Schuld und Sühne
Die Messen der polnischen Bischöfe sind gesungen. Mit einem großen öffentlichen Gebet hat das polnische Episkopat Anfang Juni in Warschau seinen »tiefen Schmerz« über die Ermordung der jüdischen Bevölkerung Jedwabnes im Jahre 1941 ausgedrückt und um Verzeihung gebeten. Dies ist umso bemerkenswerter, als die honorige polnische Geistlichkeit unter Obhut des Oberprimas Jozef Glemp erstmals anerkannt hat, dass »Polen und Katholiken« an den Verbrechen in Jedwabne und Umgebung beteiligt waren.
Wer glaubt, dass solch große Gesten Ausdruck eines Eingeständnisses des Antisemitismus der polnischen katholischen Kirche sind, ist weit entfernt von der Realität. Die polnischen Oberhirten entschuldigten sich nicht etwa bei der jüdischen Gemeinde für die »Sünden« ihrer Landsleute, sondern geradewegs bei Gott.
Im Vorfeld des Gottesdienstes hatte Oberprimas Glemp gefordert, dass sich auch die Juden für die von »kommunistischen Funktionären jüdischer Herkunft an Polen begangenen Verbrechen« entschuldigen sollten. Mit seinen Äußerungen spricht Glemp großen Teilen der polnischen Gesellschaft aus der Seele.
Hinter diesen Bemühungen steckt der Versuch, den identitätsstiftenden polnischen Mythos von der nationalen Unschuld und der schicksalhaften Opferrolle des polnischen Volkes zu bewahren. Bezeichnend ist u.a. die lautstarke Zurückweisung des Vorwurfes der Kollaboration mit den Deutschen, den Gross überhaupt nicht erhoben hat. Der Reinhaltung des nationalen Gewissens dient auch der Hinweis, dass die Polen Opfer des NS waren und heroischen Widerstand leisteten.
Auch wenn bei weitem nicht alle Äußerungen derart schuldabweisend ausfallen, so offenbaren doch die meisten der öffentlichen Statements, dass man dem Phänomen Jedwabne nicht gerecht wird. Dazu wäre eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte nötig. Verhindert wird sie aber durch die immer noch fast ungebrochene Wirkungskraft eines nationalen und religiösen Bewusstseins, das zwischen katholischen Polen und den »Fremden« unterscheidet und mit nationalen und antisemitischen Stereotypen verknüpft ist.
Ein weiteres Hindernis bildet das Denken in christlichen Moralkategorien wie Schuld, Sühne und Vergebung. Die Erklärungen für die Morde in Jedwabne und anderswo werden nur selten in gesellschaftlichen und psychologischen Strukturen und in antisemitischen Motiven gesucht, sondern finden sich oft in der »schwachen Natur« des Menschen oder einfach in der »Anwesenheit des Teufels in Jedwabne«.
Dem entspricht auch die geplante Inschrift des neuen Gedenksteins, der am 10. Juli in Jedwabne aufgestellt wurde. Auf ihm wird zwar der ermordeten jüdischen Bevölkerung gedacht, die polnischen Täter werden nicht erwähnt. Dagegen fand sich die kryptisch formulierte Mahnung an die Nachkommen, dass »der vom deutschen Nazismus entfachte Hass sich nie wieder gegen die Bewohner dieser Gegend richte«.
Nach Protesten jüdischer Organisationen und einiger polnischer Politiker und Intellektueller ist dieser Satz wieder gestrichen worden. Dass er aber ursprünglich auf dem Stein seinen Platz finden sollte und dass auch in der neuen Fassung die polnischen Täter unerwähnt bleiben, kann als typisch für den bisherigen Verlauf der Diskussion gelten.
christian meier
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