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Nr. 20/2001 - 09. Mai 2001
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Doofe Berliner, dufte Berliner

Während die Mehrheit der Hauptstädter am Tag der Arbeit faul in der Sonne lag, erfüllte eine Minderheit ihre revolutionäre Pflicht. von kerstin eschrich, stefanie kron, tobias rapp, heike runge und maik söhler. mit fotos von boris bocheinski

Da sind sie. Zu zweit. »Linke Krawall-Chaoten sind nach Kreuzberg eingesickert« (B.Z.). Vier Sneakers, zwei Sonnenbrillen. Und zwei schwarze Kapuzenpullis, locker um die Hüfte gebunden. In der Mittagshitze. Die sind doch wahnsinnig. »Holländisch wird gesprochen, Englisch - Krawall Touristen in Berlin« (Berliner Kurier). Da, wieder zwei. Und dahinter: zwei mal zwei. Sie schlendern, gucken hier, treffen sich dort: »Lass uns doch mal zum Mariannenplatz gehen.« »Warn wir schon, is langweilig, da vorn gibt's gleich 'ne Demo.«

Schon wieder zwei. Sie kommen zusammen im dunkelblauen neuen Audi, parken im Schatten, studieren Pläne, steigen zusammen aus. Vier Sneakers, zwei Sonnenbrillen, zwei schwarze Kapuzenpullis, locker um die Hüfte gebunden. Auch Zivis bilden Pärchen.

Polizisten spielen Polizisten, Steinewerfer spielen Steinewerfer und Zuschauer schauen zu. Vor dem Bethanien ist eine Freifläche, die von etwas höher gelegenen Terrassen umgeben ist. Gerade hat die Polizei versucht, den Mariannenplatz zu räumen, und nun brennt an der Kopfseite des Platzes ein Auto. Es ist wie in einem römischen Amphitheater: Auf der Bühne die Wasserwerfer, die versuchen, das Auto zu löschen. Davor die Steinewerfer, die versuchen, die Wasserwerfer zu vertreiben. Rundum die Zuschauer, die jeden Stein bejubeln. So geht es eine Stunde. Fünfzig Meter vor, fünfzig Meter zurück. Was für ein schönes Spektakel.

Vor einer Straßensperre. Eine Frau um die zwanzig sagt zu einem Polizisten: »Jetzt lassen sie mich schon durch. Ich bin müde, ich habe keine Lust mehr, ich bin nass.« Der Polizist: »Es hat doch gar nicht geregnet.«

Ein Grund, die Mai-Krawalle abzuschaffen, sind die Scherbenhaufen, die einem zuverlässig und spätestens am 2. Mai den Fahrradreifen zerfetzen. Alternativ zur Abschaffung: Einrichtung von Radreparaturdiensten. Schwäbische Krawallos (Studenten und Bullen) müssen geschädigten KreuzbergerInnen den Reifen flicken. Hoher Deeskalationsfaktor.

Die beste Schlagzeile: »1. Mai 2001 - Dufte Berliner, doofe Berliner« (B.Z.). Das beste Transparent: »1a Fensterplätze zu vermieten - www.krawalltourist.de« in der Oranienstraße. Das schönste Attentat: Bullenwanne mit brennender Zigarettenkippe anzünden (Kippe durch Dachluke im richtigen Winkel auf die darunter liegenden Jacken schnippen; ist leider fehlgeschlagen). Der dümmste Spruch: »Ihr Presseausweis ist gefälscht.« Das teuerste Fahrrad: zum Glück noch gerettet. Der größte »Aha-Effekt«: quotierte Besatzung in Wasserwerfern und Räumpanzern. Die ekligste Vorstellung: »Fuck the police« (war fast überall zu hören). Der lustigste Auftritt: Werthebach in den Tagesthemen um 22.30 Uhr.

Der Jungle World-Stand am Mariannenplatz ist kaum zu sehen, so viele Leute drängen sich um den schlichten Holztisch mit der weißen Plane. Sie stehen an, um ein Hähnchensteak am Stand nebenan zu ergattern und blättern in den ausliegenden Zeitungen. »Keine schlechte Werbestrategie«, meint der Anzeigenexperte. Gegen 17 Uhr sind die Steaks nicht mehr interessant, die Polizei versucht den Platz zu räumen. Alle drängen Richtung Kirche, und der Tisch bleibt kurzzeitig verwaist zurück. Später stehen Menschen dahinter, die sich als überzeugte Jungle World-Leser outen. Einige sind so überzeugt von dem Blatt, dass sie einer unbeteiligt dreinblickenden Person eine Zeitung anbieten: »Das ist eine super Zeitung.« Der Mann kennt die super Zeitung aber schon. Er ist Jungle World-Redakteur. Jemand verlangt, dass die Werbeplakate abgenommen werden. Die Dinger werden noch schnell runtergenommen, bevor das Chaos ausbricht und der Standdienst das Weite sucht. Augenzeugen berichten, der Stand sei in Flammen aufgegangen.

Now or never. Das ist die Gelegenheit. Aber so ein Gewaltakt will gut überlegt sein. Der überhaupt nicht mehr jugendliche Demonstrant schaut einen Stein an und denkt nach. Über die ganze Scheiße. Es dauert Stunden, bis er nach dem Wurfgeschoss greift und das Ding endlich in der Hand hält. Pause. Um ihn herum tobt die Action. Tief durchatmen. Augen zu. Abwurf jetzt! Kugelstoßer-Technik. Ups, das war aber zaghaft. Das Geschoss taumelt durch die Luft und plumpst 1,10 Meter weiter wieder zu Boden. »Ist doch wahr«, sagt der Mann (Quelle: Christian Y. Schmidt).

Künstler nerven. Meistens nur in Mitte oder Prenzlauer Berg, aber dieses Mal auch beim 1. Mai. Warum können diese Leute nicht einfach demonstrieren und Steine werfen, so wie alle anderen auch? Warum glauben diese Leute, die Legitimation einer Kunstaktion zu benötigen, wenn sie am 1. Mai auf die Straße gehen? Geht es darum, sich auch ein bisschen von der Glaubwürdigkeit der Straße abzuholen, allerdings ohne irgendein Risiko einzugehen, ist ja eine Kunstaktion? Und warum passiert das dann ausgerechnet in der Form einer öffentlichen Knutscherei auf der Oranienstraße? Individualität gegen die anonyme Staatsmaschine? Kann diesen Leuten nicht mal irgendjemand erklären, dass niemand diesen menschelnden Kitsch mehr ertragen kann?

Eigentlich hatte der Boxhagener Platz als Newcomer gute Chancen. Die Hochburg der linken Zecken, die seit Neuestem ganz fies Wursthaare genannt werden, liegt inzwischen unumstritten in Friedrichshain. Die Gegend gilt ja als alter Arbeiter- sowie neuer Szenebezirk. Trotzdem schaffte es der Boxhagener Platz als Austragungsort für die Militanz-Competition einfach nicht über die Vorrunde hinaus und muss um einen Listenplatz für den Vorabend mit dem yuppigen Kollwitzplatz konkurrieren. Tatsächlich spricht nur eine Sache gegen den Boxhagener Platz, die allerdings den Einsatz im Feld erheblich erschwert: überall Tretminen. Wenn man mal sprinten muss, ist eine freie Strecke einfach Voraussetzung.

Da sind sie. Zu zweit. »Ein Wasserwerfer wird von den Chaoten fast völlig zerstört« (B.Z.). Zwei aber stehen noch. Sie bewachen die ausgebrannten Reste eines Autos und achten darauf, dass niemand einen der mehr als tausend Steine aufhebt, die hier rumliegen. »Mit Wasserwerfern löschte die Polizei die Barrikaden am Mariannenplatz« (Berliner Kurier). Dahinter zwei Wannen, dann zwei Sixpacks. Zwei Polizisten stehen draußen, rauchen, haben Handys am Ohr, erzählen ihren Frauen in Göppingen, dass nun alles vorbei ist.

»Papa, ist das Fest jetzt zu Ende?« Der Vater muss die Frage des Sohns bejahen. Nachdem Werthebachs Putztruppe über den Mariannenplatz gefegt ist, sinkt die Stimmung auf den Tiefpunkt und steigt mit dem Barrikadenbau und dem Entzünden von Autos. Die zweite Halbzeit hat begonnen. Ex-Militante, deren Wurfarm beim Heben zahlloser Bierkrüge erlahmt ist, kommentieren fachkundig und kritisch das Geschehen. »Meine Kinder waren schon die letzten Jahre hier«, erklärt ein dicklicher Kreuzberger, »ich schaue mir das zum ersten Mal an.« Dem gut gelaunten Familienvater gehörte offenbar keines der am Straßenrand geparkten Fahrzeuge. Denn als das zweite angezündet wird, ruft er begeistert: »Ja, das ist eben Kreuzberg!«

Vor dem Fernseher dann die Enttäuschung. Phoenix bringt keine Live-Übertragung der Riots. Auf allen Kanälen nur kurze Einspielungen. Der Sat.1-Videotext entschädigt aber für alles: »Die hässliche Fratze der Gewalt eskalierte am frühen Abend beim traditionellen Straßenfest am Marienplatz vor 5 000 Besuchern.«



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