»Jeder ist fähig, Medien zu schaffen«
Ein Gespräch mit Linda Lannacone von Paper Tiger TV aus New York, dem ältesten und einflussreichsten US-amerikanischen Videokollektiv
Paper Tiger TV feiert in Kürze sein 20jähriges Bestehen. In welchem Kontext und mit welchen Vorstellungen von Medienarbeit ist das Kollektiv 1981 gegründet worden?
PTTV wurde während der ersten Präsidentschaft Ronald Reagans gegründet. Es herrschte die Angst vor einer Rechtswende der Politik und vor einer Zunahme von Corporate Culture. Von Anfang an war PTTV ein bunter Haufen. Einige Leute hatten einen akademischen Hintergrund, andere waren unabhängige FilmemacherInnen, LehrerInnen etc. Viele waren in der Friedensbewegung oder in der internationalen Solidaritätsarbeit engagiert. Trotzdem richtete sich PTTV nicht an politische AktivistInnen, es war medienkritisch ausgerichtet. Radikal politisch, klar, aber nicht um einen direkten Politikaktivismus zu fördern. Die Bänder zirkulierten in akademischen, intellektuellen, politischen und künstlerischen Kreisen. Die Paper Tiger Shows wurden meistens live im offenen Kanal produziert, denn unsere Medienkritik sollte der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Dee Dee Halleck, eine der PTTV-Gründerinnen, hat zum medienanalytischen Ansatz von Paper Tiger gesagt, wenn einer eurer Zuschauer etwas zu einem Thema lese, nachdem es von PTTV behandelt wurde, dann werde jeder Artikel von sich aus ein kritisches Verständnis verstärken. Ist das nicht reichlich naiv?
Es ist naiv zu glauben, dass sozialer Wandel über Nacht stattfindet. Ja, ein kritischer, zynischer Blick auf die Medien ist verbreitet. Die Leute wissen, dass sie von der Werbung und den Medien manipuliert werden. Trotzdem sagen wir immer noch, die Dinge haben sich nicht geändert. Aber stimmt das? Mehr als dreihundert offene Kanäle existieren in den USA. Sie stellen eine Möglichkeit dar, selbst Fernsehen zu machen. Die IndyMedia Centers (IMC) sind entstanden. Den Medien gegenüber kritisch zu sein ist der erste Schritt zu einer gesellschaftlichen Änderung, eigene Medien zu produzieren muss der nächste Schritt sein.
PTTV hat seit dem Beginn der neunziger Jahre seine Ansätze modifiziert. Im Vordergrund steht nicht mehr die Analyse einzelner Medienprodukte, es geht nun um bestimmte gesellschaftliche Konflikte.
In den späten achtziger Jahren kamen jüngere Leute zu PTTV, die zwar von der kritischen Medienarbeit angezogen wurden, aber gleichzeitig Video-AktivistInnen waren. Mit steigender Zuschauerzahl appellierten Leute an PTTV, Stimmen und Ideen zu repräsentieren, die im Mainstream nicht vorkommen. Gleichzeitig kamen die ersten billigen, kleinen Kameras auf den Markt. Das hat die Art und Weise verändert, wie PTTV Videos macht. 1990 kauften wir unseren ersten Camcorder. Damit konnten wir uns von den Studios befreien und Videos auf der Straße produzieren. 1991 begann der Golf-Krieg und PTTV fand es notwendig, dem Mainstream etwas entgegenzusetzen. Wir haben die zehnteilige Serie »The Gulf Crisis TV Project« in Kooperation mit Deep Dish TV produziert, die in der ganzen Welt zu sehen war.
PTTV wird gerne das Etikett »teachy« angeheftet. Auch jüngere Produktionen wie die Filme über die Proteste gegen die WTO in Seattle oder gegen den IWF in Washington orientieren sich an einem Konzept von Gegenaufklärung, das auf zahlreichen Interviews mit ExpertInnen basiert. Funktioniert das?
Es kann funktionieren, aber sicherlich ist es nicht die einzige Art, die funktioniert. Ich finde es schwer, über den Stil und den Ansatz der Bänder zur WTO und zum IWF zu reden, da sie als Gemeinschaftsprojekt von verschiedenen Leuten produziert wurden und verschiedene Dinge und Stile in den Videos zu sehen sind.
Aber warum sollte es nicht funktionieren, ExpertInnen zu interviewen? Warum glauben die Leute einem Experten der Regierung, der uns erzählt, dass Freihandel lebenswichtig für die Ökonomie ist. Und wir sollen der alternativen Ansicht nicht glauben?
Das Konzept der Gegenöffentlichkeit wird häufig kritisch betrachtet, vor allem bei linker Video-Arbeit. Solche Bänder finden kaum ein Publikum, weil sie für die bereits informierten AktivistInnen zu langweilig sind und unklar ist, ob die Vermittlung anderer Informationen dazu führt, dass Menschen auf die Straße gehen. Wie setzt sich Paper Tiger damit auseinander?
Nicht so stark wie ich es gerne sehen würde. In den letzten Jahren hat PTTV ein ausgeprägtes Community-Workshop-Programm etabliert, in dem wir mit Basisorganisationen zusammenarbeiten. Die Workshops dauern meist drei Monate und die TeilnehmerInnen erstellen ein Video mit ihrem Thema und Stil. Eines dieser Videos, etwa »Homecoming Queens«, das im Rahmen eines solchen Workshops mit Bewohnern eines Heims für schwule und transsexuelle junge Männer produziert wurde, tendiert, wie auch andere Bänder, dazu, eher persönlich zu sein.
Paper Tiger hat immer den Einsatz von billigen, selbst gemachten Requisiten proklamiert. Heute scheint eine linke Medienarbeit mehr denn je darauf zu achten, den Anschein von »alternativ« oder »selbst gemacht« zu vermeiden. Sind Do It Yourself (DIY)-Medien überholt?
DIY ist Programm für PTTV. Aber DIY kann im Stil variieren. Wir bemühen uns um eine solide Medienarbeit mit guten Audio- und Video-Aufnahmen. Zu PTTV kommen immer wieder neue Leute, die wir ermuntern, auch ohne Vorkenntnisse der Videotechnik in der Produktion mitzuarbeiten. DIY ist ein genereller Ausdruck davon, dass jede und jeder die Fähigkeit besitzt, Medien zu schaffen. In den frühen Tagen von PTTV hatten wir keine Möglichkeit, die Titel zu erstellen. Deshalb benutzten wir von Hand beschriebene Schautafeln. Diese Technik ist sicherlich DIY, sieht aber in keiner Weise schludrig aus. Heute kommen die Leute zu PTTV mit Designkenntnissen und großen Computern. Wir schließen keinerlei Technik aus, alles kann Teil von DIY-Medien sein. PTTV-Shows werden weiterhin mit sehr wenig Geld produziert, wir müssen »billig« bleiben, das bedeutet nicht »schlampig«, sondern ist einfach clever.
Der herausragende Aspekt der Arbeit von Paper Tiger TV ist meiner Ansicht nach, dass Paper Tiger immer versucht hat, unterschiedliche alternative Mediennetzwerke zu initiieren, mitaufzubauen und sich daran zu beteiligen. Welche Erfahrungen hat Paper Tiger mit Netzwerk-Projekten gemacht und welche Rolle haben diese Erfahrungen bei der Gründung der ersten IMC-Plattform in Seattle gespielt?
Mit der Gründung von Deep Dish TV, der ersten Satellitenstation des offenen Kanals, die überregional sendete, verfolgten wir die Idee eines landesweiten Zentrums für alternative Medien. Deep Dish TV strahlte Beiträge zum Golf-Krieg aus den verschiedenen Teilen der USA aus, die viele Diskussionen zum Thema reflektierten. Mit diesem Projekt wurde eine wichtige Verbindung zwischen den VideomacherInnen und den AktivistInnen hergestellt. So wurde Deep Dish Teil eines Netzwerkes, das aus VideomacherInnen, AktivistInnen, Offenen Kanälen, Akademien und einer breiten Öffentlichkeit bestand. Dieses Netzwerk war die Grundlage für die Errichtung des IMC in Seattle im Dezember 1999. Das IMC Seattle wurde von Gruppen und Einzelpersonen vorbereitet, die Zeit und Mittel zur Verfügung stellten. Das Deep Dish Netzwerk stellte einen Satellitensendeplatz für eine fünfteilige Serie zur Verfügung, die eine Stunde lang an jedem Tag gesendet wurde.
Welche Idee steht hinter den IMC und welche Rolle spielt dabei der Einsatz von Video?
Das IMC wurde mit der Idee gegründet, für größere Protestaktionen einen zentralen Ort für eine alternative Berichterstattung zu schaffen, einen Ort, an dem unabhängige JournalistInnen, MedienaktivistInnen und politische AktivistInnen zusammenkommen. Als Vermittlungsstelle war es erfolgreich. Es gab verschiedene Medien: Printpublikationen, Radio, Webcasting, Internetseiten und ein Video/Fernseh-Programm. Das Modell kann einfach nachgeahmt werden, überall auf der Welt, wo es den Willen gibt, gegen die »Corporate Media« zu kämpfen. Video hat hier mehrere Funktionen. Einerseits werden die Shows im offenen Kanal gezeigt, andererseits werden die Videos als Dokumente zu Ereignissen und Protesten archiviert. Das kann auch bei Gerichtsverfahren, zur Selbstreflexion oder beim AktivistInnentraining wichtig sein.
Gerade der Einsatz von Video auf den open-posting Seiten der IMC zeigt aber auch die Kehrseite des Projekts. Die meisten ins Netz gestellten Clips bilden einfach nur Demonstrationen und Aktionen ab. Begünstigt IMC nicht die Tendenz, dass Ereignisse und Erlebnisberichte Analysen und Einordnungen ersetzen?
Die bekanntesten Produkte des IMC sind die Webseiten, das aber ist der ungenaueste und der scheinbar nicht analytische Aspekt der IMC Medien. Ich habe nicht viel Erfahrung mit den IMC-Seiten, ich mache hauptsächlich Video für die Fernsehverbreitung. Es gibt sicherlich zu wenig Analyse, ich weiß aber, dass das von vielen IMC-Leuten kritisch gesehen wird. Obwohl sie für offene Webseiten plädieren, würden sie doch gerne eine redaktionelle Struktur sehen, die dem Leser und der Leserin hilft, das zu finden, was sie sucht oder was ihn interessiert.
Ende September trifft sich erneut der IWF in Washington. Wird Paper Tiger dort sein?
Ja, aber ich kenne noch keine genauen Pläne.
interview: carsten does / gerda heck
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