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Nr. 34/2001 - 15. August 2001
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Theorie & Praxis I

Die Strategie der Taktiker

Einmal im Jahre gehen die Taktiker, mein berühmtes Team aus der Berliner TU-Liga, auf Mannschaftsfahrt. Letztes Jahr waren wir Dänemark verwüsten, dieses Jahr war Holland dran. Auf zum internationalen Studententurnier in Enschede! Ich geb's zu: Die Taktiker spielen eher zufällig Fußball, sie wären viel lieber eine Rockband wie Guns'n'Roses. Zumindest benehmen sie sich so. Auf Turnieren wie in Rathenow sieht man uns auch lieber von hinten: am ersten Tag die Vorrunde überstehen, dann vollsaufen und Terror machen und am nächsten Tag mit hohen Niederlagen vom Platz geschmissen werden.

Dieses Jahr sollte es extradick kommen. Es beginnt schon damit, dass Quartalssäufer Erdal, der immerhin 30 Jahre Abstinenz aufzuholen hat, mit einer dicken Karnevalstrommel in den VW-Bus steigt. Trommel, klar, da fällt mir sofort Manolo von Borussia Mönchengladbach ein. Aber Moment mal: Erdal spielt doch selbst und ist gar kein Fan?

Mit rauen Mengen Bier und Schnaps machen wir uns auf den Weg. Bei Braunschweig fliegt irgendein Scheiß in die Windschutzscheibe. ADAC angerufen, abgeschleppt. Der Abschlepper stellt uns im Braunschweiger Gewerbegebiet auf ein Abrissgelände neben die Werkstatt. »Scheibe kommt bald«, meint der Mechaniker. Spielen wir halt Fußball. Andree, der Mannschaftschef (Ex-VFL Osnabrück), holt sich gleich eine Bänderdehnung, weil er mir feste gegen das Schienbein tritt. Marc und Uwe bevorzugen ebenfalls kaputte Bänder. Daniel geht auch was kaputt: die Fensterscheibe im Nachbarhaus. »Guten Abend, Herr Wachtmeister« - insgesamt rücken die Bullen dreimal an.

Das weitere Warten vertreiben wir uns mit Saufen. Es wird Nacht. Mir schwant einiges, als ich die Ouzo-Flasche bei Erdal sehe. Eben war die noch voll. Ich hab ja gar nichts gegen Saufen, aber was gegen Leute, die es nicht vertragen. Ein paar haben es sich in Zelten gemütlich gemacht. Jetzt die Trommel: Erdal hat auch noch mit Mitte 30 das Herz eines pubertierenden Teenagers. Wie ein Berserker haut er auf dem Ding rum. Andree hilft ihm gern. Wenn die beiden davon müde sind, ziehen sie eben Zeltstangen raus.

Irgendwann steht Felix auf. »Darf ich auch mal trommeln?« fragt er scheinheilig. »Ja, super, mach doch!« Er nimmt das Ding und haut es erst einmal gegen die Hauswand. Und noch mal. Felix muss einsehen: So wird das nichts mit der Nachtruhe. Da vorn ragt ein Stahlträger aus dem Boden. Da zieht er das Musikinstrument rüber. Rumms. Noch keine 300 Kilometer gefahren und schon 2 000 Mark Sachschaden. Erdal läuft weg und wird erst eine Woche später in Berlin wieder aufgefunden.

Wer gedacht hat, jetzt ist's überstanden, der hat sich geirrt. Als die Scheibe endlich eingesetzt ist, schlägt Andree vor: »Jetzt holen wir den Michael aus Osnabrück.« Jeder denkt natürlich, das iss 'n Spieler, aber Irrtum: Michael ist der größte Sozialfall Osnabrücks. Erst heroinabhängig, jetzt Säufer, oje.

In Holland angekommen, bietet sich ein schlimmes Bild. Es regnet in Strömen bei Temperaturen von sechs Grad. Jedes Spiel ein Grauen, die Holländer hacken uns ganz cool die Knöchel weg, wir verlieren alles, nirgends kann man sich hinsetzen, zwischen den Spielen ist es unendlich langweilig. Grillen ist auf dem Campus verboten. Ab acht läuft Michael halbnackt mit Bierdose durch die Gegend und sabbert jeden an. Die Verletzten tun's ihm nach. Weil Fußballspielen können die ja nicht. Aber sich volllaufen lassen.

So geht's den ganzen Tag. Am Abend stellt uns die Turnierleitung ein Ultimatum. Entweder wir entsorgen Michael oder sie tun's selbst. Verteidiger Jörg hat die Schnauze voll. Und er hat noch was: eine neue Karre! 6er Audi, fährt 250. Wir hauen ab, die anderen bleiben zur Trostrunde. In dreieinhalb Stunden sind wir zurück in Berlin. Die Verliererrunde haben die Taktiker dann bravourös gewonnen, wie wir später erfahren.

Beim nächsten Turnier, in Ludwigsfelde, ging's besser, das sei hier noch angefügt. Vorsichtshalber fuhr ich erst am zweiten Tag hin. Da wurden wir immerhin Dritter und dafür gab's sogar 200 Mark. Ich hab zwei Elfer verwandelt, mit der von mir entwickelten Pendeltechnik. Man benutzt das Bein wie einen Golfschläger und lässt es schön durchschwingen. Dafür trifft man zwar nur mit der vorderen Hälfte des Schuhs, das ist sicher gewöhnungsbedürftig, aber mit ein bisschen Übung knallt's wie bei Lothar Matthäus.

Weil's in Brandenburg öfter mal Glatzenmannschaften gibt, der Ausrichter ist immerhin der örtliche Fanclub von Union Berlin, hat sich Felix zur Siegerehrung eine besondere Ansprache ausgedacht: »Wir freuen uns besonders, weil wir so viele Homosexuelle in der Mannschaft haben!« Aber damit lässt sich in Zeiten von Wowereit keiner mehr hinterm Ofen vorlocken. »Und das ist gut so«, bekundet der Turnierleiter. Tosender Applaus. Danach kommt der Reporter der Märkischen Allgemeinen Zeitung zu uns. »Jungs, det reicht nich. Ihr habt zu wenig Neger in der Mannschaft.« Der örtliche Bürgermeister textet uns eine Stunde zu und trinkt Bier mit uns.

Das erzähle ich später auf unserem eigenen Turnier zum elfjährigen Mannschaftsjubiläum dem Chef des schwul-lesbischen Fußballclubs SV Vorspiel. Und dass wir gern die Schwulenweltmeisterschaft gewinnen würden (dieses Jahr in London). »Wieso, ihr seid doch gar nicht schwul!« - »Na und«, sage ich. »Is doch noch viel geiler, als Hetero Schwulenweltmeister zu werden. Wir haben nur kein Geld, eine Woche in London abzuhängen.« - »Na, und wir sind ein paar zu wenig«, sagt er, »spiel doch bei uns mit, kriegst auch 'nen Freiflug ...«

Ich kann dann später aus terminlichen Gründen doch nicht nach London. Dort kenne ich aber einen schwulen Reiseveranstalter, der immerhin Badminton spielt. Ob er den Berlinern nicht personell aus der Patsche helfen könne. »Was soll ich denn da machen? Massieren? Als Cheerleader rumlaufen?« Dass er mitspielen soll, darauf kommt er erst gar nicht. Seine Agentur heißt übrigens All-In-One-Tours.

Hinten in der Ecke blinken die Pokale. Andree hat sie aus Lampenschirmen und kaputten Fußbällen gebastelt, die Albert über die Jahre gesammelt hat. Nur der sechste Platz kriegt keinen Pokal, sondern eine Flasche Sechsämtertropfen. Wir werden Sechster. Nach sieben Stunden Fußball als erstes einen Schluck Schnaps: Das gibt's nicht nur bei den Taktikern. Aber da ziemlich häufig.

jürgen kiontke



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