Triumph der Willigen
Leni Riefenstahl ist tot. Pardon: Beate Uhse ist tot. Die zweite große Frau des deutschen Films starb am vergangenen Montag 81jährig in einer Schweizer Klinik an einer Lungenentzündung. Zuvor hatte sie die Geschicke der deutschen Nation an entscheidenden Punkten mitgeprägt. Als 24jährige überführte sie im Rang eines Hauptmanns der Luftwaffe Sturzkampfbomber an die Ostfront. 1945 floh sie mit einer gekaperten Me-109 nach Westdeutschland und eröffnete wenig später - der Kontinuität von Ordnung und Sauberkeit verpflichtet - ihr »Fachgeschäft für Ehehygiene« als Versandhaus.
Neben dem Kerngeschäft Kondome kamen bald schon andere Utensilien wie Reizwäsche, Dildos und Printmaterialien hinzu, so dass Riefenstahl, pardon: Uhse 1971 den ersten stationären Sexshop eröffnen konnte. Später kamen Filme und Videos hinzu, die Einführung von Einzelvideokabinen in jeder deutschen Großstadt ist maßgeblicher Verdienst von Riefenstahl, pardon: Uhse. Ebenso wie der Mauerfall 1989, denn mehr als Moonwashed-Jeans und Bananen begehrten die Ostdeutschen das Anschauungsmaterial des kapitalistischen Sexus. Die anschließende Wiedervereinigung darf als endgültiger Triumph der Willigen gelten.
Auch die New Economy hat Riefenstahl, pardon: Uhse nach Deutschland gebracht: Im Mai 1999 geht die Firma an die Börse und www.leni-riefenstahl.com, pardon: www.beate-uhse.com ist bis heute eine der wenigen Sites, die mit dem Internet tatsächlich Geld verdienen. Daran hatte die Gründerin gegen Ende aber keinen großen Anteil mehr. Wie die andere große Frau des Deutschen Films, Beate Uhse, pardon: Leni Riefenstahl, wendete sie sich gegen Ende ihres Lebens dem Tauchen zu. Mehr als erigierte Körper in Stadien faszinierte sie zum Schluss die verschwiegene Erhabenheit der Unterwasserbewohner. Leni Riefenstahl ist tot, Beate Uhse aber lebt weiter.
Alles kracht zusammen
Weniger Raver, aber mehr als von den Veranstaltern erwartet, nur 800 000 Techno-Fans statt wie im Vorjahr 1,3 Millionen, aber genauso viel Spaß bei weniger Müll - seien wir mal ehrlich: Die Love Parade schwächelt. Von einem Besuchertief war gar die Rede. Woran mag es gelegen haben? Für jeden Kenner der Berliner Szene ist klar: Der Niedergang der Love Parade hat mit dem Niedergang des Neuen Berlin zu tun. Die korruptionsgeschwängerte Party-Metropole mit ihrem labenden Subventionsregen, wie man sie unter Eberhard Diepgen kannte, ist am Ende. Spaß beiseite, nun kommt der neue Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit mitsamt seinen asketischen Grünen und den Ordo-Sozialisten von der PDS. Die Party der Neunziger ist vorbei, die Blusen und Hemden werden wieder angezogen, die Hauptstadt wird zu Mannheim oder Koblenz und das war's dann. Oder war nur das Ecstasy schlecht? War alles nur Halluzination? Dr. Motte steht an der Siegessäule und verkündet den Love Planet? Eine Milliarde Raver am Brandenburger Tor? Who knows if you don't know. Bumm-bumm-bumm ...
Licht aus
Die Kanzler-Gattin der Herzen, Hannelore Kohl, ist tot, und viel Schmutz wurde seitdem über sie erzählt. Die Welt am Sonntag veröffentlichte nun Auszüge aus den Abschiedsbriefen der »Frau im Schatten« (Spiegel). »Ich danke Dir für ein Leben mit Dir und an Deiner Seite - voller Ereignisse, Liebe, Glück und Zufriedenheit. Ich liebe Dich und bewundere Deine Kraft. Möge sie Dir erhalten bleiben«, schrieb Hannelore an Helmut. Selbst in den schweren Zeiten der CDU-Spendenaffäre hielt sie zu ihrem Gatten: »Wir haben den Zweiten Weltkrieg überstanden, wir werden auch diese Krise meistern«. Und über ihr schreckliches Schicksal berichtete sie: »Ich habe über viele Jahre um Licht und Sonne gekämpft - leider vergebens.« So trauern auch wir, und der Letzte macht das Licht aus.
Skandal fehlgeschlagen
»Dieses Bild wird Ärger machen«, hatte die Welt schon im Vorfeld angekündigt. Auf Großplakaten steht derzeit in deutschen Innenstädten vor friedlicher Bergwaldkulisse, was a) eh viele denken, b) erkennbar als Provokation angelegt ist und c) in anderem Kontext eine strafbare Aussage wäre: »Den Holocaust hat es nie gegeben.« Erst aus der Nähe werden Zweck und intendierte Botschaft erkennbar: »Es gibt immer noch viele, die das denken. In zwanzig Jahren werden es noch mehr sein. Spenden sie deshalb für das Denkmal für die ermordeten Juden Europas.« Absender ist der Förderkreis um Lea Rosh, ausgebrütet haben das Motiv die Agenturen TBWA, Im Stall und Zufallsproduktion. Dass der Skandal mittels Tabubruch intendiert war, ist klar. Dass er stattfindet, nicht. Der annoncierte Ärger bleibt bislang aus, dafür gibt es ratloses Kopfschütteln allenthalben. Die FAZ kommentierte lapidar mit »Dümmer geht's nimmer«. Brigitte Werneburg bemängelte in der taz lediglich, dass die Motivwahl in der Tat nach Zufallsproduktion aussehe: Das Zitat »käme gut über einer Büroszene oder einer Schlange Wartender an einer Supermarktkasse«. Darüber, immerhin, kann man streiten.
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