Speedway to Hell
AC/DC spielen am Lausitzring.
Zwischen Nietengürteln, Bierbechern, Vokuhilas und Luftgitarren haben
sich biggi hirschfelder und
maik söhler auf die Suche
nach Bon Scott gemacht
Es ist kaum zu glauben. Aber ja, doch, er soll da sein. »In Originalbesetzung« werden AC/DC am 16. Juni am Lausitzring spielen, so hatte es in der Ankündigung des Konzertveranstalters Deag Entertainment gestanden. In Originalbesetzung. Das heißt: mit Bon Scott, dem ehemaligen Sänger der Band, der schon lange nicht mehr aufgetreten ist, der kein Interview mehr gegeben hat, keine neue Band gegründet, kein Hotelzimmer zerlegt, kein uneheliches Kind gezeugt, kurz, den seit mehr als 20 Jahren niemand mehr gesehen hat.
Warum kommt er ausgerechnet jetzt? Und ausgerechnet hierhin? Zum Lausitzring? Steht er auf Autorennen? Auf die Champ-Car-Serie, die demnächst »auf der modernsten Rennstrecke der Welt, dem Eurospeedway«, wie es in einer Broschüre zum Lausitzring heißt, stattfinden wird? Will er nur einmal zusammen mit den Toten Hosen, der zweiten Vorband, spielen? Gar mit der ersten, Megadeth?
Oder ist ihm einfach nur das Geld ausgegangen?
»You learn to sing,
You learn to play,
Why don't the biznessman
Ever learn to pay.
That's show bizness,
Show bizness
That's the way it goes.«
(»Show Business«, 1974, by Malcolm Young, Angus Young and Bon Scott)
Sind es die Ossis, die es ihm angetan haben? Oder die hübschen Wald- und Wiesenlandschaften des südöstlichen Teils von Brandenburg? Die Niederlausitzer Spreewaldgurken und das Oderhochwasser? Reizende Städte wie Finsterwalde, Guben und Hoyerswerda? Rock'n'Roll-Hochburgen wie Doberlug-Kirchhain, Lübbenau oder Bad Liebenwerda? Haben die AC/DC-Fanclubs aus Calau, Peitz und Weißwasser wirklich solchen Einfluss?
Oder sind es nur die schlechten Straßen, auf denen einem auch ohne Alkohol schnell schlecht wird? »Ich sage immer, dass dir der Mann, der tatsächlich die Gräben aushebt, manchmal mehr über den Straßenbau erzählen kann als alle Ingenieure zusammen«, erklärt AC/DC-Gitarrist Angus Young in einer vom Veranstalter verteilten Band-Biografie.
Nicht nur die Straßen sind mies, auch die Planung ist es. Bereits weit vor der Ausfahrt Klettwitz, die direkt am Lausitzring liegt, geht auf der Autobahn kaum noch etwas. 25 Kilometer Stau, 25 Kilometer AC/DC-Fans aus Berlin, Fürstenwalde, Pirmasens, Rostock und Zossen, 25 Kilometer Bierflaschen aus Autofenstern, Bierdosen auf Autodächern, Bierkästen in offenen Kofferräumen, 25 Kilometer Druck auf der Blase, 25 Kilometer pinkelnde Männer am Randstreifen. Weit und breit kein Bon Scott.
Das ist kein Highway to Hell. Oder doch?
»Livin' easy, lovin' free
Season ticket on a one way ride
Askin' nothing, leave me be
Takin' everything in my stride
Don't need reason, don't
Need rhyme
Ain't nothin' I would rather do
Goin' down, party time
My friends gonna be there too.«
(»Highway to Hell«, 1979, by Malcolm Young, Angus Young and Bon Scott)
Da stehen sie, mitten auf der Autobahn. Menschen, von denen man gedacht hat, dass es sie schon längst nicht mehr gibt. Die Mitglieder des BMW-Clubs Lossow aus Frankfurt/Oder unterscheiden sich äußerlich kaum von den Dorfrockern aus Gardelegen, die im Golf angereist sind. Kleinbusse aus Wolfsburg geben im Stau ihre Insassen frei, die sich in nichts von den Zotteln aus Hamburg unterscheiden, die aus einem Mercedes steigen. Man trägt schwarze Lederjacken und blaue Jeans oder blaue Jeansjacken und schwar-ze Lederhosen. Die Haare sind vorne kurz und hinten lang (Vokuhila), wer es sich leisten kann, hat sich Strähnchen oder eine frische Dauerwelle machen lassen. Es gibt offensichtlich aber immer noch viele arme Menschen.
Auch die Motorräder kommen kaum noch voran. Sie versuchen, langsam am Rand oder zwischen den beiden Spuren durchzukommen. Motorradclubs aus der ganzen Republik sind angereist, vornehmlich aber aus dem Osten, manchmal auch ohne Motorrad, dafür mit einem Kleinbus. Geht es nicht weiter, wird halt gerastet. Gerastet meint: getrunken. Und gepinkelt. Auf einer Strecke von zwei Kilometern strullert ein Rocker des Motorradclubs Mark Brothers Brandenburg viermal. Anderen ist das Bier schon jetzt ausgegangen, sie gehen von Auto zu Auto: »Ey, verkauft ihr mir'n paar Bier?«
Nach 50 Minuten ist eine Ausfahrt zu sehen, endlich. Rechts und links der Autobahn häufen sich Dosen und Flaschen, Verpackungen, Zigarettenschachteln. Es geht langsam voran, Leute, die sich zu Fuß auf den Weg gemacht haben, werden wieder eingesammelt, andere steigen aus - jetzt erst recht. Das Ausfahrtsschild kommt näher, Großräschen ist darauf zu lesen. Also noch 15 Kilometer Stau bis Klettwitz. Und immer noch kein Bon Scott.
Aus einem Transporter scheppert irgendwas von den Dire Straits, irgendwer hört lauten Techno, aus jedem dritten Wagen aber dröhnen Stücke von AC/DC:
»She said she'd never been, never been
touched before
She said she's never been this far before
She said she never liked, mmm, to be
excited
She said she always had, had to fight it
And she never won
She said she'd never been, never been
balled before
And I don't think she'll never ball no more.«
(»Squealer«, 1976, by Malcolm Young, Angus Young and Bon Scott)
Endlich eine Raststätte, endlich überfüllte Klos, endlich leergekaufte Kühlschränke, kein Bon Scott. Zurück auf die Autobahn, 20 Minuten stehen, 50 Meter fahren. Einige Leu-te überqueren alle vier Spuren, um in der gegenüberliegenden Raststätte noch ein paar Bier zu bekommen, sie haben Glück, nur wenige Autos sind auf der anderen Fahrbahn durch den Stau vor der Abfahrt Klettwitz gekommen und fahren nun weiter in Richtung Norden. Auf dieser Seite steht immer noch alles, überall kommt es zu Verbrüderungs- und Verschwisterungsszenen. Megadeth, die erste Vorband von AC/DC, hat längst zu spielen begonnen. Aber wer sind schon Megadeth? Ob Bon Scott schon da ist?
Drei Stunden Stau, drei Stunden Wahnsinn auf der Autobahn, drei Stunden in der Umgebung von Menschen, die aussehen, als wären sie Aufbauhelfer bei einer Wanderkirmes oder Groupies oder Versicherungsangestellte im Innendienst oder Landeier auf dem Weg zum AC/DC-Konzert. Singles, Pärchen, Familien, viel mehr Männer als Frauen, viel mehr Ostler als Westler, Unterschicht schlägt Upper Class, warum leise, wenn's auch laut geht, Wasser ist zum Blumengießen da, guck mal, wie weit ich pissen kann, boah, wat hast'n da für ne Anlage? Geht das immer so weiter?
Klar, denn der Lausitzring will sie alle haben. 60 000 Menschen, Eintritt: 99 Mark pro Person, gegessen werden muss, getrunken sowieso, gehst du zu AC/DC, brauchst du auch ein T-Shirt von AC/DC. Oder ein Halstuch. Oder die neueste CD. Oder alles zusammen. Oder alles von den Toten Hosen. Megadeth-Accesoires laufen nicht ganz so gut, war ja auch kaum einer da, als sie gespielt haben.
Was bei Autorennen als Boxengelände dient, ist jetzt von Verkaufsständen und Fans in Beschlag genommen: Bratwurst drei Mark, 0,3 Liter Becks vier Mark 50, Pizza sechs Mark, Döner sieben, Rotwein acht, ein Halstuch 30, T-Shirts zwischen 80 und 150. Hat denn niemand Bon Scott gesehen? Doch, da hinten. Echt? Ne, auf'm T-Shirt, am Stand, kostet 100 Mark. Auch im Media-Center weiß man von nichts, kein Wunder, dort sind die Sondereinsatzkommandos der Polizei untergekommen, in der Autoprüfstelle der Dekra hat sich das Rote Kreuz breit gemacht.
Umsonst ist nur die Klobenutzung, wenn man nicht aufpasst, bekommt man hier sogar etwas:
»But how was I to know that she'd been shuffled before
Said she never had a Royal Flush
But I should have known
That all the cards were comin
From the bottom of the pack
And if I'd known what she was dealin' out
I've doubt her back
She's got the jack.«
(»The Jack«, 1976, by Malcolm Young, Angus Young and Bon Scott)
Ob Bon Scott die Toten Hosen gesehen hat? Ob er sie sich bis zum bitteren Ende reingezogen hat? Ist er deswegen schon wieder gegangen? Oder wartet er bis zum Auftritt in einer der VIP-Lounges? Aber in welcher? Gibt er BB-Radio ein Interview? Schaut er bei den Jungs von Rockland rein? Ein Bierchen in der Nr. 25, der Lounge der Bankgesellschaft Berlin? Oder bekommt er Verkehrsaufklärung beim ADAC in der Nr. 26?
Er muss jetzt kommen. Die Bühne wird zum letzten Mal umgebaut, der Hosen-Kram verschwindet, es wird langsam dunkel und immer mehr Leute ziehen ihre Hörnchen auf. Hörnchen, das sind zwei kleine rote gebogene Teufelshörner an einem Plastikgestell. Man setzt sie sich auf den Kopf, drückt einen Schalter, dann leuchten sie, immer abwechselnd. Mal leuchten auch beide, und bei vielen leuchtet nur eins oder gar keins; für schlappe 25 Mark kann man schließlich kein technisches Meisterwerk erwarten.
Er ist nicht dabei. AC/DC treten ohne Bon Scott auf, er schaut wohl nur zu, trinkt nach der Show noch eins mit, macht unterwegs Witzchen oder so. Das also meint »in Originalbesetzung«. Oder liegt es daran, dass er die neuen Stücke, von denen nur zwei gespielt werden, nicht mitproduziert hat? Oder mitproduziert, aber nie eingespielt hat? Denn als erstes kommt »Stiff Upper Lip« vom gleichnamigen und bisher letzten AC/ DC-Album.
Es ist das 17. Album der australischen Band, das heißt, die Leute, die da vorne gerade Gitarre spielen, als gäbe es kein Morgen, die vom Saufen und vom Ficken singen, die dem Publikum ihren nackten Arsch zeigen, sind nicht mehr weit vom Rentenalter entfernt:
»And my balls are always bouncing
And my balls are always full
And everybody comes and comes again
If your name is on the guest list
No one can take you higher
Everybody says
I've got great balls on fire.«
(»Big Balls«, 1976, by Malcolm Young, Angus Young and Bon Scott)
Eine acht Meter hohe Angus Young-Figur steht auf der Bühne, darüber hängt eine riesige Hells Bell, auf dem Dach befinden sich rechts und links zwei große rote Hörner mit einem schwarzen A, sie leuchten, später dampfen sie sogar. Ein Steg ragt von der Bühne 20 Meter weit ins Publikum. Es läuft ein Video, in dem Tiere ficken, Züge in Tunnel fahren und Erdölförderpumpen - auf und nieder, immer wieder - das machen, was Erdölförderpumpen eben so machen. Auch bei den älteren Stücken kommt Bon Scott nicht auf die Bühne, es ist und bleibt die große Show des Angus Young, der Auftritt des Gitarrengottes in Schuluniform.
Überall leuchten mittlerweile die Hörnchen, ein Becks-Verkaufsstand droht umzukippen, weil nicht nur die Fans am Rande, sondern auch die Bierverkäuferinnen so auf AC/DC abgehen, dass das Rondell Schlagseite bekommt. Ganze Familien geraten in Rage, Töchter schauen ihre Luftgitarre spielenden Väter, Söhne ihre zappelnden Mütter fassungslos an. Unter teuren Nappalederblousons ragen dreireihige Pyramidennietengürtel hervor, edle Wildlederschuhe sind über und über mit Senf beschmiert, Geschmack ist draußen, Style ist, was Spaß macht.
Morgen muss Mutter verkatert alles ausbürsten oder mit der Hand waschen und den ganz kleinen Kids, die es noch nicht wissen können, erklären, was big balls sind, dass Krach nicht gleich Krach ist, wie man sich den jack holt, dass Erwachsene sich auf die Füße pinkeln dürfen, Kinder aber nicht, was das letzte Nacht im Elternschlafzimmer für Geräusche waren und dass man auch in den Himmel kommt, wenn man wie Bon Scott ein Pentagramm oder wie Angus Young Teufelshörner trägt und Gefängnisse Scheiße findet:
»Jailbreak, let me out of here
Jailbreak, sixteen years,
Jailbreak, had more than I can take
Jailbreak, yeah.«
(»Jailbreak«, 1976, by Malcolm Young, Angus Young and Bon Scott)
Aber all das ist zum Glück erst morgen. Heute gilt es abzurocken, was das Zeug hält. Und Bon Scott zu finden. Spuren gibt es genug, Rock'n'Roll is all around, Alkleichen sollst du ausweichen, sicherlich wird irgendwo am Ring gerade gefickt, und doch will er nicht auftauchen. Kurz vor dem Abschlussfeuerwerk kommt ein Typ vorbei, er zappelt in einem fort, grölt jeden Song mit. Er hat keine Schuhe an, trägt eine total verdreckte braune Lederhose, ein AC/DC-Halstuch (30 Mark) und ein verwaschenes T-Shirt. Darauf steht: »I regret. Bon Scott is dead.« Der Mann hat recht: Bon Scott starb am 19. Februar 1980. Er erstickte im Suff an seinem Erbrochenen.
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