, schöner, größer und majestätischer als zuvor. Diese Haltung loben wir uns. Okay, das Ding ist zusammengekracht - aber irgendwelche Steinzeitheinis glauben, sie könnten uns treffen, indem sie das wegbomben? Die glauben, das wäre dann weg? Die glauben, sie könnten das Symbol des Kapitalismus und der freien Welt beseitigen, indem sie es zerstören? Diese Typen glauben tatsächlich, man könnte mit uns umspringen, wie mit irgendwelchen längst versunkenen Kulturen? Ein paar tausend Jahre alte Statuen kann man sprengen, da meckern nur ein paar Denkmalschutzheinis, die weder das Geld noch die Eier haben, sie wieder aufzubauen. Aber dies ist New York, dies sind die USA, dies ist die freie Welt - in fünf Jahren stehen die Double-Dicks wieder! Großer und schöner als jemals zuvor.
Renzo Piano sagt, was nicht geht
Von dieser Bewunderung für den ungebrochenen Geist der New Yorker lassen wir uns auch nicht von Renzo Piano abbringen, dem Architekten der debis-Zentrale am Potsdamer Platz in Berlin. Piano hielt sich zum Zeitpunkt des Anschlags in New York auf, weil er gerade ein neues Gebäude für die New York Times baut, das in vier Jahren fertig sein soll und 200 Meter in die Höhe gehen wird. In einem Interview mit der italienischen Zeitung La Republicca sprach sich Piano zwar dagegen aus, den Bau von Hochhäusern zu stoppen: Es gebe schließlich neue Sicherheitstechnologien für Hochhäuser, die beim Bau von Ölbohrplattformen schon erprobt worden seien.
Aber die zwei Türme des World Trade Centers sollten nicht wieder aufgebaut werden: »Sie waren von vornherein veraltet und zudem aus naivem Gigantismus geboren.« Renzo Piano plädiert für einen neuen Humanismus des Bauens, die Symbole einer Gesellschaft sollten wieder menschliches Maß bekommen. Oh je, denkt man sich da - ob Downtown Manhattan in zehn Jahren auch aussehen wird wie die Fußgängerzone von Braunschweig?
Das große Ganze nervt
Langsam reicht es. Langsam haben wir das Hirn voll. Gibt es eigentlich noch jemanden, der nicht irgendeinen Text aus der Schublade gezogen hat, der noch einmal zusammenfasst, was man schon immer gesagt hat, ihn mit Vokaleln wie Clash Of Civilisations, Barbarei, Zivilisation, Simulation, Realität, Hollywood, entfesselte Produktivkräfte, Anti-Amerikanismus, Zäsur, Kampf der Kulturen, Aufklärung, Wiederkehr der Menschenopfer versetzt hätte? Jede und jeder, der einen Stift halten kann und schon mal ein Buch geschrieben hat, fühlt sich bemüßigt oder wird dazu gedrängt, jetzt noch einmal seine Version des großen Ganzen und dessen Sinnstiftung zu Papier zu bringen. Gibt es noch irgendjemanden, der die Anschläge von New York und Washington nicht zum Anlass genommen hätte, sein eigenes Wahnsystem mit der Wichtigkeit der welthistorischen Ausnahmesituation aufzuladen? Muss das eigentlich sein? Hallo Großdenker! Könnt Ihr uns ein paar Tage in Ruhe lassen? Wir müssen dringend aufräumen, einkaufen gehen und ein paar Überweisungen erledigen.
www.allesvorhergewusst.com
Im Internet zu surfen, ohne die ganze Zeit auf der Suche nach noch neueren News zu sein, das wäre auch mal wieder ganz schön. Aber was passiert? Wir müssen uns schon wieder mit neuen Verschwörungstheorien herumschlagen. Fakt ist, dass im vergangenen Jahr Unbekannte folgende Domainnames anmeldeten: attackamerica. com, attackonamerica.com, attackontwintowers.com, august11horror.com, august11terror.com, horrorinamerica.com, horrorinnewyork.com, nycterroriststrike.com, pearlharbourinmanhattan. com, terrorattack2001.com, towerofhorror.com, tradetowerstrike. com, worldtradecenter929.com, worldtadecenterbombs.com, worldtradetowerattack.com, worldtradetowerstrike.com, wterroristattack2001.com. So viel ist klar.
Was man mit dieser Information anfängt, ist dagagen unklar. Haben die Terroristen nicht nur mit Versicherungs- und Fluggesellschaftsaktien spekuliert, um den Anschlag zu finanzieren? Wollten sie sich so die Rechte an ihrem Anschlag sichern? Aber warum, wenn sie doch jetzt tot sind? Kann man august11 und 929 als den Zeitraum interpretieren, für den damals der Anschlag angesetzt wurde? Oder melden jeden Tag irgendwelche cleveren Geschäftsleute solche Domainnames an, nur für den Fall der Fälle. Und was gibt es da sonst noch?
Statt eines Nachrufs
»Wir hatten Karl-Eduard von Schnitzler bereits als Autor gewonnen - am Donnerstag abend erreichte uns die Nachricht von seinem Tod.«
Mitteilung der Jungen Welt vom 22. September 2001
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