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Nr. 38/2001 - 12. September 2001
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Rumgaserei vorm falschen Kamin

Rainald Goetz und Freunde diskutieren das Fernsehen im Fernsehen. von heike runge

Das ZDF-»nachtstudio« ist ungefähr das Gegenteil von Rave. Es führt eine zurückgezogene Existenz im Schatten lautstarker Talksendungen. Man gerät da eher zufällig hinein und bleibt trotzdem hängen, weil das Arrangement so bizarr ist. Es herrscht diese hoch konzentrierte Studio-Atmosphäre, die nichts Überflüssiges duldet. Nur Sitzgelegenheiten und ein altarartiger Büchertisch stehen in einem Raum, dessen einziger Blickfang das entbehrlichste Requisit aller Zeiten ist: ein falscher Kamin. Rainald Goetz und die Popfraktion sind die Letzten, die man hier erwarten würde.

Hier wird Wortfernsehen veranstaltet, Wissen verhandelt, Kultur produziert, aber es gibt nicht diesen geschmeidigen Redefluss wie im Kluge-TV, wo die Gesprächspartner von zwei Seiten ohne Unterlass an derselben Erzählung arbeiten. Nein, »nachtstudio«-Betreiber Volker Panzer und seine Gäste ringen um Sprache, Bedeutung, Verständigung und Intellektualität. Dass Panzer, dem edel-engagierten Fürsprecher des Niveaus auf allen Gebieten, die Anstrengung des Moderierens anzumerken ist, dass er sich aussetzt, manchmal ausliefert und oft hartnäckig auf verlorenem Posten steht, macht die Sendung sympathisch. Das eigentlich Spannende sind oft nicht die Themen, die umständlich besprochen werden, sondern die soziale Interaktion.

Als er am vergangenen Donnerstag eine dreiteilige Gesprächsreihe über den Gebrauch und die Kritik des Fernsehens mit Rainald Goetz, Moritz von Uslar und Alexa Henning von Lange startet, erinnert Panzer mit seinem ZDF-tragenden Gebaren an den netten Jungen, der seine wilden Freunde nach Hause eingeladen hat und jetzt Angst hat, dass sie was kaputtmachen. Er ist ein Mann im schwarzen Anzug mit dichtem grauen Haar, der beim Sprechen gerne den Zeigefinger hebt oder sich in Momenten, wo es für ihn spannend wird, über das dichte Kopfhaar streicht.

»Rumgaserei«, »Coolness-Kriterien«, »angepumptes Halbwissen«, »voll abrocken durch die Mitte« sind Vokabeln, die ihm in dieser Nacht um die Ohren fliegen. Panzer ist kein fernsehkompatibler Redner, seine Gäste sind es auch nicht und wollen es auch gar nicht sein. Daraus entsteht ein großartiges Kreativitätsdurcheinander aus nicht zu Ende formulierten Sätzen, die sich in endlosen Parenthesen verlieren, von Statements, Referaten und Zitaten, die von ganz unterschiedlichen Sichten auf das Fernsehen handeln.

Die Idee zu dieser Reihe, in der nach dem Vorbild des »Literarischen Quartetts« über TV-Sendungen gesprochen wird, findet sich in Goetz' Erzählband »Dekonspiratione«. Panzer fand sie gut, wollte sie realisieren und überredete den Autor, gleich selbst mitzumachen, als Anchorman und Reich-Ranicki, als jemand, der zum Fernsehen was zu sagen hat. Nicht nur in »Dekonspiratione«, vor allem auch im Internetroman »Abfall für Alle«. Darin notiert sind Bemerkungen zu »Tagesschau« »Harald Schmidt«, »Literarischem Quartett« und »Boulevard Bio«, Kürzestkritiken, die mit zum Besten gehören, was die Fernsehkritik derzeit zu vermelden hat. Was erstmal nicht viel heißt, denn sie hat ja nicht viel zu melden.

Fernsehen ist kein Gegenstand des großen Diskurses, jedenfalls nicht in dem Maße, wie es für Musik, Kunst, Literatur und Film gilt. Es gibt ein paar Film- und Theaterhefte und massenhaft Kunstzeitschriften, Literaturblätter, Popmagazine, die Schulen herausbilden, Kritiker und Päpste hervorbringen und Szenen um sich scharen, die dann im Kulturbetrieb ihre Kreise ziehen. Die Fernsehkritik hat Barbara Sichtermann und das Adolf-Grimme-Jahrbuch, das wars.

Die wichtigsten Impulse, die Fernsehkritik zu entinstitutionalisieren, kamen von den Autoren der Neuen Frankfurter Schule. Sie versuchten, sich auf das Populäre einzulassen und anders über das Fernsehen zu sprechen als mit diesem Grimme-Ernst, aber irgendwann verfuhr sich das Projekt in der Dialektik von Fernsehen-ist-blöd-aber-wir-sind-schlau. Ein kleiner Versuch, die Fernsehkritik wieder zu beleben, versteckt sich im aktuellen Programm des Berliner Privatsenders TVB. Dort unterhält sich seit einiger Zeit »Das TV Quartett« (u.a. Hella von Sinnen, Wigald Boning, Hugo Egon Balder) über Sendeformate wie den weltweiten Exportschlager »Glücksrad«. Ob ein Format funktioniert oder nicht, wird ausschließlich aus der Rezipientenperspektive erörtert. Vom »nachtstudio«-Experiment unterscheidet das »TV-Quartett«, dass es sich nicht mal den Hauch von intellektueller Ambition geben will, sondern dem Kult und dem Fantum verpflichtet ist.

»Bewegungslos am Allgemeinen teilnehmen« umschreibt Goetz in »Abfall für Alle« seine Weise, das Fernsehen zu gebrauchen. Bei ihm ist Fernsehen wie das Internet eine offene Strukur, ein Wuchern von Bildern und Texten, durch das man sich durchschlagen muss. Das Programm hat sich aufgelöst in einem stream of consciousness des Sozialen, einen Fluss ohne Wiederkehr. »Fernsehen ist die Vernichtung der Erinnerung«, sagt er im »nachtstudio«, und darüber könnte jetzt diskutiert werden, weil mit Max Goldt auch das Gegenteil behauptet werden könnte, nämlich Fernsehen schaffe kollektive Erinnerung, aber im Durcheinander der ersten Sendung geht das unter.

Volker Panzer denkt das Fernsehen in Sendeplätzen und Quoten, in Richtig und Falsch, in Öffentlich-Rechtlich und Privat, Niveaufernsehen und Verdummungs-TV, und alle Versuche, sich die Jetztzeit-Intellektuellen zu seinen Verbündeten zu machen, scheitern grandios. »Finden Sie das Format denn gut?« fragt er Goetz, dessen hektische Ausführungen zum Basalwissen über die Welt, das die proletarische Reality-Soap »Gestrandet« vermittle, den Redakteur in Verwirrung stürzen. »Natürlich«, sagt Goetz, »natürlich find' ich das gut.«

Über den RTL-Spielfilm »Das sündige Mädchen« sagt Alexa Henning von Lange, dass sie den Titel zwar mag, den Film aber nicht, weil er mit ihrem Leben nichts zu tun habe. Sie nimmt eine langweilige Verbraucherinnenperspektive ein, und Moritz von Uslar erklärt, wie Proll-Opern funktionieren, hat aber wenig Lust, überhaupt zu sprechen, und ist Karasek auf Asozial. Wenn Panzer zu dozieren versucht, z.B darüber, dass Stefan Raabs »TV Total« eine Maschine zum Geldverdienen ist, wirft er den anderen verschwörerische Blicke zu. Verschwörerblicke vor laufenden Kameras! Klug ist das nicht, und die Regie findet es peinlich und drückt ihn schnell wieder weg.

Der Nervfaktor dieser Sendung ist hoch, aufregend ist das »Fernsehen I«-Seminar aber, weil mit Panzer und Goetz zwei Kritikmodelle und Modi des Redens über Kultur aufeinanderprallen. Panzers Kommerzvorwurf führt zu nichts, und dass Raab zotig sei, hat man tausendmal gehört. Goetz redet von Stefan Raabs Zertrümmerungsgestus und packt den Unterschied zwischen Raab und Schmidt in einen Satz. Die eine Sendung (Raab) handele von Bildern, die andere (Schmidt) von Sprache. Panzer spricht aus der ordnenden Perspektive der Kritik und kommt von da aus zu Urteilen, die viel sagen über die Welt, wie der Kulturredakteur sie sich wünscht, aber oft nur wenig über die Sache, um die es geht. Goetz steht nicht neben oder vor dem Produkt, sondern lässt sich auf den Gegenstand ein, spricht aus dem Material heraus und fördert anstelle von Fertigurteilen Fragmente einer Kritik zutage.

In »Dekonspiratione« findet sich der schöne Gedanke, dass es eigentlich keinen Unterschied zwischen einem Sat-1-Trashfilm und Stanley Kubricks »Eyes wide Shut« gebe, außer ein paar Millionen Details des Schnitts, des Lichts und der Kamera. Der Rest ist Kritik und Affirmation vor dem falschen Kamin.


»Fernsehen II«, »nachstudio«, ZDF, 12. September, 0.30 Uhr, »Fernsehen III«, 19. September, O Uhr



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