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Nr. 24/2001 - 06. Juni 2001
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Pusher, Dealer, Schurkenstaaten

Feindbilder im Krieg gegen Drogen | Henning Schmidt-Semisch

Am 24. Oktober 1969 erklärte US-Präsident Richard Nixon den Drogen »offiziell« den Krieg. Mit seiner Ausrufung des »War on Drugs«, die in den folgenden Jahrzehnten von seinen Nachfolgern immer wieder und seit den achtziger Jahren sogar mit militärischen Interventionen bekräftigt werden sollte, gab Nixon den Startschuss für jene Propaganda, die noch heute die Drogenpolitik bestimmt und sukzessive alle möglichen Differenzierungen einer rationalen Diskussion einebnete. Psychoaktive Substanzen mit langen kulturellen Traditionen mutierten in diesem Prozess zu todbringenden Drogen und schließlich zu Rauschgiften; ihr Genuss verwandelte sich in Rausch, ihre Einnahme in Missbrauch, ihr Konsum in Sucht. Und Ihren Konsumenten wies man per Gesetz den Status von Kriminellen zu, die in ummauerten Anstalten zu absoluter Abstinenz und damit zur Raison zu bringen waren.

Die schärfste Abwertung erfuhren im Verlauf der propagandistischen Verurteilung die Verkäufer der verbotenen Substanzen, die Dealer, Pusher und Schmuggler: die Rauschgifthändler. Ihre Karriere in den Massenmedien hat über die letzten drei Jahrzehnte Johannes Stehr verfolgt. Dabei wurde deutlich, dass die Ächtung der Dealer grundsätzlich im Zusammenhang mit der komplementären Figur des Drogenkonsumenten verstanden werden muss, also als binäre Codierung, die Gut und Böse, die Täter und Opfer säuberlich trennt: »Zum Inbegriff des Bösen konnten Dealer nur durch die gleichzeitige Vorführung einer komplementären Opfer-Kategorie werden: Die Konsumenten als unschuldige Opfer mögen zwar willensschwach, undiszipliniert und daher für Verführungen anfällig sein, jedoch sind die eigentlich Bösen die Dealer: Von Moral unbelastet gehen sie nur ihrem eigenen Vorteil nach.« Dabei wird das Stereotyp des Bösen in den sechziger Jahren zunächst auf den Ausländer projiziert, auf den »exotischen Verführer«, der seine fremden Sitten und Gebräuche in »unsere« vertraute Umwelt schleust, um »unsere« unschuldigen Kinder und Frauen zu »versklaven«. In den siebziger Jahren wird der Drogenhandel dann fester Bestandteil der Kriminalberichterstattung, der Dealer wird zum skrupellosen Profi(t)verbrecher, als ausländischer Krimineller beziehungsweise krimineller Ausländer und schließlich als Staatsfeind und Mörder inszeniert. Jeder Großdealer, so etwa der Kabarettist und Sesamstraßen-»Futzi« Henning Venske im Stern (43/1979), sei »gefährlicher als die gesamte RAF zusammen. Wer Heroin oder Kokain über die Grenzen der BRD bringt, soll mit der Anklage des Mordversuchs verfolgt werden«.

Seit Beginn der achtziger Jahre sieht man den Dealer schließlich vollständig im Morast der »Organisierten Kriminalität« verschwinden. Der Drogensumpf, den er bewohnt, wird zum Substrat für Mafia und Banden, das Bild verbindet sich mit Waffen-, Organ- und Frauenhandel und wird in dieser Verdichtung zur Bedrohung des Staates schlechthin. Diese zentrale Position des Drogenhandels in der Vorstellung einer Bedrohung des Staates durch die »Organisierte Kriminalität« zeigt bereits der Titel des entsprechenden Gesetzes: »Gesetz zur Bekämpfung des illegalen Rauschgifthandels und anderer Formen der Organisierten Kriminalität«. Die Folgen dieser Moralpaniken und Feindbildinszenierungen beschreiben Holger Mach und Sebastian Scheerer: Erstens seien die Strafen für Drogenhändler heute die härtesten seit dem 17. Jahrhundert. Damals machte sich der türkische Sultan Murad IV. als verdeckter Ermittler auf den Weg, um mit Scheinkäufen Tabakdealern auf die Schliche zu kommen und sie nach erfolgtem Geschäftsabschluss mit seinem mitgeführten Säbel eigenhändig zu enthaupten. Zweitens sei die Dealerbekämpfung von einem Teilbereich der Strafverfolgung zur Blaupause für weitreichende Veränderungen beziehungsweise Verschärfungen von Strafrecht, Strafprozessrecht und Strafvollzugspolitik geworden. Und drittens sei mit dem Zugriff auf ganze Staatengebilde eine neue Qualität der Verfolgung erreicht: »Heute werden Staaten nicht mehr nach ihrer Nähe oder Ferne zum 'Sozialismus', sondern nach ihrer angeblichen Nähe oder Ferne gegenüber den 'Rauschgifthändlern' klassifiziert.«

Ohne zu übertreiben kann man also wohl behaupten, dass die Drogenbekämpfung im allgemeinen und die Dealerbekämpfung im besonderen ein Politikfeld mit enormer symbolischer, aber auch finanzieller Bedeutung ist. Milliardenbeträge aller nur denkbaren Währungen sind in den vergangenen Jahren für Drogen ausgegeben worden und wahrscheinlich ebenso viele gegen sie. Ein feinmaschiges Helfer- und Kontrollnetz wurde über jede nur erdenkliche Drogen- und Genussdevianz gelegt, und Heerscharen von Wissenschaftlern der unterschiedlichsten Professionen haben Geld und Reputation erworben, indem sie die mutmaßlichen Drogen- und Suchtprobleme bis in die entlegensten Regionen der Welt, des Körpers und der Seele verfolgten. Und je größer dieser Sektor wurde, desto deutlicher unterstrich er die mutmaßliche Größe des Problems, zu dessen Bekämpfung wiederum neue, bessere und größere Truppen ins Feld geführt werden mussten. Die Frage wäre, wie diese Eskalation aufgehalten werden kann, denn bei aller Evidenz des Scheiterns der Drogenpolitik an ihren offiziellen Zielen haben sich die Botschaften der sie begleitenden Propaganda doch erfolgreich bis in die entferntesten Winkel der meisten wissenschaftlichen und Alltagstheorien eingegraben, wodurch das Scheitern bis heute immer wieder als Aufforderung zu einem »more of the same« interpretiert werden kann.


Literatur:

H. Mach, S. Scheerer, Vom »ehrbaren« Kaufmann zum »gewissenlosen« Dealer, in: Paul/Schmidt-Semisch (Hg.), Drogendealer. Ansichten eines verrufenen Gewerbes, Freiburg i.B. 1998; J. Stehr, Massenmediale Dealer-Bilder und ihr Gebrauch im Alltag, in: Paul/Schmidt-Semisch, a.a.O.;

B. Thamm: Wirtschaftsmacht Droge, in: Gros (Hg.), Rausch und Realität, Stuttgart, Düsseldorf, Leipzig 1998

Der Beitrag ist »Palais des Drogues oder: Psychedelische Dienstleistungen aller Art« entnommen, erschienen in: Aldo Legnaro, Arnold Schmieder (Hg.), Suchtwirtschaft, Münster/Hamburg: LIT Verlag 2000. Abdruck mit freundlicher Genehmigung.

Henning Schmidt-Semisch ist Sozialwissenschaftler und forscht über Drogenpolitik und Kontrollregimes.



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