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Nr. 25/2001 - 13. Juni 2001
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»Es ist mehr Hardcore«

Die Punk-Bewegung in Lateinamerika ist gegen die Kirche und den Staat, gegen Machismo, Drogen und Alkohol. silke baer und peer wiechmann trafen zwei Punks aus Caracas, die jetzt in Berlin leben

UK-Subs auf Deutschlandtournee: Wir stehen in einem großen verranzten Punk-Laden in Berlin. Die Akustik ist schlecht, das Bier billig. Am Eintrittspreis zeigt sich aber, dass hier die Mitbegründer der Punk-Szene aus den siebziger Jahren auftreten: stolze 30 Mark. So bleiben die jungen Assel-Punks vor der Tür, und drinnen mischt sich das zumeist in die Jahre gekommene Publikum aus Rockern, Hippies, Alt-Punks - nunmehr meist Arbeitnehmer -, um seine Stars zu sehen. Stars ist zuviel gesagt, schließlich ist von der Anfangsformation nur noch ein Star, der Bandleader Charlie Harper, übrig.

Am Ende des Konzerts singt Harper davon, dass die Punk-Bewegung lebt: »Punk alive!« Ein Zuhörer mit knallgrünem Iro neben uns hat dafür nur ein müdes Lächeln übrig. »Scheiße«, murmelt er mit spanischem Akzent. »Veteranentreffen«, entgegnen wir. »Enttäuschend«, sagt ein anderer Punk, »das war ja klar. Punk in Europa ist nichts mehr als eine Mode. Teure Konzerte und die ganzen alten Gruppen sind schlimmer als Guns'n'Roses.«

Nach dem Konzert stehen wir mit Pepe und Carlos an der Bar. Sie kommen aus Caracas, Venezuela. Pepe ist 28 Jahre alt und seit fünf Jahren in Berlin, Carlos ist 30 Jahre und seit zwei Jahren in der Stadt. Sie sind Punk-Rocker, wie sie in Lateinamerika sagen. Aus einer europäischen Perspektive ist es schwer vorstellbar, was es heißt, Punk in einem »Dritte-Welt«-Land zu sein, in dem die polizeiliche und militärische Gewalt ungleich stärker ist als hierzulande. In einem vom Katholizismus geprägten Land findet die auf Freiheit und Anarchie ausgerichtete Lebensform der Punks nicht gerade starke Sympathie.

Inzwischen hat die gesamte Punk-Familie von Pepe und Carlos Caracas verlassen. Sie nannten ihre Heimatstadt unzweideutig Alcatraz, und nun sind sie alle irgendwo im Exil, in New York, in London, in Madrid oder in Berlin. »Es war einfach zu schwer, als Punk in Caracas zu leben«, sagt Pepe, »du findest niemanden, der das versteht, der mit dir spricht.« Wegen ihres Aussehens - ihrer Piercings, Tattoos und Irokesenschnitte - gelten sie in der Öffentlichkeit, vor allem auch in den barrios, den Armenvierteln der Stadt, als Kriminelle, Verrückte und Homosexuelle. Die harmloseste Bezeichnung für Punks lautet Papagei. Aber meistens fällt die Bewertung unangenehmer aus, ständig werden sie attackiert. Da sie sich offen gegen die Kirche und den Katholizismus als Instrumente der Unterdrückung in Lateinamerika aussprechen, werden sie von der gläubigen Bevölkerung als Ausgeburten des Teufels gesehen.

Außerdem passt der Punk-Rocker nicht ins lateinamerikanische Männerbild. Sie werden nicht akzeptiert von den Machos der Straße, weil sie Ringe tragen und »Farben wie die Hähne«, vermutet Pepe. Deswegen werden Punks als Schwule bezeichnet und immer wieder tätlich provoziert, ihre Männlichkeit unter Beweis zu stellen. »Jede Woche musstest du dich mit jemandem schlagen. Nur so haben sie vor uns Respekt bekommen. Die Leute brauchen dreimal einen auf den Kopf, bumm, bumm, bumm, respektier' mich mal, bevor sie einen in Ruhe lassen.«

Pepe und Carlos kommen aus der Mittelschicht, hatten »ein ganz normales Leben«, wie sie sagen, und haben die Schule sogar mit dem Abitur abgeschlossen. Pepe erzählt, dass er mit etwa 13, 14 Jahren in die Szene einstieg. Vor allem die Musik und die Texte zogen ihn an, Lieder gegen staatliche Unterdrückung und gegen die katholische Kirche. In den Texten ging es um genau die Dinge, die auch Pepe als Problem des Systems begriff. Mit ein paar anderen beschloss er, Punk zu werden. Sich etwa der unpolitischen Techno-Szene anzuschließen, kam nicht in Frage.

Venezuela ist zwar unabhängig von der spanischen Kolonialherrschaft, wird aber nun von den Handelsbedingungen der USA und der EU beherrscht. Die Mächtigen des Landes sind korrupt und kooperieren mit dem internationalen Weltmarkt, sagt Pepe. Die Universitäten, an denen früher ein politisch-kritisches Bewusstsein gefördert wurde, sind inzwischen wegen massiv erhöhter Studiengebühren nur noch einer reichen, systemkonformen Schicht zugänglich. »Yuppies! Die haben keinen Bock, etwas Kritisches zu sagen, denn ihr Leben ist ja sehr schön.« Pepe kommen die Universitäten Venezuelas inzwischen vor wie aus der TV-Serie »Beverly Hills«, und das sei staatliche Strategie.

Ende der Achtziger und zu Beginn der Neunziger gab es noch zum Teil blutige Proteste gegen Sparprogramme und die rigorose Wirtschaftspolitik der Regierung. Diese Politik hat die sozialen Gegensätze im Land weiter verschärft, doch insgesamt kann Venezuela, das über gewaltige Erdölreserven verfügt, das höchste Pro-Kopf-Einkommen aller Staaten Lateinamerikas aufweisen.

Dieser relative Wohlstand und die Tatsache, dass sich die demokratische Regierung von den Militärdiktaturen Südamerikas distanziert, tragen dazu bei, dass der Großteil der Bevölkerung keinen Anlass für politische Veränderungen sieht. Die Menschen seien materialistisch geworden, so Carlos, und ließen alles mit sich machen. Sie wagen es nicht, sich zu wehren, »weil da oben ein Gott ist mit großen Augen, der Aufrührer bestraft«.

Die rassistische Hierarchie, ein Erbe der Kolonialzeit, ist immer noch intakt. Derjenige mit der dunkelsten Hautfarbe ist gesellschaftlich am wenigsten angesehen. Die ehemaligen Ureinwohner, die Indianer, machen nur noch zwei Prozent der Bevölkerung aus und leben in den Berggebieten des Landes. Für Pepe und Carlos besteht ein Teil des Problems in Venezuela darin, dass die Menschen ihre eigene Kultur und Identität verloren und eine Konsum-Mentalität angenommen haben. »Das ist einfach ein Opfer-Kontinent der Spanier, und die Leute haben vergessen, was sie einmal hatten und dass die Spanier alle unsere Stämme abgeschlachtet haben.«

Manfred Liebel arbeitet an der TU Berlin und hat sich mit Jugendkulturen wie der Punk-Bewegung in Kolumbien und Mexiko beschäftigt. Punks in Lateinamerika, sagt er, sehen sich oftmals als Sprecher der indianischen Bevölkerung. In ihrer Musik greifen sie Themen wie die gesellschaftliche Diskriminierung und Ausgrenzung auf, z.B. den Konflikt im mexikanischen Chiapas. »Man kann eine ganze Reihe von verschiedenen Stilrichtungen finden, in denen die indianische oder schwarze Musiktradition aus der Karibik integriert wird.«

In ihrem fast folkloristischen Traditionsbewusstsein unterscheiden sich die lateinamerikanischen Punks von ihren europäischen Kollegen, und trotzdem ist die Musik insgesamt härter. »Es ist mehr Hardcore«, sagt Pepe, »sie spielen mit viel Temperament, das heißt schneller, und mischen die politischen Lyrics mit kräftigem Sound.« Damit meint er Punk-Bands wie Xenofobia aus Mexiko, Cólera aus Brasilien oder IRA aus Kolumbien. Die Tonqualität dieser Produktionen ist meist grauenhaft, denn es gibt in Lateinamerika so gut wie keine professionelle Plattenindustrie, die Punk-Musik produziert und vertreibt. Die Leute machen ihre eigenen Aufnahmen bei Konzerten, oder die Punk-Bands bieten selbstproduzierte Demotapes an. »Dafür hat das«, so Pepe, »nicht so viel mit Kaufen oder Verkaufen zu tun. Es geht nicht nur ums Geschäft.«

Ein anderer wesentlicher Unterschied zwischen den Punk-Bewegungen der beiden Kontinente ist die Einstellung zu Drogen und Alkohol. Der Handel mit Drogen ist aus der Sicht der lateinamerikanischen Punk-Bewegung ein maßgeblicher Bestandteil des herrschenden Systems. Zudem fördere der Drogen- und Alkoholkonsum die politische Passivität. Einige Punks, sagt Pepe, betrachten den Punk-Rock sogar als Möglichkeit, von den Drogen zu lassen. »Drogen sind für uns tabu gewesen, weil wir immer gedacht haben, dass das eine Waffe für das System ist, uns kaputt zu machen, unser Hirn. Natürlich, wenn wir Idioten-Junkies sind oder voll Kokain oder auch Alkohol, können wir nicht so klar denken.«

Vor allem Mexiko spielt als zentrales Durchgangsland nach Nordamerika eine wesentliche Rolle, und gerade hier sind die Verbindungen des Staatsapparats zur Drogenmafia teilweise eng. Liebel stellt allerdings fest, dass sich zwar eine ablehnende Haltung gegenüber Drogen in den lateinamerikanischen Punk-Songs ausdrückt, was aber nicht heißt, dass die Punks konsequent abstinent wären. »Da wird auch viel gesoffen, da werden auch andere Drogen konsumiert, aber gleichwohl ist es auch immer wieder ein Thema ihrer Musik, dass sie sich gegen die wenden, die hier die großen Geschäfte mit dem Drogenhandel machen.«

Ob der Punk-Rock Lateinamerikas politisch ist oder nicht, darüber können sich selbst Pepe und Carlos nicht einigen. Für Pepe hat Punk nichts mit Politik zu tun, denn Politik ist etwas, dem man nicht trauen kann, wo alle nur das Gleiche mit anderen Worten sagen und niemand wirklich etwas verändert. Er möchte daher auch nicht, dass Punk-Rock für die Politik missbraucht wird, so wie in Caracas, wo die Kommunisten versuchten, sich der Punkbewegung zu bemächtigen. Pepe findet, dass jede politische Revolution in Lateinamerika zu spät kommt. Er setzt stattdessen auf eine Rückbesinnung auf die Werte des Zusammenlebens der Ureinwohner und auf die Einsicht der Bevölkerung, dass an die Stelle der kolonialen Ausplünderung durch die Spanier die wirtschaftliche Ausbeutung der USA und der EU getreten ist.

Carlos dagegen empfindet die Punk-Rock-Kultur als »total politisch«, weil sie auf die politischen Zusammenhänge überhaupt erst aufmerksam macht und zwar zum Teil mit lebensgefährlichen Aktionen. »Wir haben die Verantwortung übernommen, einen richtigen Kampf gegen den Staat zu führen. Wir waren auf vielen Demos, und junge Leute sind gestorben, weil die Polizei geschossen hat.« Carlos bezieht sich dabei vor allem auf die blutigen Unruhen der achtziger und neunziger Jahre. In dieser Zeit fand die Punk-Bewegung auch in der Presse Resonanz.

Auch in Mexiko, Kolumbien, Chile oder Argentinien artikuliert sich die Punk-Bewegung immer wieder politisch. Sie entwirft keine Utopien, spricht aber in ihrer Musik und in ihren Aktionen Armut, Diskriminierung und gesellschaftliche Ausgrenzung konkret an.

»Das Punk-Dasein bietet Sicherheit gegenüber der Polizei und allen anderen Diskriminierungsversuchen«, sagt Carlos, »in den barrios ist man Freiwild, aber gemeinsam kann man sich schützen. Es gibt auch barrios, da traut sich die Polizei niemals rein. So wird Punk zur Waffe für das Überleben in dieser Scheiß-Welt.« Viele verstehen sich als Desparados gegen das System. Das betrifft aber nicht nur Jugendkulturen, denn aus dieser Perspektive ist das Leben der gesamten unteren Bevölkerungsschichten politisch zu deuten. »Die Leute denken nicht ständig politisch, aber die problematische Situation politisiert von selbst. Das normale Leben in Lateinamerika ist für viele Leute wie das Leben eines Punk-Rockers, aber sie wissen es nicht, weil sie keinen Iro oder sowas haben. In diesem Sinn ist es ein ganzer Punk-Rock-Kontinent«, stellt Carlos fest.

Eine weitere politische Funktion des Punk ist es, die tradionellen Geschlechterrollen zu sprengen. In einer vom Machismo geprägten Gesellschaft finden Frauen im Punk die Möglichkeit, aus ihrer zugewiesenen Rolle auszubrechen. Vor allem in Mexiko gilt die Punk-Bewegung auch als Emanzipationsbewegung von Frauen. »Es gibt nicht viele Sphären«, sagt Liebel, »wo Frauen die Möglichkeit haben, sich zu artikulieren, aber wenn, dann thematisieren sie die Unterdrückung der Frauen durch die Männer, oder besser gesagt durch eine männlich dominierte Gesellschaft. Da ist der Punk offensichtlich in seinen ruppigen Formen für viele junge Frauen eine gern ergriffene Möglichkeit, Position zu beziehen.«

Dass die Punk-Bewegung in Lateinamerika immer noch gegen das System kämpft und es zu dekonstruieren versucht, nötigt Pepe gehörigen Respekt gegenüber den in seinem Heimatland verbliebenen Punks ab: »Dort ist es wirklich hart, hier ist es viel leichter.« Auf die Frage, was Pepe und Carlos jetzt in Deutschland machen, antwortet Carlos: »Och, viele Sachen. Wir gucken TV, hören Radio, sitzen in der Küche.« Schließlich stellt sich aber heraus, dass er als Koch in einer alternativen Volxküche arbeitet. Pepe kümmert sich um sein Kind und spielt Gitarre in einer Band.

Sein »Mikrotraum« ist es, eine Ausbildung zum Elektroniker zu machen, um als Tontechniker arbeiten zu können. Auf der »Makroebene« glaubt er, dass sich die Zivilisation durch Kriege, Atomkraft und Umweltschädigung demnächst selbst vernichten wird. Schaffen können es seiner Meinung nach nur die Aborigines in Australien oder die Indios in Südamerika, weil sie die Natur respektieren. »Letztlich wäre es schöner für die Welt, wenn es die Zivilisation nicht gäbe.«



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