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Nr. 35/36 2001 - 22./29. August 2001
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Nabelschau II. Ein Redaktionsurlaub in Zadar von A bis Z

Der freundliche Faschismus

Auge: Das Auge isst mit. Und es wird gegessen. Kenner schätzen die Augen des Seebarschs als Delikatesse (»Schmeckt wie das Weiße eines hartgekochten Eis«). Laien versuchen sich auch daran, spucken die kleinen Kugeln aber wieder aus, weil sie angeblich zu knorpelig sind.

Badelatschen: Dieser Inbegriff der Uncoolness wurde in Massen mitgebracht - wegen der Seeigel, die sich dann doch als serbische Propaganda entpuppten.

Communication algérienne: Die Versuche eines verzweifelten Autoren, uns aus Algerien einen Artikel zukommen zu lassen und die Versuche verzweifelter Redakteure, ihn irgendwie zu erhalten (»Wie war nochmal die Ländervorwahl von Algerien?« »Du musst die französische vorwählen, weil das Handy in Paris angemeldet ist«). Kurz vor Schluss kommen zwei Meter Fax - per Hand vollgeschrieben. Zwölf Stunden später folgt ein Handy-Telegramm.

Deutsche: Gibt es in Kroatien reichlich. Sie gelten hier als Fische und werden in die Luft gesprengt. Auf einer Insel soll sogar ein Genscher-Denkmal stehen.

Ekel: Verursachen uns die Rückenpelze. Der kroatische Mann stellt sein Fell zwischen Stiernacken und Steißbein gern zur Schau, dreht er sich um, sieht's auch nicht besser aus. Nur gut, dass man am Strand keine Waffen tragen darf.

Faschisten: Sind hier überall. Auf der Straße, am Meer, im Restaurant. Selbst im Haus wohnen welche, sie sind freundlich und stellen morgens frische Feigen auf den Tisch. Landessitte: Nach gemachter Wäsche wird erstmal »Heil Hitler« gerufen. Wenn die kroatische Eva Braun lacht, klingt's wie Artilleriebeschuss, der Adolf aus dem Zwischengeschoss ist Koch bei der Polizei, nennt sich aber »Chef der Logistik«.

Grenze: Extrem locker, zumindest auf der Hinfahrt. Der Tour-Bus mit den abgedunkelten Scheiben schreckt alle ab. Hätten die Kollegen doch nicht allen Shit auf der kurzen Passage durch Österreich verrauchen müssen.

Hund: Wie in Italien ist auch diesmal wieder einer da. Die Pekinesin ist schon alt und ziemlich nett, außer sie streift durch die Zimmer und hinterlässt ihre Pfützen.

Internet-Café: Es gibt mehrere, zwei kommen in die engere Auswahl. Das eine ist verranzt, Ausdrucken geht nicht - Dauerpapierstau. Das andere ist sehr modern, die linksliberale Wochenzeitung 'Feral Tribune' sieht in ihm einen Hort der Völkerfreundschaft. Wer am Nebentisch auf englisch nachfragt, wo sich auf der kroatischen Tastatur das @-Zeichen befindet, bekommt auf Österreichisch die Antwort, es sei (unverständlich).

Juwelen: Der Strand und das Meer. Egal ob ruhig und steinig oder laut und flach (hätte ein Disko-Thema sein können). Das Wasser ist toll, die Sonne scheint ununterbrochen, siehe auch Rutsche.

Krawatte: Die kroatische Botschaft in Deutschland behauptet in einer Broschüre, die Krawatte sei das kulturelle Geschenk der Kroaten an die Zivilisation. Andere sprechen von der Krowatte.

Ljubljana: Gute Stadt in Slowenien mit dem größten besetzten Zentrum Europas. Tolle Unterkunft und Verköstigung, Nick ist super und gibt sogar noch Bier mit auf den Weg. Hier sprechen alle Englisch - außer uns.

Marienerscheinung: Was unterscheidet den Klerikalfaschismus von anderen Faschismen? Ist der Katholizismus antiliberal oder verbündet er sich mit der kapitalistischen Moderne? Während die Redaktion diskutiert, pilgern Hunderte zum Ort einer Marienerscheinung, irgendwo östlich von hier.

Nachbestellung: »Ja, hallo, hier ist die Basis-Buchhandlung in München. Die Exemplare sind mal wieder nicht angekommen. Schicken Sie uns noch 20 Stück?« »Aber wir sind gerade in Kroatien, das geht nicht so ...« »Das ist nett, servus.«

Ohrenbetäubend: Wer schnarcht? Kissen fliegen, Leute werden auf die Seite gedreht, andere schlafen auf der Couch im Produktionsraum. Selbst ernannte Nichtschnarcher werden öffentlich geoutet, eine Schnarcherin beschuldigt die andere der Ruhestörung. Konsens: Wird's laut, ist der Alkohol schuld.

Plakate: Merke: Je mehr Serben einer abknallt, desto mehr Plakate von ihm hängen sie auf. »Held« steht darauf, Den Haag soll ihn nicht kriegen, liefert ihn die Regierung aus, wird sie gestürzt. Die Plakate hängen an der Mauer zur Altstadt und in jedem zweiten Geschäft.

Quengeln: »Mir ist zu heiß«, »Hier ist zu viel Wind«, »Das Wasser ist dreckig«, »Immer nur Nudeln«, »Dieser blöde Hund«, »Nie gibt's frisches Gemüse«, »Ist das Inland immer noch nicht fertig?«

Rutsche: Vergiss Kokain. Hau' dein Speed in die Tonne. Für zwei Kuna 50 geht's auf die Wasserrutsche mit einem Neigungswinkel von 60 Grad. Du bist tot. Wenn nicht, ist's dein Rücken. »Hast du noch Kleingeld?«

Schildkröte: Das Tierressort findet sie auf einer vielbefahrenen Straße, bringt sie zum Nachbarn, der glaubt, dass sie ins Nebenhaus gehört. Am nächsten Tag ist sie wieder da.

Terror: Post aus Ramallah. Eine Linksabspaltung der Hamas, die 'Bahamas', schickt ein wüstes Mail an die Redaktion. Ein 'Jungle World'-Redakteur soll zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen sein. Das war eine Provokation. Wir sind ratlos und zum Glück weit weg.

Ungern: Lassen wir Markus Bickel gehen, für den diese Ausgabe die (vorerst?) letzte war. Die Magenverstimmung (wegen was eigentlich?) war einfach nur ungerecht. Viel Glück.

Vokale: Fehlen oft. Krk, grb, skrp - konsonantisch geht die Welt zu Grunde. Wir kaufen ein A.

Waschmaschine: Ist ausgelaufen.

X.: Die römische Zahl Zehn. Wenn die Römer gewusst hätten, was aus ihrer Siedlung Zadar wird, hätten sie sie wohl direkt wieder abgebrannt. Aber auch heute sind noch viele Römer hier.

Yankees: Warum nur erkennt man Amerikaner immer auf den ersten Blick?

Zadar: Ist Zadar nun die Hochburg der kroatischen Linken, wie sie uns auf dem Weg beschrieben wurde? Oder doch eher die Basis der Tudjmantreuen Rechten, wie es in Zagreb hieß? Die Menge der Hakenkreuze an den Wänden, das Fehlen jeglicher Form von Dissidenz und die Auftritte des Hausherren lassen Schlimmes erahnen.

maik söhler



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