Schröders kleines Bitburg
Am 22. Juni 1941 überschritten gut drei Millionen deutsche Soldaten die Demarkationslinie zwischen Deutschland und der Sowjetunion - ein geschichtliches Ereignis, das allgemein unter dem Namen »Überfall auf die Sowjetunion« bekannt wurde. Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte letzte Woche am sechzigsten Jahrestag des deutschen Angriffs: »Wir verbeugen uns vor den Opfern dieses Krieges, den das verbrecherische Regime der Nationalsozialisten entfesselt hatte.« Opfer sind nun mal Opfer, denkt der Bundeskanzler, egal ob es russische Zivilisten sind oder Wehrmachtssoldaten, die viele Kilometer von zu Hause entfernt in einem fremden Land Leute angegriffen und umgebracht haben. In Russland und anderen früheren sowjetischen Teilrepubliken gedachten Tausende der 27 Millionen sowjetischen Opfer des Krieges der deutschen Wehrmacht.
Schily soll Rechtsrock vertreiben
Das Tolle an den Aktionen von Christoph Schlingensief ist, dass sie immer wieder eine Eigendynamik entwickeln, die den Irrsinn des ursprünglichen Vorhabens durch noch viel größere Irrheit in den Hintergrund treten lässt. Man nehme etwa das »Hamlet«-Projekt. Da castet Schlingensief ein paar Neonazis, die durch ihre Teilnahme an der Theaterinszenierung zu ehemaligen Nazis werden, die Nazis spielen, die eine Theatertruppe spielen. Schon mal nicht schlecht.
Wer ist unter den Gecasteten? Torsten Lemmer, Mehrheitseigner von VGR, dem weltgrößten Vertrieb von rechtsradikaler Musik. Jener Lemmer, der in den frühen Neunzigern schon einmal durch die Talkshows geisterte, um überall zu verkünden, er sei vor allem Geschäftsmann. Torsten Lemmer will aussteigen. Was tun?
Schlingensief hat nun die Lösung gefunden. Otto Schily solle Lemmers Anteile an VGR kaufen. Das Exit-Programm sei schließlich dazu da, Neonazis den Ausstieg aus der Szene zu ermöglichen. »Das Innenministerium würde somit selbst zum Teilhaber des größten Skinmusik-Vertriebs der Welt und hätte die einmalige Gelegenheit und zwingende Aufgabe, diesen entweder trocken zu legen oder in Richtung Toleranz umzustrukturieren«, schrieb Schlingensief in einem offenen Brief, den die Regisseure Christoph Marthaler, Frank Castorf, Luc Bondy und Peter Zadek unterzeichneten. Sprachlos steht man vor diesem Akt großartiger Performance-Kunst. Ist eine gelungenere Dekonstruktion des Exit-Programms vorstellbar als jene, das Innenministerium solle einfach den Rechtsrock aufkaufen, um ihn dann »in Richtung Toleranz umzustrukturieren«?
John Lee Hooker spielt den Blues
»Ich habe den Blues auf den Baumwollfeldern gehört, und spielen gelernt habe ich ihn, um von den Baumwollfeldern wegzukommen«, hat John Lee Hooker einmal gesagt, und mit 14 rannte er tatsächlich von zu Hause weg, ließ seine Eltern in Clarksdale, Mississippi zurück und stromerte durch die USA. In den Fünfzigern elektrifizierte er zusammen mit Muddy Waters und Howlin Wolf den Blues, dann trieb er sich mit den Neo-Folkbarden im New Yorker Greenwich Village herum. Wahrscheinlich wäre er aber, genau wie ungezählte andere schwarze Musiker, eine dem weißen Publikum unbekannte Lokalgröße geblieben, hätten nicht britische Rocker wie Eric Clapton und Mick Jagger aus seinem Sound ihre Musik zusammengebaut.
»Ich träume davon, wiedergeboren zu werden und in einer anderen Welt mit meiner Mutter, meinem Vater und all meinen elf Geschwistern vereint zu werden, die mir vorausgeeilt sind. Ich weiß nichts über diese Welt und was mich dort erwartet; ich glaube aber fest an ein Wiedersehen. Im Paradies wird es sicher immer noch Gründe geben, den Blues zu spielen.« John Lee Hooker starb am vergangenen Donnerstag in seinem Haus in Palo Alto, Kalifornien. Er wurde 83 Jahre alt.
Das Ende des Silizium-Zeitalters naht
Die Computerindustrie hat ein Problem: Nach dem Mooreschen Gesetz verdoppelt sich die Packungsdichte von Transistoren auf Mikroprozessoren alle 18 bis 24 Monate. Das heißt, alle drei Jahre vervierfacht sich die Speicherkapazität und alle dreieinhalb Jahre verzehnfacht sich die Geschwindigkeit der Computer. Die Leiterbahnen aus Silizium - das ist das Material, aus dem Chips hergestellt werden - können allerdings nicht unendlich verkleinert werden. Irgendwann ist Schluss. Deshalb wird überall geforscht, woraus man Chips denn noch herstellen könnte.
Florian Banhart, Forscher an der Universität Ulm, ist es nun gelungen, Nanoröhrchen aus Kohlenstoff zu verbinden. Diese Röhrchen sind nur einen Millionstel Millimeter groß und somit zehnmal kleiner als die kleinsten Silizium-Leiterbahnen. Bisher war es noch niemandem gelungen, einen elektrischen Kontakt zwischen Nanoröhren herzustellen, was Banhart nun schaffte, indem er einen Elektronenstrahl auf die Stelle leitete, wo sich die Röhrchen kreuzen. Dieser Strahl verwandelt Schmutzpartikel am Rand des Röhrchens in elektrisch leitendes Graphit.
Der Atlantik soll eine Cola-Dose werden
Diese noch schnelleren und besseren Rechner werden auch dringend benötigt: Norwegische Wissenschaftler wollen nämlich den Treibhauseffekt bekämpfen, indem sie das CO2 in den Atlantik leiten. CO2 kann sich bei einem bestimmten Druck nicht mehr im Wasser lösen, bildet deshalb auch keine Bläschen und verhält sich dann so ruhig wie in der Cola-Dose. Je tiefer man ins Meer geht, desto höher wird der Druck. Das wollen sich die Forscher zunutze machen und CO2 einfach im Meer lagern.
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