Haste mal 'nen Film?
Thesen, Fragen und Anregungen zum Video-Aktivismus. Von Carsten Does
»Die Bezeichnung 'Videoaktivist/in' meint ... eine Person, die Video als eine taktische Waffe benutzt, um soziale Gerechtigkeit und den Schutz der Umwelt zu fördern. In den Händen einer Videoaktivistin gerät der Camcorder zu einem machtvollen politischen Instrument, das vor Polizeibrutalität schützen kann. Ein Schnittplatz verwandelt sich in ein Werkzeug, um etwas auf die politische Tagesordnung zu setzen und der Videoprojektor entspricht einer Methode, massenhaft ein politisches Bewusstsein herzustellen.« (Undercurrents 1997)
Das klingt gut, und tatsächlich begleiten immer mehr AktivistInnen mit ihren Videokameras Demonstrationen und politische Aktionen und produzieren auf diesem Weg zahllose Filme, die von abendfüllenden Dokumentationen bis zu kurzen Clips reichen; es entstehen Videos, die das Geschehene für diejenigen festhalten, die nicht dabei waren oder noch kommen werden, die das eigene Umfeld zu ähnlichen Aktionen mobilisieren sollen, die vielleicht nur witzig unterhalten und das eigene Lebensgefühl transportieren wollen.
All das ist durchaus legitim, und einigen dieser Clips und Videos gelingt es sogar hin und wieder, einen neuen Blick auf die Ereignisse zu werfen oder einen eigenen kritischen Standpunkt zur dokumentierten Bewegung zu formulieren. Gleichwohl scheint das Ganze absurd zu werden, wenn über die IWF-Proteste in Prag allein in Berlin zwei Videokassettenmagazine ihren jeweils eigenen, relativ ähnlichen Videofilm produzieren und über den letzten 1. Mai vier verschiedene Berliner Videocrews bislang drei eigene Videos produziert haben.
Auf dem Heimvideomarkt der Politszene wird es eng und die eigene Dokumentation des Ereignisses XY muss möglichst schnell zur Aufführung gebracht werden; am besten wird noch am selben Abend das eigene Rohmaterial in einer BesetzerInnen-Kneipe abgespult. Für eine genauere Recherche, die Entwicklung einer eigenen Filmidee und die Formulierung eines eigenen subjektiven, kritischen Standpunkts fehlt die Zeit. Was bleibt, ist die reine Abbildung, die ZuschauerInnen werden für dumm verkauft.
In seiner Polemik »Video und Widerstand: Gegen Dokumentarvideos« (1) unterzieht das Critical Art Ensemble die rein dokumentarische Abbildfunktion und Erzählstruktur zahlloser linker Videoarbeiten einer grundsätzlichen Kritik. Die vermeintlich objektive visuelle Darstellung von sozialer Ungerechtigkeit und linkem Widerstand reproduziert eine autoritäre Interpretationsmatrix, in der den BetrachterInnen eine Interpretationsrichtung eher aufgezwungen wird, als dass sie zu vielfältigen, widersprüchlichen, eigenen Interpretationen eingeladen werden. Aus diesem Grund plädiert das Critical Art Ensemble in Bezug auf eine widerständige Videopraxis für freiere, assoziativere Erzählstrukturen, für eine Ästhetik der Verwirrung. Anstatt Bedeutung zu erzwingen, gehe es darum, eine Datenbasis zur Verfügung zu stellen, aus der die ZuschauerInnen eigene Schlußfolgerungen ziehen können.
Auch wenn bewegte Bilder keine politische Bewegung ersetzen können, ist es begrüßenswert, wenn heute immer mehr AktivistInnen eine visuelle Medienarbeit bzw. die Produktion von Gegenbildern als Teil ihrer politischen Arbeit begreifen, da tatsächlich gesellschaftliche Kommunikation in zunehmendem Maße über Visualisierungen betrieben wird. Mehr noch, indem das neoliberale Modell die von ihm permanent produzierten sozialen Brüche und Konflikte weit weniger mit sozialstaatlichen Maßnahmen abzufedern sucht, sondern sie mit einer immer aufwendigeren Imagepolitik zudeckt, wächst die Bedeutung elektronischer Bilder gerade auch im Rahmen von herrschaftsstabilisierenden PR-Techniken. Wünschenswert wäre also ein Videoaktivismus, der seine Prioritäten weniger auf die x-te Demo-Abbildung legt, sondern versucht, die herrschenden Diskurse und die sie stützenden PR-Bilder zu dekonstruieren, und der damit in die hegemonialen Kanäle eindringt.
Beispielhaft mag hier das Projekt A-Clip sein, das sich mit politischen Kurzfilmen an das Kinopublikum richtet. Die Clips, deren erste Staffel bei der Kampagne InnenstadtAktionen die herrschenden Sicherheits- und Sauberkeitsdiskurse attackierte, werden zumeist inoffiziell, in direkter Absprache mit den Filmvorführern in den Werbeblock der Kinos eingekoppelt.
Um den hegemonialen, von oben entfalteten PR-Öffentlichkeiten Paroli bieten zu können, ist es nötig, dass eine linke Medienarbeit Formen dieser PR-Techniken übernimmt, ohne ihre dezentralen Strukturen aufzugeben. Das mittlerweile in der ganzen Welt verbreitete Logo der Independent Media Centers, in deren Struktur hunderte von MedienaktivistInnen ihre unterschiedlichen Fähigkeiten einbringen, ist ein Schritt in diese Richtung. Diese Formen gilt es auch auf andere Bereiche zu übertragen.
Allein auf dem Ausstellungsflyer der »hybrid video tracks« finden sich zehn verschiedene Gruppen aus Berlin, die sich auf irgendeine Weise mit einer unabhängigen Videoarbeit beschäftigen. Obwohl diese Projekten gelegentlich durchaus kooperieren, agieren sie häufig relativ isoliert voneinander und bedienen mit ihren Produktionen allein ihr jeweiliges Kleinstpublikum. Eine Diskussion über gemeinsame Interessen, Perspektiven oder Arbeitsschwerpunkte gibt es nicht. Zwar haben mittlerweile etliche dieser Projekte eine eigene Homepage, aber mit einer Verbreitung von Video im Internet experimentieren nur Kanal B und das Umbruch-Bildarchiv. Wenn das Netz tatsächlich in nächster Zukunft auch der wichtigste Übertragungsweg fürs Video werden soll, dann ist es nötig, attraktive, übergeordnete Portale zu bilden, um in der Flut der Informationsangebote nicht unterzugehen.
Dabei geht es nicht nur um einen Online-Katalog der verfügbaren Videos, sondern vielleicht ähnlich dem US-amerikanischen Projekt Freespeech TV (2), um ein Internet-Fernsehen des fortschrittlichen, widerständigen Videos - egal ob in der Form der klassischen, abendfüllenden Dokumentation, des experimentellen Kunstvideos oder des Musikclips. Um solche strategischen Projekte realisieren zu können, müssten die einzelnen Mediengruppen allerdings ihre Fähigkeiten, Arbeitskapazitäten und Ressourcen bündeln. Das ist sicherlich schwierig und verlangt Abstraktion von den einzelnen Gruppenegoismen, von den eigenen unmittelbaren Vorlieben und Interessen.
Ein solche Perspektive ist dennoch reizvoll. Beispielsweise könnte auf einem solchen Weg anstatt zweier miteinander konkurierender Berliner Videokassettenmagazine ein einziges, regelmäßig erscheinendes Magazin entstehen, das mit der Breite seiner Themen- und Genrerichtungen vielleicht ein heterogeneres Publikum zu interessieren vermag.
Darüber hinaus sollte sich eine linke Videoarbeit keineswegs allein auf die vorgegebenen Distributionsnischen - Eigenvertrieb, Internet oder gar Offener Kanal - beschränken. Im Gegenteil: Noch immer ist die Glotze im Wohnzimmer das Leitmedium dieser Gesellschaft und ein strategischer Videoaktivismus müsste den Betrieb dieses Massenmediums praktisch kritisieren und sich darum Bemühen, in die hegemonialen TV-Kanäle einzubrechen. Während die Forderung nach einer Sendefrequenz für »Freie Radios« eine Selbstverständlichkeit ist, herrschen allerdings bei der Forderung nach einem TV-Fensterplatz, wie ihn beispielsweise das aus der Kopenhagener HausbesetzerInnenszene hervorgegangene Projekt TV-Stop auf einem privaten Sender betreibt, noch immer Vorbehalte.
Aber auch hierzulande ist es mit Kanal 4 Ende der achtziger Jahre einem Zusammenschluss von Medienzentren und Produktionsfirmen gelungen, den privaten Programmanbietern RTL und Sat.1 eine Sendenische für zehn Jahre abzutrotzen - ein Sendefenster, das die privaten Programmanbieter mit ihren Werbeeinnahmen finanzieren mussten. Auf diesem Weg konnten Filme, z.B. über die Kriminalisierung der Zeitschrift »radikal«, realisiert und ausgestrahlt werden, die ansonsten nur über den Medienwerkstattsverleih vertrieben worden wären. Wäre es nicht an der Zeit, ein ähnliches Sendefenster auf dem lokalen Programmkanal TV.Berlin zu fordern, der zum Medienimperium der Kirch-Gruppe gehört, die bereits ähnliche Sender in Hamburg und München betreibt?
Auch wenn eine solche Forderung unrealistisch ist, ließe sich hieran eine in Deutschland fast in Vergessenheit geratene Medienkritik anschließen, mit der die zutiefst undemokratische Landschaft der Massenmedien thematisiert werden könnte.
Anmerkungen
(1) Der Essay findet sich im Textarchiv unter www.hybridvideotracks.org
(2) www.freespeech.org
Ausgewählte Termine
13. September, 20 Uhr: The Chiapas Media Project (Mexiko) - Präsentation
15. September, ab 15 Uhr: PTTV Screening Tag
18. September, 20 Uhr: Die IMC-Bewegung - Veranstaltung mit Gästen aus den USA, Chiapas und Deutschland
21. September bis 24. September, ab 20 Uhr: Fast Forward durch die US-Videogeschichte - Filmreihe; im Regenbogen Kino, Lausitzer Straße
22. September und 6. Oktober, jeweils um 15 Uhr: Arbeitsgespräch der verschiedenen (Berliner) Videoprojekte über gemeinsame Interessen und Perspektiven
23. September, 18 Uhr: Feministischer Videoaktivismus - Veranstaltung mit Carole Roussopoulos (F)
25. September, 19.30 Uhr: Majlis (Indien) - Präsentation
26. September, 20.00 Uhr: A-Clip - Präsentation und Diskussion über die Produktion einer neuen Staffel
29. September, 20 Uhr: Kinetic Virus Over Genova - Videos und Performances zu den G-8 Protesten in Genua, u.a. mit Candida (Italien) und Grado Zero (Niederlande)
6. Oktober, 19.00 Uhr: Erfahrungen mit alternativen TV-Fensterplätzen (u.a. mit TV-Stop, Dänemark)
Alle Veranstaltungen, sofern kein anderer Ort angegeben ist, in der NGBK, Oranienstr. 25, 10999 Berlin. Die Ausstellung ist noch bis zum 7. Oktober 2001 zu sehen, tgl. von 12 bis 18.30 Uhr. Das komplette Programm von »hybrid video tracks« findet sich unter: www.hybridvideotracks.org
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