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Nr. 25/2001 - 13. Juni 2001
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Im Andromedanebel I

Sterne lügen nicht

»Solche Idioten regieren uns«, lautete 1968 eine Parole der aufbegehrenden Jugend. Und manchmal trifft das tatsächlich zu. Zum Beispiel als vor vier Jahren die französische Astrologin Elisabeth Teissier (bekannt aus Bild + Funk) ihr Buch »Im Zeichen Mitterrands« vorstellte. Darin beschrieb Madame Teissier ihre Beratungstätigkeit für den anderthalb Jahre zuvor verstorbenen Staatspräsidenten, der seit 1990 vor schwerwiegenden Entscheidungen offenbar mit Teissiers Hilfe den Rat der Sterne eingeholt hatte.

Vor kurzem nun verlieh die ehrwürdig-verknöcherte Pariser Sorbonne dem Irrationalismus der Elisabeth Teissier wissenschaftliche Weihen. Dort nämlich erwarb die Astrologin die Doktorwürde, freilich nicht in Sternendeuterei, sondern in Soziologie. Der viel beschäftigte Professor Michel Maffesoli hatte ihre Arbeit über die gesellschaftliche Bedeutung der Astrologie akzeptiert. Dies mag auch mit seinem Geltungsdrang zu tun haben, verleiht er doch bis zu acht Doktortitel pro Jahr - drei bis vier Mal so viele wie seine akademischen Kollegen. In ihrer Arbeit geht Teissier davon aus, dass die Astrologie eine wissenschaftlich haltbare, ernsthafte Tätigkeit sei und bleibt auf gut 900 Seiten standhaft bei dieser These.

Nachdem die Pariser Abendzeitung Le Monde diesem Skandal in den verganenen Wochen bereits ganze Seiten widmete, hat sich jetzt die linke französische Satirezeitung Charlie Hebdo ein Exemplar der umstrittenen Dissertation beschafft und liefert ihrer Leserschaft ausführliche Originalzitate. So erfährt man z.B. von der beeindruckenden wissenschaftlichen Argumentation, mit der Madame Teissier die Astrologie gegen andere Forscher in Schutz nimmt: »Man muss präzisieren, dass sie zu dem Schluss kamen, die Voraussagekraft gehe nicht über den mathematischen Zufallswert von 50 Prozent Trefferwahrscheinlichkeit einer Aussage hinaus. Da unsere eigene Erfahrung uns sehr unterschiedliche Resultate - ungefähr vier Voraussagen von fünf trafen ein - geliefert hatte, waren wir (die Autorin; B.S.) nicht bereit, die Astrologie so misshandeln zu lassen.« (S. 760) Ende der Diskussion.

Einige hundert Seiten zuvor fand sich allerdings bereits das Eingeständnis, dass die Astrologie bei weniger gebildeten Leuten besser ankommt: »Die einfachen Menschen, die weniger Opfer intellektueller Vorurteile sind - sie bilden gewissermassen ein jungfäuliches geistiges Terrain - sind empfänglicher, also 'wahrhaftiger' für diese Art von Erkenntnis.« (S. 483) Als Gründe dafür führt sie »die Hypertrophie und Tyrannei einer übersteigerten Vernunft« (S. 632) ins Feld sowie »die linke Presse und die wohl wichtigste okkulte Macht in Frankreich, die 'Rationalistische Union'«.

Allerdings gibt es auch interessante Belege für den großen Einfluss des Irrationalismus in Entscheidungssphären, die angeblich von reiner ökonomischer Vernunft geleitet werden: »Beispielsweise forderte uns anlässlich der Fusion von Hachette (einer der größten Medienkonzerne Frankreichs; B.S.) mit dem Filipacchi-Konzern einer der führenden Köpfe des erstgenannten Unternehmens auf, eine Analyse der Himmelsdaten für den Tag der Fusion vorzunehmen. Eine Astralanalyse wurde vor 600 Führungskräften und Managern beider Konzerne vorgenommen, anlässlich einer feierlichen Versammlung, die die Fusion absegnete.« (S. 426)

Bei der zu erwartenden Trefferwahrscheinlichkeit kann man Hachette nur viel Glück wünschen.

bernhard schmid



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