Die Geschichte einer chilenischen Nacht
66 Verletzte - das ist die offizielle Bilanz einer »Hausdurchsuchung« der italienischen Polizei in der Nacht auf Sonntag. von wibke bergemann, genua
Dialog mit Todesfolge: Beim G 8-Gipfel in Genua gaben sich die Regierungschefs sozial und gesprächsbereit. Doch auf den Straßen der Stadt prügelte die Polizei auch auf ihre Dialogpartner unter den NGO ein. Ein Demonstrant wurde erschossen, zahlreiche Festgenommene wurden misshandelt. Nach dem Ende der Proteste überfiel die Polizei dann noch das Zentrum des Genoa Social Forum.
Am Tag danach bietet sich in der Schule Diaz ein furchtbares Bild. Zertrümmerte Computer, eingeschlagene Fenster und Türen. Und vor allem überall Blutflecken - auf dem Boden, an den Wänden, an einer Heizung. Zwischen Papierfetzen liegen benutzte Mullbinden. Auf dem Flur im zweiten Stock sind angetrocknete Blutlachen auf dem Boden, links und rechts in regelmäßigen Abständen. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wo die Verletzten lagen. In einer der Lachen liegt ein Zahn. Er ist nicht abgebrochen, sondern mitsamt der Wurzel ausgeschlagen.
Die Polizisten in Kampfmontur stürmten am Samstag gegen Mitternacht das Gebäude und wüteten darin fast zwei Stunden lang. Ungefähr hundert Demonstranten, viele davon aus dem Ausland, aber auch Aktivisten des Genoa Social Forum (GSF) und Medienaktivisten befanden sich in der Schule, um hier nach den Demonstrationen zu schlafen. Zunächst war es ihnen gelungen, sich in der Schule zu verbarrikadieren. Als die Polizei das Portal aufbrach, ergaben sich die Demonstranten sofort und legten sich, wie von den Beamten befohlen, auf den Boden. Umsonst. Wie Augenzeugen berichten, prügelte die Polizei mit Schlagstöcken ohne Unterschied auf die Anwesenden ein. Selbst wer schon auf dem Boden lag, wurde weiter geprügelt und getreten. Für die »Hausdurchsuchung« gab es keinerlei Anweisung eines Staatsanwalts.
Nach Polizeiangaben wurden bei dem Überfall zwei Molotow-Cocktails und einige Metallstangen sichergestellt. Eine Frau berichtet jedoch, dass die Beamten durch das Gebäude liefen und mit ihren Schlagstöcken einfach alles kurz und klein schlugen. Es sollte so aussehen, als ob die hier Schlafenden Widerstand geleistet hätten. Dabei hätten ihrer Ansicht nach die Polizisten aber nicht zielstrebig irgendetwas gesucht.
Während der Aktion ließen die Beamten niemanden in das Gebäude. Ein Anwalt des GSF, der sich erkundigen wollte, was in der Schule geschah, wurde für einige Stunden festgenommen. Nicht einmal die Sanitäter des GSF durften sich um die vielen Verletzten im Gebäude kümmern.
Gegen zwei Uhr in der Nacht begann die Polizei, die Demonstranten abzuführen, mit den Händen auf dem Kopf. Viele der Globalisierungsgegner, die in der Schule untergebracht waren, wurden jedoch auf Tragen von Sanitätern herausgebracht, manche noch in dem Schlafsack, in dem siemit Prügeln geweckt worden waren. 66 Verletzte - das ist die offizielle Bilanz.
Viele von ihnen wurden mit Knochenbrüchen und blutenden Verletzungen ins Krankenhaus gebracht. Nach der Behandlung sind jedoch auch die Verletzten in die Militärkaserne Bolzanetto geschafft worden. Die Polizei ließ niemanden in der Schule zurück, als sie gegen drei Uhr endlich wieder abrückte. Lediglich zwei Aktivisten war es gelungen, in den Garten hinter der Schule zu fliehen und sich dort zu verstecken. Von dort hörten sie die Schläge, die Schreie und schließlich nur noch das Stöhnen der anderen in der Schule.
Auch von der gegenüberliegenden Straßenseite wurde das Geschehen in der Schule nach Möglichkeit verfolgt - mit Entsetzen. Hier befanden sich seit einer Woche das unabhängige Mediencenter, eine provisorische Krankenstation und die Rechtshilfe des GSF. Auch dieses Gebäude wurde von der Polizei gestürmt.
Dabei waren allerdings auch die Europa-Abgeordnete Luisa Morganti sowie der Abgeordnete Ramon Mantovani von Rifondazione comunista zugegen. Dieser wurde durch einen Schlag mit einem Polizeiknüppel verletzt. Möglicherweise wollten die Beamten auch in diesem Gebäude herumknüppeln, ließen sich jedoch durch die Anwesenheit der Parlamentarier abhalten. So mussten alle sich lediglich für ungefähr eine Stunde auf den Boden setzen, während die Polizei das Gebäude durchsuchte.
Fündig wurde sie im Büro der Anwälte, die das GSF betreuen. Festplatten und Disketten wurden konfisziert und sämtliche Dokumente mitgenommen: die Liste der für das GSF arbeitenden Anwälte, Augenzeugenberichte von Demonstranten, darunter die Berichte der Verletzten, die bereits am Freitag aus den Krankenhäusern verschleppt worden waren, sowie alle Anzeigen von misshandelten Globalisierungskritikern.
Die offizielle Erklärung für die Attacke, in der Schule Diaz hätten sich einige aus dem so genannten Black Block aufgehalten, glaubt niemand der Betroffenen. Einige Medienaktivisten meinen, dass sich der Angriff vor allem gegen die Büros der unabhängigen Berichterstattung richtete. Luca Casarini, der Sprecher der Tute Bianche, erklärt, dass die Polizei auf der Suche nach Videos war, auf denen zu sehen ist, wie Carabinieri, die als Autonome verkleidet sind, aus einer Kaserne kommen.
»Mit dieser Bluttat hat die neue Regierung ihre Visitenkarte abgegeben«, sagt der Sprecher des GSF, Vittorio Angnoletto, auf einer Pressekonferenz, »eine Regierung, die demokratische Regeln und Institutionen einfach ausradiert«. Agnoletto spricht vielen der anwesenden Aktivisten aus dem Herzen, wenn er sagt: »Dies ist eine Operation wie in Chile unter Pinochet.« Und: »Nach dieser Nacht kann sich niemand mehr in diesem Land sicher fühlen.«
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