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Nr. 26/2001 - 20. Juni 2001
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Daria ist schmutzig und stinkt

Computerspiele können stressiger sein als das richtige Leben. Mit antiautoritären Maßnahmen kommt man bei»The Sims« nicht weiter. Der Familienclan verlangt nach einer klugen Regierung. von elke wittich

Morgens ist der Stress am größten: Mutter Janina muss unbedingt pünktlich zur Arbeit. Wenn sie noch einmal fehlt, ist der Job weg. Rücksichtslos wird sie deswegen aus dem Bett geholt, obwohl sie eigentlich lieber ausschlafen möchte. Bei Vater Armin steht dagegen eine berufliche Beförderung an, deswegen fällt für ihn das Frühstück aus. Stattdessen wird auf dem Hometrainer etwas für die körperliche Fitness getan. Immerhin ist Sohn Janusz schon seit fünf Uhr wach, er hat bereits die Frühstückspizza bestellt und kann nach dem Essen das Badezimmer aufräumen. Das Familienleben scheint an diesem Morgen eigentlich gut organisiert, wäre da nicht Tochter Daria, die faul vor dem Fernseher herumsitzt, während sie eigentlich für die Schule lernen sollte.

Computerspiele können viel stressiger als das wirkliche Leben sein. Bei »The Sims«, einem äußerst erfolgreichen Game rund um fünf verschiedene, vom Player selbst geschaffene Familien, ist man pausenlos beschäftigt, wenn man die daraus resultierenden Aufgaben wirklich ernst nimmt. Die Erwachsenen müssen Freunde finden und gleichzeitig verschiedene Fertigkeiten erlernen, die sie für die Karriere brauchen. Sie müssen unterhalten und rechtzeitig aufs Klo geschickt werden, damit auf dem Teppich kein Malheur passiert. Und sie müssen sich verlieben. Wenn sie verheiratet sind, können die Pixels Kinder bekommen, auch wenn es sich bei dem glücklichen Paar um zwei Männer oder zwei Frauen handelt, denn Sims-Babys entstehen nicht auf dem üblichen Weg. Bei »The Sims« bekommt man vom Küssen Kinder. Oder durch Adoption.

Es sind wohl solche und andere Kleinigkeiten, die »The Sims« so erfolgreich machen. Hauptsächlich allerdings bei Frauen, Männer finden meist, dass »viel zu wenig passiert«. Eine Einschätzung, die Volker Ritzhaupt, Geschäftsführer der Firma Application Systems, die das Spiel für den Mac portierte, teilt. Der Soap-Charakter spreche wohl eher Frauen an.

Wobei das Spiel deutliche Auswirkungen auf eventuelle Kinderwünsche der Userinnen haben könnte. Wenn die Babywiege nämlich erst einmal im Haus steht, ist es endgültig vorbei mit der Ruhe. Alle paar Stunden muss das Blag gefüttert, bespielt und besungen werden. Schlimmes passiert, wenn das Baby vernachlässigt wurde: Es wird vom Jugendamt abgeholt. Ganz doof, denn nach nur drei Tagen pausenloser Fürsorge wäre aus dem Säugling ein Kind geworden, das gut im Haushalt einsetzbar gewesen wäre. Dusche reinigen, Boden putzen, Müll rausbringen, Zeitungen zum Altpapier bringen.

Kinder erledigen die meisten Aufgaben ebenso zuverlässig wie Erwachsene. Trotzdem muss man auch auf sie gut aufpassen, denn »Sims«-Figuren werden zwar nicht älter, sind aber durchaus sterblich. Sie können verbrennen, wenn sie ohne Kochkenntnisse am Herd herumfummeln, einen Stromschlag erleiden, wenn sie, obwohl mechanisch ungeübt, versuchen, eine Glühbirne auszuwechseln, verhungern, wenn ihnen der Weg zum Kühlschrank versperrt ist, oder an einem heimtückischen Virus sterben, wenn sie vom Familienhamster gebissen wurden.

Tote Sims werden entweder im Garten begraben oder finden in einer geschmackvollen Urne, die sich beispielsweise gut im Wohnzimmer macht, ihre letzte Ruhestätte. Und sie können es nicht leiden, wenn sich die restliche Familie nicht immer mal wieder ein paar Minuten Zeit zum Trauern nimmt; dann werden sie zu Gespenstern, die aus ungeklärten Gründen jedoch nicht zur Geisterstunde, sondern pünktlich ab 0.30 Uhr, schreckliche Geräusche ausstoßend, durch das Haus geistern und alle Bewohner in Angst und Schrecken versetzen.

Mac-Besitzer seien für Simulationsspiele grundsätzlich besonders aufgeschlossen, meint Volker Ritzhaupt. Und die Zeiten, in denen der Rechner als absolut spielunfreundlich galt, seien längst vorbei. Inzwischen werden die erfolgreichen PC-Spiele auch für Macs herausgebracht. Eigentlich sei der Nachteil der Macies sogar ein Vorteil, meint Volker Ritzhaupt. »Für den Mac gibt es einen natürlichen Filter, niemand käme auf die Idee, ein nicht erfolgreiches Spiel zu portieren. Schrott herauszubringen kann sich niemand erlauben, deswegen ist es keine Angabe, sondern pure Notwendigkeit, immer das Beste zu haben.«

Allerdings haben die Sims einen großen Nachteil: Sie haben einen eigenen Willen. Der führt dazu, dass man als Spieler sehr schnell alle theoretischen Menschenführungs-Konzepte vergisst und zum Diktator wird. Denn wenn Armin nicht aufs Trainingsgerät gezwungen würde, könnte er die Beförderung glatt vergessen. Und den neuen Breitbild-Fernseher, der erst nach der Zusatzgratifikation angeschafft werden kann. Janina dagegen müsste sich, wenn sie gefeuert wird, erst umständlich einen neuen Job suchen und etwa als Bürobotin anfangen. Auch das wird sich finanziell bemerkbar machen, die Rutsche für die Kinder wäre damit erst einmal gestrichen.

Mit antiautoritärer Erziehung kommt man bei den jungen Sims definitiv nicht weiter. Wie im Fall von Daria. Das Kind ist derart schmutzig, dass es bereits stinkt. Will aber lieber fensehgucken als duschen, schließlich ist sein Spaßfaktor auf dem absoluten Low angelangt. Die anstehenden Entscheidungen sind schwer, aber klar. Zuerst wird ferngesehen, dann, wenn Darias Laune im grünen Bereich angelangt ist, geduscht. Das Lernen wird auf morgen verschoben.

Spielen, und zwar schnell, wollen auch die Mac-User, die aber meist sehr lange warten müssen, bis sie die Games bekommen können, mit denen ihre PC-Kollegen teilweise schon seit einem Jahr daddeln. »Die Portierung dauert lange, aber die Vertragsphase dauert länger, bis sich jemand beim Orignial-Publisher entschieden hat, wie viel Geld er haben will.« Immerhin können die Macies dann sicher sein, dass die Games ohne nennenswerte Probleme laufen. »Manche Spiele sind der Horror, weil sie so schlecht programmiert sind. Bei ðDecent 3Ð z. B. haben wir bei der Programmierung zwölf gravierende Fehler behoben, die bei der Ausgabe für den PC noch drin sind. Eine Mac-Portierung ist da oft noch einmal eine zweite Überarbeitung.«

Solcher Aufwand lohnt sich, wie im Fall der Sims. Die seien bisher sehr gut gelaufen, so Ritzhaupt, »6 000 Stück haben wir verkauft«. Klingt nicht nach viel, »aber es gibt auch nur zehn Titel, die auf PC mehr als 50 000 Exemplare jährlich verkaufen. Ein sehr gut laufendes Mac-Spiel wird zwischen 2 000 und 3 000 Mal verkauft, es gibt natürlich Ausnahmen, aber im Regelfall spielen wir eben in einer anderen Liga.«

Auch das Erweiterungsset für »The Sims« läuft gut. Obwohl man sich viele Objekte auch kostenlos aus dem Internet herunterladen kann. Sims-Fans präsentieren dort ihre selbst entworfenen Zusatz-Tools, von der Tapete mit Leopardenmuster bis zu Cheerleader-Kostümen und Designer-Sesseln ist alles dabei. Was sinnvoll ist, denn die Sims lieben nichts mehr als große, aufgeräumte und schön dekorierte Wohnungen. Frisch geduscht oder gebadet zu sein, erhöht ebenfalls ihr Wohlbefinden - wobei die Sims nie nackt zu sehen sind, sondern immer nur mit einem Raster versehen. Trotzdem können Voyeure Lieblingsfiguren natürlich so betrachten, wie sie sie geschaffen haben, im Internet werden bereits entsprechende Tools angeboten. Und schöne Kleider, die täglich gewechselt werden können, vorausgesetzt, dass zuvor ein Kleiderschrank angeschafft wurde. Was auch sonst Vorteile hat, denn den ganzen Tag im Schlafanzug herumlungernde Sims sind kein besonders schöner Anblick. Hübsche Gegenstände dagegen erhöhen auch beim Spieler den Spaßfaktor, und mit glücklichen Gästen, die mit frisch gebratenen Hamburgern oder Mixgetränken von der Bar verwöhnt wurden, lässt sich viel einfacher Freundschaft schließen.

Dabei muss man jedoch sehr darauf achten, dass die Sims es nicht zu weit treiben. Sie sind schließlich sehr eifersüchtig, und wenn einer der Partner mitbekommt, dass der andere heimlich am Pool mit dem Nachbarn knutscht, kann sich daraus schnell eine handfeste Schlägerei entwickeln.

Unzufriedene Sims können sich zu einem echten Problem auswachsen. Deshalb muss schnell der Grund für die permanente Reizbarkeit der Bewohner gefunden werden. Möglicherweise liegt es einfach daran, dass es im Haus äußerst unaufgeräumt ist. Jetzt rächt sich, dass man bei der Auswahl der Charaktere mehr Wert auf gutes Aussehen, einen netten Charakter und Extrovertiertheit als auf Ordnung gelegt hat. Unordentliche Sims kommen nämlich niemals von selber auf die Idee, den Müll rauszubringen oder nach dem Gang auf die Toilette abzuziehen.

Ebenso wenig kommt es ihnen in den Sinn, das Geschirr in die Spülmaschine zu stecken. Wenn genug verdient wird, ist das jedoch kein besonders großes Problem: Telefonisch kann man nämlich nicht nur andere Sims einladen, Pizza bestellen und die Polizei rufen, sondern auch Servicepersonal ordern.Allerdings muss man aufpassen, denn all zu offen zur Schau gestellter Reichtum lockt Diebe an. Die kommen in aller Regel nachts und sind mitsamt der teuren Stereoanlage auch schon wieder verschwunden, bevor man einen der Sims geweckt und zum Telefon beordert hat. Abhilfe schafft nur eine Alarmanlage, die automatisch die Polizei alarmiert. Die jedoch nicht immer der beste Freund der Sims ist.

»Die Nachbarn haben sich beschwert, beende die Party« heißt es dann, denn immer wenn es gerade am schönsten ist, taucht jemand in Uniform auf. Diskutieren ist mit der simulierten Ordnungsmacht eben so unmöglich wie mit der real existierenden, den Hinweis darauf, dass sich die komplette Nachbarschaft gerade an Pool und Bar vergnügt und sich deshalb gar nicht beschwert haben kann, sollte man sich gleich sparen. Immerhin, die Polizei darf den Sims ihre Stereoanlagen nicht beschlagnahmen, sie kassiert nur Geldbußen.

Liegen Rechnungen im Postkasten, muss umgehend gehandelt werden, sonst droht richtiger Ärger. Rechnungen aller Art sind jedoch auch ein gutes Argument dafür, sich möglichst viele Kinder anzuschaffen, denn je mehr Kids, desto niedriger die Steuern. Mehr als sechs Personen in einem Haushalt sind jedoch für Ungeübte kaum zu bewältigen, irgendeiner macht immer den größtmöglichen Unsinn, die Toilette ist ständig besetzt, so dass ständig jemand gerade in die Hose macht und anschließend nicht nur schmutzig, sondern auch todunglücklich ist, und natürlich gibt es auch immer einen, der es nicht rechtzeitig ins Bett geschafft hat und deswegen auf dem Grundstück herumliegt. Häufen sich solche Vorfälle, kann es ganz hilfreich sein, das hässlichste und unordentlichste Kind einfach verhungern zu lassen.

Oder die Familie zu wechseln und in einem anderen Haus weiterzuspielen. Zu Ende ist so ein »Sims«-Spiel schließlich nie, selbst wenn man es zur vollautomatisierten Küche mit Haushaltsroboter und zum durchelektronisierten Wohnzimmer gebracht hat.

Und falls man doch mal genug haben sollte von den simulierten Familienbanden, kann man sich halt um Schafe kümmern. Application Systems bringt mit »Sheep« bald ein entsprechendes Spiel heraus. »Darin muss man eine extrem dumme Schafherde vorwärts treiben und unterwegs dafür sorgen, dass sie z.B. nicht unter den Mähdrescher kommt. Besonders blutrünstig ist das Spiel nicht, aber es macht richtig viel Spaß«, sagt Volker Ritzhaupt. Aber werden die Schafe auch heiraten und Kinder kriegen können?



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