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Nr. 34/2001 - 15. August 2001
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600 Türen

Feierabend. Der Gebäudekomplex ist riesig und menschenleer. Jetzt beginnt die Arbeit des Wächters. tom combo hat ihn auf seiner Tour begleitet

Mit einem seiner zahlreichen Schlüssel versucht M., ein Gebäude aufzuschließen. »Manchmal kann man die Schlüssel nur erfühlen und muss gar nicht hinschauen.« Diesmal scheint es auch mit Hinschauen nicht zu funktionieren. Um keine Stille aufkommen zu lassen, frage ich ihn, ob die Wächter den Gebäuden jeweils Namen geben würden. Er verneint. Ich bin ein wenig enttäuscht, und um mich später an sie zu erinnern, gebe ich ihnen selbst Namen. Lisa, das Haus vor dem wir stehen, lässt sich nicht öffen. »Hier sind wahrscheinlich die Schlösser ausgetauscht worden. Wenn sowas passiert, gibt es meistens eine Art Kettenreaktion, und man kommt auch in andere Bereiche nicht hinein.«

Lisa ist geradezu abweisend, und der Wächter kommt mir ein wenig vor wie Montag in Bradburys »Fahrenheit 451« zu dem Zeitpunkt, als sich die elektronischen Anlagen allmählich gegen ihn wenden, die automatische Feuerleiter ihn nicht mehr hochzieht, oder der elektronische Hund ihn anknurrt. Ich beschließe, den Wächter Montag zu nennen. »Es ist kein Weltuntergang, wenn aus einem Bereich mal keine Meldung kommt, erst wenn ich mich eine Weile nicht melde, kommen sie mich suchen.« Wir gehen um Lisa herum und benutzen den Hintereingang. Montag erreicht ein Funkspruch, dass er bei nächster Gelegenheit die Zentrale anrufen soll. Er telefoniert in einem Büro mit seinem Vorgesetzten, dann legt er auf. Der Portier habe die Zentrale benachrichtigt, dass er in Begleitung eines Zivilisten sei, und der Vorgesetzte, der nicht über mich informiert gewesen sei, habe sich nach dem Zweck meines Mitgehens erkundigt. Er habe ihm gesagt, alle zuständigen Stellen seien informiert. Darauf habe dieser sein »Okay« gegeben.

Wir machen weiter mit dem Rundgang. Wegen des Anrufs und der verschlossenen Türen haben wir Zeit verloren und durchqueren zügig die Räume. Auf meine Frage, ob er in diesem Tempo auch nichts übersehe, antwortet er, auf einer solchen Tour könne er unmöglich in jede Ecke schauen, aber die Codes, die er abtasten müsse, seien meistens in einer hinteren Ecke angebracht. So sei sicher, dass er den ganzen Raum durchquere. Wenn er außerdem schon zig Mal in einem Raum gewesen sei, sähe und höre er ziemlich schnell, ob alles in Ordnung sei oder nicht. Wenn beispielsweise in einer großen Halle ein einziges Fenster offen stehe, verändere sich die Atmosphäre darin merklich, auch wenn ein Computer nicht abgestellt sei oder wenn irgendwo jemand am Boden liege.

Ist ihm sowas denn schon passiert? Nein, ihm nicht, aber ein Kollege habe einmal nach einem Firmenfest einen betrunkenen Vizedirektor angetroffen, der mit vollen Hosen in seinem Erbrochenen auf dem Boden gelegen habe. Und wie verhält sich da ein gewissenhafter Wächter? Montag lächelt. »Er erzählt niemandem was davon.« Während wir reden, gehen etwa zwanzig Türen auf und wieder zu, und wir werden von Putzfrauen ebenso freundlich begrüßt, wie wir von schwarzen Puppen in Werbe-T-Shirts stumm empfangen werden. »Als ich noch neu auf der Tour war, es war im Winter und alles war dunkel hier, hatten sie die Puppen gerade hinter der Tür aufgestellt. Hat mir einen ziemlichen Schrecken eingejagt.«

Ich kann mir das bei den Puppen, die gesichtslos aber freundlich in einer Ecke hocken, eigentlich gar nicht recht vorstellen. Ich versuche stattdessen, mich für die wegen der Fragerei verloren gegangene Zeit zu revanchieren, indem ich selbst auch ein paar Türen schließe und Apparate ausschalte. Natürlich sind es zur Hälfte die falschen, und Montag schaltet sie wieder ein. Ich freue mich jedoch wie ein Kind, als ich einen neuen, noch angeschalteten Kopierer entdecke, den Montag vielleicht übersehen hätte. Ich schalte ihn aus. Montag durchquert das Gebäude nach einem ausgeklügelten System. »Nur kein Schritt zuviel«, sagt er. Unter den Wächtern herrsche ein kleiner Konkurrenzkampf, wer weniger Schritte für eine Runde brauche. Lisa ist jetzt abgeschlossen.

Wir überqueren eine dicht befahrene Straße. Die Autos halten an, obwohl wir noch nicht mal vor einem Fußgängerstreifen stehen. »Das ist das Gute an Uniformen. Sie halten immer an.« Angesichts der gesichtslosen Massenbewegung, die sich Individualismus nennt, sind mir Uniformen ohnehin schon fast wieder sympathisch geworden, doch das mit den Autos überzeugt mich vollends, und ich beschließe, meiner Tochter, sobald sie laufen kann, eine Uniform zu kaufen.

Ich komme allerdings von dem Gedanken wieder ab, als ein anderer Wächter am Ende des Rundgangs erzählt, er sei an diesem Abend schon das dritte Mal fast über den Haufen gefahren und darauf von dem Autofahrer auch noch angepöbelt worden. Die Leute lachen viel über die Wächter, weil sie meistens zuerst denken, sie hätten einen Polizisten vor sich, und dann feststellen, haha, das ist ja nur ein Nachtwächter. Auch die PolizistInnen lachen viel über die Wächter. »Vielleicht, weil wir nur ein Pfefferspray bei uns haben«, sagt Montag.

Wir durchqueren einen Park, ich gehe hinter Montag her und wundere mich ein wenig, wie unwirklich seine Erscheinung in der Dämmerung ist. Wir erreichen das nächste Gebäude. Max empfängt uns freundlich, ein kleiner Vogel sitzt schmatzend auf der Türschwelle. Seltsamerweise fliegt er auch nicht weg, als wir hineingehen.

Max hat außer den Kellerräumen, dem Vogel und ein paar Büros von Vizedirektoren nicht viel zu bieten. Die Wände sind nicht wie noch bei Lisa mit Garfield- und Mordillo-Humor behangen. Wir verlassen Max, und ich frage Montag, ob er nach der Schließrunde jeweils außergewöhnliche Träume hat. »Eigentlich nicht. Manchmal gibt es schon so Fetzen, die sich in einen Traum einflechten. Leute, die ich kenne, können sich dann plötzlich in einem Korridor befinden, durch den ich auf der Runde gehe. Richtige Schließrundenträume hätte ich wahrscheinlich erst, wenn ich die Tour eine Weile nicht machen würde. So wie die in Vietnam ...« »Vietnam?«, frage ich. »Vietnam, die Träume kommen erst danach ...« »Ist das ein Buch?« »Nein, aber es ist so«, sagt Montag, während wir wieder eine Straße überqueren. Ein Autofahrer hat angehalten und mustert mich wie einen Gefangenen, der gerade abgeführt wird.

Wir sind im Kellergeschoss von Paula. Das Treppenhaus ist eng und wir durchqueren Akten- genauso wie Tischtennisräume. Die Frequenz, in der wir die Räume wechseln, ist hier bedeutend höher als in den letzten Gebäuden. Ich komme mir ein wenig vor wie beim Zappen. Montag sagt, dass der stete Wechsel von eng und weit, von warm und kalt, von hell und Dunkel den Ablauf der Gedanken wesentlich mitbestimme. »Was auch noch hinzukommt, ist der Wechsel der Jahreszeiten. Die Farbnuancen und vor allem die Gerüche wechseln über das Jahr hinweg. Im Winter ist die Luft meist abgestanden, und wenn die ersten warmen Tage kommen, riecht es nach Parfüm und Deodorant. In den Büroräumen ergeben sich manchmal je nach Stärke und Art der Duftmittel sehr große Unterschiede.«

Selbstverständlich ändern sich auch die Lichtverhältnisse. Der Zeitpunkt, zu dem in den oberen Stockwerken die Lampe angemacht werden muss, verschiebt sich im Herbst immer weiter nach vorne. Im Winter fängt dann die Tour schon im Dunkeln an. »Das Verrückte an dem Ganzen ist, dass man praktisch immer zur selben Zeit am gleichen Ort ist, und dieser sich von einem Tag auf den andern komplett verändert hat, weil es einfach dunkler ist, oder weil plötzlich eine Straßenlampe hereinleuchtet.« Man komme sich in etwa so vor wie ein Haufen Stehkameras, die jeden Tag zur selben Zeit ein Bild von einem bestimmten Ort aus schießen. Montag steigt eine schmale Leiter ins Dachgeschoss von Paula hoch und sagt, ich solle ruhig unten bleiben. Er entschwindet durch eine Tür, auf der »Hochspannung« steht. Ich gehe auf ein Klo für Nichtraucher und verschnaufe ein wenig. Beim nächsten Haus werde ich eine Pause einlegen.

Montag besucht Emil also alleine, ich nehme ihn von außen nur durch die hin und wieder aufblitzende Taschenlampe und die sich hier und da schließenden Fenster und Rolläden wahr. Montag taucht wieder auf und meldet dem Revier, dass alles in Ordnung ist. Wir gehen hinüber zu Heinrich. Heinrich ist ein Parkhaus. Wir begegnen PassantInnen. »Manchmal fragen welche nach dem Weg.« Sonst hält sich der Kontakt mit der Außenwelt in Grenzen. In Heinrich wechseln kühle Treppenhäuser mit warmen Parkebenen ab, in denen uns eine dezente Science-Fiction-Atmosphäre empfängt. Montag setzt ein paar Türen in Alarmbereitschaft. Wenn ich daran rütteln würde, würde auf der Stelle eine Polizeieinheit auftauchen. Die Parkebenen sind leer, was den Raumschiffeindruck noch verstärkt.

»Ein anderes Gebäude ist noch extremer, es hat eine lange durchgehende Fensterfront, die die Sicht auf den Nachthimmel freigibt. Dort oben habe ich jeweils Pause gemacht und schon oft Sternschnuppen gesehen. Es gibt einem wirklich das Gefühl, man würde bald abheben.« Wir wechseln zu Heinrichs Schwester Maria, die unterirdisch mit ihm verbunden ist. Auch die Atmosphäre in Maria ist der vielen Rohre wegen Science-Fiction-haft. Montag sagt, dass es auf dem Weg manchmal in einem drin so Abläufe gebe, wie in einem Film. Welche Person ist er in diesen Filmen? »Manchmal ein Tricorder.«

Ich nicke vorsichtig und überdenke meine Situation. Ich befinde mich ein paar Stockwerke unter der Erde in gefangenen Räumen zusammen mit hunderten von ausgedienten Computerbildschirmen, und das einzige andere Lebewesen ist jemand, der sich für ein Raumschiff-Enterprise-Prüfgerät hält. Montag unterbricht meine Gedanken, während wir durch einen Gang vorbei an pornografischen Witzen gehen. Er weist auf einen weiteren gefangenen Raum. »Als ich das erste Mal in diesen Raum hineingegangen bin, hat mich fast der Schlag getroffen. Es war wie in meinem Kinderzimmer.«

Er öffnet die Tür, und mir wird einiges klar. Wenn ich in einem Zimmer aus weißgestrichenem Beton mit nur einem Küchentisch und ein paar Stühlen aufgewachsen wäre, würde ich mich jetzt vielleicht auch für ein Prüfgerät halten. »Natürlich ist es nicht das, wonach es aussieht«, sagt Montag, dem mein Blick nicht entgangen ist. »Aber den Geruch nach dieser speziellen Möbelpolitur habe ich seither nie mehr gerochen. Und der gelbe Aschenbecher hier hat genau die Farbe meiner Wasserpistole.«

»Das ist der Proust-Effekt«, sagt er, »Gerüche, Farben, die einen plötzlich an die Kindheit erinnern. Ich muss hier auch manchmal an die Schlacht von Waterloo denken.« Er hatte sie in seinem Zimmer mit Spielzeugfiguren nachgestellt. »Der Proust-Effekt«, wiederhole ich. »Ja, aber wir müssen die verlorene Zeit wieder einholen. Mir passiert das auch hin und wieder mal, dass ich plötzlich irgendwo stehenbleibe und etwas Neues bemerke, einen Gegenstand oder nur eine Form, die mich fasziniert. Und plötzlich sind sieben Minuten um.« Der Zeitplan, den er einhalten müsse, lasse gewisse Freiräume, Nischen, in denen sich die Phantasie dann jeweils umso stärker entfalte.

Wir sind in einer Kommandozentrale, und ich könnte nicht mehr sagen, an welcher Stelle und auf welchem Stock sie sich befindet. Mir fällt die Austauschbarkeit solcher Räumlichkeiten auf. Sie sehen überall gleich aus, in einem AKW genauso wie in einem Bahnhof oder wie eben hier im Untergrund einer Versicherung. Ein Unterschied könnte höchstens noch in den roten Bällchen liegen, die an der Decke hängen und im Brandfall die Feuermelder indizieren sollen. Montag spielt manchmal Kopfball damit. Trotz allem hätte ich mir Maria unheimlicher vorgestellt. Der Punkt ist vielleicht, dass unterirdische Anlagen immer unterirdische Anlagen sind, sie verändern nie ihr Gesicht. Montag kündigt an, dass wir jetzt bald auf dem Gipfel der Runde angekommen sein werden.

Wir fahren in den obersten Stock von Anna, die wiederum mit Heinrich und Maria verbunden ist. Nach der brazilesken Atmosphäre unten erwarte ich hier langweilige Büros. Aber schon wie wir aus dem Fahrstuhl steigen und uns eine undefinierbare, dicke Luft entgegenschwebt, merke ich, dass es hier oben ziemlich kafkaesk zugeht. Hunderte von Büros an langen, schmalen und niedrigen Korridoren angeordnet, und wiederum enge gefangene Räume. »Immer links anfangen«, sagt der Wächter, »sonst verirrt man sich.« Ich frage ihn, warum es hier oben plötzlich so unheimlich ist. Es sei nicht allein deswegen, weil es jetzt dunkel ist. Das spiele zwar schon eine Rolle, das Gefühl, das sich bei ihm jeweils einstelle, sei dasjenige, das er gehabt habe, als er früher nachts aufgestanden sei, und dachte, es sei Tag. Das Gebäude jedoch, das wir zuerst abgegangen sind, sei auch nachts freundlicher. »Es sind die niedrigen Gänge hier und das rhythmische, immer gleiche Geräusch der Türen. Hinzu kommen auch jene Geräusche, die man nicht einordnen kann, aber auch der Geruch und die Lichter, die sich von selbst ein- und ausschalten.«

Wir kontrollieren ein Klo. Als wir wieder herauskommen, ist tatsächlich das Licht ausgegangen, es lässt sich auch nicht wieder einschalten. Man spürt das Eigenleben von Anna, das Gefühl, dass sie einen bestimmt, stellt sich ein. Das Öffnen und Schließen der Türen versetzt einen zudem in eine Art Trancezustand. Kann man dabei nicht die Kontrolle der Einrichtung vergessen? »Nein, die Wachsamkeit ist da, aber irgendwie kehrt sie sich in der Dunkelheit auch nach innen, man horcht nicht nur auf die äußeren Geräusche, sondern beginnt auch auf innere Stimmen zu hören. Man weiß manchmal vielleicht nicht mehr genau, was man jetzt genau kontrolliert.«

Wir haben das Stockwerk gewechselt. Im Unterschied zu Maria und all den anderen sieht bei Anna jedes Stockwerk gleich aus. Allerdings ist die Atmosphäre bei jedem komplett anders. »Die Empfindungen sind, je länger man hier drinnen ist, desto deutlicher. Man fängt an, sich Dinge einzubilden. Wenn eine der Türen plötzlich leichter aufgeht, hat man das Gefühl, als ziehe von innen jemand daran.« Vorhin in einem engen Gang konnte ich mir bei der Berührung mit der Wand tatsächlich vorstellen, dass plötzlich Hände nach einem greifen. Wie in »Repulsion«. Ich könnte den Wächter jetzt Ekel nennen, aber damit würde ich ihm nicht gerecht werden. Ich nenne ihn auch nicht »Rosemaries Baby« sondern »Tanz der Vampire« weil er mit seinen Ketten und Schlüsseln tönt wie ein Pferdegespann in Transsylvanien.

»Man staunt nicht schlecht«, sagt Tanz der Vampire, »wenn alles dunkel ist und plötzlich geht vor einem ein Lift auf, aber niemand befindet sich darin.« Ich kann es mir vorstellen, ich vergesse, ihm in den Lift zu folgen, und bin plötzlich allein auf dem Stockwerk. Ich mache ein paar Schritte und stolpere über einen aufgespannten Regenschirm, der in der Mitte des Korridors liegt. »Was tut der Schirm hier?« frage ich mich, als die Lifttür wieder aufgeht und M. mich ins nächste Stockwerk mitnimmt. Er zeigt mir, wie man sich leicht selbst erschrecken kann. »Wenn man die Tür hier aufmacht und mit einem Auge nach hinten schaut, erscheint hinten im Korridor eine Reflexion von einem selbst.« Er denke oft, es sei jemand hinter ihm. Wie sieht er aus? »Er hat etwa meine Statur.«

M. macht Pause in einem Büro, richtet die Taschenlampe auf ein paar Bauklötzchen, die zu einem kleinen Schiff zusammengebaut sind. Er überlegt und verschiebt ein Segel des Schiffchens um ein paar Millimeter. »Wenn ich wiederkomme, ist wieder etwas verschoben ...«

Ansonsten hält sich der Kontakt mit der Belegschaft in Grenzen, manchmal gibt es kleine Feindschaften, wenn jemand immer den Computer angeschaltet oder das Fenster offen lässt. »Aber das kann auch Einbildung sein, man beginnt, vieles persönlich zu nehmen.« Ich nicke, während ich über einen weiteren Regenschirm stolpere. In einem Büro ist ihm mal eine Dose Red Bull auf den Kopf gefallen, und als er mit der Lampe hochleuchtete, lachte ihm ein an der Decke befestigter großer Garfield entgegen.

Annas Stockwerke unterscheiden sich darin vom Rest der Tour, dass es hier fast nur Büros zu kontrollieren gibt. M. muss sie auch nicht durchqueren, sondern lediglich die Tür öffnen, hineinleuchten und die Tür wieder schließen. Es gibt selten Fixpunkte, wie etwa das Klötzchenbüro, dasjenige mit Dollarnoten an der Wand, oder das Curry-Büro, in welchem es immer nach einer Mischung aus Schweiß und dem orientalischen Gewürz riecht. Das Abschreiten der Büros hat etwas Klösterliches, Rituelles, manchmal kommen, so Montag, geradezu religiöse Gefühle hoch.

Das Schlack-Schlack-Schlack der Türen, sozusagen der Soundtrack von Anna, tönt in unseren Ohren nach, als wir ins Erdgeschoss kommen. Am Schluss der Runde steht ein ruhiger, großer und von den Straßenlampen sanft beleuchter Saal. Montag tastet mit seinem Gerät den letzten Code ab, die letzte Streicheleinheit, wie er von den Wächtern genannt wird. Wir verlassen den Saal und kommen in Annas Zentrale. Montag drückt einen Knopf, der die Sicherheitstüren in Alarmbereitschaft versetzt. »So«, sagt er, während er sich zurücklehnt, »das Gebäude ist jetzt scharf.« Ich glaube, etwas ticken zu hören, aber das ist wohl nur Einbildung. Oder eine Uhr. Irgendwie hat sich alles gewendet, und Anna zeigt ihr Nachtgesicht. In die Stille hinein frage ich Montag, was er denn so in der Zeit tue, die er hier nach dem Zeitplan warten muss. »Nichts, die Taschenlampe ein- und ausschalten.«

Draußen fahren Autos vorbei. »Hm«, sagt Montag und schaltet die Taschenlampe ein und aus.

In der Bar, in der wir uns nachher treffen, läuft »Ich hab heute nichts versäumt ...« und »Skandal im Sperrbezirk ...«. Ich denke an die Sicherheitstüren, an den Zeitplan, den wir schließlich doch eingehalten haben. »Hab ich schon ewig nicht mehr gehört, diese Lieder,« sage ich zu Montag. Er nickt, nippt an seinem Bier und prüft, wie es scheint, die Leute, die hereinkommen und hinausgehen. Die Schließrunde ist noch nicht ganz abgeschlossen. »Manchmal«, sagt Montag, »mache ich die Nachkontrolle bei der Tür zum Fahrradraum, wenn ich nach Hause komme.«



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