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Nr. 31/2001 - 25. Juli 2001
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Libération über die Tour de France

Ajatollahs unterwegs

So ist eben Sport: Da springt ein Mann über 2,40 Meter hoch und unsereins bleibt nur, sich neben den Türrahmen zu stellen und ungefähr zu zeigen, wie hoch denn 2,40 Meter sind.

Oder, ein wenig aktueller, da quält sich eine Kolonne von etlichen Radprofis über 200 Kilometer an der Meeresküste entlang, bekommt in jeder Kurve den Wind frontal oder kollateral ab, und am Ende des Tages steht eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 48 Stundenkilometern. 48 km/h!

Unsereins verweist gerne auf den elf Mark teuren Radcomputer, der bei Rückenwind und Abfahrt schon 37 Stundenkilometer angezeigt hat. Dann weiß man auch, welche Fähigkeiten die Fahrer der Tour-de-France besitzen. Der Vergleich zwischen dem bisschen, was unserseins zustande bringt, und dem schier Unglaublichen, das von den großen Sportlern erreicht wird, macht die Magie des Sports aus. Das gilt nicht für alle, aber doch für die mehrheitliche Wahrnehmung von Sport.

In Frankreich etwa versorgt die Fachzeitung L'Equipe täglich die Sportinteressierten mit allen Meldungen, die Tour betreffend. Nun ist L'Equipe aber auch Veranstalter der Tour, und so sind die Informationen, die über das Radsportereignis gegeben werden, nicht unbedingt neutral oder gar kritisch.

Das ist natürlich immer noch besser als die hierzulande führende Sportzeitung - Bild ist gemeint -, die den bei L'Equipe für Analysen frei gehaltenen Platz an Rudolf Scharping vergeben hat. Aber störend ist die Interessenverquickung von L'Equipe schon. Dafür gibt es aber in liberalen und offenen Gesellschaften, zu denen Frankreich ja eher zählt als Deutschland, die Linke und ihre Presse. Könnte man zumindest meinen.

Der linke Part wird, zumindest was die Tour de France angeht, von Libération übernommen. Die bemüht sich aber um etwas, was hiesigen Zeitungslesern die Lektüre des Sportteils etwa der Berliner Zeitung so schwer macht. Alles, was bei der Tour de France stattfindet, hat als Beleg herzuhalten, warum der Mythos zerstört wird, warum früher alles besser war und heute die Gedopten und ihre Apotheker dominieren. Dass dem auch etwas Xenophobes anhängt, weil halt kein Bernhard Hinault mehr vorne fährt, und auch der große Fahrer Laurent Jalabert spätestens seit Samstag nichts mehr zu sagen hat, liegt nahe. Libération würde den Verdacht gewiss zurückweisen, aber nahe liegt er dennoch.

Die Neue Zürcher Zeitung, großbürgerlich zwar, aber immerhin und dankenswerterweise unaufgeregt in der Berichterstattung, schrieb jüngst von den »Tour-Ayatollahs der linksliberalen Libération«.

Der Vergleich passt völlig, schließlich pflegen sich Ajatollahs unter anderem dadurch auszuzeichnen, dass sie die Realitätswahrnehmung der Menschen steuern und vorgeben wollen. Gilt Libération etwa der Umstand, dass da einer über 2,40 Meter springt oder weit über 200 Kilometer mit einem Schnitt knapp unter 50 fährt, einzig als Beweis, dass die, die das tun, keine Menschen mehr sind, so nehmen andere sie als Helden wahr, als menschliche Helden.

martin krauss



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