Neue Mastertheorie ist da!
Das muss die Globalisierung sein. Vorgestern noch bei uns in den Subtropen, jetzt in der New York Times: Die neue Mastertheorie ist da! »Sie erscheint einmal pro Dekade, meistens ohne großes Aufsehen zu erregen. Aber bald ist sie überall: Sie dominiert Konferenzen, hallt durch Seminarräume, überschwemmt Zeitschriften. (...) In den Sechzigern waren es Lévi-Strauss und der Strukturalismus. In den Siebzigern und Achtzigern waren es Jacques Derrida und die Dekonstruktion, Michel Foucault und der Poststrukturalismus und Jaques Lacan und die Psychoanalyse, gefolgt von verschiedenen Theoretikern des Postkolonialismus und des new historicism.«
Und nun ist es »Empire« von Antonio Negri und Michael Hardt. Das Buch sende »Schauer der Erregung über die Universitätsgelände von Sao Paulo bis Tokio«. Es sei »definitely hot«, wird etwa Xudong Zhang zitiert, Professor für Vergleichende Literatur und Ostasiatische Studien an der New York University.
Kopierschutz gegen Krise
Wenige Spektakel sind so erbärmlich anzusehen wie Erklärungsversuche von Kulturindustrie-Vertretern, warum ihre Umsätze nicht mehr stimmen. Vor zwei Jahren glaubte die Musikindustrie noch, sich auf dem Weg zur ewigen Jugend und Glückseligkeit zu befinden, vergangenes Jahr machte man mächtig in Internet und schmiss Geld aus dem Fenster, dass es eine Freude war - und jetzt scheint nichts mehr zu gehen. Schuld an dem Umsatzseinbruch soll erstaunlicherweise nicht mehr die Online-Piraterie sein. Wie auch, wo Napster doch gerade in einen kostenpflichtigen Service umgebaut wird. Schuld sind alle anderen: die Trendsportarten, das Kino, die Handys und die CD-Brennerei. Dem will die Musikindustrie nun begegnen. Die größte Independent-Plattenfirma der Welt, Zomba, vor nicht allzu langer Zeit noch unter dem Namen Rough Trade geführt, hat bekannt gegeben, nur noch CDs auszuliefern, die mit einem Kopierschutz ausgestattet sind. Dieser soll verhindern, dass man die CDs in Computern laufen lassen und sie so brennen kann. Die meisten anderen Plattenfirmen haben angekündigt, dem Beispiel Zombas folgen zu wollen.
HipHop jetzt öffentlich-rechtlich
Eigentlich kündigen wir an dieser Stelle ja nichts an. Doch diese Ausnahme sei uns erlaubt: In Erinnerung an den grandiosen Tatort vor zwei Jahren, der auf der Love Parade spielte - rücksichtslose Dealer bringen zehntausende von Ecstasy-Pillen, die mit gefährlichem Gift versetzt sind, unters Volk - freuen wir uns auf den ersten HipHop-Tatort, der unter dem Titel »Fette Krieger« am kommenden Sonntag in der ARD läuft: »Mit einer großen Release-Party stellt das Rap-Duo 'Fette Krieger' in Ludwigshafen seine neue CD vor. Zur Überraschung von Bandmitglied Krieger, von Manager Thilo und von Freundin Mona verkündet MC Fett, dass er aus dem Erfolgs-Projekt 'Fette Krieger' aussteigt. Er will raus aus dem Kommerz, zurück zur 'credibility' und mit seinem Bruder Rokko neu anfangen. Bevor sich herausstellen kann, ob Fett es wirklich ernst meint oder nur provoziert, stirbt er nach einem Sturz vom Dach. (...) Für Lena Odenthal und Mario Kopper sind alle, die Fett zurückgewiesen hat, verdächtig. Während Kopper den Spuren Kriegers folgt, lässt Lena sich von Mona hinter die Kulissen des HipHop führen. Denn die Motive aller Beteiligten sind mit den Gesetzen des Musikbusiness verquickt.« Das hört sich doch knorke an.
SchauspielerInnen mit neuen Verträgen
Das war knapp. Drei Tage nach Ablauf des alten Vertrags haben sich am vergangenen Donnerstag Vertreter der Film- und Fernsehschauspieler mit den Produzentenverbänden in Los Angeles auf einen vorläufigen Dreijahresvertrag geeinigt. Damit ist die Gefahr eines folgenschweren Streiks der Schauspieler, der die Filmindustrie lahm gelegt hätte, vorerst gebannt. Bei den Verhandlungen ging es um höhere Gagen und eine Gewinnbeteiligung bei Einnahmen aus Videos, DVDs und im Ausland ausgestrahlten Sendungen.
Schade eigentlich. Aufnahmen von streikenden Schauspielern, die auf Streikposten stehen und zu den Computerprogrammierern hinübergrüßen, die an den Fenstern ihrer Büros stehen und von hinten durch Kerzenlicht beleuchtet werden, weil in Kalifornien wieder einmal der Strom ausgefallen ist - so etwas hätten wir gerne gesehen.
Norwegen vorn
Wahrscheinlich ist es Ihnen schon aufgefallen. Diese Zeitung scheint Länderschwerpunkte mit derselben Willkür wie die Frankfurter Buchmesse zu setzen. Japan: nie, USA: sporadisch, Mexiko: gerne, Kuba: noch lieber, Norwegen: fett. Jeder Ballwurf in Norwegen wird umgehend auf der Sportseite vermeldet, und warum? Norwegen ist Avantgarde. Das sehen jetzt auch die Vereinten Nationen ein, und damit ist es amtlich: Die Norweger genießen die höchste Lebensqualität, nicht die Kanadier, die sechs Jahre lang vorn lagen. Nicht einbezogen wurden bei der Untersuchung die Alkoholpreise, die in Norwegen horrend sind.
Jungle World, Bergmannstraße 68, 10961 Berlin, Germany
Tel. ++ 49-30-61 28 27 31
Fax ++ 49-30-61 8 20 55
E-Mail:
redaktion@jungle-world.com