Diskursrock II
Liebe ist politisch
Großes Hurrageschrei bei Berliner Linken. Die verhasste, durch und durch kommerzielle und deshalb böse Love Parade ist in den Augen des Verwaltungsgerichts keine politische Demonstration; die alternative, antikommerzielle Fuckparade hingegen doch. Die Macher der Fuckparade jubeln: Die Love Parade sei »von einer wirklichen Demonstration zum umweltgefährdenden Karneval mutiert«. Die Veranstalter verfolgten rein kommerzielle Zwecke, während sie »den Schutz als Demonstration genießen möchten«.
Doch was da als vermeintlich linker Sieg gefeiert wird, ist eine dramatische Niederlage. Man kann ja gerne der Meinung sein, die Love Parade sei nur noch ein Kommerzspektakel, aber wieso soll man es feiern, wenn ein Gericht darüber befindet, was politisch ist und was nicht? In der Begründung des Verwaltungsgerichts heißt es, aus dem Motto der Love Parade (»Join the Love Republic«) erschließe sich nicht, welche Meinung kundgetan werden solle. So ein Quatsch! Das Motto ist ein eindeutiges Bekenntnis zu einem Lebensstil, ein Bekenntnis, zu einer bestimmten Gemeinschaft gehören zu wollen. Einen anderen Zweck verfolgt das Absingen der Nationalhymne auch nicht. Und ein Parteitag mit dem Motto »Bereit für den Wechsel« könnte mit dieser Argumentation ebenfalls als unpolitisch qualifiziert werden.
Politik ist - wie es im Fremdwörterbuch heißt - ein auf die Gestaltung des öffentlichen Lebens gerichtetes Handeln. Und die Love Parade hat das öffentliche Leben um ein Vielfaches mehr gestaltet, als das »Gesetz über den Beruf der Podologin und des Podologen« (medizinische Fußpfleger), welches kürzlich im Deutschen Bundestag debattiert wurde. Wieso darf ein Richter die durchaus philosophische, vielleicht sogar politische, keinesfalls aber juristische Frage beantworten, wo Politik beginnt und wo sie aufhört?
Das Gericht erklärte ferner, die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer sehe die Parade als »reine Spaßveranstaltung«. Ja, und wenn Westerwelle im »Big Brother«-Container Bier trinkt, was ist das dann? Die ganzen Talkshows, die Politikerreden, Wahlkampfplakate ... Okay, es ist eine Frage des Humors, ob man etwas als Spaß versteht. Aber nur weil etwas vergnüglich ist, ist es nicht unpolitisch!
Izwischen, so begründen die Richter ihr Urteil, diene die Veranstaltung vor allem kommerziellen Interessen, und so lautet ja auch das Hauptargument der linken Kritiker der Love Parade. Ja, entschuldigt mal, Leute! Spätestens seit Marx wissen wir ja wohl, dass das Leben gerade dort politisch ist, wo es ums Geld geht. Die Love Parade ist kommerziell, also ist sie politisch! So wird ein Schuh draus! Wirtschaft als unpolitische Angelegenheit zu betrachten, das kann ja wohl kaum ein Linker ernsthaft wollen. Und natürlich fließt Geld, wo Politik im Spiel ist. Ob das schwarze Kassen oder schwarze Dienstkarossen sind.
Die Love Parade gestaltet Gesellschaft. Das ist Politik. Man kann die Love Parade scheiße finden, aber keinesfalls darf man das Definitionsrecht für Politik so einfach dem Gegner überlassen, der nur darauf wartet, linken Protest als Hooliganismus abzutun. Schließlich handelt es sich um ein klassisches Demoverbot. Und die Begründung, man sehe den politischen Hintergrund nicht, kann demnächst auch den 1. Mai, die LL-Demo, Gipfelproteste oder sonstige Spaßveranstaltungen treffen.
ivo bozic
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