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Nr. 28/2001 - 04. Juli 2001
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Im Mund von Mick Jagger

Bernadette Hengst

Er war auf einmal da. Ich weiß nicht mehr, wo ich ihn zum ersten Mal gesehen habe, aber er hatte sich auf einmal in unser Leben eingemischt.

Wolfgang war nie älter als 15 und nie jünger als 50 Jahre alt.

Er war schon immer dick und schlurfte im Wurstgang durchs Leben. Er hatte seit jeher kaum Haare auf dem Kopf und wurde seit dem Kindergarten aus vielerlei Gründen gehänselt und angespuckt. Wahrscheinlich auch wegen seiner riesengroßen verwirrten Augen, die zu viel Aufmerksamkeit für einen so dicken Jungen verlangten. Als ihn die Kindergartentante am ersten Tag nach seinem Namen fragte, antwortete er: »Ich heiße mein Schatz!«, weil ihn seine Mutter immer so nannte. Seitdem riefen die anderen Kinder ihm immer lachend »Mein Schatz« hinterher, und er lachte glücklich zurück.

Als er dann älter wurde, und sah, dass die anderen Jugendlichen grüne Haare trugen und lauten unmelodischen Krach hörten, ließ er sich einen Schnauzbart wachsen. Er kaufte sich auch ein paar laute Krachplatten und zog sich hautenge schwarzgefärbte Jeans an, die seiner mächtigen Figur nicht gerade schmeichelten. Dabei wollte er eigentlich viel lieber alte Schlager hören, die sich wie Wiesenblumen im Sommerwind wiegten, und die ihn beim Überqueren der Duisburger Rheinbrücken begleiteten, wenn er kurz anhielt, um ins Wasser zu spucken.

Wolfgang hatte kaum Freunde. Die einzigen, die sich für ihn interessierten, waren die, die auch keine Freunde hatten. Und da die sich für Musik nicht zu begeistern schienen, beschloss er, sich seine Freunde woanders zu suchen.

Er fing an, auf Konzerte zu gehen und seinen Lieblingsbands hinterherzureisen und nahm eine Arbeit in einem Duisburger Chemiekonzern an, um seine Leidenschaft finanzieren zu können. Auf einem seiner Ausflüge musste er bei uns Feuer gefangen haben. Er kam eines Tages und ging nicht wieder.

Aber ein Koloss von einem Mann mit brennenden Augen ist nicht gerade das, was eine offenherzige Mädchenband wegschickt, und so mussten wir uns wohl kennenlernen.

Wie für die meisten unserer Fans waren seine spezielle Leidenschaft Frauenbands. Das mag jetzt für manche kaum verwunderlich erscheinen, doch für uns war es ein Mysterium, wie wir es immer wieder schafften, solche Männer an unsere Fersen zu heften.

Wolfgang stand immer in der ersten Reihe. Er verzog nie eine Miene. Er stand einfach nur da und starrte mit seinen großen, durchdringenden Augen.

Bei den ersten Konzerten, bei denen ich ihn entdeckte, trug er noch einen Schnäuzer. Als ich dann bei einem Auftritt ein paar Witze über zu lange Haare und Bärte machte, hatte er sich gleich beim nächsten Auftritt sowohl seine letzten paar Flusen auf dem Kopf als auch seinen Schnauzbart abrasiert.

Ich war einerseits sehr froh über meine geschmackliche Einflussnahme, andererseits aber auch sehr erschrocken über einen so schwachen Geist.

Er kam immer mit dem Zug und selbst in das versteckteste Dorf fand er irgendeine Möglichkeit, mit öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen. Wenn wir dann nachts, nachdem der letzte Bus längst gefahren und die Theke des Ladens, in dem wir gespielt hatten, geschlossen war, von unserem Fahrer ins Hotel oder in die nächste Familienpension gekarrt wurden, hatten wir plötzlich das Gefühl, wir wären für ihn verantwortlich, und müssten ihn wenigstens zum nächsten Bahnhof mitnehmen. Unsere nüchternen Tourbegleiter hinderten uns jedoch jedes Mal daran. Die Groupies von Madonna oder den Backstreet Boys haben anscheinend genug Geld, um sich im selben Hotel wie ihre Lieblinge einzunisten, unsere Fans waren arm. Das machte sie jedoch nicht weniger hartnäckig.

Nachdem wir ihn nun schon seit Wochen beobachtet hatten und seine Gewohnheiten, seine Lieblingsgetränke und Gesichtsausdrücke gedeutet und analysiert hatten, kam er eines Tages nicht.

Wir spielten in einer nichts sagenden Kleinstadt im Herzen von Bayern und ich schaute verzweifelt durchs Publikum auf der Suche nach einem vertrauten Gesicht. Wolfgang war nirgendwo zu entdecken. Gestern Abend war er doch noch da. Hatte ich schlecht gesungen? Waren ihm die Stücke zu langweilig geworden? Oder hatte er einfach eine neue Band gefunden, der er plötzlich lieber hinterherreiste?

Traurig, ohne Elan und auch in Sorge, ob ihm etwas zugestoßen sein könnte, spielte ich das Konzert lustlos zu Ende.

Nach dem Auftritt steckten wir beratend die Köpfe zusammen und überlegten, was wohl passiert sein könnte. Vielleicht hätten wir ihn doch einmal ansprechen oder zu einem Getränk einladen sollen, schließlich gab es solche Fans nicht allzu oft. Und was war, wenn er sich etwas angetan hatte? Den letzten Abend hatte er besonders depressiv und verletzlich gewirkt.

Aufgeregt vor Sorge, schütteten wir ein paar kräftige Getränke auf unseren Kummer. Dann fingen wir langsam an, uns zu streiten. Vielleicht hatten wir am Abend davor doch die falsche Reihenfolge gewählt? Die Schlagzeugerin warf in den Raum: »Wir hätten doch mit den alten Liedern anfangen sollen, dann wäre das nicht passiert, denn die Leute wollen schließlich zuerst das hören, was sie kennen.«

Worauf die Keyboarderin nölte: »Die alten Stücke langweilen nicht nur die Zuschauer. Das wollte ich schon lange mal sagen, vor allem, wenn wir sie immer gleich spielen.«

Ich mischte mich ein: »Wenn die Stücke dich langweilen, dann spiel doch endlich mal was anderes, niemand hindert dich daran.«

»Deine Gitarre ist jedes Mal so laut, dass ich sowieso keinen Ton höre, den ich spiele. Außerdem müssen wir das erstmal ausprobieren, das geht nicht von einem Tag auf den andern.«

Die Bassistin brüllte mir ins Ohr: »Ja, das mit der Gitarre wollt ich dir auch sagen, außerdem war dein Mikro dreimal so laut wie meins, ich krieg morgen keinen Ton mehr raus.« »Dann musst du dich beim Mischer beschweren, und nicht bei mir«, brüllte ich total genervt über immer dieselben Vorwürfe zurück und nahm mir eine Zigarette vom Tisch. Die Schlagzeugerin explodierte mit den Worten: »Kannst du dir nicht endlich mal selber Kippen kaufen, ich hab kein Bock, mir gleich schon wieder welche zu holen.«

Die Bassistin versuchte, zum Thema zurückzukehren: »Wir haben insgesamt viel zu lange gespielt, das hat ihn vertrieben. Lasst uns doch einmal aufhören, wenn die Leute noch Zugabe rufen. Wie wir Engländer sagen: Leave them wanting more!« Ich war wie immer der Meinung, wir hätten natürlich nicht lange genug gespielt, denn schließlich könnte jeder Auftritt der letzte sein, und so sollte man sich auch verhalten. Woraufhin mir von allen Seiten vorgeworfen wurde, ich sei ein Stimmungsnazi und würde die anderen nicht ernst nehmen. Das alles führte uns zwar tiefer in eine Krise, aber nicht weiter mit der Antwort auf die Frage, warum er nicht gekommen war.

Die Gläser leerten sich schneller als die Feuerwehr, bis wir uns am Ende der Diskussion die Frage stellten, ob wir uns nicht lieber auflösen sollten. Denn was war eine Band ohne wenigstens einen Verrückten, der ihr hinterherreiste?

Währenddessen prügelten sich im Hintergrund irgendwelche bayrischen Idioten wegen eines umgekippten Getränks. Eine Bierflasche traf mich am Kopf, da wurde ich wild. Hochgepeitscht von unserem Streit, schlug ich um mich und versuchte, dem Erstbesten auf die Schnauze zu hauen. Doch bevor ich ihn treffen konnte, traf er mich und warf mich gegen eine stümperhaft mit Holz vertäfelte Wand, in deren Ritzen ich mit meiner Nase hängen blieb.

Das war zu viel. Ich stürzte hinaus in die dunkle Nacht und stolperte die nächste Böschung hinunter, um Hals über Kopf auf einem schwarzen Platz zu landen.

Als ich die Augen aufschlug, erblickte ich einen großen Lkw-Friedhof.

Ich torkelte herum und setzte mich in das Führerhäuschen eines alten vergammelten Lastwagens, das so aussah wie ein riesengroßer Mund. Im Innern streckte sich mir der rote hängende Lappen von Mick Jaggers Maul entgegen. Von irgendwoher dröhnte eine fiese Rockband, bei der garantiert gerade der Gitarrist ein Solo mit der Zunge spielte. Ich ließ die Tür geöffnet, damit mich der Rachen nicht verschlang.

Was wäre, wenn er auf einmal zum Leben erwachte, anfing zu singen und seine Sympathie für den Teufel rauskotzte oder seine nicht zu befriedigende Genugtuung verlangte? Ich musste bei dem Gedanken daran fast kotzen und trank schnell noch einen großen Schluck aus der Flasche. Durch die Windschutzscheibe konnte ich direkt in den Himmel sehen. Ich heulte mit den Wölfen den nichts sagenden unromantischen Dreiviertelmond an und schlief schließlich vor Langeweile ein.

Nach einer Stunde wachte ich mit einem ungeheuren Durst auf und merkte, dass mein Getränk umgekippt war. Der Stones-Sänger schnappte immer noch mit seiner gierigen Zunge nach mir, also begab ich mich fluchtartig wieder in Richtung des Clubs, wo wir gespielt hatten.

Auf dem Weg dorthin kam mir die Bassistin entgegengerannt und schlug mir mit der flachen Hand in das zerschundene Gesicht. Als ob mir nicht schon genug passiert war. Erst in diesem Augenblick fühlte ich die Schwellung und die Blutkruste um Nase und Auge und hatte die leise Ahnung, dass ich zum ersten Mal so aussah wie unser Bandname. »Wo warst Du, ich hab Dich überall gesucht?« heulte sie mich an und riss mich schwankend mit sich in die Familienpension, in der ich mich endlich zur Ruhe legen konnte.

Am nächsten Abend warteten wir voller Spannung auf unseren Ehrengast, der gar nicht ahnte, dass seine Abwesenheit so viel Unruhe verbreitet hatte.

Als wäre nichts geschehen, stand Wolfgang schon eine halbe Stunde vor dem Konzert in der ersten Reihe und starrte stumm vor sich hin. Doch sein äußeres Erscheinungsbild war komplett verändert, er hatte sich von einem unscheinbaren Neunziger-Jahre-Fan zu einem wilden Siebziger-New-York-Dolls-Groupie verwandelt. Seine Augen staunten hinter falschen Wimpern und verschmiertem Kajalstift, als ich ihm freudig entgegenwinkte, und zum ersten Mal konnte man die Ahnung eines Lächelns auf seinem Gesicht erkennen.

Von nun an wurde alles anders. Er erzählte mir, dass er pleite gewesen war und nach Hause zurückfahren musste, um sich neue Kleider und Geld zu besorgen. Auch habe er eine Gitarre dabei und wolle uns anbieten, auf dem Rest der Tour bei uns im Vorprogramm zu spielen. Seine Gitarre sei zwar nur ein Nachbau von meiner, aber wenn er meinen Verstärker benutzen dürfte, wäre das kein Problem.

Sein massiver Körper schwankte leidenschaftlich unter seinem etwas knappen glitzernden Leibchen, das er über unser Band-

T-Shirt angezogen hatte, und die goldene Perücke gab seiner doch schon sehr angeglatzten Frisur den richtigen Pfiff. Die Zuschauer tobten, als er vor uns die Bühne betrat, und wir spielten nach ihm so, als wäre es das letzte Mal.


Bernadette Hengst ist Schriftstellerin und Musikerin. Sie lebt in Hamburg.



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