Jungle World Banner
Nr. 32/2001 - 01. August 2001
Im Archiv suchen:
Inhalt
Interview
Disko
Inland
Antifa
Euro
Dossier
International
Feuilleton
Heim & Welt
Medien
Sport
Junk Word
Rubriken
Nachrichten
Inland
Nachrichten
Euro
Nachrichten
International
Nachrichten
Feuilleton
Deutsches
Haus
action
Alternative Lebensformen
Sonstiges
Archiv
Jungle Abos
Impressum
Jungle World in Österreich
Neu: Kleinanzeigen
Ausgewählte
Texte und Vorträge
E-Mail
Redaktion
Webmaster

Fetischisierte Formen

Eine Anmerkung zur Entfremdung | John Holloway

Was heißt Entfremdung? Den Begriff entwickelt Marx in den »Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten«. Er fand Eingang in die linke Alltagsvorstellung: Entfremdung heißt Ohnmacht, ein Leben ohne Bewusstsein (oder mit dem falschen). John Holloway, bekannt durch seine Schriften zum zapatistischen Aufstand, plädiert im Folgenden dafür, die Manuskripte anders zu lesen. Den Versuch, die Überwindung der Entfremdung hier und jetzt politisch zu verorten, verbindet er mit einer Kritik an gängigen linken Avantgardevorstellungen.


Es gibt zwei unterschiedliche Arten, Entfremdung zu verstehen, zum einen als Zustand, zum anderen als Kampf. Um diese Unterscheidung dreht sich die gesamte Theorie und Praxis des Marxismus.


I.

Die zentrale Bedeutung, die das Konzept der Entfremdung für den Marxismus besitzt, rührt daher, dass es sich um eine Frage der Macht handelt und der Marxismus selbst eine Theorie der Macht darstellt.

Grundlegend für das Konzept der Entfremdung ist die Vorstellung, dass unter kapitalistischen Bedingungen unsere Macht (unsere schöpferische Macht, die Macht, unser Leben zu bestimmen und zu regeln - eine Macht, die, da weder ein Gott noch eine andere äußere Kraft existieren, allein den Menschen zukommt) entfremdet ist, von anderen angeeignet wurde. Wir sind entmächtigt. Die Entfremdung der Macht über das eigene Leben bedeutet den Verlust des Selbst, was Marx als Selbst-Entfremdung bezeichnet. Der »Akt der Entfremdung der praktischen menschlichen Tätigkeit, die Arbeit«, bestimmt, dass »das Verhältnis des Arbeiters zu seiner eignen Tätigkeit« als das zu »einer fremden, ihm nicht angehörigen, die Tätigkeit als Leiden, die Kraft als Ohnmacht, die Zeugung als Entmannung, die eigne physische und geistige Energie des Arbeiters, sein persönliches Leben - denn was ist Leben [anderes] als Tätigkeit - als eine wider ihn selbst gewendete, von ihm unabhängige, ihm nicht gehörige Tätigkeit« existiert. Entfremdung bedeutet, dass die Tätigkeit - und das ist zweifellos der zentrale Punkt - die Form des Leidens angenommen hat, die Kraft die Form der Ohnmacht.

Wenn Menschlichkeit definiert ist als Tätigkeit, was Marx als grundlegende Voraussetzung angesehen hat, dann bedeutet Entfremdung, dass Menschlichkeit in Form von Unmenschlichkeit besteht, dass menschliche Subjekte als Objekte existieren. Entfremdung ist die Vergegenständlichung, die Objektivierung des Subjekts. Das Subjekt entfremdet sich seiner Subjektivität, und die Subjektivität ist von anderen angeeignet. Die Existenz der »Tätigkeit als Leiden, der Kraft als Ohnmacht« bestimmt die Zuordnung der menschlichen Tätigkeit, der menschlichen Kraft zu einer fremden Instanz: nicht länger zu Gott, aber zu dem Gott des Kapitals in seinen vielfältigen Formen (Wert, Geld, Staat etc.). Zur gleichen Zeit, in der das Subjekt in ein Objekt verwandelt wird, verwandelt sich das Objekt, das von diesem Subjekt hervorgebracht wurde, das Kapital, in das Subjekt der Gesellschaft. Die Objektivierung des Subjekts impliziert die Subjektivierung des Objekts. Das ist der Kern der marxistischen Kritik des Kapitalismus.


II.

Eine verbreitete Art, das Konzept der Entfremdung zu verstehen, besteht darin, es als eine Analyse des menschlichen Zustands im Kapitalismus aufzufassen. Unsere Existenz ist eine entfremdete Existenz, die kapitalistische Gesellschaft ist eine entfremdete Gesellschaft, wir sind Objekte, während das Kapital das Subjekt ist, wir leiden, das Kapital agiert.

In der marxistischen Diskussion wird weithin unterstellt, dass die Macht des Kapitals (oder möglicherweise die Macht des kapitalistischen Staats oder einer einzelnen Kapitalfraktion) den Ausgangspunkt der Reflexion bildet. Die Vorstellung, dass das Kapital das einzige Subjekt sei, liegt zahlreichen Analysen der kapitalistischen Entwicklung zugrunde: das Konzept einer marxistischen Ökonomie (statt einer marxistischen Kritik der Ökonomie) etwa basiert auf dieser Vorstellung vom Kapital als dem Subjekt der Gesellschaft. Wenn das Kapital das Subjekt der Macht ist, dann sind wir selbstverständlich und offensichtlich die Objekte dieser Macht, dann sind wir machtlos (und unfähig), schlicht die Opfer des Kapitals. In dieser Perspektive transformiert sich die Theorie der Entfremdung allzu leicht in eine Ideologie des Opfers, ein Klagelied, das von der Linken so gerne angestimmt wird.

Diese Interpretation der Entfremdung impliziert eine klare Trennung von Entfremdung und Nicht-Entfremdung. Dieses Konzept der Entfremdung enthält unvermeidlich die Vorstellung der Nicht-Entfremdung. Wir können von Entfremdung nur sprechen, wenn wir eine mehr oder weniger präzise Idee von ihrem Gegenteil, vom Fehlen der Entfremdung haben. Wenn Entfremdung als Beschreibung der Gegenwart verstanden wird, dann bezieht sich Nicht-Entfremdung auf die Zukunft (oder möglicherweise auch auf die Vergangenheit). Diese Interpretation suggeriert mithin einen starken Gegensatz zwischen der Gegenwart (der Entfremdung, die den Kapitalismus charakterisiert) und der Zukunft (dem Kommunismus, der als nicht entfremdete Gesellschaft definiert ist).

Wie auch immer, um ein Konzept einer Zukunft ohne Entfremdung zu haben und um fähig zu sein, die gegenwärtige Entfremdung zu kritisieren, ist es notwendig, dass es jemanden gäbe, der bereits frei von Entfremdung ist. Die Interpretation der Entfremdung als Zustand enthält eine Unterscheidung zwischen den Emanzipierten (das sind ohne Zweifel wir selbst), die wir uns (nicht zuletzt zumindest begrifflich) aus diesem Zustand haben befreien können, und den anderen, den Massen, den normalen Leuten. Sie enthält die Unterscheidung zwischen einem wahren Klassenbewusstsein (unserem Bewusstsein) und dem einfachen oder falschen Bewusstsein der »Leute von der Straße«. Sie leiden, wir agieren. Wir verstehen, sie nicht.

Wenn Entfremdung heutzutage ein Zustand der Gesellschaft ist, dann gibt es zwei mögliche Wege, über einen Übergang in eine nicht entfremdete Gesellschaft der Zukunft nachzudenken. Entweder ist ein solcher Übergang unmöglich, denn es gibt keinen Weg aus der Entfremdung, dann können wir, die wir das wissen, nur kritisieren, allerdings ohne Hoffnung. Die Position ist mit der Frankfurter Schule verbunden und wird darüber hinaus von vielen linken Akademikern vertreten. Oder der einzige Weg ist, die Revolution im Sinne der Führerschaft der Emanzipierten zu begreifen - der Avantgardepartei. Beide Konzepte, der Pessimismus der Frankfurter Schule und der revolutionäre Optimismus der leninistischen Tradition, leiten sich aus der gleichen elitären Interpretation von Entfremdung als Zustand ab. Beide vermeiden es, sich die nahe liegende Frage zu stellen: Wie haben wir, die Emanzipierten, es geschafft, dem Nebel der entfremdeten Gedanken zu entfliehen?


III.

Allerdings gibt es noch eine andere mögliche Interpretation des Konzepts der Entfremdung. Entfremdung wird hier nicht als ein Zustand aufgefasst, sondern als ein Prozess, als ein ständiger Kampf.

In der Diskussion um Entfremdung hat Marx die Bedeutung hervorgehoben, Entfremdung im Sinn einer Tätigkeit zu verstehen. Es handelt sich um die Entfremdung der Arbeit, der praktischen menschlichen Tätigkeit, die den Schlüssel für das Verständnis der anderen Aspekte des Konzepts Entfremdung, etwa des Aspekts des Privateigentums, liefert. In den letzten Zeilen des Abschnitts »Die entfremdete Arbeit« aus den »Ökonomisch-philosophischen Manuskripten« von 1844 stellt Marx die Bedeutung der Entfremdung für den Arbeiter der für den Nichtarbeiter (den Kapitalisten) gegenüber: »Zunächst ist zu bemerken, dass alles, was beim Arbeiter als Tätigkeit der Entäußerung, der Entfremdung, bei dem Nichtarbeiter als Zustand der Entäußerung, der Entfremdung, erscheint.« Dies verweist auf den Gegensatz zwischen der Perspektive des Nichtarbeiters oder Kapitalisten, für den Entfremdung einen Zustand darstellt, und der Perspektive des Arbeiters, für den Entfremdung eine Tätigkeit ist, einen Prozess bildet.

Wenn nun Entfremdung als eine Tätigkeit aufzufassen ist, dann impliziert dies, dass der Arbeiter oder die Arbeiterin ständig damit beschäftigt ist, seine oder ihre eigene Entfremdung zu produzieren. Es ist die Tätigkeit (oder das Tun) des Arbeiters oder der Arbeiterin selbst, die sein oder ihr Leiden (seine oder ihre Passivität) produziert. Es ist die Kraft des Arbeiters oder der Arbeiterin, die seine oder ihre Ohnmacht produziert. Es ist der Arbeiter selbst, der das Privateigentum und damit das Kapital produziert. »Wie er seine eigene Produktion zu seiner Entwirklichung, zu seiner Strafe, wie er sein eigenes Produkt zu dem Verlust, zu einem ihm nicht gehörigen Produkt, so erzeugt er die Herrschaft dessen, der nicht produziert, auf die Produktion und auf das Produkt.« Davon ausgehend, lassen sich zwei zentrale Punkte formulieren. Erstens, das Kapital ist abhängig von der Arbeit. Die Existenz des Kapitals ist abhängig von der tagtäglich wiederholten, entfremdenden Tätigkeit des Arbeiters, von der Entfremdung der Lohnarbeit. Zweitens, wenn diese Entfremdung nicht als ein Zustand, sondern als Tätigkeit verstanden wird, bedeutet dies, dass sie nicht vorherbestimmt ist. Tätigkeit bedeutet Ungewissheit, die Möglichkeit des Scheiterns und der Offenheit. Entfremdung, verstanden als Tätigkeit, ist immer umstritten. Die Existenz des Kapitals ist folglich abhängig von der Entfremdung der Arbeit. Anders ausgedrückt, Entfremdung ist der Kampf des Kapitals ums Überleben, der Kampf des Kapitals um die Unterordnung der Arbeit, der alltägliche Kampf, den das Kapital zur Überwindung seiner Abhängigkeit von der Arbeit, zur Umwandlung unseres Tuns in Leiden, unserer Aktivität in Passivität, unserer Kraft in Ohnmacht führt. Entfremdung ist Klassenkampf, der Kampf des Kapitals, um unsere Macht, die Macht der Arbeit anzueignen; ebenso wie die entfremdeten (oder fetischisierten) Formen, die Marx im Kapital analysiert (Wert, Geld usw.), Formen dieses Kampfs sind. Entfremdung ist der Kampf des Kapitals um die Macht. Entfremdung ist nicht ein Aspekt des Klassenkampfs: es ist der Kampf des Kapitals um seine Existenz.


IV.

Entfremdung auf diese Art zu verstehen, impliziert einen völligen Perspektivenwechsel. Wenn Entfremdung als Zustand aufgefasst wird, dann ist die Frage, wie sie beseitigt werden kann, von geringer Bedeutung, eine Sache der Zukunft. Dann kann der gegenwärtige Kampf verstanden werden als ein Mittel, den Endzustand der Überwindung der Entfremdung zu erlangen, als ein Mittel, das von diesem Endzustand getrennt werden kann.

Wenn andererseits Entfremdung als gegenwärtiger Kampf verstanden wird, dann ist die Frage der Überwindung der Entfremdung (was die Zapatisten eleganter »Würde« nennen) die Frage, wie wir heute leben und kämpfen. Wenn die Reproduktion des Kapitals von dem Kampf um Entfremdung abhängig ist, dann ist unser Kampf, der Kampf der Arbeit gegen das Kapital, ein Kampf um die Überwindung der Entfremdung. Diese Überwindung ist nichts Zukünftiges, ist weder ein postrevolutionärer Zustand, noch ist es das Privileg von Erleuchteten, eben jener wenigen, die emanzipiert sind. Im Gegenteil, die Überwindung der Entfremdung ist hier und jetzt, in unserer Existenz als aufsässige Arbeit, in unserer Existenz nicht nur als lebendiger Teil des Kapitals, sondern gegen das Kapital. Die Überwindung der Entfremdung ist die unaufhörliche Rebellion der Aktivität gegen die Passivität, des Tuns gegen das Leiden.


»A note on alienation« erschien in Historical Materialism (1/1998). Aus dem Englischen von Jost Müller. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

John Holloway, britischer Sozialwissenschaftler, lehrt an der Universidad Autonoma de Puebla, Mexico. Er ist Herausgeber von Dignity's Revolt. Reflections on the Zapatista Uprising, London 1998.



Jungle World, Bergmannstraße 68, 10961 Berlin, Germany
Tel. ++ 49-30-61 28 27 31
Fax ++ 49-30-61 8 20 55
E-Mail: redaktion@jungle-world.com