Keimzellen
Grenzgänger
Ein Exzerpt von Cordelia Stillkes Artikel »Grenzgänger - Die 'Ost-Westler' als Schlüsselgruppe der Rebellion«
Hüben und drüben: In Mittelweg 36, der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, beschäftigte sich die Psychologin Cordelia Stillke mit den Ost-West-Biografien von drei 68ern. Drei Mitarbeiter des Instituts sowie Gottfried Ensslin setzen sich nun kritisch mit dem Text auseinander.
Cordelia Stillke versucht in ihrem Artikel, ausgehend von einer psychologischen Analyse der persönlichen und familiären Hintergründe Rudi Dutschkes, Klaus Hartungs und Bernd Rabehls, zu einer paradigmatischen Darstellung der Protestbewegung von '68 zu kommen. Gemeinsam ist den drei Beschriebenen, dass sie in der DDR aufgewachsen und im Jugendalter in die BRD gezogen sind.
Unter der Überschrift »Auftritt eines Dissidenten« beschreibt die Autorin Dutschkes politische Initiation durch seine Wehrdienstverweigerung in der DDR. Der damals 17jährige nimmt eine Vorladung wegen »Friedensdienstverweigerung« in seiner Schule zum Anlass, in einer politischen Rede seinen Standpunkt als »christlicher Sozialist« zu erläutern. Dem »Dissidenten« ist nicht nur der Beifall seiner Mitschüler sicher, sondern auch die Bestätigung durch seine Familie: »Das Dissidenzschema des jungen Brandenburgers (Dutschke) war eine Erweiterung des lebensweltlichen 'Anti', das er prinzipiell mit den Eltern teilte. Er war (...) auch ihr Sprecher, weil er die Identifikation mit ihrer politischen und sozialen Haltung nie radikal auflösen musste.«
Stillke schreibt weiter: »Die Familie ist hier, anders als im Westen, der Ort, an dem sich Widersprüchliches begegnen kann. (...) Die Wendung mit der Familie gegen den Staat ist eine, die erheblich häufiger in der ehemaligen DDR als in der BRD vorkam.« Es folgt eine Fußnote: »Wenn hier der Ausnahmefall eintrat, dann war er eine bevorzugte familiale Bedingung der Möglichkeit zu terroristischem Handeln. Das weltberühmte 'deutsche Pfarrhaus' als Zuchtstätte eines bestimmten Typus der Innerlichkeit erwies sich nach dem Zivilisationsbruch auch als sozialisatorische Ausgangsbasis für einen gesinnungsethischen Rigorismus, der in Verbindung mit 'staatskritischem' linkem Gedankengut gewalttätige Formen gesellschaftlichen Engagements favorisierte. Das mittlerweile sogar zu Filmruhm gelangte Elternhaus der Schwestern Ensslin ist nur das Paradebeispiel dieser Tendenz.«
Nach Dutschkes Umzug nach Westberlin bleibt der Generationenkonflikt über den Lebensstil aus, der den Beginn der Dissidenz Gleichaltriger im Westen markiert. Stillke zitiert aus den Erinnerungen von Gretchen Dutschke an den ersten Besuch von Rudis Eltern in Westberlin. Rudi ließ sich die Haare schneiden, gemeinsam putzten sie die Wohnung. Doch als die Eltern kamen, war alles nicht gut genug: die Gardinen waren falsch, Rudis Haare immer noch zu lang. Gretchen verließ unter Protest das Zimmer, während Rudi stumm die Zumutungen seiner Eltern ertrug. Stillke: »Der jugendliche Rebell musste nie 'unartig' werden. Rudi Dutschke blieb zeitlebens ein braver Sohn.«
Einen weiteren wichtigen Unterschied des »Dissidenzschemas« zwischen Ost und West sieht die Autorin im Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Während im Westen der Zweifel an der Vergangenheit der Eltern für die Entwicklung von Dissidenz wichtig war, wurde die Familie im Osten als »antitotalitäre Enklave« erlebt. »Nonkonforme Westler stammten (...) von Mörderbanden ab. Ostler von potenziellen Opfern - auch des neuen Regimes.« Dabei spielte der 17. Juni 1953 eine Rolle, vor allem aber das Verhalten der Eltern zum Geschehen dieses Tages. »In einer prekären politischen Krisensituation so drastisch ohne Antworten der Eltern und Lehrer zu bleiben, das ist die zentrale Erfahrung der ost-westlichen Grenzgänger«, schreibt Stillke. Eine Erklärung und Einordnung der Ereignisse blieb ihnen selbst überlassen.
Im Abschnitt »Mangel und Fülle« beschäftigt sich die Autorin mit Klaus Hartung. Er, »der die Grenze als 14jähriger mit den Eltern überschritt, ist kein braver Sohn geblieben wie Dutschke. Er hat die wesentlichen Jahre der Adoleszenz im Westen verbracht und sich wie die altersgleichen jungen Westler von den Eltern losgesagt, um an der Schaffung eines Gegenentwurfs zu ihrem beschränkten Leben mitzuwirken. Seine Grenzgängerschaft manifestiert sich jedoch in der Distanz gegenüber dem kollektiven Prozess, in seiner Fähigkeit, die Dynamik und die Motive des Protests bis heute klarer als andere zu benennen.« Hartung beschreibt seinen Eintritt in die Dissidenz als Erwachen aus der dumpfen Geschichtslosigkeit der fünfziger Jahre, die er als Mangel erlebte.
Bei Hartung arbeitet Cordelia Stillke die Nicht-Kontinuität als zentrales Motiv heraus. Der erste Bruch erfolgte mit dem Umzug in den Westen, der zweite mit dem Anschluss an die antiautoritäre Rebellion und mit der Abkehr von der Geschichte der Elterngeneration. Sie zitiert ihn: »Wir mussten unsere Realität von Grund auf neu konstruieren. Es gab keine Anknüpfungspunkte, (...) keine Verwirklichung von Träumen. (...) Wir mussten unsere Feinde erfinden, um sie zu sehen; wir mussten den Klassenkampf spielen, um die Klassen sichtbar zu machen. Wir waren nicht richtig bei uns selbst, als wir uns selbst zu bewegen anfingen.«
Stillke: »Damit ist der Protest auch als Identitätspolitik bestimmt: als kollektiver Resymbolisierungsakt in einer Übergangszeit, die dem Zusammenbruch aller öffentlichen Bedeutungen folgte, getragen von einer Gruppe, die diesen Übergang zum lebensgeschichtlichen Bruch mit ihrer Herkunft und den Wurzeln ihrer Kindheit umgestaltet hat.« Dass Hartung im Rückblick auch mit der Geschichte der 68er bricht, erscheint nur folgerichtig.
Unter dem Titel »Weltrevolution aus 'Unsicherheit'« diagnostiziert Stillke bei Bernd Rabehl ein Leiden an der Erfahrung der Spaltung. Die Teilung Deutschlands werde durch die Scheidung seiner Eltern und die daraus resultierende Spaltung der Familie in Ost und West verdoppelt. In seiner späteren Familiengründung und seiner aktuellen Hinwendung zum Nationalen sieht sie »eine späte Zusammenfügung der getrennten Teilstücke in allen zentralen Lebensbereichen. Dazwischen liegt, als Ausdruck der gespaltenen Welt, die Dissidenz.«
Gleichwohl sei für Rabehl »anders als für Dutschke vielleicht, Dissidenz eine Grenzgängerei geblieben: ein Festgehaltensein an einer Grenze, die mit Spaltungs- und Entwurzelungserfahrungen verbunden ist. Dissidenz, die die Spaltung erfolglos zu überwinden suchte, ist selbst zum Ausdruck der Spaltung geworden und endet entsprechend mit der Rückkehr nach Hause.«
Rabehl lernte in einem Café den Lenin lesenden Rudi Dutschke kennen. Stillke schreibt: »Als antikommunistische Berufsrevolutionäre geht es ihnen nicht um die Dogmatik, sondern um das Bedeutungsreservoir der marxistischen Überlieferung, das sie zur Überwindung der symbolischen Mangelzustände des gespaltenen Landes benutzen. Es geht um Selbstverortung, Heimat, verfügbare Bedeutungen.« Stillkes Fazit: »Protest ist das Bindungsverhalten der verkannten Söhne, die selbst als Erwachsene noch einmal den strafenden Vater hervorlocken müssen, um ihn daran zu erinnern, dass nur in einer radikal umgestalteten Welt ein menschliches Verhältnis beider, ein wechselseitiges Wiedererkennen in Gleichberechtigung möglich wäre.«
Cordelia Stillke: »Grenzgänger - Die 'Ost-Westler' als Schlüsselgruppe der Rebellion«; erschienen in Mittelweg 36, 10/2001, Heft 2, S. 30-48
Exzerpt: Verena Herzog
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