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Nr. 29/2001 - 11. Juli 2001
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Löcher im Hirn

Künast, Kuhkill und Kulturbruch

Noch nie war die Chance so groß, die Menschen mitzunehmen bei einer Agrarwende. Aber die Bewährungsprobe für alle hehren Ziele bleibt der Markt, und nie war er für eine Umkehr so schwierig wie jetzt. Vom Autorenkollektiv Brandstwiete

Selige Zeiten, als noch jeder Deutsche sechs ausgewachsene Kühe im Jahr verzehrte. Der Rat des Sterne-Kochs, die Sauce mit einem Esslöffel Rindermark zu vervollkommnen, egal woher es kommt, egal wie es produziert wird, »wenn es nur billig ist« (Wolfram Siebeck), war ein Indiz für die Normalisierung der sicherheitsbedürftigen Berliner Republik. Doch dann kamen BSE und MKS, und der Volkszorn zielte zunehmend auf Schröders Kabinett. Der Kanzler verlor die Beherrschung über sein Gehirn und ernannte Renate Künast zur Verbraucherschutzministerin.

Das deutsche Schlüsselwort der Nachkriegszeit hieß Sicherheit. Von der CDU Konrad Adenauers 1957 (»Sicherheit für alle«) über Kurt Georg Kiesingers Union 1969 (»Sicher in die siebziger Jahre«), Rudolf Scharpings SPD 1994 (»Sicherheit statt Angst«) bis zu Helmut Kohl 1998 (»Sicherheit statt Risiko«) glaubten fast alle Kanzlerkandidaten, mit diesen Versprechen die Deutschen gewinnen zu können. Und die SPD will so weitermachen: »Sicherheit im Wandel« soll ihr Slogan heißen.

Dabei ist nichts mehr sicher. Keine klaren Konturen, keine unverwechselbaren Begriffe, keine eindeutigen Gewichtungen. Nichts ist sicher, und jeder sucht seinen Platz: Die Deutschen aus Ost und West im richtigen Leben. Die Politiker noch immer in Berlin. Deutschland in Europa und Europa in der Welt. Die Weltrisikogesellschaft, sagt der Soziologe Beck, müsse begriffen werden »als Realität, die ein Niveau der Selbstgefährdung erreicht hat, das immer noch unsere Vorstellungskraft übersteigt«. Die globalisierte Technikdynamik, der Zerfall der traditionellen Machtblöcke und die weltweite Medienvernetzung haben den Menschen in den vergangenen Jahren selbst den Anschein von Gewissheit geraubt. Digitalisierung, Individualisierung, Kosmopolitisierung - die Welt scheint gänzlich ins Abstrakte weggerutscht. Die Welt ist zerlegt in Einzelinformationen und aufgeladen mit heftigen Gefühlen. Da ballt sich plötzlich etwas explosiv zusammen, genauso plötzlich ist es weg. Immer sind die Medien die Auslöser, aber nichts können sie auslösen, was nicht auf Aufnahmebereitschaft trifft. Verunsicherung und Orientierungslosigkeit wären zu begegnen, kämen nicht auch kleine Betriebsunfälle oder große Operetten zur Aufführung, als handele es sich um veritable Tragödien. Die Mehrheit der Bürger fühlt sich allein gelassen. Hilflos. Bedroht. Die Regeln sind da, theoretisch eindeutig, aber wirksam oft nur noch als Ideologie. Die Richtung ist nicht erkennbar. Links? Rechts? Sozial? Fortschrittlich? Stereotypen, fixe Formeln, Filter - die je nach Bedarf so viel Erinnerung an Wirklichkeit zulassen, wie für eigene Bekenntnisse und die Diffamierung Andersdenkender gebraucht wird. Wo so wenig Klarheit darüber besteht, wer, was und wo eigentlich »drin« ist in dieser Republik, ist einer schnell draußen. Oder am Rand. Oder auf der falschen Seite. Oft nur noch an spontanen Reaktionen auf Schlüsselszenen erkennen Freund und Gegner, wo sie selbst und der andere stehen.

Politik versinkt in Verunsicherung und Orientierungslosigkeit, wenn sie sich in Krisenmanagement erschöpft. Sie kann nur darauf setzen, dass ihr die aufgeregte Nation ab und zu Zeit lässt, Strukturen zu entwickeln, die Zukunftsrisiken, die sie kaum kennt, einzudämmen - und dann hoffen, dass diese Leitplanken der Zukunft halten.

Dass die Probleme in großer Einmütigkeit diskutiert und gegebenenfalls schnell und ohne bürokratische Bremswege exekutiert werden, befriedet die aufgebrachten Massen und drängelnden Medien für eine Weile. Doch die Politiker sind nicht frei, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, selbst da nicht, wo sie könnten und wollten. Das ist das aktuelle Dilemma: Der Lackmustest, der zweifelsfrei Wesentliches von Unwesentlichem scheiden könnte, ist noch nicht erfunden.

Nicht, dass es noch eine Grundlage in dem alten Sinn von sicherem Wissen gäbe, auf deren Basis man Entscheidungen treffen kann. Die Politik muss vielmehr - schreibt Ulrich Beck in seinem Buch »Freiheit oder Kapitalismus« - »über Grundlagen entscheiden, die auch die zukünftigen Generationen betreffen, mit immer mehr gewusster Unsicherheit der Folgen«. Doch was die Deutschen, die nach zwei selbst heraufbeschworenen und verlorenen Kriegen und den damit verbundenen Katastrophen besonders sicherheitsbedürftig sind, bisher noch als zu blutleer und lebensfern verdrängen konnten, rückte ihnen unabwendbar auf den Leib. In dem Gewitter der Nachrichten, Talkshows, Sondersendungen wurde plötzlich der ureigene Privatbereich zum Thema. Die Politik sprach plötzlich in der ersten Person: Was liegt da eigentlich auf meinem Teller?


Einfach klasse: Unsterbliches Rind darf wenig kosten

BSE ist für das Essen, was Aids für Sex war: das Ende des Lustprinzips. Die steigende Wertschätzung der Kochkunst konnte bislang als kaum beachtetes, gleichwohl wichtiges Indiz für die viel zitierte »Normalisierung« der Berliner Republik gelten. Das Erbe der frankophilen Rotweintrinker aus der Existentialisten-Generation und die Salbei-Seligkeit der Toskana-Fraktion aus den Achtzigern ging seit der Wiedervereinigung mit den konsumfreudigen Ossis auf in einer allgemeinen, selbstbewussten Lust am Genuss. Dann kam die Alarmmeldung aus Schleswig-Holstein: eine kranke Kuh, Ergebnis eines Schnelltests.

Wer einmal in ein herzhaftes »bife de chorizo« gebissen hat, weiß, wie gut ein Steak schmecken kann. Gut 700 Gramm schwer und mindestens zwei Zentimeter dick sollte eine echte Portion schon haben - natürlich ausschließlich auf dem Grill zubereitet. Die zartesten Steaks lassen sich mit dem Löffel zerteilen. »Filets aus Argentinien haben das Rind unsterblich gemacht«, schwärmte schon Paul Bocuse, der französische Meisterkoch. Doch mitten in die kulinarische Kulturrevolution platzt nun die Kuh-Katastrophe. Beim Blättern in Kochbüchern läuft nicht mehr das Wasser im Mund zusammen, sondern ein Schauder den Rücken herunter: Ein Kalbsfonds aus Knochen, kräftig angeröstet? Eine Farce aus feingehackten Innereien? Der gut gemeinte Rat des Sterne-Kochs, die Sauce mit einem Esslöffel Rindermark zu vervollkommnen? Selige Zeiten.

BSE, Schweinemast-Skandal und jetzt Maul- und Klauenseuche in Großbritannien. In Deutschland macht sich die Angst breit, dass die Krankheit auf den Kontinent überschwappt. Allüberall erblühen die Bußpredigten, die uns zur Umkehr in puncto Fleischverzehr mahnen. »50 Prozent der Verbraucher kaufen immer nur über den Preis, das ist ein unerschütterlicher Wert«, bilanziert Elmar Damke, Sprecher beim Ökoschlachter Thönes. Das sind die Konsumenten, die es einfach klasse finden, dass sich ein Industriearbeiter in den fünfziger Jahren vom Stundenlohn nur acht Eier kaufen konnte - der heute für 136 Eier reicht. Seit Jahrzehnten hat sich in Deutschland die Einstellung verfestigt, Essen dürfe wenig kosten, egal wie es produziert wird, egal woher es kommt - »wenn es nur billig ist«, wie Deutschlands bekanntester Gastro-Kritiker Wolfram Siebeck anmerkt.


Kanzlermutter: »Es muss was passieren«

Für Gerhard Schröder ging es um die Wurst. Denn plötzlich stand die Popularität des SPD-Spitzenmannes auf dem Spiel. Nachdem deutsche Wissenschaftler den tödlichen BSE-Erreger erstmals bei zwei heimischen Rindern identifiziert und vor dem Verzehr diverser Agrarprodukte, von der Rindsroulade bis zur Teewurst, gewarnt hatten, zielte der Volkszorn zunehmend auf Schröders Kabinett. Zugleich gingen SPD-Genossen zunehmend auf Distanz zu Schröders oberstem Agrarpolitiker. Um dem Wahlvolk nicht doch noch als Bauernopfer dargebracht zu werden, lenkte Funke ein - und machte damit den Weg frei für ein generelles Tiermehlverbot, das die Regierungskoalition sogleich im Schweinsgalopp durch die Gremien jagte. Im SPD-geführten Kanzleramt wie auch im Umweltministerium des CDU-regierten Saarlandes wurden nicht nur Visionen, sondern auch schon konkrete Schritte hin zu progressivem Landbau und verträglicher Agrarwirtschaft vorgeschlagen. Im Papier des Kanzleramts steht bereits der Satz, den alle Anleitungen atmen und der über das bisher übliche Lavieren bei Skandalen weit hinausweist: »Man kann mit Recht von dem Ziel einer kulturellen Veränderung sprechen, das läuft auf eine noch nie da gewesene Unterstützungsaktion des Staates zu Gunsten der deutschen Landwirte hinaus.«

Es war, wenn es denn wirklich ein politischer Paradigmenwechsel wird, ein Aufbruch im typischen Schröder-Stil: eruptiv, über Nacht, aus der Not geboren. Kernpunkte des Umbaus der Agrarpolitik sind die Abkehr von der Massenproduktion hin zu einer umwelt- und artgerechten Tierhaltung. Viel Zeit nimmt er sich für die Umorientierung in der Landwirtschaftspolitik: »Es zählt, was die Menschen essen wollen und nicht, was geliefert werden möchte«. Er peile ein Bündnis der Verbraucher mit den Landwirten an. Und richtet ein Machtwort an alle, die ihn daran versuchen, zu hindern: Wer alten Wein in neue Schläuche versucht hineinzugießen, »der wird unserer Gegner sein«. Fehlt noch ein Basta.

Schröder sprach im Bundestag von den Ängsten der Verbraucher wegen der drohenden Rinderwahnsinnsseuche BSE und versprach zuverlässige »Kontrollierbarkeit«, damit »der eine seinen Leberkäs und der andere seine Currywurst wieder ohne Ängste verzehren kann«. Aber was die hektisch angeworfene Gesetzes- und Verbotsmaschinerie tatsächlich bewirken kann, muss seine Vorstellungskraft übersteigen. Es gehört zur Technik des Spontan-Krisenmanagers Schröder, dass er seinen Augenblickslösungen rückwirkend den Anschein sorgsamer Planung und gründlicher Reflexion zu verleihen versucht. Und so bemühten sich Kanzler-Vertraute aufopfernd, den Eindruck eines schon lange ahnungsvollen und besorgten Verbraucher- und Bauernfreundes Schröder zu erzeugen. Hatte er nicht - »glücklicherweise«, wie es in seiner Umgebung heißt - schon vor dem ersten deutschen BSE-Fall die Fütterung des gefährlichen Tiermehls zu verbieten verlangt? Hatte nicht Kanzler-Gattin Doris Schröder-Köpf Ende November in Bild gefordert: »Es muss was passieren«? Damals war die sorgenvolle Verbraucherin aus Hannover, Mutter und Ehefrau des bekennenden Currywurst-Essers im Kanzleramt, schon ganz die Stimme ihres Herrn. Der wusste: »Da fließt gigantisch viel Geld in die falsche Richtung.« Und er ermunterte seine Journalisten-Frau, das zu artikulieren. Bei einem Adventsessen beim Chinesen in Hannover erlebte der Kanzler, wie die anwesenden Mütter die Rinderspeisen sofort aussortierten und auch nur zögernd für ihre Kinder auf Hühnergerichte umschwenkten: »Werden diese Viecher nicht auch mit dem Dreckszeug gefüttert?« Immer häufiger fand die Schröder-Familie fortan ihr regierendes Oberhaupt düster ins Leere starrend vor. Er malte Namen auf Zettel, verband sie mit Pfeilen, kritzelte unleserliche Wörter an Zeitungsränder und blickte ins Ungefähre. Die Entscheidung für Renate Künast kam für ihn wohl ebenso überraschend wie für die Grünen-Chefin selbst.

Bevor es dazu kam, übernahm indes die zornbebende Andrea Fischer die Initiative. Sie hatte im Gespräch mit ihren Parteifreunden Joschka Fischer und Kuhn gesagt bekommen, dass sie von den Grünen keine weitere Unterstützung kriegen würde. Also entschied sie sich für die Flucht nach vorn und teilte dem Kanzler ihren Rücktritt mit. Couragiert begründete sie ihren Entschluss vor der Presse - ein starker Abgang.


Künasts Überzeugungskraft verpufft im Minenfeld

Renate Künast hat keine leichte Aufgabe übernommen. Sie selbst sagt, sie sei »wild entschlossen«. Ohne diese Entschlossenheit wird sie das Minenfeld der gegensätzlichen Interessen nicht unbeschadet bestellen können. Künast peilt dabei ein grundsätzliches Umsteuern in der EU-Agrarpolitik an. Aber die Bewährungsprobe für alle hehren Ziele bleibt der Markt, und nie war er für eine Umkehr so schwierig wie jetzt. Solange sich Supermarktketten wie Wal-Mart und Metro bekriegen und um Pfennig-Bruchteile feilschen, ist der Druck aufs Agro-Biotop und seine wohlfeilen Erzeugnisse gewaltig.

Anders als die neue Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, die sich gegen Anfeindungen ihrer Mitarbeiter wehren muss, hat Künast ihren von einer konservativen Seilschaft in Göttingen studierter Agrarwissenschaftler beherrschten Apparat überraschend schnell in den Griff bekommen. Gefürchtet wird Künast wegen ihrer Pedanterie beim Aktenstudium. »Die Chefin liest viel«, stöhnt ein Ministerialer, auf dessen schriftlicher Stellungnahme Künast mit grünem Filzschreiber eine Reihe Fragezeichen und Korrekturen gekritzelt hatte. Ohnehin begeistert sind jene, die sich im jahrzehntelang gepflegten Machtgefüge aus Agrarlobby und Agrarbehörde übergangen fühlten. Künast jedoch fürchtet Proteste an der Ladentheke. Ihr sorgsam gepflegter Ruf als kompromisslose Bewahrerin von Verbraucherinteressen wäre schlagartig zerstört, sollten sich ihre Experten täuschen und ein verseuchtes Tier durch die Kontrollen rutschen. Künast muss mit den Landwirten ins Gespräch kommen, doch ob die linke Großstadtpflanze das schafft, ist fraglich, meint der Mainzer Parteienforscher Jürgen Falter. »Man stelle sich vor, wie sie, die Berliner Göre mit der kessen Schnauze, vor Allgäuer oder westfälischen Bauern steht«, fragt sich Falter.

Sie wolle die »Umstellung auf naturnahe Tierhaltung«, kündigte Künast nun an. Sie ist nicht nur die erste Landwirtschaftsministerin, die eine Ökologisierung der Landwirtschaft ankündigt, sondern auch die erste, der man die Umsetzung zutraut. Immerhin hat sie die Grünen in dem halben Jahr ihrer Führung wieder salonfähig gemacht. In der Doppelspitze mit dem Schwaben Fritz Kuhn weckte sie die Partei aus ihrer anfänglichen Regierungsstarre. Der Öffnungskurs des alten Patriarchen Joschka Fischer hin zur bürgerlichen Mitte ist gescheitert: Das Korsett, das Fischer der Partei Mitte der neunziger Jahre übergestülpt hatte, trägt nicht mehr. Die Umweltpolitik allein, hatte er als Parole ausgegeben, könne die Zukunft der Partei auf Dauer nicht sichern. Künast besetzte Begriffe wie »Agrarwende« oder »Klasse statt Masse« und legte sich erst mal mit Brüssel an. Eine heilige Johanna der Schlachthöfe mit Berliner Schnauze, die für Schröder aus einer Krise eine Chance machte und der 6,7-Prozent-Partei eine neue Hoffnungsträgerin bescherte. In der Beliebtheitsskala deutscher Politiker stieg sie in nur 100 Tagen Amtszeit auf Platz drei auf. So schwer es der Neuen im Amt auch gefallen sein mochte, sich in Kadavergehorsam zu üben und den Vernichtungsbefehl für 400 000 ältere Kühe zu geben: Gemessen an den Schwierigkeiten, die jetzt auf sie zukommen, war dies noch der einfachste Teil eines Rinderrequiems in der deutschen Landwirtschaft. Keiner nämlich, die Ministerin eingeschlossen, hat bisher eine Antwort darauf gegeben, wie die Politik nach dem großen Kuhkill verhindern will, dass wenige Monate später schon wieder zu viele Tiere in den Ställen stehen.

Noch nie war die Chance so groß, die Menschen mitzunehmen bei einer Agrarwende. Aber Sätze wie »In unsere Kühe kommt nur Wasser, Getreide und Gras« haben schon fast etwas Rührendes angesichts der damit verbundenen Herkulesaufgabe. In der Brüsseler EU-Bürokratie, in der organisierten Bauernschaft, im Ministerium und selbst in ihrer Partei verpufft die Überzeugungskraft der markigen Ankündigungen zusehends. »Auch Riesen haben klein angefangen«, trotzt die Ministerin. Allerdings lastet der Druck aus Brüssel auf die Bundesregierung schwer, da der deutsche Rindfleischmarkt mit einem Minus von rund 50 Prozent europaweit am deutlichsten eingebrochen ist.

Beim Umsteuern der öffentlichen Mittel für die Bauern und beim Öko-Landbau beginnt die Wende erst. Süffisant stellt EU-Agrarkommissar Franz Fischler, mit Künast wegen ihres lehrmeisterlichen Auftretens ohnehin über Kreuz, Frankreich als Vorbild hin, das beim Umsteuern auf umweltfreundliche Landwirtschaft und artgerechte Tierhaltung viel weiter sei als die Deutschen. Selbst das im deutschen Fernsehen seit BSE sowie Maul- und Klauenseuche ausschließlich mit apokalyptischen Bildern abgelichtete Großbritannien dient dem EU-Kommissar dazu, die Insel als Vorreiterin zu loben.

Die grüne Klientel zu Hause motzt ebenfalls. Vor dem Düsseldorfer Landtag demonstrierten Züchter von Galloways und Hochlandrindern gegen die Massentötung ihrer Tiere. »Mörder, Mörder«, riefen sie und meinten die grüne Landwirtschaftsministerin. Gegen die Hoffnung, dass nun alles besser, bewusster, alles Bio wird, spricht auch die Tatsache, dass die Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (CMA) vor 15 Jahren noch einen gleich großen Markt in der Discount-, Mittel- und Premium-Preisklasse ausgemacht hatte, das Geschäft jedoch inzwischen in der Mitte auseinander riss. Nach Beobachtungen von CMA-Geschäftsführer Hans Otzen legte auch die Gourmet-Klasse zu; doch die sattesten Umsatzzuwächse machten die Supermarktketten mit Billigfleisch.

Das Kompetenzgerangel zwischen Landwirtschafts- und Gesundheitsministerium und die dickfellige Bürokratenmentalität im deutschen Ernährungswesen erweisen sich als immer haarsträubender. Verwunderlich ist nicht, dass die Ministerin wenig konkret Vorzeigbares aufzuweisen hat. Bislang hat das Krisenmanagement gegen Rinderwahnsinn und drohende Maul- und Klauenseuche ihre Aufmerksamkeit aufgezehrt. Den Rest brauchte sie, um sich ihrer Haut zu wehren.


Schaden von bis zu umgerechnet über zehn Mark pro Rind

Als der Junge noch einigermaßen denken konnte, als er nur die Beherrschung über seine Arme und Beine verloren hatte und noch nicht die über sein Gehirn, war ihm wohl klar, dass er sterben würde. Adrian sprach nie darüber. Nur einen Zettel fanden seine Eltern, nachdem er tot war: »Dear Mum and Dad, lebt wohl.« Den Zettel wird Betty Hodgkinson wohl mitnehmen, wenn sie im Oktober aussagt vor der Londoner BSE-Untersuchungskommission. Denn ihr Sohn, das ist so gut wie sicher, ist nicht nur das Opfer einer neuen Form der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK) geworden. Adrian starb auch an der britischen Politik.

Man habe die Situation am Anfang möglicherweise unterschätzt, sagte Alastair Campbell, Sprecher von Premierminister Tony Blair. Zuerst spielte Großbritannien, Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger als einziges BSE-betroffenes Land, das Problem herunter. Die EU-Agrar- und Gesundheitsausschüsse wurde massiv durch die Briten gebremst. Die Insulaner waren in Sachen BSE ganz vorne und füllten fast alle Gremien mit Experten. Das Risiko einer BSE-Infektion beim Menschen sei »verschwindend gering«, erforschten die Mitglieder der Southwood-Kommission unter Vorsitz eines britischen Veterinärs im Jahre 1989. Also kein Handlungsbedarf. Weiterhin wurde also Tiermehl europaweit verfüttert und der BSE-Erreger infizierte übers Futter immer neue Rinderhirne. Zusammen mit einem unüberschaubaren Fleischtourismus konnte der Rinderwahnsinn zur kontinentalen Katastrophe werden. Beschlussvorlagen gab es in Brüssel auch weiterhin viele. Immer jedoch wurden die Papiere zu Fall gebracht: Die Briten bezweifelten andere Gutachten und legten Gegenentwürfe vor. Wenn all das nichts nutzte, versagten die Insulaner notfalls ihre Stimme in der Kommission und kippten den Beschluss, der einstimmig gefällt werden muss.

2,5 Millionen Tiere mussten seit dem 19. Februar allein in Großbritannien wegen der Epidemie getötet und vernichtet werden. Der Schaden für die Landwirtschaft wird auf umgerechnet über 30 Millionen Mark geschätzt. Dass die hoch ansteckende Tierkrankheit auf der Insel so enorme Ausmaße angenommen hat, liegt nicht zuletzt auch an der Regierung. Viel zu spät erkannten Blair und seine Minister den Ernst der Lage. Erst drei Tage nach dem Ausbruch von MKS wurde ein generelles Tiertransportverbot erlassen. Vier weitere Wochen mussten vergehen, bis die Fachleute sich durchsetzten und das Keulen auch auf gesunde Herden im Umkreis von drei Kilometern eines betroffenen Hofes ausgeweitet wurde. Im Londoner Regierungsviertel Whitehall gilt es deshalb als ausgemacht, dass Premierminister Tony Blair das Agrarministerium, das seit der Verharmlosung der BSE-Gefahr zu Recht als Hort der Inkompetenz gilt, spätestens nach seiner Wiederwahl einstampfen wird. Es soll durch ein Ministerium für ländliche Belange ersetzt werden, das nicht mehr als nur als Lobby des industriellen Agro-Business agiert. Damit lässt sich allerdings der weltweite Imageschaden, den die Seuche dem Land zugefügt hat, kaum beheben. Berichte über die schnell verworfenen Idee, Kadaver mittels Napalm zu entsorgen, über die Dioxin-Freisetzung durch die Scheiterhaufen und neuerdings auch über MKS-Verdachtsfälle bei Menschen runden zur Zeit das böse Bild von der verseuchten Insel ab. Besonders in den USA, die bislang mit über 20 Prozent das größte Kontingent ausländischer Touristen stellte, gilt Großbritannien mittlerweile als die Katastrophenland per se. »Gibt es in diesen Tagen«, fragte die »New York Times« rhetorisch, »irgendetwas in Britannien, das gut läuft?«


Sterne-Tempel: Britenseuche tritt Horrorszenario los

Im Rhythmus des menschlichen Herzschlages überqueren jeweils 200 Hamburger die Theken amerikanischer Fast-Food-Tempel. Massige Hamburger und riesige Rippchen zieren jede rauchverhangene Barbecue-Party: Der Kult ums Fleisch (Pro-Kopf-Verbrauch USA: rund 80 Kilogramm, Deutschland: gut 60 Kilo) gehört zur verklärten Vergangenheit vom freien Cowboy-Leben. Denn trotz der Schreckensmeldungen von jenseits des Atlantiks galt bisher als verbürgt, dass nach Tabak-Tabu und verpöntem Alkoholgenuss wenigstens der Verzehr von üppigen Fleischportionen zu den unumschränkten Freuden des amerikanischen Alltags gehörte. Jetzt mehren sich Zweifel: Schon befürchten vier von zehn US-Bürgern, dass BSE landesweit zum Problem wird.

Kenneth Brown hat die wahren Schuldigen ausgemacht: »Hier bei uns in Texas ist alles absolut in Ordnung«, schimpft der Rancher. »Erst seit sich die Presse eingemischt hat«, klagt Brown, »ist hier die Hölle los.« Losgetreten wurde die Unruhe durch eine Panne, die der Futtermittelgigant Purina Mills nach eigener Darstellung als »Fehler in der Rezeptur« bezeichnet. Der »Führer von Amerikas Tierfutter« hatte gemeldet, dass in seiner Filiale im texanischen Gonzales Fleisch- und Knochenmehl von Rindern versehentlich in eine Charge Rindernahrung gelangt waren. Bevor die Herstellerfirma den Fehler entdeckte, hatte der 66jährige Rancher einen Teil des Futterzusatzes in die Tröge von 1 222 seiner vier bis sechs Monate alten Mastrinder gemischt: »Höchstens 5,5 Gramm für jedes der 550 bis 700 Pfund schweren Tiere«, rechnet Brown vor, »das ist doch nicht mehr als eine winzige Prise.« Der Bruchteil genügte, um Regierung, Produzenten und Verbraucher in Schock zu versetzen. Ende 1997 stoppten die USA den Import lebender Wiederkäuer aus ganz Europa sowie von deren Fleisch, Fleisch- und Knochenmehl völlig. Wirklicher Schutz vor einer möglichen Ansteckung bietet hingegen nur absolute Abstinenz: »Verzichten Sie völlig auf Fleisch.« Für Kenneth Brown sind solche gut gemeinten Ratschläge ein Horrorszenario.

In Frankreich tolerieren die Behörden eine Tiermehl-Kontamination von bis zu 0,3 Prozent. »Das ist ja so, als würde man Kondome mit stecknadelkopfgroßen Löchern verkaufen«, empörte sich ein Bauer plastisch. Der Rindermarkt ist in wenigen Wochen um über 40 Prozent eingebrochen. Leckerbissen wie »Ris de veau« (Kalbsbries) sind existenzbedroht. Der Drei-Sterne-Koch Alain Ducasse erwägt, »Filet de boeuf« in seinen gastronomischen Tempeln von der Karte zu streichen. Staatspräsident Jacques Chirac, ganz besorgter Landesvater, hält Notreden an die verängstigte Nation. Er kann nicht länger leugnen, was er noch 1996 bestritt, als er den »Medienwahn« statt des Rinderwahns geißelte: Alle Maßnahmen zur Abwehr der Briten-Seuche haben nichts genutzt. BSE ist da. Völlig unerwartet lud sich der Staatschef zur Mittagszeit via Fernsehen und Radio an den Esstisch der Franzosen ein und erklärte ihnen, wie sehr ihm am Herzen liege, was seine Mitbürger auf dem Teller haben. Dann verlangte er von der Regierung Sofortmaßnahmen: »Wir müssen unverzüglich Tiermehl ganz verbieten und Kurs auf ein systematischeres Aufspüren der Krankheit anstreben.«

Frankreich ist traditionell der Hauptnutznießer der Agrarsubventionen aus Brüssel. Landwirtschaftsminister Jean Glavany »glaubt«, »dass es möglich ist, die gemeinsame Agrarpolitik zu reformieren«, und sagte bei der letzten Ministerratstagung, dass man besser und nicht immer mehr produzieren müsse. Das ist richtig nett gesprochen in diesen Wochen, in denen die Finanzminister der Europäischen Union entdecken, dass sie ungedeckte Mehrkosten der EU-Erweiterung am besten aus dem fettesten aller Brüsseler Töpfe, nämlich aus dem Agrarhaushalt, abzwacken könnten. Denn wo die große deutsch-französische Verständigung eiert und von den Chefs beim bilateralen Sondergipfel in Straßburg wieder ausgewuchtet werden muss, kann sich Glavany kurz davor keine Händel mit der »Neuen« am Tisch der Landwirtschaftsminister erlauben.

Aus Vorsichtsmaßnahme vor der Maul- und Klauenseuche erwägen österreichische Politiker die Absage des Formel-1-Rennens in Zeltweg. »Sollte es tatsächlich zum GAU kommen, müssen wir alles absagen. Egal, ob es sich um ein Pfarrfest, ein Fußballspiel oder ein Autorennen handelt«, sagte der Steierische Umwelt-Landesrat Erich Pöltl in einem Fernsehinterview. Der Formel-1-GP sei für den Tourismus und die Steiermark ein wichtiges Aushängeschild. Dieser dürfe nicht gefährdet werden, aber die Existenz unserer Landwirte solle auch durch diese Großveranstaltung nicht gefährdet werden, erklärte Pöltl in einer Pressemitteilung. In einem Schreiben an den zuständigen österreichischen Sozial- und Gesundheitsminister Herbert Haupt regte Pöltl zusätzliche Informations- und Aufklärungsarbeit an, da mit der Formel 1 Gäste aus Seuchen-Gebieten erwartet werden. Bereits jetzt wurden zahlreiche Seuchen-Teppiche an den Grenzen und Flughäfen ausgelegt sowie erhöhte Stichproben der Einreisenden eingeleitet.


Drohende Kostenfalle sprengt die Fördertöpfe

Immer mehr Drittstaaten in aller Welt wollen keine Nahrungsmittel mehr aus Europa kaufen. BSE war zwar von Beginn der Krise an in Brüssel in aller Munde. Dort allerdings ist wenig passiert. Noch fällt die Verständigung schwer. Es herrscht ein babylonischer Definitionswirrwarr. Da wird gestritten um »groß« oder »klein«, »Bauernhof-Idylle« oder »Agrarfabriken«, »ökologisch« und »naturnah«. Sortiert wird nach Vorurteilen der Vergangenheit, in der nur diese eine Botschaft galt: »Wachsen oder weichen«. Und in der das Geld nach dem Motto verteilt wurde: »Die Masse bringt's.« Die Agrarlobby wird mit dem Verweis auf einen Zangenangriff von außen geködert: Die geltenden Vereinbarungen mit der Welthandelsorganisation WTO lassen die derzeitige Förderpraxis ohnehin nur noch bis zum Jahr 2003 zu. Und die bevorstehende EU-Erweiterung mit den landwirtschaftlich geprägten Beitrittskandidaten Polen und Ungarn werde die Fördertöpfe sprengen.

Ohne Zweifel ist der jetzige Beschluss zum Verbot für Tiermehlverfütterung ein Erfolg für die Verbraucher im Euro-Land. Und trotzdem ist es nicht mehr als das vorläufige Ende einer 14jährigen Irrfahrt von Absichten, Fehleinschätzungen und letztlich immer wieder der Abwiegelung von Vorschlägen durch die EU-Länder mit ihren mächtigen Bauernlobbys.

EU-Agrarkommissar Fischler hat vor dem Europäischen Parlament ein Sieben-Punkte-Programm zur Stabilisierung des Rindfleischmarktes vorgelegt. Mit den Maßnahmen zieht Fischler die Notbremse: Angesichts Hunderttausender Tonnen unverkäuflicher Steaks, Braten oder Würste und ins Bodenlose fallender Preise ist es für ihn allerhöchste Zeit, mit dem Sofortprogramm aus der durch den Rinderwahnsinn entstandenen drohenden Kostenfalle zu entkommen. »Unser Sieben-Punkte-Plan soll es ermöglichen, den Zünder aus der tickenden Zeitbombe herauszunehmen«, sagte Fischler. Denn der europäische Rindfleischmarkt steht als direkte Folge der BSE-Krise vor dem völligen Zusammenbruch - und bringt damit die gesamte Europäische Union in ärgste finanzielle Nöte. Die Produktion könne nicht auf Knopfdruck abgestellt werden: »Stoppen kann man das nur mit Rindfleisch essen.« Neben dem voraussichtlichen Unmut zahlreicher Großzüchter in der Union gegen Fischlers Pläne meldeten sich Tierschützer bereits zu Wort, noch bevor der EU-Kommissar sein Programm offiziell vorstellte.


Seele auf Eis

Nachhaltig haben sich bei den 80 Millionen Deutschen die TV-Bilder der Rindviecher eingenistet, die Tag für Tag in Lkw verfrachtet und zur Schlachtbank gebracht werden. Sie trafen ein Volk in der Seele und machen einen Kulturbruch möglich: der Rinderwahn als Tschernobyl der Landwirtschaft, ein neues Verständnis von menschenwürdiger Ernährung setzt sich durch. Anders als bei Pestiziden im Babybrei, Maden im Fisch, Dioxin-Hühnern oder hormongefütterten Turbo-Kälbern kann diese Krise nicht nach den alten Mustern relativ folgenlos ausgesessen und vergessen werden. Nur scheinbar ist das Szenario wie immer - die derzeit unverkäuflichen Rinder sollen zu Hunderttausenden getötet werden.

Die meisten ereilt der schnelle Tod per Bolzenschuss. Knapp sechs ganze Exemplare der so erlegten Wiederkäuer vertilgte ein Deutscher pro Jahr, bis ihm BSE den Appetit verdarb. Doch nicht erst Rinderwahn und -massentötung hätten den Liebhabern der Roulade das Fleisch im Halse stecken lassen sollen. Jedes einzelne Rind, das im Schlachthaus sein Leben aushaucht, hinterlässt auf der Erde eine Spur der Verwüstung. Fruchtbares Land verdorrt und Tropenwälder verschwinden, weil 1,3 Milliarden Rinder die Welt zunehmend in eine karge Weide verwandeln. BSE mag die Welt derzeit in Atem halten. Der wahre Rinderwahnsinn jedoch spielt sich seit Jahrzehnten hinter den Kulissen der weltweiten Fleischindustrie ab. Der globale Tanz um das saftige Kalb verursacht ökologische Schäden, die ohne Beispiel sind.

Während die Politiker wochenlang ablehnten, sich auf Massenimpfungen auch nur vorzubereiten, muten sie dem Landvolk ein Leben unter Quarantäne zu. Wie in Großbritannien begann sich auch in Deutschland das öffentliche Leben zu strangulieren - hier mehr, dort weniger. Abgesagte Schulausflüge, Auto-Schlangen an den Grenzen, ein geschlossener Zoo in Karlsruhe: Noch steht Deutschland nur am Rand eines Ausnahmezustands, doch dass die Seuche, die bereits den Ärmelkanal übersprungen hat, am Rhein Halt macht, glaubt kaum jemand.

Reisen oder nicht reisen? Schleswig-Holstein hat diese Frage zumindest für seine Schüler schon beantwortet. Als erstes Bundesland stoppte das nördliche Bundesland vor einer Woche sämtliche Klassenfahrten nach Frankreich und Großbritannien. Auch Schüler-Austauschprogramme wurden mit sofortiger Wirkung auf Eis gelegt. »Wir wollen mit den Schutzmaßnahmen ein Übergreifen der Seuche auf Schleswig-Holstein verhindern«, erläutert die Sprecherin des Kultusministeriums, Patricia Zimnik. Da das Land viele ländliche Gebiete habe, seien die Maßnahmen notwendig geworden. Das Auswärtige Amt gibt derzeit Sicherheitshinweise für Reisende nach Frankreich, die Niederlande und die britische Insel aus. Touristen müssten sich auf lange Kontroll- und Wartezeiten bei den Grenzübergängen einstellen, so die Behörde in ihren Reiseinformationen. Nach der Rückkehr aus den jeweiligen Urlauborten sollten landwirtschaftliche Betriebe zudem gemieden werden.

An deutschen Flughäfen müssen sich Reisende - ähnlich wie auf US-Airports - auf Wurstkontrollen einstellen. Die Milchflasche kommt nicht durch den Zoll. Das nur mit Salatblättern und Tomatenscheiben belegte Brot dagegen lässt Matthias Engel passieren. Höflich, aber bestimmt informiert der Zollbeamte am Frankfurter Flughafen Adele Smith, eine junge Bankerin aus der Nähe von Cambridge, über die neuen Bestimmungen. »Feste Regeln für die Kontrolle der Passagiere gibt aber es nicht«, sagt Engel. Nur rund jedem Dritten von hundert Passagieren stellt er die Frage: »Haben Sie Lebensmittel in Ihrem Gepäck?« Die Milchflasche von Adele Smith ist das erste Nahrungsmittel, das Engel einbehält. »Zusammen mit den Fleischabfällen des Flughafens wird sie verbrannt«, erklärt er. Gefährliche Rückstände seien so vollkommen ausgeschlossen.

Thailand ist zehn Flugstunden von Europa entfernt. Touristen, die mit einem Wurstbrot aus Europa in Thailand einreisen, müssen künftig mit bis zu zwei Jahren Haft oder mit einer Geldstrafe rechnen. Der Chef der Viehseuchenüberwachung, Prachak Thiratinrat, sagte der Nachrichtenagentur Reuters, mit den Strafen solle verhindert werden, dass die Rinderseuche BSE oder die Maul- und Klauenseuche (MKS) eingeschleppt würden. Die Fluggesellschaften seien aufgefordert worden, ihre Fluggäste darüber zu informieren, aus den gefährdeten europäischen Ländern kein Rind- und Schweinefleisch mitzubringen.


Schlachthöfe sollen Handschuhe tragen

Auf den Azoren war eine Zuchtkuh aus Sachsen-Anhalt der Rasse »Holstein Friesien« notgeschlachtet worden, erkrankt an der Rinderseuche BSE. Angeblich waren die Mutter gesund und das Futter frei von Tiermehl. Dass sich das Tier, zur Entlastung der deutschen Landwirtschaft, erst in Portugal infiziert haben könnte, will ein Beamter im niedersächsischen Landwirtschaftsministerium zwar nicht ganz ausschließen, viel spricht aber nicht dafür. Hastig ließ derweil die Koalition ein »Eilgesetz« erarbeiten, das durch das Parlament und durch den Bundesrat gepeitscht wurde. Die deutschen Schlachtbetriebe wurden demnach angewiesen, bei der Tötung von Rindern einen »geeigneten Gesichtsschutz«, »feuchtigkeitsdichte Schutzkleidung« und »schnitthemmende Handschuhe« zu tragen. Nach der Eilverordnung darf Tiermehl generell nicht mehr an landwirtschaftlichen Nutztiere verfüttert werden. Die möglichen Transportwege von Tieren und Fleischprodukten auch über Drittländer der vergangenen acht Wochen werden rekonstruiert. Die Bundesforschungsanstalt für Viruserkrankungen der Tiere nimmt umfangreiche Stichproben unter Schafen auf die Krankheit vor. Bis zur Tötung der betroffenen Bestände soll damit ein weiteres Ausbreiten der Krankheit vermieden werden. Weil vermutet wird, dass die Seuche in Großbritannien ihren Ursprung durch die Verfütterung von Speiseresten genommen hat, soll es auch in Deutschland verstärkte Kontrollen auf diesen möglichen Infektionsherd geben. Der Weg der Eilverordnung konnte dem Agrarressort zufolge auf Grund der neuen Gefahrenlage durch die entdeckten deutschen BSE- Rinder eingeschlagen werden. Rechtliche Basis ist das Viehseuchenrecht. Parallel dazu soll auch der gewöhnliche Gesetzgebungsweg unter Einbeziehung von Parlament und Bundesrat beschritten werden.

Sachsen-Anhalts Landwirtschaftsminister Konrad Keller (SPD) hat seine Forderung nach einem Treffen der Länderminister und Renate Künast in Potsdam noch einmal erneuert: »Künast muss einen Schritt auf die Länder zugehen. Wir wollen keine übereilten Maßnahmen um des kurzlebigen politischen Erfolgswillens.« Künast will mit den Ländern nun neu verhandeln. Sie plant, die Zuschüsse für nicht ökologische Produkte um drei bis vier Prozent zu kürzen und diese als Anschubfinanzierung zu Gunsten der ökologischen Landwirtschaft umzuschichten. Erlaubt ist, die EU-Subventionen um maximal bis zu 20 Prozent zu kürzen, um das Geld in umweltfreundliche Landwirtschaft einzusetzen. Diese Mittel müssen allerdings von Bund und Ländern in gleicher Höhe kofinanziert werden.


Die Faust in der Tasche

Die Angst geht um im Münsterland. Tatsächlich könnte die Maul- und Klauenseuche in kaum einer anderen Region verheerendere Schäden anrichten. Denn das Gebiet im Münsterland gilt als »Fleischgürtel« Nordrhein-Westfalens. Bauer Frank Berning ist fassungslos, dass ausgerechnet auf seinem Hof die hochansteckende Krankheit ausgebrochen sein könnte. »Wir können uns das nicht erklären. Wir haben jahrelang keinen Kontakt mit Holland, Frankreich und England gehabt«, sagt der Nebenerwerbslandwirt. Sein Blick gleitet über den traditionellen münsterländischen Bauernhof. Dann gibt er sich einen Ruck. Er hoffe, dass sich der Verdacht nicht bestätige, erklärt er. »Ich bin optimistisch.«

Zu diesem Zeitpunkt sind die 100 Ferkel auf seinem Hof längst notgeschlachtet und warten in einem hinter dem Hof abgestellten, mit einer Plane abgedeckten Container auf ihren Abtransport in die Tierkörperbeseitigungsanstalt. In der Nacht waren bei jungen Schweinen Fieber gemessen und Bläschen an der Rüsselscheibe festgestellt worden. Dies seien Symptome, die einen starken Verdacht auf den Ausbruch der Maul- und Klauenseuche begründeten. Die hundert Ferkel des Betriebes waren vorsorglich noch in der Nacht gekeult worden. Mit stichprobenartigen Blutproben werden die getöteten Tiere auf eine MKS-Infektion untersucht.

Um 8.00 Uhr am Morgen hatte Berning selbst seine Nachbarn angerufen, um ihnen die Hiobsbotschaft zu überbringen. Drei Höfe liegen eng aneinandergedrängt zwischen den grünen Feldern. Nur 20 Meter sind es bis zum nächsten Nachbarn, dem Landwirt Josef Janning. Der steht am Dienstagmittag mit den Händen in den Hosentaschen da. Seine ganze Körperhaltung drückt Ratlosigkeit aus. »Wir können nur die Daumen drücken«, sagt er.


Epilog

Das Interesse der Deutschen an sicheren Lebensmitteln hat nach der Aufregung um BSE und die Maul- und Klauenseuche (MKS) wieder stark nachgelassen. Das ist das Ergebnis einer Forsa-Meinungsumfrage, die das Verbraucherschutzministerium in Sorge versetzt hat. Hielten danach im Januar 70 Prozent der Befragten die »BSE-Krise« für das »wichtigste Thema« noch vor der Arbeitslosigkeit, so zählen diese jetzt gerade mal ein Prozent der Deutschen zu den wichtigsten Themen.


Dieser Text erschien als Fortsetzungsessay im Nachrichtenmagazin Der Spiegel und auf den Seiten von Spiegel Online. Bearbeitung: Joachim Rohloff



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