Arbeitslose Helden
Einige neue Kurzzeitarbeitspätze in der T-Shirt-Fabrikation könnte Branimir Luksic immerhin schaffen. Luksic, rechtsnationalistischer Ministerpräsident der Region Split-Dalmatien, überreichte dem entlassenen Polizisten Slavko Arezin, der aus Protest gegen seine Kündigung in den Hungerstreik getreten war, vor zwei Wochen eine Art neue Uniform: zwei T-Shirts mit der Aufschrift »Held« und dem Portrait von Ante Gotovina, einem der von Den Haag gesuchten kroatischen Generäle.
Geschickt hat Luksic so die ultranationalistische Kampgapne gegen die Auslieferung kroatischer Kriegsverbrecher mit den Protesten gegen die Entlassung von tausenden Polizisten und Angestellten des kroatischen Verteidigungsministeriums verbunden. Während der Verteidigungsminister Joso Rados in dem Abbau von rund 3 000 weiteren Stellen bis zum Jahresende auch eine Lösung für das so genannte Langzeitkrankenproblem bei den kroatischen Streitkräften sieht, kann Luksic jetzt darüber sinnen, wie er die Verteilung von 6 000 Helden-T-Shirts auch noch als Arbeitplatzbeschaffung verkaufen kann.
Pizza ohne Funghi
Auch wenn die kroatische Tourismusbehörde HTZ angibt, in den ersten sieben Monaten dieses Jahres hätten im Vergleich zum Vorjahr rund zwölf Prozent mehr ausländische Touristen in Kroatien übernachtet: Weder der ununterbrochen strahlend blaue Himmel zwischen Mai und September, das türkisfarbene Wasser der Adria, noch die malerischen Inselchen vor der Küste scheinen dem Land den erhofften Tourismusboom zu bringen, den man sich mit dem Ende des Krieges erhofft hatte. Verantwortlich dafür sind offenbar nur zum Teil die schlechte verkehrstechnische Anbindung an die Küstenstädte, die mangelnde Hotelstruktur oder die in den Sommermonaten überteuerten Preise in den Restaurants, wo eine schlabberige, dünn belegte Pizza schon mal 20 Mark kostet.
Einen anderen und vielleicht viel gewichtigeren Grund spricht der Journalist Igor Lasic an. Gerade in touristischen Zentren wie Split und Zadar sei die Stimmung in der lokalen Bevölkerung rechtsnationalistisch und ausländerfeindlich geprägt. In der Zagreber Innenstadt erteilte die Polizei einer ausländischen Straßentheatergruppe kürzlich einen Platzverweis, weil bei einer ihrer Performances zu viel nackte Haut zu sehen gewesen sein soll. Die Hälfte der kroatischen Bevölkerung verbindet mit dem Wort Meer, dass der Zugang zur Adria des Nachbarlandes Slowenien Kroatien zugeschlagen werden sollte. Weitere gängige Ressentiments sind die Annahmen, dass Touristen aus Serbien für die alljährlich wiederkehrenden Waldbrände verantwortlich seien oder dass ausländische Unternehmer, die in die Tourismusbranche investieren möchten, den Kroaten ihr »Mutterland« wegnähmen.
»Was haben wir ausländischen Touristen derzeit zu bieten«, fragt deshalb auch der Tourismusminister Pave Zupan-Ruskovic. Es könnte allerdings noch viel schlimmer kommen: »Stellen sie sich vor, kroatische Nationalisten hätten die Adria-Autobahn blockiert, während sie sich in Dubrovnik aufhalten. Dann würden sie nicht einmal Champingnons aus dem europäischen Ausland auf ihrer 20 Mark teuren schlechten Pizza finden«, meint Igor Lasic.
Diving into Dynamite
Das Fischen mit Handgranaten war während und nach dem Zweiten Weltkrieg eine einfache, beliebte und ertragreiche Form der Nahrungsbeschaffung. Man wirft einfach einen Sprengsatz ins Wasser, damit die Schwimmblasen der sich dort aufhaltenden Fische platzen, und wartet dann, bis die toten Tiere an die Wasseroberfläche kommen. Noch viel größer als der Knall muss vergangene Woche die Enttäuschung einer Gruppe Wasserwilderer gewesen sein. Vielleicht glaubten sie ein paar wirklich große Fische gefangen, ja den Fang ihres Lebens gemacht zu haben. Stattdessen spülte das Meer ihnen zwei tote Deutsche entgegen.
Am vergangenen Dienstag nahm die kroatische Polizei drei Männer fest, die der illegalen Fischerei mit Sprengsätzen verdächtigt werden. Sie sollen einen 57jährigen Urlauber aus Baden-Württemberg und seinen 25jährigen Sohn mit einer Seemine getötet haben, weil sie die Taucher für Fische hielten. Die Leichen der beiden Urlauber waren einen Tag zuvor an der Küste der dalmatinischen Hafenstadt Zadar gefunden worden.
Zweitverwertung
Man wagt es ja kaum zu schreiben, aber Hand aufs Herz: Gibt es einen glaubwürdigeren deutschen Politiker als Hans-Dietrich Genscher? Gibt es einen Politiker, dem man instinktiv mehr trauen würde als dem ehemaligen deutschen Außenminister? Okay, er hat damals Kroatien anerkannt und damit den ganzen Balkanschlamassel mitverursacht - geschenkt, Schnee von gestern. Von welchem Politiker würden wir uns einen Gebrauchtwagen empfehlen lassen? Von Hans-Dietrich Genscher. Das war 1992 so, als Genscher nach 16 Jahren Amtszeit zurücktrat, und das ist auch heute noch so. Wenn es einen Fachmann in der hohen Kunst der Scheckbuchdiplomatie gibt, dann ihn.
Um es den zahllosen ratlosen Staatschefs, Politikern und Wirtschaftsbossen einfacher zu machen, hat Genscher nun eine Ratgeberfirma gegründet: die Hans-Dietrich Genscher Consult GmbH. Sie soll »Beratung, Information und Analyse in internationalen, europäischen und außenwirtschaftlichen Fragen« anbieten. Wer ein Gebrauchtland sucht, das er oder sie anerkennen möchte, wer Flüchtlinge über die grüne Grenze sicherer Drittländer importieren oder möglichst geschmeidig die Koalition wechseln möchte - Genscher dürfte Rat wissen.
Jungle World, Bergmannstraße 68, 10961 Berlin, Germany
Tel. ++ 49-30-61 28 27 31
Fax ++ 49-30-61 8 20 55
E-Mail:
redaktion@jungle-world.com