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Es ist kalt. So kalt. Kolleginnen tragen dicke Daunenjacken, Kollegen reiben sich die Hände und laufen auf und ab. Herbst in Berlin, bibbern und leiden. »Ob es im Tartuffel schon Weihnachtsgänse gibt?« »Ich habe im Oktober noch drei Wochen Urlaub und du nicht!«
Die Heizung lässt sich nicht aufdrehen, das muss irgendein Hausmeister, den niemand kennt, zentral erledigen. Wir sind einer Charaktermaske des Energiekapitals ausgeliefert. Gefühlte Temperatur: drei Grad. Probier was Neues diesen Winter. »Gibt's noch Schnaps?« »Sollen wir nicht eine Feuertonne im Produktionsraum aufstellen?«
Alles verändert sich, wir rücken näher zusammen. Würde die Diskussion um Kroatien noch einmal geführt, sie verliefe anders: nette Leute, schönes Land, super Klima, totaler Konsens. Trotzdem schafft es die »Wir-müssen-ein Herbst-Thema-machen«-Fraktion nicht, sich durchzusetzen. Der Euro macht das Rennen (Seiten 6 und 7), aber auch hier geht die Sonne viel zu schnell unter.
Die Genua-Fraktion findet neue Argumente, um die neverending Disko fortzusetzen: Da ging's heiß her, das interessiert die Leute, gerade jetzt. Andere beginnen damit, sich einzuigeln, sie zeigen bereits die typischen Wintersymptome: »Lass mich mal das Dossier lesen, da geht's doch um Videos.« (Seiten 15 bis 18)
Begehrt sind plötzlich auch die internationalen Seiten. »Habt ihr endlich mal was über Fidschi?« »Barbados, das ist ein wichtiges Thema.« »Ah, Algerien (Seite 22), wie warm ist es denn da gerade? Wärmer als in Sri Lanka?« (Seite 23) Das Euro-Ressort lehnt angebotene Texte über Wahlen in Norwegen gnadenlos ab, nicht einmal Dänemark hat zur Zeit eine Chance.
Das Inland hingegen ergötzt sich an Hot Rudolf Scharpings Pool-Affären (Seite 9). Ein Redakteur propagiert den Rücktritt des Ministers, dem plumpen Sozialneid sind keine Grenzen mehr gesetzt. Im Feuilleton setzt man wahlweise auf Drogen (Seite 24), oder Fernsehen (Seite 30) als Heizdeckenersatz.
Wo soll das alles hinführen? Es ist doch erst September.
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