Kein Koch dreht durch
N24 zeigt Bilder, live aus dem Hubschrauber gefilmt. »Newscopter« ist das nervenzerfetzendste Format im deutschen Fernsehen. von elke wittich
Wozu es News-Helikopter gibt, weiß jeder, der mal amerikanisches Fernsehen geguckt hat. Dort erzielen Sendungen, in denen flüchtige Diebe, Sportstars oder Mörder live verfolgt und erschossen werden, extrem gute Einschaltquoten. In Deutschland flog dagegen bislang nur der ADAC herum, nun jedoch hat der Sender N24 seinen »Newscopter« gestartet. Jede Nacht präsentiert man die Abenteuer eines Hubschraubers auf Nachrichtensuche, der Vorspann macht deutlich, was den Zuschauer erwartet: Autobahnraser, ins Wasser gefallene Eisenbahnen, havarierte Tanker, ins Trudeln geratene Flugzeuge und verunglückte Autofahrer.
Zunächst sieht man in »Newscopter« jedoch nur weiß verschneite Berge, was durchaus sinnvoll ist, denn im Winter flog der N24-Hubschrauber ausschließlich über grüne Sommerlandschaften. Zu den Klängen von »Nobody Knows Me«, was möglicherweise die Erkennungsmelodie des Senders ist. Jetzt aber wird es spannend, der Newscopter fliegt einem Polizeihubschrauber hinterher. In eine unzugängliche Landschaft, in der eindeutig etwas passiert ist: Ein Verunglückter wird vom zahlreich vorhandenen medizinischen Personal gerade in einen orangefarbenen Plastiksack gesteckt. Ist der Mann von einer Lawine erwischt worden? Oder hat er sich bei einem besonders waghalsigen Manöver im Tiefschnee verkalkuliert?
Eher nichts von beiden, »Rettungsübung Bergwacht« verkündet eine Einblendung. Beim »Newscopter« bleibt man trotzdem optimistisch. Immer wieder zoomt man hoffnungsvoll auf besonders ungeschickte Skifahrer, die es jedoch samt und sonders heil nach Hause schaffen.
So geht das nicht weiter, deswegen werden jetzt Bilder vom Restaurant auf der Zugspitze gezeigt, was man daran merkt, dass »Zugspitze« eingeblendet wird. Aber auch hier passiert nichts weiter, keine Lebensmittelvergiftung, kein durchgedrehter Koch, der die Gäste mit dem Tranchiermesser bedroht, kein verzweifelter Geschäftsführer, der droht, sich in den Abgrund zu stürzen, wenn sein Etablissement nicht auf der Stelle mindestens einen Michelin-Stern bekommt. Nicht mal ums Wechselgeld streitet man sich auf der Zugspitze.
Das ist öde, deswegen fliegt der Newscopter jetzt auch über einen Kanal. Was eigentlich eine gute Idee sein könnte, denn in Deutschland wird während der winterlichen Kälteperioden auf jedem nur halbwegs zugefrorenen Gewässer notorisch ins Eis eingebrochen. Nur hier nicht, denn der Kanal ist völlig eisfrei und von den darauf gemütlich vor sich hin tuckernden Schiffen ist auch keins in Seenot geraten.
Auf der Autobahn gleich daneben fließt der Verkehr ebenfalls völlig störungsfrei. Daher wechselt man nun zum »Elbe Nordseewatt«. Nicht, weil dort gerade eine dramatische Rettungsaktion für einen gestrandeten Finnwal oder wenigstens für einen kleinen Seehund zu beobachten wäre, sondern weil in Häfen erfahrungsgemäß immer etwas passiert. Bis auf Schiffe, die mit großen Mengen farblich nicht zueinander passender Container beladen sind, geschieht im Hamburger Hafen jedoch im Moment leider gar nichts. Oder werden wir gleich Zeuge einer Razzia auf einem kolumbianischen Frachter? Nein. Und selbst wenn, würde der aufziehende dichte Nebel verwertbare Bilder verhindern.
Aber da! Ein Möwenschwarm fliegt vor dem Newscopter her. Wird er sich gleich auf einen unschuldigen Vogel stürzen, um ihn bis zur Unkenntlickeit zu zerfleischen? Oder vielleicht einen sich verzweifelt wehrenden Fisch aus dem Meer ziehen, um ihn dann bei lebendigem Leibe aufzufressen? Oder sich wenigstens vor den gerade in Großaufnahme gezeigten ICE stürzen?
Nichts passiert in Hamburg. Aber in den Bergen, im Allgäu, ist gerade wirklich etwas geschehen. In der dortigen Einsamkeit stehen zwei Ballons. Mussten sie notlanden? Nach welchen Kriterien haben die vor Hunger zweifellos halb wahnsinnigen Insassen entschieden, welcher der Mitfahrer zuerst aufgegessen wurde? Hat es, wie in solchen üblich, zuerst den mit dem gebrochenen Fuß erwischt, der bereits vom Wundbrand infiziert war? Nicht wirklich. Die Ballons stehen deswegen in der Gegend herum, weil ihre Besitzer das so wollen. Vielleicht sind sie bereits fertig mit der dort unzweifelhaft stattfindenden Wettfahrt, vielleicht aber auch noch gar nicht dran. Andere Ballons dagegen befinden sich sehr wohl in der Luft, doch halt! Was ist das?
In Ballon Nr. 19 verhält sich ein Insasse sehr, sehr verdächtig. Er scheint an etwas herumzufummeln, will er vielleicht in selbstmörderischer Absicht das Gas abdrehen? Blöderweise entpuppt sich der Maniac jedoch als jemand, der denkt, er sei in der U-Bahn und sich deswegen mit einer hoch über dem Kopf erhobenen Hand am Gestänge festhält.
Das ist nicht nur extrem blöde, es ist auch recht blöde anzusehen, daher wird nun der ADAC-Rettungshubschrauber »Christopher 32 im Einsatz« gezeigt. Wo, ist in diesem Moment völlig unerheblich, denn jetzt ist tatsächlich etwas passiert! Was genau, lässt sich leider nicht sagen, denn noch während der Helikopter landet, beginnt die Werbung. Hauptsächlich für N24, »Ihren Nachrichtensender für das neue Jahrtausend«. Inklusive sehr komplizierter Ratschläge, wie man den Sender per Satellit empfangen kann, was ein bisschen überflüssig ist, denn entweder sieht der Zuschauer gerade das Programm, und dann muss er N24 nicht einstellen, oder er sieht es nicht, dann nützt ihm auch die detaillierteste Anweisung nichts.
Das scheint bei N24 jedoch niemanden weiter zu stören, Hauptsache, beim Newscopter waren auch weiterhin keine spektakulären Bilder zu sehen. Pünktlich nach der Werbung war nämlich auch der Rettungshubschrauber Christopher 32 fertig mit seinem Einsatz und woanders hingeflogen. Vielleicht steckt jedoch auch Kalkül hinter der Ereignislosigkeit: Wer sein Publikum tagsüber mit nervenzerfetzenden Sendungen wie »Cash & Service«, »Outperfomer« und dem »Golfjournal« vor Spannung kaum atmen lässt, der muss ihm nachts eben ein bisschen Ruhe gönnen.
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