Schluss mit lustig?
Mit der Spaßgesellschaft ist es ja nun Essig, verkünden das Feuilleton der FAZ und Peter Scholl-Latour. Keine Unverbindlichkeiten, keine Mehrdeutigkeiten, kein Spaß an der schönen Oberfläche mehr. Auf der richtigen Seite des Clash of Civiliations die Fahne schwingen, das sei die Aufgabe für die kommenden Jahre. Wie müssen wir uns das wohl vorstellen? Keine Popmusik, kein »Big Brother« und keine Quizshows mehr? Steht uns nun eine Zukunft bevor, wie sie Paul Verhoeven in »Starship Troopers« auf die Leinwand brachte - popgestählte Hardbodies auf der Jagd nach dem Anderen?
In »Tristesse Royale«, dem Manifest der fünf Popliteraten, gab einer der Gesprächspartner zu Protokoll, wenn wir jetzt den August 1914 hätten und in Oxford säßen, wäre er der erste, der sich freiwillig meldete. Okay. Nun ist der Spaß vorbei, wir haben Berlin und den September 2001. Wer meldet sich freiwillig?
Was macht die Zivilgesellschaft?
Eine Frage, die in der allgemeinen Hysterie bisher noch gar nicht gestellt wurde, treibt uns hier von der Gramsci-Folgen-Abschätzungskommission um: Wie muss man sich eigentlich die Zivilgesellschaft im Bündnisfall vorstellen? Gibt es dann sowas noch? Wenn ja, wer ist das? Und was ist seine moralische Aufgabe? Wenn es die Zivilisation zu verteidigen gilt, ruft die Zivilgesellschaft dann zur Armee? Bildet sie eigene Korps? Oder hält sie sich vorwiegend in den Medien auf, und wartet erst mal ab, was passiert?
Wer ist Schuld?
Das fragen wir uns natürlich alle. Wer ist eigentlich schuld. Ussama Bin Laden? Die Nahost-Politik des Westens? Die CIA? Der Kapitalismus als Ganzes? Der Asta der Uni Harburg? Dabei ist es eigentlich ganz einfach. Deutschland war's. Wer auch sonst. Wer wissen will, wie die verlässlichen Genossinnen und Genossen von der Bahamas-Redaktion nachweisen, dass die mit USA-Fahnen wedelnden Deutschen in Wirklichkeit schon um die demnächst in den Wüstensand beißenden Islamisten trauern, der sollte sich die »Stellungnahme der Bahamas-Redaktion zum islamistischen Massaker in den USA« zu Gemüte führen. Feinst ziselierte antideutsche Dialektik - zu bestellen unter: bahamas@mail.nadir.org
Was hat all das zu bedeuten?
Noch eine wichtige Frage. Reichen wir sie doch an die zuständigen Stellen weiter, zunächst einmal an Friedrich Schorlemmer. Wie nicht anders zu erwarten war, glaubt Schorlemmer, dass der Anschlag uns dazu aufrufe, besonnen zu bleiben. Der Filmemacher Alexander Kluge nutzte den Anschlag dazu, in der Münchner Abendzeitung zu prognostizieren: »Ich kann mir nicht vorstellen, dass demnächst noch Katastrophenfilme gedreht werden.« Der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger bemühte sich darauf hinzuweisen, er habe in seinem Roman »Opernball« schon vor Jahren darauf hingewiesen, was uns bevorstehe.
Die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag schließlich rät in der FAZ, den Ball flachzuhalten: »Es wird sehr gründlich nachgedacht werden müssen - und vielleicht hat man ja damit in Washington und anderswo schon begonnen - über das kolossale Versagen der amerikanischen Geheimdienste, die Zukunft der amerikanischen Politik besonders im Nahen Osten und über vernünftige militärische Verteidigungsprogramme für dieses Land. Es ist aber klar zu erkennen, dass unsere Führer - jene, die im Amt sind; jene, die ein Amt begehren; jene, die einmal im Amt waren - sich mit der willfährigen Unterstützung der Medien dazu entschlossen haben, der Öffentlichkeit nicht zuviel Wirklichkeit zuzumuten.«
Warum wusste die CIA nichts?
Gerade als linke Zeitschrift bekommt man ja tagein tagaus die wirrsten und schönsten Verschwörungstheorien ins Haus gesendet. Etwa dass die amerikanischen Geheimdienste schon seit langem von den Anschlägen gewusst hätten, die Attentäter aber gewähren ließen, um danach mit voller öffentlicher Unterstützung weltweit den Sack zumachen zu können. Vielleicht muss man sich die Arbeit der Geheimdienste aber auch ganz anders vorstellen. Vielleicht ist eine partielle Blindheit ein Teil von ihr. In der FAZ vom vergangenen Freitag zumindest schreibt der Militärhistoriker Martin van Crefeld, wie er vor einigen Jahren einen Vortrag vor »lauter sehr gebildeten« CIA-Fachleuten um die 35 hielt. »Einer stellte sich mir vor als Experte für das irakische Heer. Natürlich habe ich ihn gefragt, ob er Arabisch könne. Die Antwort war: nein. Er werde so häufig versetzt, dass es sich nicht lohne, eine Sprache gründlich zu lernen. Und wenn er es täte, geriete er beruflich in Gefahr, auf diesem Posten sitzen zu bleiben.«
Sind wir paranoid genug?
Die schönsten Verschwörungstheorien finden sich allerdings in der taz. Die Wahrheitsseite hat ihnen eine eigene Rubrik namens »Verschwörungstheoretische Anmerkungen zu einem Terroranschlag« eingeräumt. Nicht nur, dass Ussama Bin Laden ein alter Spezi der CIA ist. George W. Bush bekam das »Startkapital für seine erste Öl-Explorations-Firma (...) 1979 von seinem Nachbarn und Fliegerkameraden bei der 'National Air Unit', James R. Bath, der als Repräsentant zweier saudischer Multimillionäre ein Vermögen gemacht hatte: Khalid Bin Mahfouz und Salim Bin Laden, dem Cousin und Mentor von Ussama. Mahfouz wurde wegen seiner Schlüsselrolle im BCCI-Bankenskandal 1991 zu 225 Millionen Dollar Strafe verurteilt. Die Bank hatte als Geldwaschanlage für den Drogenhandel ebenso gedient wie als Transaktionskanal für Geheimdienstgelder im Iran-Contra-Deal.« War es also doch George W. Bush selbst?
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