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Nr. 20/2001 - 09. Mai 2001
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Nobody is watching you

Lange nichts mehr gehört von den Bewohnern des »Big Brother«-Containers. Es gibt sie aber noch, wie die Anwohner bestätigen können. Die haben nämlich unlängst dem Petitionsausschuss des Düsseldorfer Landtags ihre Nöte geschildert. Ohne Rücksicht auf Verkehrsregeln, Eigentumsverhältnisse und die normalen Regeln des Zusammenlebens hätten während der ersten Staffel bis zu 8 000 Fans vor dem Container campiert. Sie hätten Würstchen gegrillt, Musik gemacht und auf den Container geschaut. Dann habe zwar die Stadt gemeinsam mit Endemol einen Versuch gestartet, die Massen zu kanalisieren, Beruhigung sei jedoch erst eingetreten, als die Popularität von »Big Brother« nachgelassen habe. So blieb dem Petitionsausschuss nichts übrig, als diese Unbill zur Kenntnis zu nehmen. Wie gesagt, lange nichts mehr gehört aus dem »Big Brother«-Container. Es gibt ihn aber noch.

In Frankreich ist »Big Brother« nun übrigens auch gestartet, unter dem Titel »Loft Story«. Und was soll man sagen? Die Einschaltquoten sind astronomisch, und das Feuilleton meldet Bedenken an, nun stehe der Untergang des Abendlandes bevor, »Loft Story« sei der »Triumph des Voyeurismus«. Gähn. Eine Bewohnerin war einmal Go-Go-Tänzerin und hat Silikon in den Brüsten, bisheriger Höhepunkt war ein langer Kuss zwischen Loana (22) und Jean-Edouard (21).



Pressefreiheit

Einmal im Jahr gebietet es die traurige Chronistenpflicht, den Bericht zur Lage der journalistischen Zunft zur Kenntnis zu nehmen. Am 3. Mai, dem Tag der Pressefreiheit, veröffentlichen die Organisation Reporters sans Frontières und das Committee to Protect Journalists ihre Listen mit Schurkenstaaten der besonderen Art. Bei den Einzelpersonen rangieren Ayatollah Khamenei, Jiang Zemin, Saddam Hussein, Fidel Castro und Wladimir Putin ganz oben, bei den Guerillatrupps die Eta. Auch in Tschetschenien lebt es sich als Journalist gefährlich: Diverse Gruppierungen entführen missliebige Berichterstatter, sei es um Lösegeld zu erpressen, sei es, um sie zum Schweigen zu bringen oder beides. Es geht jedoch auch subtiler. Seit vergangener Woche ist es etwa JournalistInnen in Ankara verboten, die Lobby des Parlaments zu betreten, und in Österreich hat die Regierung eine Gesetzesänderung auf den Weg gebracht, nach der die Veröffentlichung vertraulicher Akten mit Gefängnisstrafen geahndet werden solle.



Kein Streik in Hollywood

Es wäre ja zu schön gewesen, die Erfüllung einer ganzen Reihe von Träumen: Ein Streik der Drehbuch-Autoren in Hollywood. Ein Arbeitskampf in der Traumfabrik, mitten im Herzen der Kulturindustrie. Wie hätte das unsere Fantasie beflügelt. Ausgerechnet das Segment des Kapitalismus, dem man die größte Homogenität unterstellen würde, weil dort die Träume eben jenes Kapitalismus hergestellt werden, die Vorstellungen, wie Körper auszusehen haben, wie Beziehungen beschaffen sein sollten. Ausgerechnet diese Industrie - lahmgelegt durch einen Streik der Drehbuch-Autoren, der Ideenproduzenten im Hintergrund. Ein Streik, der, hätte er denn stattgefunden, andere Streiks nach sich gezogen hätte, Streiks der Schaupieler etwa, deren Tarifvertrag auch ausläuft. Wie schön hätte man Untergangsfantasien auf den Ort projizieren können, der die schönsten Untergangsgefühle in bewegte Bilder übersetzt hat. Was noch dazu gekommen wäre: Es hätte keine neuen Filme gegeben, weder im Kino noch im Fernsehen. Selbst über einen Aufschwung des Independent-Kinos wurde spekuliert, die Leute hätten nämlich weiter drehen können. Doch es ist anders gekommen. Nach dreitägigen Marathonverhandlungen einigten sich die Vertreter der Writer's Guild of America (WGA) mit den Studios. Nach dem neuen Vertrag, der allerdings von den Mitgliedern der WGA noch bestätigt werden muss, werden die Drehbuchautoren erstmals prozentual an den Gewinnen der Filme beteiligt und bekommen Honorare für Wiederholungen im Ausland. Über die Rechte an Videoverkäufen und an der Verbreitung von Filmen im Internet wird immer noch verhandelt.



'Berliner Zeitung' in der Tinte

Nichts geht über Gerüchte. Man erzählt sie weiter, irgendwann kommen sie zurück, und je länger sie erzählt werden, desto mehr Kraft scheinen sie zu gewinnen. So erzählte die Süddeutsche Zeitung in der vergangenen Woche etwa, Bertelsmann plane, sich von seinen Tageszeitungen zu trennen. Von allen, nur nicht von der Financial Times Deutschland. Die Zeitungen gehören Gruner und Jahr, einem Verlag, der sich wieder darauf konzentrieren wolle, Zeitschriften und Magazine zu verlegen. Denn das Tageszeitungsgeschäft von Gruner und Jahr sei defizitär und Bertelsmann wolle alles abstoßen, was keine Gewinne bringe, um sich für seinen Börsengang fit zu machen. Interesse habe der WAZ-Verlag, ein Unternehmen, das im Moment mit dem Gedanken spiele, sein Engagement im Fernsehen zu beenden. Dort hält der WAZ-Verlag eine kleine Beteiligung an der RTL-Gruppe, ein Konzern wiederum, der mehrheitlich Bertelsmann gehört. Sollte das alles stimmen, dürfte das besonders die Berliner Zeitung treffen, die chronisch verlustbringende Hauptstadtzeitung von Gruner und Jahr. Die WAZ soll schon signalisiert haben, das einzige, was der Berliner helfen könne, sei eine ausführliche Lokalberichterstattung und weniger überregionaler Ehrgeiz.



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