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Nr. 28/2001 - 04. Juli 2001
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Rhizomatisches Denken gegen die kalifornische Ideologie

Eine Polemik über ästhetische Wahrnehmung und die Poesie | Franco Berardi Bifo

Was tun, nachdem der Hype des Internet und der New Economy vorbei ist? Verbreitet ist ein traditionalistischer Gestus der Distanzierung, und oft werden die immer schon verdächtigen subkulturellen Haltungen gleich mit erledigt. Bifo plädiert dagegen für eine Kritik des Alltagslebens, der die Wirkungen informatischer Netzwerke und die Verhältnisse intellektualisierter Arbeit nicht egal sind.

Richard Barbrook ist ganz sympathisch; er lebt in London und leitet dort das so genannte Hypermedia Research Centre. Das Institut ist der Universität von Westminster angegliedert und selbstverständlich auch im Web präsent (www.hrc.westminster.ac.uk).

Vielleicht ist es intellektuelle Penibilität, die Barbrook dazu bringt, immer dann Teufelswerk zu vermuten, wenn die Welt anders erklärt wird, als es im aufgeklärt-progressiven Katechismus steht. Als ein fanatischer Verteidiger der Tugenden, die der moderne Sozialstaat gebracht hat, verwünscht Barbrook alle und jeden, denen es an Respekt für seinen Gott mangelt.

Kalifornische Ideologie. Doch ungeachtet der bei ihm anzutreffenden Staatsvergottung hat Barbrook auch seine guten Seiten. So ist er in den vergangenen Jahren gegen die herrschende Ideologie des High-Tech-Neoliberalismus ins Feld gezogen, der er den Namen »kalifornische Ideologie« gegeben hat. Mit einiger Wirkung, auch wenn seine Verallgemeinerung ein wenig verzerrt. Natürlich denkt man dabei sofort an Wired, das Magazin aus San Francisco, und an den Optimismus, die Leitphilosophie der New Economy, derzufolge der Welt eine frohe Zukunft bevorsteht, sobald es ihr nur erst gelungen ist, sich von jedem Rest staatlicher Bevormundung zu befreien, sodass sie glücklich auf dem Weg des kapitalistischen Unternehmergeists und der High-Tech-Entwicklung voranschreiten kann. Genau dieses Denken hat Barbrook sich zum Feind gewählt. »The Californian Ideology« - »Die kalifornische Ideologie« - war dann der Titel eines Texts, den er gemeinsam mit Andy Cameron vor ein paar Jahren, zunächst im Netz, veröffentlicht hat. Darin greift er die Unterschlagungen, die Auslassungen und die Heuchelei dieser Ideologie an. Die Behauptung, die Gesellschaft wäre, wenn man sie nur einmal ihrem spontanen Selbstlauf überließe, zu einer Entwicklung in Gleichheit und Wohlstand bestimmt, ganz allein aufgrund der technologischen Neuerungen, überführen Barbrook und Cameron als Lüge, und das aus dem einfachen Grund, weil gesellschaftliche Automatismen weder neutral noch »natürlich« oder »ewig« sind, sondern durch die Geschichte des Kapitalismus hervorgebracht und deshalb dem Prinzip folgen , dass der private Profit vor jedem gesellschaftlichen Interesse Vorrang hat. Dieses Prinzip ist keine Nebensächlichkeit, sondern der Dreh- und Angelpunkt im ganzen Regelwerk, nach dem die sozialen Beziehungen auch im Netz funktionieren. Letztlich zeigt sich das auch in der fortschreitenden Kolonisierung des Internets durch multinationale ökonomische Interessensgruppen.

Die Kritik von Barbrook habe ich mit viel Interesse gelesen, auch wenn mir seine Position ein bisschen old style vorkam. Versteht mich recht, ich habe nichts gegen altmodische Argumente oder gegen eine anständige sozialistische Gesinnung. Das Problem liegt anderswo: Mit diesem ganzen Rüstzeug sozialdemokratischen Fortschrittsglaubens (dem der philanthropische Geist des englischen Bürgertums ebenso nahe ist wie der Gestus der Aufklärung, der auf den Seiten von Le Monde diplomatique herrscht) wirft Barbrook sich gegen die neue Ungerechtigkeit im Namen der alten Lösungen - die da heißen: zentralistischer Staat, ökonomische Steuerung, Rationalisierung - in die Schlacht. Das funktioniert aber nicht mehr, und in Wahrheit hat es eigentlich nie funktioniert. Der Spätsozialismus hält den Staat für das einzige Bollwerk gegen die Barbareien des neoliberalen Kapitalismus. Als ob der Staat historisch nicht oft genug bewiesen hätte, dass er bei den allermeisten Gelegenheiten für die kapitalistische Barbarei unverzichtbar ist. Und heute kommt noch eine weitere bittere Erkenntnis hinzu: Die politische Organisation der Willensbildung, als die sich der Staat darstellt, besitzt keine Grundlage mehr, denn es fehlt die Fähigkeit zur Steuerung und zur Kontrolle, die Fähigkeit, Vorgaben zu machen, die der sozialdemokratische Staat im zwanzigsten Jahrhundert zumindest in einem bestimmten Maß hatte.

Deshalb riskiert Barbrooks Polemik gegen eine von der Idee des High-Tech-Neoliberalismus getragene New Economy, ausgerechnet der High-Tech-Ideologie selbst Wasser auf die Mühlen zu gießen. Wenn man Out of control von Wired-Chef Kevin Kelly liest oder die ultraliberalen Texte von Esther Dyson und sie dann mit den altmodisch moralisierenden Vorhaltungen von Richard Barbrook und Andy Cameron vergleicht, kann man sich des betrüblichen Eindrucks nicht erwehren, dass hier eine Linke kulturell abgehängt ist und zu spät kommt. Daraus kann man dann nur schließen, dass nichts zu tun bleibt. Die Ultraliberalen haben Recht; uns bleibt das Hoffen auf die Selbststeuerungskräfte eines von der Netzdemokratie gezähmten Kapitalismus. Alles in Ordnung, darum Gute Nacht.


Der Kampf gegen die Windmühlen

Nichts ist in Ordnung, und zwar mindestens in zweierlei Hinsicht. Erster Aspekt: Der High-Tech-Kapitalismus ist extrem gewalttätig (und diese Gewalt hat qualitativ andere Züge als im Industriekapitalismus). Die Gewalt richtet sich gegen jene, die vom High-Tech-Produktionszyklus ausgeschlossen sind, also gegen den Rest der Menschheit; und sie richtet sich gleichermaßen gegen jene, die vom informatisierten Wettbewerbszyklus erfasst und eingeschlossen sind. Sie erleben eine Neuroausbeutung und sind einem wachsenden psychischen Druck ausgesetzt, der Panik und Depressionen hervorruft. Im Prozess der Virtualisierung verarmen sie emotional sowie in ihren sozialen Beziehungen. Zweiter Aspekt: Die Macht der intellektuellen Arbeit erweitert sich enorm, und mit ihr werden die Bedingungen für eine Gesellschaft des Überflusses für alle geschaffen. Dem stehen, als ein geradezu unüberwindliches Hindernis, die kapitalistische Form der Vergesellschaftung und die kapitalistische Zurichtung des Begehrens entgegen: die Berufsidentität, der Wunsch nach Bestätigung in der Arbeit, der Wettbewerb, sexuelle Aggressionen, Rassismus, Nationalismus, Gewalt etc.

Barbrook hätte also Recht, die Heuchelei, mit der Wired die New Economy feiert, anzugreifen. Nur dass er, ein verdrehter moderner Don Quixote, statt die Windmühlen für Riesen zu halten, die Riesen angreift, da er sie mit Windmühlen verwechselt. Alle, die zufällig Barbrook lesen und vorher eine Ausgabe von Wired in den Händen hatten, werden den Stich im Herz spüren, wenn sie feststellen müssen, dass die Zukunft den Bösen gehört, weil die Guten derart phantasielos sind und ihnen nichts anderes einfällt, als die angestaubten Litaneien des vergangenen Jahrhunderts zu wiederholen.

Barbrooks neue Gegner. Sein theoretischer Traditionalismus findet eine traurige Bestätigung, wenn Richard Barbrook sich an die Abrechnung mit dem rhizomatischen Denken begibt. In dem Pamphlet »The Holy Fools« (Die heiligen Narren), erstmals 1998 am Hypermedia Research Centre veröffentlicht, poltert er gegen das rhizomatische Denken, verspottet Gilles Deleuze und Félix Guattari, wie der Titel schon ahnen lässt, als heilige Narren und wirft alles mit der kalifornischen Ideologie, mit dem High-Tech-Liberalismus in einen Topf.

Gibt es in dieser polemischen Gleichsetzung eine Logik? Es gibt eine. Das rhizomatische Denken (Barbrook nennt es techno-nomadisch, eine schöne Umschreibung, die keineswegs beleidigend klingt, aber wohl so gemeint sein soll) hat tatsächlich mit den Apologien des High-Tech-Kapitalismus etwas gemein. Es ist gleichermaßen up to date, gleichermaßen in der Lage, die Logik zu begreifen, der die intellektualisierte Arbeit im Netzwerk und der Pankapitalismus folgen. Das techno-nomadische Denken von Deleuze und Guattari analysiert den zeitgenössischen Kapitalismus als semiotischen Fluss und verortet auf dieser Ebene die Aufgaben der Kritik und der Transformation: als molekulare Selbstorganisierung der Arbeit gegen den Kapitalfluss und gegen den Staat, gegen die repressive Territorialisierung. Das techno-nomadische Denken ist also die gezielte und bestimmte Subversion gegen die High-Tech-Ideologie. Es ist eine Form des Denkens, das in der Lage ist, entlang Linien und in Rhythmen auf der Höhe der Zeit Gestalt anzunehmen, eine Art von Kritik, die nicht überholt ist.

Félix Guattari schreibt in Chaosmose: »Das demokratische Chaos birgt eine Vielzahl resingularisierender Fluchtlinien, Anziehungspunkte sozialer Kreativität auf der Suche nach Aktualisierung. Das hat nichts mit liberaler Risikofreude zu tun, mit ihrer Besessenheit für Marktökonomie, für den über alles gehenden Markt, für den überbordenden Markt kapitalistischer Macht.« Doch Barbrook kennt in seinem Kampf kein Pardon. Gegen die Übel der Postmoderne teilt er kräftig aus, denn schließlich sieht er in ihnen alles Schlechte der sechziger Jahre wiederkehren: »Das Netz wird von den enttäuschten Hoffnungen der Sechziger verfolgt. Weil diese neue Technologie eine weitere Periode schneller Veränderungen symbolisiert, blicken viele zeitgenössische Kommentatoren auf die abgestorbene Revolution von vor dreißig Jahren zurück, um Erklärungen dafür zu finden, was jetzt gerade passiert. Am berühmtesten ist wohl der Fall von Wired, dessen Gründer sich die Rhetorik der Neuen Linken aneigneten, um ihre Politik der Neuen Rechten für das Netz zu bewerben. In Europa macht die lange Geschichte einer Politik der Klassenauseinandersetzungen und zwanghafter Theoretisierung solche ideologischen Mystifikationen um einiges schwieriger. Aber das heißt noch nicht, dass Europa gegen die Umarmung des digitalen Elitismus im Namen des Liberalismus der Sechziger immun ist. Ironischerweise ist diese bizarre Vereinigung von Gegensätzen in von Gilles Deleuze und Félix Guattari inspirierten Schriften am offensichtlichsten.«


Techno-Nomaden

Wer sind die Techno-Nomaden? Ich würde darauf antworten, techno-nomadisch ist die Form, die die intellektualisierte Arbeit annimmt, wenn sie sich selbst organisiert. Damit eignet sie sich die Fähigkeit an, den Zyklus der Infoproduktion im Netz in einen Zyklus kultureller und sozialer Selbstverwertung und Autonomie umzuwandeln. Doch für Barbrook sind Techno-Nomaden, wer weiß warum, eine Spezies elitärer Dropouts. »In ihrem heiligen Buch feiern Deleuze und Guattari den Nomadenmythos und setzen damit dem Tribalismus der Hippies ein Denkmal. Während der Sechziger dachten viele Revolutionäre, dass der beste Weg, den Kapitalismus zu überwinden, die Rebellion gegen die traurige Routine des Alltagslebens sei. Statt disziplinierte Arbeiter und zufriedene Konsumenten zu werden, begannen die 'Kinder der Ameisen' in Stämmen zu leben. Auch heute hängen jugendliche Subkulturen noch an dem Hippie-Glauben, dass ein bohemienhafter Lebensstil sie erlösen würde. Besonders für europäische Avantgarde-Intellektuelle wirkt diese nomadische Tradition anziehend. Sie sind relativ privilegiert, sie profitieren vom hohen Maß ihrer professionellen und touristischen Mobilität. Als Akademiker, Künstler und Aktivisten sind sie auf Konferenzen oder bei Ausstellungseröffnungen in Europa und anderswo anzutreffen. In ihrer Vorstellungswelt sind diese Schüler von Deleuze und Guattari heute ständig unterwegs, auch wenn sie vor ihrem eigenen Computerbildschirm sitzen. Sie sind die Jäger-Sammler der Techno-Kommunikation, ein Cyber-Stamm, der dem Lauf der virtuellen Welt folgt und ihre offenen Räume durchstreift.«

Barbrook beschreibt den Lebensstil des Kognitariats, der neuen intellektualisierten Arbeit, die im Zyklus der Infoproduktion agiert. Aber er tut das im skandalisierenden Ton bigotter Entrüstung über satanische Rituale. Tatsächlich, ja, diese korrupten Sklaven im Technologie- und Medienbereich pflegen bei Meetings oder auf Kunstausstellungen ihre Freundschaften, und sie reisen zudem viel. Doch warum muss das gegen sie verwendet werden oder - was ich noch weniger verstehe - warum sollte das gegen das techno-nomadische Denken sprechen? Physische und virtuelle Mobilität gehört substanziell zum kulturellen Austausch, und das Networking ist integraler Bestandteil im Produktionsprozess der Informationswaren. Zweifellos arbeiten Techno-Nomaden nicht im Stahlwerk. Doch sagt das nichts über das Ausbeutungsverhältnis aus, dem sie gleichwohl unterworfen sind, und noch weniger über die Dynamik der Veränderung, die bezogen auf die gesamte Gesellschaft von ihnen ausgehen kann.

Barbrook hält den Anti-Etatismus von Deleuze und Guattari zumindest für einen Skandal. Angesichts des harten Lebens des Industrieproletariats, so scheint er uns sagen zu wollen, gibt es nur eine Hoffnung und die heißt Staat, ein Staat, der dem arbeitenden Volk jede Wunde heilt und jedes Leiden lindert. Ich bin nicht ganz sicher, ob ein Staat jemals die Leiden von irgendjemandem gelindert hat, außer wenn es darum ging, die Voraussetzungen kapitalistischer Ausbeutung wieder herzustellen. Doch mit Sicherheit lindert der Staat heute keine Leiden, und er wird es auch in Zukunft wohl nicht tun. Und das nicht, weil der Staat ein hartherziger Teufel wäre, sondern aus dem einfachen Grund, weil die Möglichkeiten der Regierung und der politischen Steuerung in einer techno-kommunikativ durchdrungenen Gesellschaft miserabel sind. Wenn der Produktionsprozess von rhizomatischen Linien und molekularen Verbindungen in einer Art durchzogen ist, die für ein zentralisiertes Wissen schlechterdings undurchschaubar ist, und wenn die Ströme der Ökonomie und der Kommunikation sich von einem durch staatliche Politik noch regier- und kontrollierbaren Terrain ins Virtuelle verschieben, wo sie die staatliche Autorität nicht mehr berühren, dann ist es für die Gesellschaft an der Zeit, die entwickelten Voraussetzungen ihrer Selbstorganisation zu aktualisieren.

Von Radio Alice zum Netz. Eines der Ziele, die sich Richard Barbrook für seinen polemischen Angriff ausgesucht hat, ist der Glaube an einen Technikdeterminismus. Wie wollte man ihm da nicht zustimmen? Es ist natürlich eine Binsenweisheit, dass die technologische Entwicklung an sich zu keiner Befreiung führt, zu keiner Erweiterung irgendeines Horizonts, zu keiner Demokratie und erst recht zu keinem Wohlstand. Doch ist mir schon wieder vollkommen unverständlich, wie Barbrook dazu kommt, seine »heiligen Narren« Deleuze und Guattari (und vor allem Guattari) für Techno-Deterministen zu halten. Er widmet dazu in seinem Pamphlet einige Abschnitte eigens Félix Guattari, der sich als Aktivist und als Theoretiker mit freien Radios und später mit Datennetzen beschäftigt hat.

In den sechziger Jahren, als die Erfahrung mit freien Radios in Italien anfängt, Früchte zu tragen, und darin Möglichkeiten einer sozialen, politischen und kulturellen Selbstorganisation aufscheinen, beeindruckt und affiziert dies Guattari sehr. Die Erfahrung mit freien Radios (und im Besonderen von Radio Alice in Bologna, bei dem er von Anfang an ein Bewusstsein für die besonderen technischen und medialen Verbindungen sieht, die das Radio in der kontinuierlichen Interaktion mit den Hörerinnen und Hörern entwickelt), diese Erfahrung also antizipiert, so erklärt es Félix Guattari, einen Prozess techno-kommunikativer Selbstorganisation, der die Überwindung der Medienära andeutet. Ferner angeregt durch die Erfahrung mit dem Minitel, dem ersten Beispiel eines weitgespannten Datennetzes in Europa, das seit Anfang der achtziger Jahre in Frankreich Verbreitung findet, beginnt Guattari, vom sich abzeichnenden Horizont einer post-medialen Zivilisation zu sprechen. Das wäre eine Zivilisation, in der ein Kommunikationsfluss nicht mehr hierarchisch auf eine passive Öffentlichkeit gerichtet wäre, sondern in der ein dichtes Netzwerk rhizomatischen Austauschs aller mit allen funktionieren würde, da alle sich auf einer Ebene befänden.

Richard Barbrook rekonstruiert nun, um zu zeigen, wie gefährlich die Position von Guattari ist(dessen bemerkenswerte Weitsicht er nicht leugnen kann), die Geschichte von Félix' Beziehungen zur Bewegung der freien Radios in Italien und Frankreich zwischen 1977 und 1982. Seine Rekonstruktion der Ereignisse ist vollkommen aus der Luft gegriffen, verfälscht die historischen Fakten und bleibt politisch plump. Im Wesentlichen behauptet Barbrook, dass Guattari zum Scheitern der Radios, mit denen er in Kontakt tritt (also Radio Alice und Radio Fréquence Libre), beiträgt, indem er diese Radios, die an sich achtbare Informationsquellen für die arbeitende Bevölkerung waren, mit den zerstörerischen Keimen des nomadischen Extremismus infiziert. Es scheint mir unmöglich, ja sinnlos, die barbrooksche Geschichtsauffassung zu diskutieren oder zu kritisieren, sektiererisch und desinformiert wie sie daherkommt, um nicht von Wahnvorstellungen zu sprechen. Nur eins: Radio Alice wurde von der Polizei und vom Staatsschutz geschlossen, weil es als Instrument der Selbstorganisation der studentischen und proletarischen Revolte im März 1977 funktionierte; für Barbrook ist der Grund der Schließung, dass Radio Alice versucht haben soll, die Einwohner von Bologna zur Schizo-Politik zu bekehren, und natürlich wollten die Einwohner von Bologna davon nichts wissen. Und Fréquence Libre wurde von der Regierung Mitterrand angeblich geschlossen, weil es zu wenige Hörerinnen und Hörer hatte (nur 30 000, wie Barbrook uns erzählt), und deshalb bekam es, was es verdiente.

»Die Polizei hat Radio Alice zerstört; seine Betreiber wurden gejagt, verurteilt und eingesperrt, die Sendeanlagen hat man zerschlagen, aber seine revolutionäre Arbeit unermüdlicher Deterritorialisierung setzt sich bis ins Nervensystem seiner Verfolger fort«, schrieb Guattari in der Einleitung zu Radio Alice, radio libre, einem Buch, das im Sommer 1977 in Paris erschien. Barbrook zitiert die Passage mit Häme. Doch dazu hat er keinen Grund, denn genau das ist passiert. Radio Alice war das erste Experiment zur Deterritorialisierung des techno-kommunikativen Zusammenhangs, ein Angriff auf das zentralisierte System der Medien, der Versuch, die Kommunikation netzförmig auszuweiten und sie damit zum Moment der Selbstorganisation zu machen. Genau wie Félix Guattari schreibt.


Ästhetik und Sinnlichkeit

Was also irritiert Richard Barbrook am Denken von Deleuze und Guattari?

»Die Ästhetisierung des Mai '68 wird durch den poetischen Stil von Deleuze und Guattari erst möglich gemacht. In Mille Plateaux springt der Schizo-Fluss des Texts beständig zwischen radikaler Psychoanalyse, Kunstkritik, historischen Mythen, Volkswissen und mehreren weiteren Genres. Wie in der modernistischen Malerei wird der 'Realismus' des Textes durch eine Faszination für die formalen Techniken der theoretischen Produktion ersetzt. Für Deleuze und Guattari ist Theorie ein Stück Literatur, das eher authentische Emotionen ausdrückt, als ein Werkzeug für ein Verständnis der sozialen Realität zu sein. Nach dem Scheitern in der Praxis kann die Politik der Neuen Linken als eine 'Theorie-Kunst' weiterleben.«

Der wesentliche Einwand Richard Barbrooks gegen das rhizomatische Denken ist also, die Kritik und die soziale Revolte durch die Ästhetik ersetzt zu haben. Lassen wir ein paar brüskierende Anspielungen beiseite, die zeigen sollen, wie ästhetische Wahrnehmung zum Faschismus führt, was man ja am Beispiel der italienischen Futuristen sehen kann (von denen Barbrook nur lückenhafte Kenntnisse offenbart). Die Armut von Barbrooks Position zeigt sich in der Ignoranz, mit der die Ästhetik als nützliches Instrument der Interpretation abgelehnt und dem Bereich eines spätromantischen Snobismus zugeschlagen wird.

Barbrook hält den Techno-Nomaden vor, die Poesie dem Sicherheitsstaat vorzuziehen. Abgesehen von der sprachlichen Vergröberung, mit der er das ausdrückt, hat Barbrook hier einen wesentlichen Aspekt des rhizomatischen Denkens erfasst. Tatsächlich, es stimmt. Guattaris Theorie hat einen ästhetischen Kern. Wenn Barbrook das letzte Buch von Guattari, Chaosmose, lesen wollte, könnte er darin die Kapitelüberschrift finden: »Le nouveau paradigme esthétique« (Das neue ästhetische Paradigma).

Was heißt Ästhetik? Ästhetik heißt nicht nur, wie die vorherrschende Übereinkunft der westlichen Philosophie es will, das Wissen um die Gesetze der Schönheit. Ästhetik bedeutet auch (oder vor allem, denn dieser Aspekt interessiert uns hier) das Wissen um die Sinnlichkeit, um das Empfinden, das Wissen von den Berührungen der Haut, also Wissen vom Entwurf der Welten seitens einer Subjektivität im Werden. Es gibt keine wesentlichere gesellschaftliche Fragestellung als diese, denn der kognitive Kapitalismus ist mehr als alles andere affektiv, er affiziert die Sinnlichkeit. In der Welt des globalisierten Kapitals ist die menschliche Psyche der Ort, an dem Arbeit, Ausbeutung, psychische Leiden und sinnliche Beanspruchung im Wesentlichen zusammentreffen. Präziser ausgedrückt ist es das Verhältnis von Körper und Geist, das den pathogenen Wirkungen der Überstimulation durch Information ausgesetzt ist. Die Beschleunigung des Kapitalismus, die Virtualisierung jedweder Berührung, die planetarische Deterritorialisierung, die Auflösung und der Zusammenbruch sozialer Traditionen und tief verwurzelter psychokultureller Systeme, all das wirkt auf die Art und Weise ein, eine gesellschaftliche Psyche und vor allem die Sinnlichkeit entwickeln zu können. Die komplizierteste und äußerste Auseinandersetzung findet auf der körperlich-emotionalen Ebene statt. Das gesellschaftliche Aufmerksamkeit heischende mediale Bombardement zeigt im Bereich der Sinnlichkeit brutale Auswirkungen. Eine Invasion von Supermonstern zerstört das Imaginäre, mutagene Viren überrollen das psychische Kollektive. Die Explosion der medialen Epidemie, die den Namen Aids trägt, eine Seuche, die durch eine mediengestützte Identifikation von Krankheit und Lust insbesondere die menschliche Psyche befällt, geht einher mit einer Virtualisierung der Beziehungen zwischen Körpern mit Bewusstsein.

Es geschieht also nicht ohne Grund, wenn Guattari vorschlägt, das Ästhetische zum Ausgangspunkt des Nachdenkens und des Handelns zu machen. Die Art, wie Körper einander in der gesellschaftlichen Sphäre begegnen und wahrnehmen, ist das Problem unserer Zeit. Mit ihm beschäftigt sich die Ästhetik.


Der Verlag Verso (London) hat für dieses Frühjahr die Buchveröffentlichung von Richard Barbrooks The Holy Fools avisiert - und inzwischen die Ankündigung zurückgezogen. Barbrooks Text ist (gekürzt) im Netz weiterhin zugänglich (aktuell in Englisch und Deutsch bei http://www.hrc.wmin.ac.uk/hrc/theory/holyfools.xml).

Franco Berardi, genannt Bifo, war Mitbegründer von Radio Alice (Bologna). Als Theoretiker untersucht er heute vor allem die Machtverhältnisse in der intellektualisierten Arbeit. Jüngste Veröffentlichungen: La fabbrica dell'infelicità, Rom 2001; Felix. Il pensiero di Guattari, Rom 2001. Mehrsprachiges Netzprojekt: http://net-i.zkm.de/rekombinant



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