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Nr. 24/2001 - 06. Juni 2001
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Erfolgreich mit Crack

Lokale Ökonomie und Leben im Barrio | Philippe Bourgeois

Crack zu verkaufen, berichtet Philippe Bourgeois aus East Harlem, ist kein Geschäft, das sich dramatisch von anderen Branchen unterscheiden würde. Er schildert im Folgenden die Details unternehmerischer Initiative in seiner Nachbarschaft.

Ray hat den Game Room nicht gegründet. Sein Jugendfreund Felix, Primos ältester Cousin, verwandelte die achtzig Quadratmeter große Videospielhalle in ein Crackhouse. Felix' Geschäft war nicht durchorganisiert; er genoss den Ruhm im Straßenhandel zu sehr, als dass er einen Geschäftsführer oder wenigstens Zwischenhändler, die den Handverkauf abwickeln, eingestellt und sich so die Polizei vom Leib gehalten hätte. Stattdessen nahm er im ersten Jahr nach der Öffnung des Ladens alles selbst in die Hand, ausgenommen die Küche, die eigentliche Herstellung, die er traditionell patriarchalisch an seine Frau Candy delegierte. Felix setzte seine unternehmerische Energie im Game Room vor allem ein, um mit Kundinnen zu schlafen - am liebsten mit Teenagern.

In der Zeit, als Crack aufkam, Ende 1985, war Primo einer von Felix' treuesten Kunden. Er hatte seinen Job als Kurier bei einer Setzerei verloren, sich von seiner Frau getrennt, und er hatte es aufgegeben so zu tun, als verdiente er Geld, um ihren zweieinhalbjährigen Sohn zu unterstützen. Stattdessen ging er zu seiner Mutter zurück, in ihre Sozialwohnung, wo er sich ein enges Zimmer mit einer seiner drei älteren Schwestern teilte. Im Wohnzimmer nähte seine Mutter den ganzen Tag Kleider in Schwarzarbeit, um ihre Sozialhilfe aufzubessern, während Primo sich für sein Crack auf Zuhälterei und Raubüberfalle verlegte.

Karriere. Primo erinnerte sich später vor seinen Freunden, Mitarbeitern und sogar vor seinen Kunden gerne an sein Jahr mit Crack.

Primo: Ich hing meinen Gewohnheiten nach. Mir war alles scheißegal. [Versucht Caesar, seinen Crack rauchenden Türsteher, auf sich aufmerksam zu machen.]

Caesar: [Dreht sich von seinem Posten im Eingang um.] Ja, ja. Deine einzige Sorge war, immer ein Wölkchen im Pfeifenstengel zu haben.

Auf dem Höhepunkt seiner Crackzeit nahm Primos Leben eine dramatische Wende, als ihm Felix' Machismo einen neuen und gut bezahlten Job bescherte.

Primo: Felix hatte was mit irgendeiner Frau in einem Hotel in New Jersey. Das Zimmer lag im zweiten Stock und Candy, seine Frau, hatte es spitzgekriegt und war auf der Suche nach ihm. Felix musste vom Treppenabsatz im zweiten Stock springen und hat sich den Fuß dermaßen ramponiert, dass er nicht arbeiten konnte. Am nächsten Tag hat mich Felix gefragt, ob ich ihm aushelfen könnte. Seit dem Tag habe ich eben hier gearbeitet.

Nachdem Felix' Knöchel verheilt war, behielt er Primo für das Tagesgeschäft, nur um noch mehr Zeit auf der Straße verbringen zu können. Er kam oft in den Game Room, um seine »Eroberungen« vorzuführen - in der Regel waren es Crack rauchende junge Frauen. Felix' Eskapaden sicherten Primos Job. Nach zwölf Monaten regelmäßigen Konsums hörte er schließlich mit dem Crackrauchen auf.

Primos Traum von einem anständigen Leben hätte fast ein jähes Ende genommen, als Candy, die zu der Zeit im sechsten Monat schwanger war, Felix in den Bauch schoss, um ihn dafür zu bestrafen, dass er mit ihrer Schwester geschlafen hatte. Felix erholte sich im Krankenhaus, als er wegen Waffenbesitzes verurteilt wurde und in ein Gefängnis im Norden des Staates New York kam. Candy verkaufte die Lizenz für den Game Room sofort für 3 000 Dollar an Ray, der selbst gerade eine Haftstrafe wegen bewaffneten Raubüberfalls auf eine Heroinklitsche verbüßt hatte.

Anerkennung. Nach ein bis zwei harten Wochen intensiver Geschäftsverhandlungen ließ Ray Primo als Manager im Game Room weitermachen, in einer Achtstundenschicht von vier Uhr nachmittags bis zwölf Uhr nachts. Der Preis für die Röhrchen wurde auf fünf Dollar gesenkt, um besser mit zwei neuen Teenage-Startups konkurrieren zu können, die im Treppenhaus des gegenüberliegenden Sozialwohnungsblocks arbeiteten und die Röhrchen für drei Dollar, in manchen Nächten sogar zum Sonderpreis von zwei Dollar verkauften. Primo bekam einen Anteil von einem Dollar für jedes Fünf-Dollar-Röhrchen. Ray erlaubte ihm, so viele Aufpasser und Helfer einzustellen, wie er wollte, solange er sie aus seinem Anteil bezahlte. Außerdem achtete Ray streng darauf, dass Freunde und Bekannte, die nichts kaufen wollten, nicht auf der Treppe vor dem Crackhouse herumhingen und Lärm machten.

Aus seiner Zeit als Gangleader im Barrio, Anfang der Siebziger, wusste Ray, wie er seine Leute disziplinieren konnte, ohne sie zu demütigen. Er wusste genau, wo gewaltsam Grenzen zu ziehen waren und wann er Zuwendung und Verständnis zeigen musste, ohne dabei jemals eine Schwäche zu offenbaren.

Besonders gut verstand es Ray, verwandtschaftliche Beziehungen so einzusetzen, dass sich seine Leute ihm gegenüber loyal verhielten. Die meisten waren direkt miteinander verwandt oder durch fiktive Verwandtschaften verbunden. So fragte er Primo, ob er die Patenschaft für einen seiner Söhne übernehmen wolle, wodurch ein Compadre-Verhältnis entstand. Compadrazgo ist eine bedeutende Institution in der puertoricanischen Gesellschaft, die Männer zu Loyalität und gegenseitigem Respekt verpflichtet.

Expansion. Schon in den ersten Wochen nach der Übernahme des Game Room brachte Rays Unternehmergeist durch Preissenkungen und eine Steigerung der Produktqualität die Geschäfte zum Blühen. Der Game Room konnte ohne weiteres mit dem qualitativ minderwertigen Kokain konkurrieren, das in dem Lebensmittelgeschäft ein paar Häuser weiter verkauft wurde, oder auch mit dem billigen Crack der Teenager auf der anderen Straßenseite.

Innerhalb weniger Monate hatte Ray den Gewinn aus dem Game Room in zwei neue Filialen gesteckt: Eine lief nur kurze Zeit, in einem Apartment im zweiten Stock eines verlassenen Gebäudes, das mit städtischen Geldern renoviert werden sollte, und eine zweite war der Social Club an der Ecke La Farmacia. Während dieser anfänglichen Expansionsphase erkämpfte sich Primo eine leitende Stellung in Rays florierendem Crackgeschäft.

Primo: Ich war der erste der Belegschaft, der mit Ray zusammengearbeitet hat. Ich sparte Geld; ich dröhnte mich nicht zu, trank nur mal ein Bier oder zwei. Ray und ich hingen jede Nacht zusammen rum.

Verantwortung. Als offizielles Gründungsmitglied von Rays expandierender Organisation hatte Primo ein Anrecht auf zusätzliche Leistungen: Kautionen, Anwaltskosten, Bonuszahlungen für Feiertage, ab und zu ein Geschenk für seinen Sohn und gelegentlich ein Hummeressen in Orchard Beach, Coney Island. Gegen Ende meines Aufenthalts im Viertel berichtete mir Primo von dem halben Dutzend Leute, die er im Laufe der fünf Jahre, in denen wir uns kannten, eingestellt hatte.

Primo: [Sitzt auf der Motorhaube eines Autos vor dem Game Room.] Der erste, der für mich gearbeitet hat, war Willie. Ich hab' ihn mit Stoff versorgt und ihm abends ein paar Dollar gegeben. Nach ihm kam Little Pete; der bekam 150 Dollar in der Woche. Nach Little Pete kam Benzie, weil Little Pete schnell von Ray befördert wurde und dann im Social Club arbeitete. Benzie hab' ich täglich bezahlt. Ich hab' ihm meist 35 oder 40 Dollar gegeben, was nicht viel ist, aber ich habe Benzie besser behandelt als die anderen. Nach einiger Zeit hab' ich mit Benzie dann halbe-halbe gemacht. Ich hab' Caesar fest eingestellt, weil es Probleme zwischen Benzie und Ray gab. Vorher hat Caesar nur zeitweilig gearbeitet, weil er sich immer zu doof angestellt hat. Er war immer auf Benzie eifersüchtig. Aber ich hab' Caesar gesagt: »Du kannst nicht verkaufen, weil du ein Crackhead bist, und du baust Scheiße.«

Philippe: Du klingst wie ein Antreiber, der sich über die Arbeitsmoral seiner Leute aufregt.

Primo: Nee, Felipe. Ich spiel' hier nicht den Boss. Niemand wird von mir gefickt. Autoritär hatte ich noch nie Erfolg. Selbst als ich den kleinen 13jährigen Junior als Aushilfe hatte - weißt du, Felix' Sohn. Wenn ich dem gesagt habe, was er tun und was er lassen soll, meinte er immer zu mir: »Okay, okay, halt endlich die Klappe.« Ich muss nur aufpassen, dass die Dinge nicht total den Bach runtergehen. Ich hab' hier die Verantwortung.


Aus: Philippe Bourgeois, In Search of Respect. Selling Crack in El Barrio, Cambridge 1995. Aus dem Englischen von Hans Kittel. Copyright © 1995 by Cambridge University Press. Abdruck mit freundlicher Genehmigung.

Philippe Bourgeois ist Soziologe. Er lebt heute in San Francisco.



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