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Nr. 38/2001 - 12. September 2001
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Reclaim the Media

Seit Ende August ist in der NGBK in Berlin die Ausstellung »hybrid video tracks« zu sehen. Von Carsten Does

Noch bis zum 7. Oktober 2001 wird in den Räumen der NGBK in Berlin die von einem umfangreichen Veranstaltungsprogramm begleitete Ausstellung »hybrid video tracks« gezeigt. Das Ziel der Ausstellung ist es, sowohl die gut 30jährige Geschichte linker Videoarbeit kritisch aufzuarbeiten, als auch gegenwärtigen Video- und Medienprojekten ein Forum zu bieten, ihre Filme und Arbeitsansätze vorzustellen.

Dabei beschränkt sich die Ausstellung nicht auf deutsche Videoprojekte. In einer eigenen Filmreihe über die US-amerikanische Videobewegung wird von den frühen 68er Newsreel-Filmkollektiven bis zu einer unabhängigen Aids-Medienarbeit in den neunziger Jahren eine Vielzahl herausragender Filme der US-Videogeschichte präsentiert. Eine Veranstaltung mit der seit drei Jahrzehnten tätigen französischen Videoaktivistin Carole Roussopoulos bietet darüber hinaus einen Einblick in die Geschichte eines feministischen Videoaktivismus.

Neben dieser historischen Aufarbeitung werden u.a. mit dem indischen Frauen-Film- und Kulturprojekt Majlis, dem Chiapas Media Projekt und dem New Yorker Kollektiv Paper Tiger TV Medienprojekte zu Gast sein, die trotz ihrer unterschiedlichen Arbeitsansätze Beispiele dafür geben, welches Potenzial in einer sich über Strategie und Taktik bewussten Medienarbeit mit Video liegen kann.

Einen ersten Eindruck davon, was alternative, linke Videofilme hierzulande auszeichnet und in welchem Verhältnis sie zu dem stehen, was täglich über die hegemonialen Fernsehkanäle in die Wohnzimmer ausgestrahlt wird, hat eine Videokundgebung gegeben, die gleichzeitig mit der Ausstellungseröffnung von der Berliner FrauenLesbengruppe Sisteract auf der Straße vor den Ausstellungsräumen abgehalten wurde. Ein begehbares Freiluftkino aus sechs Leinwänden gab einen Überblick über die verschiedenen sozialen und politischen Bewegungen der letzten 30 Jahre, die das Medium Video dazu benutzten, ihre Anliegen auf die Tagesordnung zu setzen.

Sechs unterschiedliche, aufeinander abgestimmte Loops zeigten Images der 68er-, der Frauen- und Homosexuellen-, der HausbesetzerInnen- und Anti-AKW-, der Antifa-, Antira- und MigrantInnenbewegung: Bilder, die zumeist von den AktivistInnen selbst produziert worden waren und die gewöhnlich keinen Eingang in die herrschenden Medienkanäle fanden. Zwar haben sich die Strategien, wie Gegenöffentlichkeit hergestellt wird, wie mit den eigenen Anliegen in die hegemoniale Öffentlichkeit eingedrungen werden kann und wie die dominanten Diskurse und Bilder zu dekonstruieren sind, seit dem Beginn der politischen Medienarbeit mit Video verändert, gleichwohl ist die Notwendigkeit, Gegeninformationen und -bilder in Umlauf zu bringen, unverändert groß.

Das belegte nicht zuletzt ein kurzer Blick in das die Installation von Sisteract abschließende Freiluft-Wohnzimmer. Hier wurde auf einem einzelnen TV-Gerät jene berüchtigte Bildsequenz zitiert, mit der die Nato während des Jugoslawien-Kriegs die Bombardierung eines Personenzuges als unbeabsichtigten »Kollateralschaden« zu entschuldigen suchte. Die Aufnahmen aus der kamerabestückten Bombe sollten belegen, der Zug sei so schnell auf der Brücke erschienen, dass der Angriff nicht mehr abgebrochen werden konnte. Allerdings wurde der Film auf jener Nato-Pressekonferenz mit dreifacher Geschwindigkeit wiedergegeben. Dieses angebliche »technische Versehen«, so die Nato später, war allerdings nur ein Beispiel für die medialen PR- und Legitimationstechniken, die den gesamten Jugoslawienkonflikt seit seinem Beginn begleiteten. Es ist dieser Kampf um Bilder, um Informationen sowie um die Geschwindigkeiten und Kanäle, mit denen sie in Umlauf gebracht werden, der heute einen Ausgangspunkt für eine linke Medienarbeit mit Video bildet bzw. bilden müsste.

Während in den siebziger Jahren die ersten Medienzentren hierzulande noch die mediale Ermächtigung der Betroffenen und AktivistInnen in den Vordergrund ihrer Arbeitsansätze schoben, können heutige Projekte wie die Indepedent Media Centers ganz selbstverständlich von einer fortgeschrittenen Medienkompetenz der AktivistInnen ausgehen und versuchen, über die offenen, internationalen IMC-Internetplattformen den Kampf um die Schnelligkeit der Information aufzunehmen. Die IMC-Initiativen bilden nicht nur ein wichtiges Mobilisierungsmedium der Anti-Globalisierungsbewegung. Gerade die jüngsten Ereignisse während der G 8-Proteste in Genua haben gezeigt, dass es dank der schnellen Verbreitung von Bildern, Zeugenaussagen und Informationen wenigstens teilweise gelingen kann, eine Berichterstattung der dominanten Massenmedien - die selbst nach den tödlichen Schüssen auf einen Demonstranten noch jede kritische Betrachtung dieses jeder Diktatur würdigen Polizeieinsatzes vermissen ließ - noch einmal umzudrehen.

Gleichwohl geht es nicht nur um die Frage der Geschwindigkeit einer Vermittlung von (anderen) Informationen, sondern immer auch darum, was eigentlich bewusst oder unbewusst vermittelt wird. Anhand der von Kanak Attak untersuchten Darstellung von MigrantInnen in jener unübersehbaren Anzahl von Solidaritätsvideos wird deutlich, dass sich die Gegenbilder kaum von der hegemonialen Darstellung unterscheiden. Aber auch der Einsatz von Video auf den IMC-Webseiten oder die zahllosen anderen Videos, die zu den unterschiedlichen politischen Anlässen mehr oder weniger flott auf den Szenemarkt gelangen, werfen die Frage auf, ob sich ein politischer Videoaktivismus tatsächlich auf die immer gleichen Abbildungen von Demonstrationen und politischen Aktionen beschränken muss oder ob man sich zur politischen Videoarbeit nicht grundlegende Gedanken um Strategien, Wirkungsweisen und Interventionsfähigkeit machen müsste. Aus diesem Grund streifen die AusstellungsmacherInnen auf ihrer Suche nach anderen Blickwinkeln nicht nur Bereiche wie den Einsatz von Video in Performances oder Musicclips, sondern sie laden auch auswärtige VideoaktivistInnen und -künstlerInnen ein, sich mit eigenen Clips in einem Online-ClipCanal unter www.hybridvideotracks.org direkt zu beteiligen.



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