Hans Mayer ist tot
Er war »Deutscher auf Widerruf«, aber unwiderruflich Germanist. Die Liebe zum Gegenstand seiner Forschung hatte ihm der deutsche Nationalsozialismus nicht austreiben können. Im Schweizer Exil erfuhr der Jude Hans Mayer 1938 von seiner Ausbürgerung durch die Nazis, und obwohl er bereits 1945 nach Deutschland zurückkehrte, war der Entzug der Staatsbürgerschaft für ihn ein irreversibler Akt. Entsprechend irritiert reagierte eine von der Wiedergutmachungsideologie überzeugte Öffentlichkeit, als Mayer 1982 unter dem Titel »Ein Deutscher auf Widerruf« seine Lebenserinnerungen publizierte. Hatte er sich nicht längst seinen Platz in der deutschen Literaturgeschichte erschrieben und war mithin versöhnt?
1907 in Köln geboren, floh der frisch promovierte Jurist 1933 vor den Nazis nach Frankreich und in die Schweiz. Zurück in der »Fremde« (Mayer), wurde er Chefredakteur der dpa-Vorgängerin Dena und sah sich fortan als einer der Väter der Nachrichtenagentur. Beinahe wäre noch eine Spiegel-Vaterschaft dazu gekommen. Wegen seiner Dozentur in Frankfurt/Main soll er die Mitherausgeberschaft des Magazins knapp verpasst haben. Ab 1948 befasste er sich an der Universität Leipzig ausführlich mit Brecht, als dessen Wegbegleiter er sich verstand. Als Ergebnis persönlicher Gespräche und der lebenslangen Auseinandersetzung mit dem Werk erscchien 40 Jahre nach Brechts Tod der längere Essay »Erinnerungen an Brecht«. Mayers Umzug in die DDR resultierte aus seinen Überzeugungen als parteiloser Kommunist, denen die DDR aber nicht entsprach. 1963 ging er zurück in den Westen und lehrte bis zu seiner Emeritierung 1973 in Hannover, um anschließend ins »linke« Tübingen zu ziehen.
Büchner, Brecht, Thomas Mann, Wagner, Heine, Dürrenmatt, Goethe, Kleist, aber auch Marx und Willy Brandt tauchen in seinem Werkverzeichnis an prominenter Stelle auf. Mehr als 50 Bücher publizierte Mayer, viele davon im Suhrkamp Verlag. Als sein wichtigstes Werk gilt die 1975 erschienene Studie »Außenseiter«, die sich mit der Figur des »Anderen« in der Literatur befasst. Mayer - jüdisch, marxistisch, homosexuell - hat in seine Studien und insbesondere in die »Außenseiter« seine subjektive und parteiliche Haltung eingeschrieben. Aus gutem Grund zwar werden germanistische Untersuchungen außerhalb von Seminaren nur selten angerührt, bei Hans Mayer lässt sich aber eine Ausnahme machen.
Er starb am vergangenen Wochenende im Alter von 94 Jahren. (Ein ausführlicher Nachruf folgt.)
Rettet den Konjunktiv
Bisher dachte man, die B.Z. sei ein skrupelloses Berliner Boulevardblatt. Falsch! Es handelt sich um eine Anstalt mit sprachpflegerischem und bildungspolitischem Auftrag. Weil viele junge Leute nicht mal wissen, »wann die Berliner Mauer gebaut wurde«, finden »jetzt Nachhilfeseminare« statt. Dies kündigte B.Z.-Chef Georg Gafron in einem Spiegel-Interview an. Wie das Kursprogramm für abgedrehte Redakteure aussieht, geht aus einer Hausmitteilung der B.Z. hervor, in der die Mitarbeiter z.B. auf die Werthebach-Linie eingeschworen werden. Rücktrittsforderungen an die Adresse des Polizeipräsidenten nach den Mai-Riots verbittet sich die Chefredaktion. Solche Re-education sei notwendig, um bei den jungen Leuten die Defizite des geistig-moralischen Urteilsvermögens auszugleichen, die ein »Erbe der 68er Generation« seien. »Die Aufgabe von geistiger Disziplin führt zu wachsender Verblödung. Ein Symptom ist das Aussterben des Konjunktivs. Die Vereinfachung der Sprache geht mit einer Infantilisierung des Denkens einher«, erklärte Gafron weiter.
Nicht nur das Aussterben des Konjunktivs macht der Führung des Krawallblatts Sorgen, auch der Genitiv ist bedroht. »Gerade erst habe ich in meiner Redaktion einen Kampf für den Erhalt des Genetivs eröffnet«, erklärte er den jungen Leuten vom Spiegel. Genetiv? Hurra, auch der Druckfehlerteufel ist ein echtes Kind der 68er.
Tumas Pause
»Erinnert sich noch jemand an den März vergangenen Jahres?« fragt der Spiegel. »Da war Großalarm für Medienwächter und Moralisten: 'Big Brother' kam über die Deutschen.« Klar, wir erinnern uns. Auch daran, dass Spiegel-Redakteur Thomas Tuma sich gegen den Untergang der Abendunterhaltung im deutschen Fernsehen mit einer Entschlossenheit ins Zeug legte wie sonst nur Reinhard Mohr gegen den Aufstieg der 68er.
Vom Niveauverlust betroffen waren also vor allem die Leser des Spiegel: »Kennen Sie den schon?« feixt Tuma über das »Berufsdummchen« Verona Feldbusch. »Also: Zieht 'ne dunkelhaarige Blondine mit Dixie-Klo und Tiefkühlspinat in einen Container ...« Ein Jahr lang war Tuma im Dauereinsatz, um über jeden falschen Dativ im Container einen Sack voll ungenießbarer Metaphern auszuschütten. Aber jetzt hat der Mann erst mal Sendepause.
Nachdem die Firma Endemol angekündigt hat, den Beginn der vierten Staffel auf das Jahr 2002 zu verschieben, schaltete der Spiegel blitzschnell und veröffentlichte einen Nachruf auf »Big Brother«. Ansbert Kneip kommt darin zu dem Ergebnis, dass »Big Brother« auch nur Unterhaltung war. Also halb so schlimm.
Unsere Rede. Das Abendland kann weitermachen. Thomas Tuma hat Pause. Und in ein paar Tagen startet auf RTL Fat Brother bzw. »Big Diet«.
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