Jungle World Banner
Nr. 24/2001 - 06. Juni 2001
Im Archiv suchen:
Inhalt
Interview
Disko
Inland
Antifa
Euro
Dossier
International
Feuilleton
Heim & Welt
Medien
Sport
Junk Word
Rubriken
Nachrichten
Inland
Nachrichten
Euro
Nachrichten
International
Nachrichten
Feuilleton
Deutsches
Haus
action
Alternative Lebensformen
Sonstiges
Archiv
Jungle Abos
Impressum
Jungle World in Österreich
Neu: Kleinanzeigen
Ausgewählte
Texte und Vorträge
E-Mail
Redaktion
Webmaster

Ein Bedarf von null Gramm Cannabis

Prohibition und Planwirtschaft in der Drogenpolitik | Sebastian Scheerer

Der Ton der Kriegsberichterstatter herrscht beim Body Count weiter vor, wenn es darum geht, in überlieferter Manier die so genannten Rauschgifttoten nachzuzählen. Nun kann der gerade veröffentlichte Sucht- und Drogenbericht 2000 der Bundesregierung auch anders: Die Perspektive unterschiedlicher Konsumdesigns verspricht, den von Wohlmeinenden in Sozialarbeit, Medizin und Politik lange Zeit geforderten Wechsel von der »repressiven« zur »akzeptierenden« Drogenarbeit kontrollgesellschaftlich zu vollziehen. Doch trotz aller Verschiebungen gibt es verlässliche Konstanten. Sebastian Scheerer untersucht das Drogen- und Weltbild, das die Drogenpolitik hegt.

Wenn man das heutige System der Drogenpolitik zu charakterisieren versucht, spricht man normalerweise von einem legal approach, einem medical approach und unterschiedlichen Mischformen. Und vergisst dabei, das Wichtigste zu erwähnen. Denn die Besonderheit der Drogenpolitik besteht darin, dass sie eine Gruppe von Substanzen dem Marktgeschehen und damit dem im üblichen Rahmen »autonomen« Zugriff der normalen Bürger entziehen will. Das liest man so in keinem Buch über Drogenpolitik. Und doch ist es durchaus bemerkenswert. Für kapitalistische Wirtschaftssysteme ist es ja ungewöhnlich, Gegenstände dem Markt zu entziehen. Und da bürgerlich-kapitalistische Gesellschaften die Freiheit der Bürger auch über ihre Rechte als Warenproduzenten, -händler und -konsumenten definieren, müssen sie, wenn sie bestimmte Gegenstände tabuisieren, einen guten Grund dafür haben.


Der Kreuzzug: Keine Macht den Drogen

Von Suchtgiften glaubt man zu wissen, dass sie, anders als etwa Alkohol und Nikotin, sich nicht nur in einer Minderheit von Fällen der Kontrolle der Konsumenten entziehen, sondern ihrer Beschaffenheit nach für die Domestizierung als Genussmittel nicht geeignet sind. Anders als die Genussmittel, die auch ihre Opfer fordern, greifen Suchtgifte die Persönlichkeit und die Autonomie ihrer Konsumenten nicht nur in manchen Fällen, sondern nahezu zwangsläufig an. Sie überfordern die Willenskraft und die Steuerungsbemühungen der Konsumenten und legen sie schließlich lahm. Ihre Macht über die Menschen ist bedeutend größer als die der Genussmittel. Bei den Suchtgiften gehört es zur Natur der Sache, dass sie die Menschen überwältigen und ihnen die Kontrolle über ihren Alltag und letztlich ihre Existenz entreißen. Deshalb sehen sich auch offene Gesellschaften gezwungen, in diesem Ausnahmefall nicht die Bürger selbst über Konsum oder Konsumverzicht entscheiden zu lassen.

Wenn es stimmt, dass es Drogen gibt, die im Regelfall von erwachsenen Menschen nicht zu dominieren sind, dann darf man sie wirklich nicht wie Alkohol und Zigaretten behandeln, sondern muss ihnen kämpferisch entgegentreten wie Seuchen und Infektionskrankheiten.

Seitdem Albert Erlenmeyer 1887 den Kokainismus als eine neue Plage der Menschheit in eine Reihe mit Pest und Cholera stellte, spiegelt der Drogendiskurs diese Sichtweise kontinuierlich wider. Man denke an gängige Wörter wie »Drogenepidemie«, »Drogenwelle« und Ähnliches. Wer die Bibel und die Bildersprache der Prediger kennt und wer weiß, wie sehr der schon damals und affirmativ so bezeichnete »Weltkreuzzug« gegen Drogen von Anfang an religiös geprägt war - bekanntlich hätte es das ganze Kontrollsystem ohne den jahrzehntelangen Einfluss der in China tätigen Missionsgesellschaften und vor allem des politisierenden Bischofs Charles Brent wohl nie gegeben -, wird dahinter die lange geistesgeschichtliche Tradition des Kampfes zwischen den Prinzipien des Guten und des Bösen erkennen. Bekannt kommt uns auch das Bild vor, das die Beratende Opium-Kommission des Völkerbundes benutzte, um die überwältigende Kraft des Rauschgifts zu veranschaulichen. Sie verglich das Rauschgift mit »Wasser unter ungeheurem Druck«, das versuche, sich »in beständigen Windungen einen Weg zu bahnen und sich mit unwiderstehlicher Gewalt auf die entferntesten Stellen des Systems, in denen sich der Druck noch spürbar macht, zu verteilen; ohne Unterlass und gleichsam automatisch drängt es danach, jeden Fehler, jede schwache Stelle des eisernen Walles, der es umgibt, ausfindig zu machen; es sucht nach jedem Mittel, diesen Wall zu durchbrechen und bemüht sich unablässig, seine Bande abzuschütteln und sich zu befreien.« Slogans wie »Keine Macht den Drogen« oder Buchtitel wie Weltmacht Droge sehen auch heute noch die Substanzen selbst als Akteure, als herrschsüchtige Dämonen.

Nur in diesem dämonisierenden Drogenbild lässt sich das gigantische System der Gefahrenprävention erklären, das im Verlauf des 20. Jahrhunderts entstand. Nur an ihm kann man die zwingende Logik des Systems nachvollziehen, zwar einerseits den notwendigen Bedarf an Opiaten und anderen Drogen, der seitens der Medizin und der Wissenschaft immer noch bestand, am Markt vorbei per verwaltungsmäßiger Zuweisung zu befriedigen, andererseits aber alles zu tun, um die Bürger selbst von jeder Gefährdung durch Drogen fernzuhalten.

»Drug Free In Ten«. Seinen Ausgangspunkt nahm das heutige Kontrollsystem in einer regional auf Ostasien und sachlich auf das Opium begrenzten Problematik. Rekapitulieren wir: 1898 okkupieren die USA die Philippinen und werden als asiatische Macht mit der internationalen Dimension des Opiumhandels konfrontiert. Religiöse Gruppierungen dominieren die öffentliche Meinung. Bischof Brent unterstreicht als Vorsitzender der vom US-Kriegsministerium eingesetzten Philippine Opium Commission die Notwendigkeit einer internationalen Lösung. Der Weg zur Globalisierung, auf dem auch die Anzahl der betroffenen Drogen zunimmt, beginnt mit der Konferenz von Shanghai (1909) und erreicht einen ersten Abschluss mit der Haager Opiumkonvention von 1912, welche allerdings nur die innerstaatliche Kontrolle des Handels regelt. Die damals proklamierte Mobilisierung zum großen Weltkreuzzug war jedoch nicht mehr aufzuhalten. 1925 bringt das Genfer Abkommen mit dem System der Ein- und Ausfuhrscheine auch den zwischenstaatlichen Handel unter Kontrolle. 1931 verpflichtet das »Abkommen zur Begrenzung der Erzeugung von Rauschgiften« alle Staaten zur frühzeitigen Anmeldung ihres Drogenbedarfs, damit genug Zeit zur Prüfung der Angaben und zur Organisation des Anbaus bleibt. Zuständig ist das Ständige Opium-Zentralkomitee, eine Behörde des Völkerbunds in Genf. Hier werden Bedarfsmeldungen gesammelt und geprüft; von hier aus werden auch der Anbau und die pünktliche Lieferung organisiert. »Diese beiden Grundpfeiler«, erklärt der Völkerbund 1934, »das System der Einfuhrscheine und die Schaffung eines zweckentsprechenden Systems einer Weltbuchführung nebst einer mit der Überwachung des internationalen Handels betrauten besonderen Körperschaft haben praktisch zum Verschwinden der Diskrepanz zwischen ausgeführten Mengen von Rauschgiften und empfangenen Mengen geführt.« Man feierte das »kühne Abkommen« und konstatierte die »wirksame Durchführung in der ganzen Welt im kurzen Zeitraum von dreizehn Jahren«. Nun hatte man ein System für die Produktion und Distribution der Suchtgifte, das man, wie es in einer Broschüre des Völkerbunds von 1934 hieß, »gewöhnlich 'Planwirtschaft' nennt«.

Der Völkerbund heißt heute Uno. Das Opium-Zentralkomitee heißt heute International Narcotics Control Board (INCB). Statt in Genf sitzt man in Wien. Der Name Planwirtschaft ist aus dem Vokabular gestrichen. Betrieben wird sie freilich wie eh und je. Wie bei jeder Planwirtschaft, so hilft auch hier eine Art rhetorischer Selbstsuggestion über mögliche Zweifel und Anfechtungen hinweg. Man gratuliert sich dauernd selbst zu den schönsten Erfolgen und freut sich auf den nahen Sieg. Noch aus dem jüngsten Jahresbericht des INCB spricht diese Zuversicht. Man begrüßt Andorra als 153. Mitglied der Anti-Drogen-Konvention von 1988. Dadurch wird nun auch der Druck auf Tschad und Liechtenstein größer. Bald haben wir auch sie im Boot, in dem wir alle sitzen. Belize, Bhutan, Guyana, Saint Vincent und die Grenadinen haben schon unterschrieben. Bald soll es ja geschafft sein, 2008 soll das Drogenproblem weltweit gelöst, sollen die Märkte zerschlagen und die Kartelle ausgetrocknet sein. Mit diesem wahrhaft heroischen Vorsatz hat jedenfalls Pino Arlacci im Juni 1998 seinen Posten als Chef des UN Drug Control Program angetreten: »Drug Free In Ten - We Can Do It!«

In gewisser Weise, auf ihre Weise, funktioniert die Drogenplanwirtschaft. Die Globalzentrale genehmigt nicht mehr und nicht weniger Drogenanbau und -herstellung, als dem festgestellten Weltbedarf entspricht. Gerechnet wird in Gramm. So hat zum Beispiel für dieses Jahr Österreich einen Bedarf von 2 000, Deutschland von 10 000 Gramm Kokain - und null Gramm Cannabis - angemeldet, und beide Länder werden pünktlich und ausreichend beliefert. Wäre Istzustand gleich Sollzustand, wie es die Planwirtschaft ja anstrebt, dann käme man nach Österreich und wüsste: Hier werden übers Jahr exakt 2 000 Gramm Kokain ins Land eingeführt. Man bräuchte gar nicht nach Deutschland zu gehen, um zu wissen: Der große Nachbar erhält fünf Mal so viel. Und man wüsste auch: Cannabis gibt's für beide nicht.

Bruder Schwarzmarkt. Nun wissen wir alle, dass jede Planwirtschaft über einen kleinen Bruder verfügt, der ihr erst zur Seite tritt und sie dann durch akzeleriertes Wachstum deutlich zu überholen pflegt. Sein Name ist Schwarzmarkt. Wo eine Ware dem Markt entzogen und der zentralen Verwaltung unterstellt wird, nährt er sich von den Bedürfnissen, deren Heimat jenseits der Regionen liegt, wo die Verwaltung den Bedarf ermittelt. Aus den Erfahrungen der ehemaligen Sowjetunion wissen wir: Je weiter sich die bürokratische Bedarfsfeststellung von den Bedürfnissen der Bevölkerung entfernt, desto schneller wächst der kleine Bruder.

Was die Kluft zwischen Bürokratie und Bevölkerung angeht, kann sich die Drogenplanwirtschaft der Gegenwart mit der sozialistischen Planwirtschaft der jüngeren Vergangenheit durchaus messen. Bei Kokain besteht zwischen Bedürfnis und festgestelltem Bedarf eine Relation von etwa tausend zu eins. Polizei und Zoll in der Bundesrepublik entdecken im Jahr zwischen 1 000 und 2 000 kg. Die legale Einfuhr umfasst also weniger als ein Prozent der amtlich erfassten Einfuhrversuche. Mindestens 75 Prozent der illegalen Einfuhren kommen durch. Das heißt, das illegale Marktvolumen (vier bis acht Tonnen) ist mindestens 400 bis 800 mal größer als das legale. Ginge man nicht nach Mengen, sondern nach Preisen, Umsatz oder Gewinnen, würde sich der Abstand noch einmal stark vergrößern. Bei anderen Drogen dasselbe Bild: Der gemeldete Cannabisbedarf ist gleich null. Die gesellschaftlichen Bedürfnisse sehen anders aus. 1999 wurden in Deutschland immerhin 168 833 Cannabispflanzen entdeckt, sichergestellt und vernichtet. 15 021 kg Cannabiskraut, 4 885,2 kg Cannabisharz. Und Cannabisöl. Und natürlich andere psychoaktive Drogen: LSD, Ecstasy und so weiter. Schließlich über 5 000 kg Khatwurzeln und mehr als 40 kg Pilze. Multiplizieren wir die Menge der beschlagnahmten Drogen mit vier, dann haben wir eine sehr vorsichtige Schätzung vom Ausmaß des schwarzen Drogenmarkts, der von behördlichen Interventionen nicht erreicht wird.

Unter dem Gesichtspunkt des Versuchs, die Effektivität der Planwirtschaft zu ermitteln, verwandeln sich die Erfolgsbilanzen der Sicherstellungsmengen in Dokumentationen eines grandiosen Fehlschlags der Planwirtschaft. Offenbaren sie doch die rapide Zunahme der Entfernung der Planbürokratie von ihrem eigentlichen Ziel, die Herstellung von Rauschgiften auf der Höhe des amtlich beglaubigten legitimen Weltbedarfs zu beschränken.

Was ist heute Drogenpolitik? Letztlich so gut wie ausschließlich ein Sammelsurium meist hilf- und wirkungsloser, repressiver, präventiver und therapeutischer Reaktionen auf Funktionen und Folgen eines gigantischen schwarzen Drogenmarkts. Eines Schwarzmarkts, den es mit all diesen Funktionen und Folgen gar nicht gäbe, hätte man ihn nicht durch die Entscheidung für die Planwirtschaft erst erzeugt.

Die Planwirtschaft ist aber nicht deshalb schlecht, weil sie ineffektiv ist. Das Problem liegt tiefer.


Die Konsumierenden und ihre Drogen

Das Problem liegt im Widerspruch zwischen den Grundannahmen der planwirtschaftlichen Drogenkontrolle und der Realität. Keine der ideellen Grundlagen der gegenwärtigen Drogengesetzgebung findet ihre Bestätigung in der Wirklichkeit. Es stimmt zum Beispiel nicht, dass die Suchtgifte im Normalfall zerstörerisch wirken. Es stimmt nicht, dass sie typischerweise die Konsumenten süchtig machen und ihre Entscheidungsfreiheit vernichten. Es stimmt auch nicht, dass ein gesunder Mensch »keine Drogen braucht«, oder dass ein vernünftiger Mensch, der über Drogen Bescheid weiß, kein Bedürfnis nach ihnen entwickelt.

Die Planwirtschaft kann sich nicht mehr legitimieren. In der Öffentlichkeit gibt es durchaus ein Gespür dafür. Daher die sichtbare Erosion der Anerkennung, die diesem System entgegengebracht wird.

Individuelle Defizite? Doch kehren wir noch einmal zum Verhältnis zwischen Drogen und Subjekten zurück und stellen erneut die Frage, ob Suchtgifte wirklich süchtig machen. Die konventionelle Antwort auf diese Frage ist ein klares Ja. Der Aussage, »du kannst Heroin gelegentlich nehmen, ohne jemals süchtig zu werden«, widersprachen Anfang der siebziger Jahre neunzig Prozent der US-Amerikaner. Die Wissenschaftler sahen das übrigens ebenso. Da sie sich in Hunderten von Studien fast ausschließlich mit den Extremformen der Sucht befassten, bekamen sie von der Realität nur diesen Ausschnitt mit. Kielholz und Ladewig etwa vertraten in Die Abhängigkeit von Drogen (1973) die Überzeugung, dass Heroinkonsum unweigerlich zu »charakterlicher Entkernung«, »Verflachung der Gesinnung«, »krankhaften Organveränderungen« und einem frühen Tod führe.

Aus diesem Drogenbild ergab sich, dass es im wohlverstandenen Interesse eines jeden Individuums liegen müsse, vor dem Kontakt mit Drogen bewahrt zu bleiben. Individuelle Freiheitsrechte konnten von einer Prohibition gar nicht verletzt werden. Andersherum ergab sich daraus, dass Menschen, die trotzdem Drogen konsumierten, dies unmöglich als informierte Bürger tun konnten, sondern allenfalls aufgrund einer gewissen Naivität, persönlicher Defizite, externer Zwänge oder Manipulationen. In Betracht kamen emotionale Störungen und soziale Missstände - etwa unerträgliche Lebens- und Arbeitsbedingungen oder eine ganz allgemeine Chancen- und Hoffnungslosigkeit. Ein gesunder mündiger Mensch konnte gar keine Drogen »brauchen«. Soziologen wurden nicht müde zu erklären: Menschen nehmen Drogen, wenn sie gescheitert sind und aus der Realität fliehen wollen. Drogenkonsum sei eine »rückzüglerische« Reaktion auf sozialen Misserfolg oder auf die immer schlimmer werdende Ausbeutung im »Turbokapitalismus«, weil der Mensch den durch den Kapitalismus geschaffenen Stress nicht mehr aus eigener Kraft aushalten könne, sodass »die Arbeit nur noch zu bewältigen und das Leben nur noch zu ertragen (ist) durch chemische Fremdsteuerung«. (1) Mit anderen Worten: Menschen tun, wenn sie zu Drogen greifen, eigentlich gar nicht, was sie wollen, und sie wollen eigentlich gar nicht, was sie tun. Konsumenten sind nicht die Akteure - das sind die Drogen -, sondern Opfer von eigenen Defiziten oder Defiziten ihrer Umwelt; von Dealern, die sie verführen oder durch präparierte Klebebildchen manipulieren, wenn nicht gar gewaltsam »anfixen«. (2) All diesen Erklärungsversuchen gemeinsam ist die tiefe Überzeugung, dass kein normaler Mensch ein vernünftiges und legitimes Bedürfnis nach dem Kontakt mit diesen Substanzen haben kann.

Die Struktur eines so organisierten moralischen Drogenuniversums führt allenfalls zur Kritik der Ineffizienz der Prohibition, nie aber zur Kritik der Prohibition als Freiheitsverletzung. Andere Ansätze kritisieren zwar die Prohibition, indem sie sie als Resultat einer sachwidrigen Lobby-Politik - etwa der Kunstfaserindustrie gegen den Hanfanbau - zu entlarven trachten. Mehr als ein schwacher Aufguss alter Stamokap-Lehren kommt dabei meistens nicht heraus. Die entscheidende Frage, ob das Verbot der Drogen zu begründen ist, rückt ihnen nicht in den Blick.

Freizeitgestaltung. Der Stand des Wissens hat sich aber in den letzten zwei Jahrzehnten grundlegend verändert. Heute weiß man, dass Suchtgifte ihre Konsumentinnen und Konsumenten im Regelfall nicht süchtig machen. Das weiß man von Cannabis- und Heroin-, auch von Kokain- und sogar Crack-Konsumenten. (3) Auch das Wissen über die Motive und Bedingungen des Drogenkonsums hat sich grundlegend verändert. Im überwiegenden Normalfall sind es gewöhnliche Menschen, die aus ganz gewöhnlichen Motiven zu Drogen greifen. In aller Regel handelt es sich dabei um eine bewusste Entscheidung zur Freizeitgestaltung. Die Droge wird aufgesucht und bewusst und gewollt konsumiert. Nicht die Dealer, sondern die Konsumenten »verantworten« diese Entscheidung.

Heute weiß man, dass die große Mehrheit der DrogenkonsumentInnen sich von Lebensplänen, Karrieremustern und dem gesellschaftlichen Weiterkommen keineswegs verabschiedet hat. Wenn sie Drogen nehmen, versinken sie nicht in ihrer eigenen Höhle, sondern feiern mit anderen, was es zu feiern gibt: das Ende einer anstrengenden, aber erfolgreichen Arbeitswoche, die Möglichkeit, unter Freunden und Bekannten aus sich herauszugehen, neue und interessante Erfahrungen zu gewinnen. Man zieht sich nicht zurück, sondern verfolgt die alten legitimen Ziele mit neuen, innovativen Mitteln. Es ist nicht die Pathologie, sondern die sich verändernde Normalität der Gesellschaft, die es den Bürgern aus nachvollziehbaren Gründen nahe legt, sich mehr als früher für psychoaktive Substanzen zu interessieren.

Drogen heute. Um den Drogenkonsum in der Gegenwartsgesellschaft zu erklären, nützen die herkömmlichen Theorien über individuelle und soziale Defizite nichts mehr. Zumindest in Umrissen möchte ich das skizzieren.

In den westlichen Gesellschaften hat ein Umbruch stattgefunden, der noch nicht beendet ist. In dem Maß, in dem die heutige Gesellschaft sich von den traditionellen Werten der Autorität, des Gehorsams, der Disziplin und des Fleißes verabschiedet oder sie doch durch die Betonung anderer Werte wie Selbsterfahrung, Kreativität und Gemeinsinn relativiert, sehen sich »Spannung«, »Abenteuer«, »Aufregung«, »Unterhaltung« und »Erlebnis« - allesamt Gefühlszustände, für die man Drogen einsetzen kann -, einst kümmerliche Außenseiter der gesellschaftlichen Werteskala, erheblich aufgewertet. Den tieferen Grund dafür sehen manche Soziologen im Bedeutungsverlust der materiellen Produktion und der entsprechenden Abwertung der Arbeitsethik und all dessen, was dazugehört.

Zur alten Welt der Moderne gehört das nationalstaatlich autoritäre Herrschaftssystem, die Ausrichtung des Alltags an den Notwendigkeiten der von Uhr und Zeit bestimmten Lohnarbeit, der Nüchternheit und der Unterordnung des einzelnen unter größere Zusammenhänge und Befehlspyramiden. Dazu gehören die Buchhaltung und die Rechenhaftigkeit von Gewinn und Verlust, die Dominanz der ökonomischen Rationalität und die relative Bedeutungslosigkeit subjektiver Bedürfnisse und Entwürfe.

Der heutige postmoderne Konsumismus steht zu all dem nicht in diametralem Gegensatz, wohl aber in einem sehr widerspruchsvollen Verhältnis, das in letzter Instanz von dem Zwang des Kapitalismus bestimmt ist, nunmehr einer erweiterten Rationalität zu folgen, die auch scheinbar nutzlose Dinge wie das Sponsoring unbekannter Künstler oder Sportler, die Förderung obskurer Forschungen oder nichtwarenförmiger Expressivität von Jugendlichen (Straßen-Basketball-Turniere, Musikwettbewerbe etc.) neu bewertet. Machtvoll angetrieben von Massenmedien, Werbung und Jugendkultur, applaudiert der Konsumismus der neuen Werteordnung, der Suche nach Abenteuer, Selbstverwirklichung und besonderen Erlebnissen, und die neuen Subjekte versuchen im Unterschied zu früheren romantischen Revolten, ihre Identität, ihr Ich und ihre Abenteuer nicht in schroffer Ablehnung der Warenwelt, sondern durch die geschickte und kombinatorische Nutzung von deren Events zu finden. Immer neue Waren erschließen immer neue Facetten der immer differenzierter werdenden subjektiven Bedürfnisse, immer neue Erlebnismöglichkeiten und Identitäts- wie auch Beziehungschancen. Stärker als je zuvor und frei von Ressentiments sehen wir heute eine neue Verknüpfung von Genuss und Warenform. Die größte Anziehungskraft haben solche Waren, und auch das ist nicht verwunderlich, die neue Erfahrungen versprechen - vom Abenteuertourismus bis zum Snowboardfahren und Tiefseetauchen. In einem solchen Kontext gesehen, ist Drogengenuss nur eine von zahllosen Möglichkeiten der mit der Warenwelt versöhnten Suche nach dem Außergewöhnlichen.

Schon heute ist anzunehmen, dass der Drogengenuss unter allen möglichen Freizeitaktivitäten bei weitem nicht die riskanteste ist. Alle historische Erfahrung spricht dafür, dass mit dem Ende der Prohibition die Kontrolle über die Qualität und Vermarktung der Drogen nicht geringer, sondern effektiver wird. Auch werden die prohibitionsbedingten Extra-Gefahren, die sich aus der Notwendigkeit des Schmuggels und der Vermeidung von Entdeckung ergeben und die sich auf die Konzentration des Wirkstoffs ebenso risikoerhöhend auswirken wie auf die sozialen und hygienischen Bedingungen des Konsums, einer Verlagerung des Konsums von hochkonzentrierten Darreichungsformen auf wirkstoffärmere Angebote weichen. Der Konsum kann wieder kundig und gesellig werden.

Drogen sind keine fremde Macht. Suchtgifte sind also gar keine Suchtgifte. Es stimmt nicht, dass sie im Normalfall die Menschen ihrer Willensfreiheit berauben. Heute wissen wir, dass die verbotenen Drogen im Normalfall weder zu einer besonderen Abhängigkeit noch zu einer selbstzerstörerischen Sucht führen, dass sie weder die Individuen noch die Gesellschaft auf eine qualitativ andere Weise berühren als der Konsum anderer Substanzen. KonsumentInnen illegaler Drogen gelingt es in aller Regel, ihren Konsum unter Kontrolle zu halten, sodass er nicht mit ihren alltäglichen Verpflichtungen und Bedürfnissen konkurriert. Sie gehen ihrer Arbeit nach und pflegen ihre Beziehungen, sie geraten in Probleme und wieder heraus, und sie leben in aller Regel weder besser noch schlechter, weder produktiver noch unproduktiver, weder glücklicher noch unglücklicher als andere Menschen. Wo es markante Abweichungen zum Negativen gibt, sind sie meist nicht Folge des Drogenkonsums, sondern der feindlichen Reaktionen der Umwelt darauf, also von Strafverfolgung und Diskriminierung. Wir wissen, dass es bis jetzt keine Droge gibt, die den Menschen unwiderruflich in ihren Bann zieht. Wir wissen, dass der Normalfall der kontrollierte Konsum als Freizeitvergnügen ist. Drogen sind keine fremde Macht.

Eine künftige Drogenpolitik muss die Legitimität der Nachfrage nach psychoaktiven Substanzen anerkennen. So wie die Gesetzgebung heute die grundsätzliche Legitimität einer homosexuellen Orientierung anerkennt. Wer sein Leben für eine Zeit oder für länger so einrichten will - bitte schön, das Recht dazu hat jeder volljährige Bürger. Wenn ihr wissen wollt, ob eure Religionsgemeinschaft, eure Freunde oder eure Familie das gut finden, dann müsst ihr sie schon selbst fragen. Wenn ihr über spezielle Risiken aufgeklärt werden wollt, fragt das Gesundheitsministerium, fragt das Finanzamt. Fragt Vereine und Interessengruppen, Selbsthilfegruppen und studiert die Literatur des Abend- und des Morgenlandes.

Die Planwirtschaft aber ist gescheitert. Das sollten wir ohne Trauer zur Kenntnis nehmen. Trauern mögen die Nutznießer des Status quo, für die jede Kritik am Status quo tabu ist. Für uns aber, die wir dafür bezahlt werden, den Status quo nicht mit der besten aller möglichen Welten zu verwechseln, für uns gibt es nichts Dringenderes, als die heutige Politik sine ira et studio bis in ihre tiefsten Tiefen zu kritisieren. Das wird nicht ohne Konflikte gehen. Aber so muss es sein. Anders werden wir keinen neuen Schwung in den Laden kriegen, und deshalb gilt die Devise: Il faut être radical.


Anmerkungen:

(1) So Günter Amendt 1989 in konkret, zitiert nach S. Scheerer, Sucht, Reinbek 1995, S. 116.

(2) Dieselben Schemata finden sich übrigens schon in der wenig bekannten Drogenliteratur des NS-Staats (vgl. S. Scheerer, Die Genese der Betäubungsmittelgesetze in der Bundesrepublik Deutschland und in den Niederlanden, Göttingen 1982; H. Mach, Rauschgiftbekämpfung im Dritten Reich, unv. Ms., Hamburg 2000).

(3) L. Zimmer, J.P. Morgan, Marijuana Myths, Marijuana Facts, New York/San Francisco 1997; W.H. Harding, Kontrollierter Heroingenuss - ein Widerspruch aus der Subkultur gegenüber herkömmlichem kulturellem Denken, in: Völger/Welck (Hg.), Rausch und Realität, Reinbek 1982; H. Hess, Rauschgiftbekämpfung und desorganisiertes Verbrechen, in: Kritische Justiz, 1992; D. Waldorf, C. Reinarman, S. Murphy, Cocaine Changes, Philadelphia 1991; P. Cohen, Crack in the Netherlands, in: Reinarman/Levine (Hg.), Crack in America, Berkeley 1997; M. Lap, F. Polak, Gründe für eine Legalisierung: Das Gesundheitsargument, in: Nolte/Quensel/Schulze (Hg.), Wider besseres Wissen, Bremen 1996


Der vorliegende Beitrag ist der Christian-Broda-Vorlesung entnommen, die Sebastian Scheerer im März 2001 in Wien hielt. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Sebastian Scheerer ist Kriminologe an der Uni Hamburg. Er beschäftigt sich seit Jahren mit den Bedrohungsszenarien der inneren Sicherheit.



Jungle World, Bergmannstraße 68, 10961 Berlin, Germany
Tel. ++ 49-30-61 28 27 31
Fax ++ 49-30-61 8 20 55
E-Mail: redaktion@jungle-world.com