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Nr. 31/2001 - 25. Juli 2001
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Popp, popp, popp, popp!

Der Ex-Frauen- und Ex-Fußballsender TM3 wird von der Ex-MTV-Chefin zum künftigen Ex-Mitmachsender renoviert. Nachts heißt es Hühnerficken. von benjamin schiffner

Wenn Christiane zu Salm-Salm (34) morgens vor dem Badezimmerspiegel steht, die Zähne geputzt, das blonde Haar frisch gestriegelt hat, gilt es, eine knifflige Entscheidung zu treffen: Reicht für heute ein normaler Tag? Wie viele Termine stehen eigentlich an, wie viele Meetings, wie viele Telefonkonferenzen, wie viele Geschäftsessen, wie viele Interviews, wie viele Stehempfänge sind anberaumt? Was, so viele? Kommt sie da tatsächlich mit einem ganz normalen Tag über die Runden? Oder braucht sie nicht vielleicht doch einen starken, möglicherweise sogar einen extra starken Tag? Einen, wo mehr reingeht? Keine leichte Entscheidung!

Meistens reicht dann allerdings ein normaler Tag aus, denn, so verriet Salm-Salm der ICE-Tiefdruckbeilage Mobil bezüglich ihrer Termineffizienz: »Man kriegt in einen normalen Tag viel mehr rein, als man denkt.« Man muss nur wollen. Und wenn der Tag mal ums Verrecken nicht reicht, macht es auch nichts. Ein Griff unters Waschbecken genügt, da liegt die Packung mit den extra starken Tagen, gleich neben den Einlagen. Die gibt es schließlich auch in verschiedenen Ausführungen, eben für normale und für starke Tage, und da hat sie diese überaus pfiffige Idee ja wohl auch her.

In letzter Zeit hat Frau zu Salm-Salm vermutlich öfter mal unters Waschbecken greifen müssen, denn es gibt viel zu tun. Gerade noch hat sie den angeschlagenen Kinderumerziehungssender MTV durch gezielte Einführung von Meetings, Telefonkonferenzen, Geschäftsessen, Interviews und Stehempfängen auf Vordermann gebracht und dafür von der Musikindustrie den Echo als »Medienfrau 2001« angepappt gekriegt, da stürzt sie sich auch schon auf die nächste Herausforderung. Seit dem 1. März ist sie Chefin des ehemaligen Frauen-, dann ehemaligen Fußball-, vermutlich bald ehemaligen Fernsehsenders TM3, denn, so Salm-Salm gegenüber Spiegel online: »Ich war schon in der Schule der Klassenclown.« Oder anders ausgedrückt: »Das Schöne ist doch, dass es bei TM3 nichts mehr zu verlieren gibt.«

Wahr gesprochen. Beim Blick ins TM3-Programm greift einen denn auch der allgemeine Niedergang mit ungekannter Macht an. Die Sendungen heißen hier »wow tv«, »time out!«, »people«, »Flash!«, »Greif an!«, »Urlaubsglück«, »Singles 2000«, »paradies« und »Vorher-Nachher-Show« und gehen, bei Lichte betrachtet, eigentlich auch in keinen normalen Tag rein. Jedenfalls und sicherlich nicht ohne bleibende Schäden für den Tag; ein Umstand, der auch durch stupide tagtägliche Wiederholung des Sendeschemas kaum gemildert wird, nein, das kann man wirklich nicht sagen. Doch nun soll ja dank Salm-Salm alles ganz anders werden. Zur Ausstrahlung, so die Medienfrau anlässlich ihrer Machtergreifung, komme nunmehr nur noch, »was der Markt eigentlich will«, und der will ja eigentlich immer nur das Beste. Zur Zeit will der Markt gerade, dass Salm-Salm in TM3 ihre Vision vom »Mitmach-Fernsehen« verwirklicht, und das ist bei Einschaltquoten bis 0,4 Prozent ja auch wirklich bitter nötig: dass mal jemand mitmacht.

Das nennt man wohl effizientes Outsourcing. »Der Empfänger, also der Zuschauer, soll zum Sender werden, der Sender, das Medium Fernsehen, zum Empfänger.« Im Klartext: Der Zuschauer soll sein Programm selbst machen und auch noch dafür bezahlen. Qua »Rückbesinnung auf die alte Tante TV« im Verein »mit dem Instrument, das von je her in jedem Haushalt steht, dem Telefon«, will TM3 die erhofften Markanteile bei einer mitmach- und telefonierfreudigen Zielgruppe einheimsen. Nochmal Salm-Salm: »TM3 will nichts anderes, als das Gegenstück zur Freizeit-Revue im Fernsehen zu sein.« Tatsächlich ein ehrgeiziges Unterfangen.

Nun wird aber - warum eigentlich nicht? - niemand erwartet haben, dass binnen der letzten 120 Tage das komplette Programm der versprochenen Verschnarchung unterzogen wurde; das schafft selbst Salm-Salm nicht, auch nicht in 120 extra starken Tagen. Es ist also weitgehend alles beim Alten geblieben, doch immerhin sind zwei neue Sendungen tatsächlich hinzugekommen. Zum einen wurde - von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt - das »Polit-Magazin« (Salm-Salm) »News nach Neun« auf dem Sendeplatz um 21 Uhr installiert, in dem nicht nur - mal was anderes - »provokante Themen gesetzt«, sondern vor allem auch »Schlagzeilen vom Tag von Studiokandidaten diskutiert« werden. Wobei »die Fernseh-Zuschauer denjenigen mit der unfundiertesten Meinung rauswählen« dürfen - gewiss ein wertvoller Beitrag zur politischen Meinungsbildung.

Zum anderen fällt eine seit Mitte Juli jede Nacht ab null Uhr unter dem Titel »La Notte« - es muss in der Programmredaktion einen Antonioni-Fan geben, dem es vor gar nichts mehr graust - stattfindende Kuschel-Spiele-Sammlung auf. »Ausgerechnet der ehemalige Frauensender«, so Bild am Sonntag, komme nun mit einem »Erotikkonzept, das stark an die Balder-Show« - nämlich: »Tutti-Frutti«, Ende der Achtziger untrügliches Anzeichen für den unmittelbar bevorstehenden Untergang des Abendlandes - erinnere: »Wenn ein Anrufer auf die richtige Zahl setzt, verschwindet die Scheibe vor der Brust des Mädchens. Schafft er das sechsmal hintereinander, und alle drei Frauen sind nackt, gewinnt er eine Million Mark.«

Schalten wir den Fernseher ein. Da erscheint Alida Kurras, die aus guten Gründen erst als Allerletzte aus dem zweiten »Big Brother«-Container entlassen wurde. Sie darf die üblichen Homestrip-Videos ankündigen und drohen, nach Ansicht der Filmchen werde sie eine »inhaltliche Frage« an die TM3-Zuschauer - und das heißt immer auch: -Anrufer - richten. »Passt also auch auf, was die sagen, nicht nur, was die machen und wie die aussehen.« Die Frage lautet anschließend: »Welche Haarfarbe hat Tina? Und zwar geht es doch ums Aussehen!« Huch! Der Anrufer weiß aber alles richtig - »blond«-, obwohl er gar nicht richtig zugehört hat.

Der Verdacht liegt nun nahe, Christiane zu Salm-Salm habe bei der Austüftelung solcher Spielchen hauptsächlich ein männliches Publikum im Fadenkreuz und hier wiederum einen ganz speziellen Mitmach-Reflex im Sinn gehabt. Schließlich gibt es neben dem Telefon traditionell noch ein weiteres »Instrument, das von je her in jedem Haushalt« - zumindest in jedem gutgeführten Herrenhaushalt - »steht«.

Doch schon beim nächsten Spiel ruft eine Frau an. Jetzt gilt es, einen computeranimierten Comic-Hahn über einen Hühnerhof und mittels der bekannten »Rechts! Links!«-Kommandos auf die Hühner draufzuscheuchen. Ist der Hühnerficker dann in Position gebracht, schreitet er auf Zuruf zur Tat. »Popp, popp, popp, popp, popp!« kreischt die Anruferin wie beseelt, und der so Befeuerte tut, wie ihm geheißen. Den beglückten Hühnern fallen vor Fickfreude gleich die Augen raus, und auch die Brüste schwellen bedenklich. Am rechten oberen Bildschirmrand zeigt eine Reihe grinsender Kondome den Punktestand an. Abendland: 0, Untergang: 1. »Na dann tschüss!«, flötet die Moderatorin mit aller ihr zur Verfügung stehenden brachialen Zweideutigkeit. »Und macht nichts, was ich nicht auch machen würde!«

Ganz bestimmt nicht. Wer hier anruft - und das heißt immer auch: zuschaut - macht schon lange keine schlimmen Sachen mehr. Die hat das Fernsehen ihm nämlich gründlich ausgetrieben. Das Nachtprogramm von TM3 ist nur vorläufiger End- und Höhepunkt. Erwachsene Menschen scheuchen unter infantilem Geschrei virtuelles Federvieh auf- und ineinander, statt sich gegenseitig flachzulegen.



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