Grenzgänge ...
... an Cordelia Stillkes Artikel »Grenzgänger« und ihrer Analyse der 68er. Von Thomas Dörr, Christiane Ensslin, Gottfried Ensslin und Reinhart Schwarz
Die Stunde der psychologischen Gutachter
Im Abflauen der aktuellen Debatte über '68 und die Folgen scheint jetzt die Stunde der psychologischen Gutachter gekommen zu sein. Da dieser Streit Züge einer Gerichtsverhandlung hat, drängt jetzt, gefragt oder ungefragt, so genannter wissenschaftlicher Sachverstand nach vorn, um das notwendige psychologische Hintergrundwissen beizusteuern.
Zur Erinnerung: Gerade '68 hat die politischen Prämissen der Psychologie herausgestellt. Einer paternalistischen Psychologie, die das Mängelwesen Mensch führend an die Hand nehmen und ihm in Familie, Gesellschaft und Heimat ein funktionierendes Leben zuweisen möchte, wurde das Modell einer progressiven Psychologie gegenübergestellt, die den Einzelnen über Selbstbewusstwerdung und Gesellschaftsveränderung Wege zur Emanzipation aufzeigt.
In welcher Tradition die Psychologin Cordelia Stillke steht, muss sie selbst beantworten. Es gibt aber bestimmte Hinweise in ihrem Beitrag »Grenzgänger«. Warum erklärt sie die »Ost-Westler« zur Schlüsselgruppe der Rebellion? Mit dem situationistischen Vorlauf, mit der Frankfurter Schule, mit den Kulturbrüchen, die für '68 so identitätsstiftend waren, hatten diese drei Grenzgänger nicht viel zu tun.
Ihr erstes Studienobjekt, Rudi Dutschke, führt sie zu der These, die adoleszente Opposition der ostdeutschen Dissidenten habe sich nicht gegen die Familie, sondern mit der Familie gegen den Staat gerichtet. Im Fall Dutschkes vielleicht richtig, ist diese These schon beim nächsten Fall, dem von Klaus Hartung, nicht mehr zu halten. Es werden ganz im Gegenteil deutsch-deutsche Ähnlichkeiten deutlich, was angesichts der Nachkriegsverdrängungen diesseits und jenseits der Grenze auch nicht verwundert.
Den breitesten Raum mit merklich ansteigender Sympathiekurve widmet die Forscherin jedoch ihrem dritten Fall, dem von Bernd Rabehl, und hier kommt sie zum Kern der Sache. Bei den Grenzgängern als den Schlüsselfiguren von '68 diagnostiziert sie ein primäres Leiden an der deutschen Teilung, das die eigentliche Triebkraft der Revolte gewesen sei. »Als antikommunistische Berufsrevolutionäre geht es ihnen nicht um die Dogmatik, sondern um das Bedeutungsreservoir der marxistischen Überlieferung, das sie zur Überwindung der symbolischen Mangelzustände des gespaltenen Landes benutzen. Es geht um Selbstverortung, Heimat, verfügbare Bedeutungen« (S. 43/44).
Folgerichtig erscheint ihr »Rabehls aktuelle nationale Wendung, die der deutschen Wiedervereinigung folgt, (...) als Rückkehr, deren zentrales Motiv - ihre Utopie - immer schon vorhanden gewesen ist« (S. 47). Dies wird nun auch auf Dutschke projiziert: »Das damals verdeckte Kernmotiv von 1968 war für ihn und Dutschke auf die Revolte in beiden deutschen Teilstaaten gerichtet, die auf dem Umweg über die dynamisierenden Wirkungen des antikolonialen Internationalismus die Teilung Deutschlands überwinden sollte« (ebd).
Es wird also klar, dass es der Verfasserin darum geht, über psychologische Einzelfallstudien Material für die Umdeutung der '68er-Revolte zu liefern. '68 war nicht wirklich internationalistisch ausgerichtet, nicht von der US-amerikanischen Protestbewegung und dem Pariser Mai inspiriert, es gab keine Kulturrevolte mit neuen Protest- und Lebensformen. Auch interessiert nicht, dass als Erbe von '68 das angelsächsische Bürgerbeteiligungsmodell verinnerlicht wurde.
Für Frau Stillke war das primäre Motiv ein nationales, die Überwindung der deutschen Teilung. Ihre positive Besetzung von Familie wird national erweitert und führt zur konservativen Regressionskette Familie - Heimat - Nation.
gottfried ensslin
Der bleierne Blick
Die Geschichte der RAF wurde von der Polizei mit einer Ursachenforschung begleitet, in der man herauszufinden versuchte, ob es bei den als Terroristen bezeichneten Personen gemeinsame Merkmale gibt, die es ermöglichen würden, auf dem Wege einer präventiven Rasterfahndung den für den Terrorismus anfälligen Personenkreis frühzeitig zu identifizieren.
Dieser 20 Jahre zurückliegende polizeiliche Traum scheiterte schon damals an der Unterschiedlichkeit der Menschen, die sich in der RAF organisiert hatten. Die Ursache für die Protestbewegung in erster Linie aus Merkmalen der damals handelnden Personen herzuleiten - statt aus der Dynamik der damaligen globalen Situation -, führt dazu, dass bestimmte Merkmale mit einer Bedeutung überfrachtet werden, die aus den Menschen, um die es geht, Phantasiegestalten macht.
Unter dem Blick der Psychoanalytikerin Stillke gerinnt dieser dynamische Zusammenhang zu einer imaginären Konstellation, die die RAF und das deutsche Pfarrhaus zusammenführt: »Wenn hier der Ausnahmefall eintrat (gemeint ist 'die Wendung mit der Familie gegen den Staat' im Westen; C.E.), dann war er eine bevorzugte familiale Bedingung der Möglichkeit zu terroristischem Handeln. Das weltberühmte 'deutsche Pfarrhaus' als Zuchtstätte eines bestimmten Typus der Innerlichkeit erwies sich nach dem Zivilisationsbruch auch als sozialisatorische Ausgangsbasis für einen gesinnungsethischen Rigorismus, der, in Verbindung mit 'staatskritischem' linkem Gedankengut, gewalttätige Formen gesellschaftlichen Engagements favorisierte. Das mittlerweile sogar zu Filmruhm gelangte Elternhaus der Schwestern Ensslin ist nur ein Paradebeispiel dieser Tendenz.«
Der Ausnahmefall soll also ein deutsches Pfarrhaus sein, in dem eine bevorzugte Bedingung der Möglichkeit zu terroristischem Handeln gedeihen kann. Warum denn gleich zu terroristischem Handeln? Geht's nicht eine Stufe darunter?
Diese deterministische Begründung unterstellt, es habe bei den bewaffnet kämpfenden Gruppen viele Pfarrerstöchter oder / und -söhne gegeben. Ich bitte um den Nachweis.
Das Wort »Zuchtstätte« hatte nicht zufällig im Nationalsozialismus Hochkonjunktur. Es ist aber nur logisch, dass diese Vokabel im Jahre 2001 in einem Text einer Psychoanalytikerin auftaucht, die nach der Beschäftigung mit den Biografien von Rudi Dutschke, Klaus Hartung und Bernd Rabehl zu diesem Fazit gelangt: »Das damals verdeckte Kernmotiv von 1968 war für ihn (Rabehl; C.E.) und Dutschke auf die Revolte in den beiden deutschen Teilstaaten gerichtet, die auf dem Umweg über die dynamisierenden Wirkungen des antikolonialen Internationalismus die Teilung Deutschlands überwinden sollte« (S. 47).
Für Hinweise auf die besondere »Innerlichkeitszüchtung« des Elternhauses Ensslin gibt »Die bleierne Zeit«, ein Film von Margarethe von Trotta, nicht viel her. Vielmehr steht ja gerade der unterschiedliche Lebensweg zweier Schwestern in den siebziger Jahren im Vordergrund. Woher also kommt die Verfasserin zu der Gewissheit, dass mein Elternhaus als ein »Paradebeispiel« für ein weltberühmtes deutsches Pfarrhaus gelten kann?
Was hier assoziiert wird, konnte man in den siebziger Jahren täglich in der Presse - vornehmlich in der Bild-Zeitung - lesen: Die Pfarrerstochter mit der Pistole im Strumpfband.
Die innere Logik dieser Fußnote bleibt auch insofern rätselhaft, als der angebliche Weltruhm des deutschen Pfarrhauses wenig mit dem Erstaunen der Autorin zusammengeht, dass die Familie Ensslin »sogar« zu »Filmruhm« gelangen kann.
In der Auseinandersetzung mit der RAF wurden Klischees entwickelt, mit denen das Befremden über die Tatsache, dass junge Leute zu den Waffen greifen, bewältigt werden konnte. Statt sich einer komplexen Realität unaufgeregt und genau zu nähern, Politisierungsprozesse verständlich zu machen, die Dynamik von gesellschaftlichen Konflikten zu rekonstruieren und das alles zum Ausgangspunkt für sozialwissenschaftliche Überlegungen zu machen, werden Bilder in die Welt gesetzt, die die einzelnen Akteure von ihrer Geschichte abschneiden. Es wird psychologisiert und personalisiert. Aus Politik wird Familie.
christiane ensslin
Beispiel und Tendenz
Ein Motiv fällt auf: Ein Text, dem es aus psychoanalytischer Sicht um »Grenzgänger« geht, muss sich fragen lassen, wie es denn um seine eigenen Grenzen, Abgrenzungen und Ränder bestellt ist. Und da trifft es sich, dass die hier monierte »Abgrenzung« und Stigmatisierung des »Hauses Ensslin« an einer Grenze des Textes stattfindet, nämlich in einer Fußnote.
Nun hat Sigmund Freud verschiedentlich darauf hingewiesen, dass gerade in den Ausnahmen, dem Randständigen und den Ergänzungen der Sprache, oft mehr als in der gängigen Rede, das Entscheidende verborgen sei. Darauf sei in der analytischen Arbeit ganz besonders zu achten: Hier ist die eigentliche Problematik verborgen, hier siedelt das Symptom.
Blickt man aus dieser Perspektive noch einmal auf den fraglichen Text, so kommt etwas Weiteres hinzu. Die Psychoanalytikerin, die gewissermaßen per definitionem die gebotene analytische Scharfsicht gerade an der Ausnahme erproben sollte, bedient sich stattdessen hier eines paradoxerweise ebenso süffisanten wie impulsiven Vokabulars.
Warum das fatale Wort von der »Zuchtstätte«? Warum wird, nicht ohne einen Anflug von Hohn, zweimal von »Ruhm« gesprochen (»Das weltberühmteí deutsche Pfarrhaus«; »das ... zu Filmruhm gelangte Elternhaus«)? Warum, gleichfalls superlativisch, die befremdliche Schlussfloskel vom »Paradebeispiel dieser Tendenz«? Eine Formulierung, die, von der rhetorischen Stilkunde her betrachtet, eine Katachrese, ein Bildbruch also, ist: denn entweder ist etwas »ein Beispiel«, dann aber »für« etwas; oder etwas hat eine Tendenz; aber ein Beispiel, gar ein »Paradebeispiel einer Tendenz« braucht es in einem wissenschaftlichen Text nicht zu geben.
An diesem wie an anderen Komposita macht sich bemerkbar, dass der Text mit grober Nadel gestrickt ist. Auch geht er, so fein ziseliert sich das Verfahren gibt, ein wenig schnaubend durch die Problematik. »Gesinnungsethischer Rigorismus«? Gut, ein großes Wort, es wäre aber wohl, bei Licht besehen, ein derart komplexes Phänomen, dass es fraglich ist, ob man ihm mit einer solchen Duftnote an Definition gerecht wird.
Denn die ruft im besten Fall Assoziationen wach, die dann nach Belieben ausgeweitet oder fallen gelassen werden könnten. Rigoros? Terroristisch - sicher. Ethisch? - Wenn, dann nur »gesinnungs-«. Damit wird die Sprache der Verfolger evoziert, nicht die der Analytiker, und nicht einmal die der Kritiker.
Was schließlich wären »gewalttätige Formen gesellschaftlichen Engagements«? Meint sie Terror? Ist »gesellschaftliches Engagement« noch eines, wenn es »gewalttätig« wird? Nimmt man abseits dieser verfließenden Begriffsmodule eine sequenzielle Lektüre der bedeutungstragenden Elemente vor, so ergibt sich »Ausnahme, bevorzugt, terroristisch« für die erste Sequenz, »Ruhm, Zucht, Innerlichkeit« für die zweite Sequenz dieser ebenso kurzen wie sprechenden Fußnote.
Der Text gibt sich wie eine gewissenhafte Analyse, ist aber, in Bezug auf diese Problematik zumindest, ein affektiv geladenes Konglomerat von stereotypen Versatzstücken und Soziologismen. Er schöpft aus anderen Quellen als den an seiner Oberfläche zutage tretenden.
Die Konklusion im fraglichen Schlusssatz - »Das mittlerweile sogar zu Filmruhm gelangte Elternhaus der Schwestern Ensslin ist nur das Paradebeispiel dieser Tendenz« -, die mit der beruhigenden Gewissheit enden möchte, nun sei alles gesagt, legt indes aus dieser Perspektive nahe, dass dieser bündige wie süffisante Ausschluss Gründe haben muss.
Warum möchte die Autorin das »Elternhaus der Schwestern Ensslin« beinah nach Kintopp-Manier (»Weltruhm, Filmruhm«) paradieren lassen? Folgt man der Anregung Freuds, bei der affektiv besetzten »Ausnahme« den Kern des Problems zu vermuten, so muss diese Fußnote ein weiteres Mal aufhorchen lassen.
Sie ist eine von dreien im Text, aber die einzige, die argumentierend eingreift. Das gibt ihr eine Sonderstellung. Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn man gewissermaßen das szenische Personal des Kleingedruckten - »die Schwestern« - im Verhältnis zum Personal des Haupttextes gewichtet.
Im Haupttext treten drei Protagonisten der »Rebellion« auf, denen jeweils eine ausführliche Analyse gewidmet ist: Rudi Dutschke, Klaus Hartung und Bernd Rabehl. Alle kommen zu Wort, alle haben ihre Geschichte und allen widerfährt Gerechtigkeit. »Protest ist das Bindungsverhalten der verkannten Söhne«, so heißt es definitorisch-apodiktisch zum Schluss des Aufsatzes von Cordelia Stillke, »die selbst als Erwachsene noch einmal den strafenden Vater hervorlocken müssen, um ihn daran zu erinnern, dass nur in einer radikal umgestalteten Welt ein menschliches Verhältnis beider, ein wechselseitiges Wiedererkennen in Gleichberechtigung möglich wäre.«
Der Söhne? - Und die Töchter? Haben sie nicht protestiert? Doch, nur die Autorin hat sie ein weiteres Mal in die sprichwörtliche Fußnote der Geschichte verbannt. Dieser, noch einmal, offenkundig affektiv überdeterminierte Ausschluss mit all seinen impliziten Konsequenzen - hier die gelungene, dort die missratene Sozialisation, hier die konsensuelle Linie, die schließlich Legitimität erlangt hat, dort die eingreifende, d.h. gewalttätige, hier die von der Geschichte bewahrheitete, weil zur Macht gelangte Tradition, dort die Ausnahme, die Unrecht hatte - legt den Eindruck nahe, auch die Autorin ringe um ihre eigene Rolle in diesem Spiel.
Man braucht nicht Lacanianer sein, um eine Psychoanalytikerin, die über »Grenzgänger« schreibt, daran zu erinnern, dass die Grenzlinie auch entlang der Geschlechterdifferenz verläuft. Sie hat sie bezeichnet, ohne darum zu wissen.
Das ist, wenn man so will, der blinde Fleck dieses Textes. Den mag es geben. Man soll nur nicht vorgeben, von ihm aus zu sehen, wer diesseits und wer jenseits der Grenze steht
thomas dörr
Abwesende Geschichte
Obwohl sich der Text von Cordelia Stillke als Beitrag zur Rekonstruktion der Geschichte der Rebellion von '68, ausweislich des Untertitels »die 'Ost-Westler' als Schlüsselgruppe der Rebellion«, versteht, ist die Geschichte seltsam abwesend.
Es ist dem Text, geschrieben aus psychoanalytischer Perspektive, nicht anzulasten, dass er sich nicht explizit auf historische Quellen bezieht. Die Daten und Fakten der Psychoanalyse sind die Erzählungen, die Geschichte(n) ihrer Probanden. Mit ihnen analysiert sie Lebensläufe und -entwürfe, mit ihren Widersprüchen, Brüchen, ihrem Gelingen, Scheitern und Lernen.
Nun wendet sich die Autorin aber keinem einzelnen Probanden zu, sondern einer »Schlüsselgruppe«, die zudem in ihrer Generationsgebundenheit wahrgenommen und untersucht wird (Adoleszenzphase, S. 35). Es tritt etwas zur individuellen Erfahrung hinzu: die kollektive Erfahrung. Sie formiert sich in der vorgestellten Gruppe der »Ost-Westler« in einem geschichtsmächtigen und politischen Raum. Der lässt eine Anreicherung der Daten- und Faktenbasis erwarten. Damit hat die Autorin ihre liebe Not.
Die erste Fußnote (S. 31) lässt erkennen woran es offensichtlich mangelt. Um der Kontrastierung willen setzt sie die »kompromisslose Gesinnungsethik, mit existentialistischen Zügen« der Dutschkes und Rabehls, die aber nur bei Dutschke aus der »Wendung mit der Familie gegen den Staat« entstand und »erheblich häufiger in der DDR als in der BRD vorkam«, gegen das westliche »Dissidenzschema«. Im Osten verbünden sich aufbegehrende Jugendliche und Eltern gegen den Staat, im Westen trennt der adoleszente Konflikt die Familie.
Stillke schlussfolgert: »Wenn hier (im Westen) der Ausnahmefall eintrat, dann war er eine bevorzugte familiale Bedingung der Möglichkeit zu terroristischem Handeln«, und bemüht als Beispiel »das weltberühmte 'deutsche Pfarrhaus' als Zuchtstätte eines bestimmten Typus der Innerlichkeit«, das sich »nach dem Zivilisationsbruch auch als sozialisatorische Ausgangsbasis für einen gesinnungsethischen Rigorismus« erwies, »der, in Verbindung mit 'staatskritischem' linkem Gedankengut, gewalttätige Formen gesellschaftlichen Engagements favorisierte«. Dem Ausnahmefall des »mittlerweile sogar zu Filmruhm gelangten Elternhauses der Schwestern Ensslin« bescheinigt sie, »das Paradebeispiel dieser Tendenz« zu sein.
Man wundert sich bei diesen wohl gefeilten Formulierungen über die Reservoirs, aus denen sie geschöpft werden. Sie speisen sich aus einem vulgär-medialen Sprachraum, dessen verzerrendes Geschichtsbild einen Teil des hier in Rede stehenden Protests mobilisiert hat. Sie speisen sich aus der fiktiven Welt des Spielfilms. Und sie speisen sich aus einer »nach dem Zivilisationsbruch« nicht mehr für möglich gehaltenen Begrifflichkeit (Familie als »Zuchtstätte«).
Darüber kann man schon nicht hinwegsehen, noch weniger aber über die Argumentation, die hier entfaltet wird. Der westliche »Ausnahmefall« der mit der DDR vorgeblich vergleichbaren Wendung der Familie gegen den Staat, dort getragen von einer »kompromisslosen Gesinnungsethik mit existentialistischen Zügen«, hier von einem »gesinnungsethischen Rigorismus, der, in Verbindung mit 'staatskritischem' linkem Gedankengut, gewalttätige Formen gesellschaftlichen Engagements favorisierte«, lässt sich biographisch, familial und sozialisatorisch nicht belegen.
Gudrun Ensslin ist eine Tochter aus einem kinderreichen »deutschen Pfarrhaus«, das also nicht nur das »Elternhaus der Schwestern Ensslin« war. Ihr Weg war keineswegs so eindeutig vorgezeichnet, und das Elternhaus allem Anschein nach nicht das typische »deutsche Pfarrhaus«, wie es die Autorin konstruiert. Insbesondere kann auch nicht nachgewiesen werden, dass der Ausnahmefall »eine bevorzugte familiale Bedingung der Möglichkeit zu terroristischem Handeln« war.
Der Anteil der Abkömmlinge aus »deutschen Pfarrhäusern«, die, mit den Worten Stillkes, »gewalttätige Formen gesellschaftlichen Engagements favorisierten«, war zu klein, um signifikant für eine »bevorzugte familiale Bedingung« zu sein. Zudem unterschlägt eine solche Konstruktion, die vom Ende her argumentiert, die individuelle, gesellschaftliche und politische Dynamik der nunmehr historisch gewordenen Entwicklung.
Um die nunmehr historisch gewordene Entwicklung geht es ihr, denn sie ist der Ausgangspunkt für die Auswahl der persönlich befragten (Bernd Rabehl, Klaus Hartung) und unbefragten Probanden (Rudi Dutschke). Zu ihr bezieht sie Stellung, ohne sich des historischen Raums, in dem sie sich mit ihnen bewegt, angemessen zu vergewissern - man ist geneigt zu sagen -, bewusst zu werden.
Geschichte wird für sie nur einmal lebendig und nachvollziehbar, und zwar vermittelt durch Bernd Rabehls Darstellung »einer revolutionären Möglichkeit« (S. 42): »Ich sah die eben auch aufblitzen« (S. 42). Cordelia Stillke fasst zusammen: »Was im Gespräch so frappierend deutlich wird, ist die durchschlagende Wirkung der revolutionären Bedeutungssituation: Gib mir einen symbolischen Ort zwischen West und Ost, und ich hebe die Welt aus den Angeln« (S. 43).
Eine - zugegebenermaßen persönlich eher fiktive, aber dennoch wohl forschungsrelevante - Frage drängt sich geradezu auf: Wie steht es mit ihrer Reaktion auf »die durchschlagende Wirkung der revolutionären Bedeutungssituation«? Wir können es dabei belassen zu schauen, welche Handlungsoptionen sie ihren vorgestellten Akteuren zuschreibt.
Der Philosoph Hermann Lübbe (1) weist zurecht auf die zunehmende Selbsthistorisierung der modernen Zivilisation hin: »Die Schwierigkeiten mit der Vergegenwärtigung eigener individueller und vor allem kollektiver Vergangenheiten wachsen aber, wenn in Abhängigkeit von der (...) Innovationsdynamik eigene Vergangenheit einem immer rascher zur fremden Vergangenheit wird. Alsdann bedarf es expliziter Leistungen eines schließlich sogar wissenschaftlich elaborierten und disziplinierten historischen Bewusstseins, um eigene Vergangenheit in ihren fremd gewordenen Elementen verstehen und damit aneignungsfähig halten zu können bzw. die Vergangenheit anderer diesen zurechnungsfähig.«
Das wissenschaftlich elaborierte und disziplinierte historische Bewusstsein, dem sich Cordelia Stillke als Sozialwissenschaftlerin und Psychoanalytikerin vermutlich ebenso verpflichtet sieht wie die Institution eines Archivs, kompensiert in diesem Zusammenhang »Gefahren temporaler Identitätsdiffusion« (Lübbe). Damit haben wir es aber im vorliegenden Fall zu tun.
Die historische Forschung über die siebziger Jahre wird wegen tradierter, aber auch wohl begründeter archivrechtlicher Restriktionen frühestens und sukzessive im gerade beginnenden Jahrzehnt Zugang zu den in einschlägigen Sammlungen aufbewahrten Quellen erhalten. Wir befinden uns derzeit in einer, bezogen auf die Historiografie, quasi vorgeschichtlichen Phase.
Umso mehr ist von denen, die sich mit historischem oder (sozial-) wissenschaftlichem Interesse der jüngsten Geschichte nähern, darauf zu achten, dass sie die Geschichte nicht - bewusst oder unbewusst - umschreiben und so unsere vergangenheitsabhängige Identität verschütten. Es ist vielmehr, mit Lübbe, eine für freie Gesellschaften elementare politische Aufgabe, »die Quellen unseres identitätsverbürgenden Herkunftswissens politisch indisponibel zu halten«.
reinhart schwarz
Anmerkung
(1) Lübbe, Hermann: Die Zukunft der Vergangenheit. Kommunikationsnetzverdichtung und das Archivwesen. Eröffnungsvortrag zum 71. Deutschen Archivtag in Nürnberg am 10. Oktober 2000. www.vda.archiv.net/luebbe.htm
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