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Nr. 32/2001 - 01. August 2001
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Neue Berliner Linie

Gibt es überhaupt noch ein Berlin ohne die Love Parade? Und umgekehrt: Ist das größte Techno-Spektakel der Welt ohne Berlin denkbar? Kaum ist die 13. Parade beendet, sind sich Veranstalter und Berliner Politiker überraschend einig: Es geht nicht anders. Berlin braucht die Love Parade und die Love Parade braucht Berlin.

Zumindest die erste Aussage ist einleuchtend. Die Love Parade ist für die Hauptstadt zur Einnahmequelle geworden. Der Raver-Tourismus an einem Wochenende pro Jahr ist ein lohnendes Geschäft, das allerdings in diesem Jahr durch das Verbot der Parade als politische Demonstration negativ beeinträchtigt wurde. Immerhin 50 Millionen Mark Einnahmen sollen der Stadt durch die Verschiebung des Termins um eine Woche entgangen sein. Das Geld hätte freilich wenig zur Deckung der Milliarden-Lücke im Hauptstadt-Haushalt genutzt, doch verzichten will man auf solche Summen nur ungern - verständlicherweise.

Deswegen hat man sich in Berlin einen Kompromiss ausgedacht. Die Love Parade soll in den offiziellen Kalender der Stadt aufgenommen werden. Der regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) will die Verhandlungen mit den Techno-Stars führen und noch vor den Wahlen einen Erfolg vorweisen. Für die Müllbeseitigung sollen die Veranstalter dann trotzdem aufkommen, und der Status einer politischen Demonstration wird der Parade nach wie vor entzogen bleiben. Eigentlich hat der Deal nur einen Vorteil für den Paraden-Erfinder Dr. Motte und seine Kollegen: Der Termin würde bereits vorher festgelegt, Querelen wie in diesem Jahr blieben aus.

Doch damit ginge das Interessanteste an der Love Parade verloren, nämlich die Frage, wie politisch ist eigentlich Musik? Die Meinung der Berliner Verwaltung dazu ist hinlänglich bekannt und von Verwaltungsrichtern und gar dem Bundesverfassungsgericht bestätigt worden: Ohne Redebeiträge keine Demo, ohne Transparente keine politische Aussage. In der Tat gibt es Aufregenderes als dem wirren Geschwafel eines Dr. Motte zu lauschen, trotzdem ist es nicht weniger unpolitisch als das Wahlkampfprogramm der PDS.

Was den Veranstaltern der Love Parade egal sein kann, denn das wirtschaftliche Interesse des Senates wird ihnen eine Zukunft garantieren und die Kosten für die Müllbeseitigung sind nur noch halb so wild, wenn man sie von Beginn an einkalkuliert.

Bei anderen Events in der Hauptstadt wird es hingegen Probleme geben. So steht die Fuckparade als kommerziell unattraktive Gegenveranstaltung vor dem Aus. Schon in diesem Jahr blieb dort das Abspielen von Musik grundsätzlich untersagt.

Erlaubt ist nur, was erstens keinen Spaß und zweitens keinen Lärm macht. Auch andere Demonstrationen werden in Zukunft wohl mit der neuen Berliner Linie des musikalischen Verzichts konfrontiert werden, es sei denn sie haben eine touristische Bedeutung aufzuweisen wie die Love Parade.

mathias lembke



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