Working Class Hero VII
Die Fliesenfabrik
Ich hab mal in der Fliesenfabrik malocht, als Schüler noch. Neun Mark die Stunde. Was es da an Verletzungen gab, da sind Bundesligaspieler Waisenknaben gegen. Nur mal ein Beispiel: Wir arbeiteten in einer großen Halle im Rotationsverfahren an mehreren Stationen. Gewechselt wurde jede Stunde. Die Fliesen kommen in großen Schamottsteinen in den Ofen rein oder aus dem Ofen raus, dann müssen sie von tonnenschweren Loren abgeladen werden. Man fasst die Steine oben an und rutscht mit den Fingern ins erste Fach. Wer Übung hat, kann dazu Handschuhe tragen. Wer keine hat, macht es ohne. Der Schamott trägt die Haut allmählich ab. Nach einer Weile hatte ich Löcher in den Fingerkuppen. Ich habe es gar nicht gemerkt: Erst als die Fliesen aufs Band kamen, sah ich, dass auf jeder obersten - die hatte ich angefasst - ein Bluttupfer war. Dem Einpacker war's egal, dem hatten sie gerade die Taktzahl erhöht. Da werden die Kunden hinterher wohl blöd geguckt haben. Aber damals war Aids noch nicht so präsent.
Oder diese Loren. Mit Steinen beladen waren sie drei Meter hoch. Die musste man per Hand durch die Gegend rangieren. Oft genug sprangen sie aus den Schienen, dann gab es gehörig Krach - von der umkippenden Lore und vom Hallenmeister. Die spitzen Ecken der Schamottbrocken bohrten sich beim Herunterpurzeln ordentlich in den Schädel. Und das morgens um sechs Uhr.
Einmal musste ich Fliesen schneiden. Am ersten Tag sperrte mich aber der Aufseher-Knülch für drei Stunden in eine leere Halle zum Fegen, »damit dich der Meister nicht sieht« - ich war nämlich einen Tag zu früh eingestellt worden, und so waren wir ein Arbeiter zu viel. Ab und an kam irgendwer rein und beschuldigte mich der Faulenzerei. Auch das noch! Mir war stinklangweilig, und ich glaube, ich hinterließ die sauberste leere Fabrikhalle in ganz Deutschland.
Die Fliesen werden mit einem Diamantschleifer geschnitten. Ab und zu zerbricht eine, dann holt man die aus den Ritzen der Maschine wieder raus. Der Schleifer sieht aus wie eine dicke Scheibe - aber denkste: Wenn man nur in die Nähe kommt, schneidet er einem Gott weiß was in die Haut. Also hier auch wieder: Goodbye Arbeitsschutz. Ich sah aus wie eine Sau beim Schlachten. Wieder Blut auf den Fliesen. Aber die hier wurden wenigstens noch mal gewaschen.
Durch die Hallen laufen kilometerlange Bänder, fast so wie in einer Druckerei. Aber hier fahren Fliesen durch die Gegend. Lachen mussten wir immer, wenn sich mal eine verkantete. Dann flogen direkt Hunderte durch die Gegend. Doof war es allerdings, wenn man gerade unter einem Band gestanden hatte. Dann knallte einem alles auf die Rübe.
Wir Schüler und Studenten wurden immer nur für eine Woche eingestellt und waren für den Rest der Belegschaft nur »Schüler und Studenten«. Wobei Student ein echtes Schimpfwort ist, Schüler hingegen nur ein halbes.
In der Fabrik herrschte ein rauer Ton. Was heute alles so an Qualifizierungsoffensiven für Ausländer gefordert wird - die Deutschen hätten es genauso nötig. Da rannten ein paar gewaschene Faschisten rum. Viele andere hatten sich schlichtweg aufgegeben: 2 000 brutto im Monat, eine unvorstellbar monotone Arbeit - freitags haben sie sich dann gegenseitig mit Wasserpistolen beschossen, weil sie sich so aufs Wochenende freuten. Wo sie dann besoffen zu Hause im Sofa lagen, die Armen.
Manche von den Ausländern konnten kein Wort Deutsch, obwohl sie seit zehn Jahren in Deutschland lebten. Früher hatte man sie tatsächlich in Baracken auf dem Firmengelände untergebracht. Es kam aber immer wieder zu interessanten Unterhaltungen, wenn die Leute Deutsch konnten. Zum Beispiel mit jungen Türken - die hatten den Verstand noch nicht im Umkleideraum abgegeben. »Das ist doch eine Scheiße hier, diese Arbeit macht kaputt und ist zum Kotzen«, meinte eine 22jährige Frau etwa. Dann gab es da eine Deutsche, eine ehemalige Pädagogikstudentin. Die war richtig froh, dass sie so einen schönen Fließband-Job hatte, »Studieren bringt ja nichts«. Wozu einen Existenzangst bringt ...
Viele von den Türken waren in der Gewerkschaft und im Betriebsrat. Wahrscheinlich würde es heute überhaupt keine Gewerkschaften mehr geben, wenn hier keine Türken arbeiten würden. Auch heute noch gibt es über sieben Millionen Fabrikarbeiter in Deutschland, das sollte man nicht vergessen - bei dieser ganzen Börsenscheiße und der New-Economy-Dickhuberei. Seltsamerweise stellt der Computer auch noch keine Fliesen her - und wenn's so wäre, dann müsste sich die Pädagogikstudentin auf dem Arbeitsamt anstellen und wäre darüber womöglich sicher unglücklich.
Apropos Arbeitsamt. Da war ich letztens mal für fünf Minuten, als mich meine Internetfirma gefeuert hatte. Ich hatte nur ein paar Fragen, aber die Frau Arbeitsamtsmitarbeiterin hat mich überhaupt nicht ausreden lassen. Na denn, ich krieg sowieso keine Arbeitslosenkohle, Pech gehabt. Oh, Entschuldigung - jetzt fang ich an, rumzulabern. Aber eines sollte man nicht vergessen: Fliesen machen ist ein blutiges Geschäft. Denkt mal dran, wenn ihr morgens auf euren Badezimmerfliesen rumlauft.
jürgen kiontke
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