Bundeskulturmitte
Letzte Woche haben wir uns noch darüber lustig gemacht, Bundeskulturministerium, haha, eine spinnerte Idee von Antje Vollmer, wird eh nichts. Doch das war wohlfeiler Spott - geboren aus der wahrscheinlich überkommenen Vorstellung, es bleibe sowieso immer alles beim Alten, etwas, das uns noch aus der Regentschaft Helmut Kohls nachhängt. Doch nun ist die Idee einmal in der Welt und beginnt ein merkwürdiges Eigenleben.
Etwa im Kopf von Klaus Harpprecht. Bekanntermaßen ein Mann des großen Wurfs, denkt er die Ministeriumsidee in der Süddeutschen Zeitung mit der Berliner Haushaltskrise zusammen und will gleich die ganze Berliner Mitte dem Bund unterstellen: »Warum also, in Gottes Namen, kann nicht in raschen Anläufen ein Bundesdistrikt geschaffen werden, für den der Bundestag - nicht die Regierung! - die volle Verantwortung übernimmt, politisch und finanziell? (...) Dem Präsidenten des Bundestages fiele gleichsam das Amt des Oberbürgermeisters zu. Die Aufgaben der Administration sollten durch ihn einer Kommission zugewiesen werden, deren Mitglieder mit der Zustimmung einer einfachen Mehrheit des Bundestages zu ernennen sind (jeden Rückgriff auf die 'abgetanzte' Personage des Berliner Systems tunlichst meidend). Der Haushalt bedürfte der Genehmigung durch das Parlament - oder wenigstens durch seinen Etat-Ausschuss. Der Bund nähme, das versteht sich, sämtliche öffentlichen Kultur-Institutionen in seine Obhut: unter der Aufsicht des Kultur-Staatsministers.«
Fatwa gegen das Rauchen
Wie oft machen wir verkommenen Europäer uns über den Islam lustig: Alles Mullah oder was, denken wir uns, wenn in Indien Gläubige ihre Fernseher aus dem Fenster werfen, weil sie diese für ein Erdbeben verantwortlich machen. Steinzeit-Islamisten, denken wir uns bei jeder neuen Nachricht, die aus Afghanistan zu uns dringt. Und nun das: Alles gar nicht so schlimm! Der Islam ist auch für etwas gut, für unsere Gesundheit nämlich. Der Groß-Ayatollah Mohammed Hussein Fadlallah aus Beirut hat »aus Sorge um die Gesundheit seiner Anhänger« per Fatwa das Rauchen verboten, meldet die Frankfurter Rundschau. Nach islamischen Recht sei alles verboten, was dem Körper schade, sagte der Groß-Ayatollah. Jeder Raucher begehe ein doppeltes Verbrechen, gegen sich selbst und gegen seine Umgebung.
»Big Diet« in Schwierigkeiten
Wie viele Wortspiele könnten wir uns jetzt einfallen lassen. »Big Diet« auf Diät! »Big Diet« beißt ins Gras! Abnehmende Quoten! Die mit großem Trara und medienkritischen Gedanken über Fitnesswahn und Jojo-Effekt angekündigte Sendung »Big Diet«, eine Art »Big Brother« für Dicke, ist in der Krise. Trotz oder wegen Margarethe Schreinemakers, trotz oder wegen des einigermaßen hohen Perversionsgrads der Sendung. RTL musste die Werbepreise drastisch reduzieren. Das meldet zumindest der gewöhnlich gut informierte kress-report. »Big Diet« stehe vor dem Aus, am 30. Juni sei wahrscheinlich Schluss. RTL dementierte. Alles sei prima, außer dass die Sendung ab dem 25. Juni nur noch vier Mal in der Woche ausgestrahlt werde.
Habermas bekommt den Friedenspreis
Wir hier vom Rainald Goetz-Fanclub haben noch nie ein Buch von Jürgen Habermas gelesen. Zu langweilig. Wir haben allerdings mal reingeschaut. Das war zwar auch langweilig, aber genau deshalb dann doch interessant. Wie Habermas es fertig bringt, sturzumständlich Hunderte von Seiten voll zu schreiben, um dann am Ende dabei zu landen, dass die Welt besser wäre als sie ist, wenn alle ein bisschen mehr so denken würden wie er selbst. Oder auch anderer Meinung wären, aber sich darüber mit ihm oder sich selbst streiten würden. Faszinierend.
Als Habermas im vergangenen Monat in China war, da beobachteten wir das mit sympathisierendem Interesse. Wie sich da alle gegenseitig respektierten, sich ernsthaft unterhielten und man das Gefühl hatte, hier geht es um was. Der alte Herr, den das Denken jung gehalten hat, und die jungen Chinesen, die etwas verändern wollen und Deutsch lernen, um Habermas im Original lesen zu können. Brutal.
Deswegen freuen wir uns darüber, dass Jürgen Habermas nun den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekommt. Vielleicht reicht es ja schon, dass es wahrscheinlich eine schöne Zeremonie wird. Habermas, die Frankfurter Paulskirche, all die Honoratioren, die dann da herumsitzen und alle ergriffen sind, weil das alles so irre viel zu bedeuten hat und so topdemokratisch ist. Das Symbol der gescheiterten Revolution von 1848, der Philosoph und die Zivilgesellschaft.
Webcam für die älteste Birne
In Thomas Pynchons »Die Enden der Parabel« gibt es die Kurzgeschichte der unsterblichen Birne Byron, eine Erzählung von den Abenteuern einer Glühbirne, die daran verzweifelt, dass sie es nicht schafft, die anderen Birnen dazu anzustiften, sich selbst zu zerstören, um die Macht des Glühbirnenkartells zu brechen. Ob die Glühbirne der Feuerwehr von Livermore in Kalifornien einen Namen hat, wissen wir nicht. Seit neuestem hat sie auf jeden Fall eine Webcam. Unter www.centennialbulb.org/photos.htm kann man der Glühbirne dabei zuschauen, wie sie das tut, was sie seit hundert Jahren macht: brennen.
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