Warten auf Antwort II
Offline forever
Jetzt kommt der Sensenmann endlich auch im World Wide Web gut an. War das Sterben, also das humanoide Offline-Sein, der finale Festplattenschaden, das Reset der Seele, bislang eine recht technologiefeindliche Angelegenheit, so wird sich das nun rasant ändern. Findige österreichische Bestattungsunternehmer haben jetzt unter www.begraebnis.at eine Plattform für alles gelauncht, was irgendwie mit Tod und Verwesung zu tun hat. Highlight der Seite ist zweifellos die angebotene Online-Übertragung von Begräbnissen.
Für rund 50 000 Schilling (etwa 7 000 Mark) wird das Begräbnis von Verwandten ins Internet übertragen und dort archiviert: »Jeder kann auf diese Art und Weise von Verstorbenen Abschied nehmen, so oft und so lange er möchte«, heißt es mitfühlend im Werbetext.
Besonders gelungen ist auch die Propaganda für den Tod per se. In einem der Menüs gibt es Tipps und Tricks für den richtigen Zeitpunkt des Sterbens. »Eine Frage kristallisiert sich in mir: Kann es sein, dass viele Menschen heute den richtigen Zeitpunkt zum Sterben verpassen? Da mich diese Frage sehr beschäftigt, erzähle ich Freunden und Bekannten davon. Aber nicht wie gewohnt, entspinnt sich daraus ein Gespräch. Zumeist folgt auf meine Worte ein betretenes Schweigen, und dann wechselt jemand das Thema.« Warum denn nur? Da bohrt man vielleicht ganz en passant in der Nase oder trinkt einen über den Durst und merkt gar nicht, dass vielleicht dann, ja genau dann, der richtige Zeitpunkt für den Biss ins Gras gewesen wäre.
Schlussfolgerung der Sterbewerbung im Web: »Gibt es zum Sterben einen richtigen Zeitpunkt? Durch die moderne Medizin lässt sich das Unvermeidliche immer weiter hinausschieben. Fragt sich wozu.« Genau. Das fragt es sich ja wirklich, und wer sich nicht fragt, hat den richtigen Zeitpunkt - dieses kleine, unscheinbare und unvermeidliche Zeitfenster - vielleicht schon verpasst.
www.begraebnis.at macht auch Schluss mit verschnarchten priesterlichen Grabesreden und bietet professionelle »Nachrufredner« zur Miete an. Das Prozedere ist so einfach wie eine Fahrt gegen den Brückenpfeiler. Kurz vor dem Begräbnis übergibt man dem Nachruf-Entertainer den Text der Rede und der spricht dann »frei« und andächtig über die herausragenden Wesenszüge des Toten. Leider aber haben die Sterbebegleiter in der Hinsicht echte Nachwuchssorgen: »Da immer mehr Anfragen zu diesem Thema gerichtet werden, sind wir auch ständig auf Nachwuchssuche. Eine schöne und interessante Aufgabe - bietet sich doch die Chance, ein Menschlenben zu dokumentieren und mit eigenen Worten den Hinterblieben Trost zu spenden«.
Wer also gerne in tiefe Gruben guckt und überhaupt gerne Trost spendet, möge sich bewerben: Einfach die 0043 - 664 - 183 84 80 anrufen, sich zum Casting eingraben lassen und vielleicht bald per Begräbnis-TV zum Fernsehstar werden. Halleluja!
martin schwarz
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