Transition
Von der Beute zu den Subtropen | Die Herausgeber
Mit den Subtropen eröffnen wir nun ein neues Forum im Rahmen einer Wochenzeitung. Jungle World hat uns angeboten, für jede erste Ausgabe des Monats eine editorisch und redaktionell unabhängig geführte achtseitige Beilage zu erstellen. Vom ID Verlag kommt die Abo-Kartei der Beute, so dass den bisherigen AbonnentInnen ab Mai 2001 die Jungle World zugestellt wird ... sofern sie das Abo nicht kündigen. Wir hoffen natürlich, dass viele der Beute-LeserInnen uns und unserem neuen Projekt in der Jungle World treu bleiben.
Die Beute wurde Anfang der neunziger Jahre als Vierteljahreszeitschrift gegründet und war seinerzeit Ausdruck einer Verständigung, die sich zwischen einigen Gruppierungen in verschiedenen Großstädten entwickelt hatte, hauptsächlich in Deutschland - Frankfurt, Hamburg, Köln, München und schließlich sogar Berlin -, aber wir kooperierten auch mit Zürich und Wien und hatten gute Verbindungen nach Italien. Die ungeheuerliche Zunahme rassistischer Gewalt, die mit der Konstitution des größeren Deutschlands einherging, und die Ratlosigkeit der radikalen Linken angesichts neuer globaler Entwicklungen, wie sie mit dem Zusammenbruch der so genannten sozialistischen Länder manifest wurden, brachten jene mehr oder weniger losen, sehr vielfältigen Zusammenhänge aus den verschiedenen Städten dazu, sich intensiver über ihre Perspektiven und eine Form der Praxis auszutauschen. Die Beute diente in dieser Situation als Instrument; sie wollte der Neuformulierung einer autonomen und radikalen Gesellschaftskritik Material und Argumente liefern. Als subkulturelles Forum konnte sie zur Konstruktion neuer Strukturen beitragen, bot dem Netz der Freundschaften und Initiativen ein praktisches Feld. Es ging darum, eine Tendenz zu verstärken, die sich zu Beginn als die erfreulichste Neuigkeit gezeigt hatte: die Vielfalt der Interessen und Ausdrucksformen, die Bereitschaft zur Auflösung szenischer oder vorberuflicher Spezialisierungen, jener Gegensätze, die man eigentlich nur falsch benennen kann, die allerdings unter ihren blendenden Etiketten, Irrtümern der Abgrenzung und eingebildeten Zuständigkeiten ein Teil der Wirklichkeit waren: militant oder intellektuell, künstlerisch oder politisch, marginal oder hochkulturell , Organisation oder Boheme ...
Diese und andere Trennungen oder Vorbehalte bestehen weiter und deshalb werden wir auch in den Subtropen einen Weg suchen, der grobe Identifizierungen auflöst, und singuläre Positionen im Panorama des sozialen Geflechts verstehen, aus denen sie hervorgegangen sind und in denen sie zumeist ihre Beweglichkeit kennen gelernt haben.
Über die Mitte der neunziger Jahre hinweg wurde Die Beute selbst zu einer singulären Position; sie verlor, begleitet vom Streit um Positionen und Prätentionen, die Funktion, einem größeren Zusammenhang als Instrument zu dienen. Damit schmolz auch die Leichtigkeit dahin, die zumindest unsere ersten Schritte begleitet hatte. Die redaktionelle Tätigkeit geriet unter Druck; Trennungen waren die Folge. Die Umstellung aufs halbjährliche Erscheinen konnte 1998 nur teilweise die bestehenden inhaltlichen und ökonomischen Zumutungen ausgleichen. So schien es schließlich naheliegend, die Zeitschrift einzustellen. - Im Grunde fehlte dem Projekt die intensivere und bewegliche Situation vom Anfang der neunziger Jahre. Sie hatte sich gegen Ende des Jahrzehnts verbraucht, und die Lust an offenen Auseinandersetzungen war verschwunden. Unterschiedliche Positionen (markiert als Pop- oder Politlinke, Theoriefraktion etc.) grenzten sich wieder stärker voneinander ab, betonten ihre unvereinbare Differenz oder irgendein Privileg. Zwischen den verschiedenen Städten nahmen die Entfernungen zu, während die Kultur der neuen Mitte ihre BewohnerInnen fand. Spezialkenntnisse sollen kultiviert, ihre Anerkennung als der bessere Schauplatz bespielt werden, und erwartungsgemäß ist die Angst vor Kritik zur Begleiterin dieser neuen Empfindsamkeit geworden, denn die Öffentlichkeit will derzeit nichts von Konflikten wissen. Wie wenig die Zusammenhänge, aus denen Die Beute entstand, noch verbindet, offenbarten auch Distanz und allseitige Sprachlosigkeit während einer Diskussion zur Beute-Ausstellung »Produktivität und Existenz« im Kunstamt Kreuzberg/Bethanien in Berlin im Jahr 2000.
Auch in der jetzigen Form des Erscheinens verstehen wir uns als Teil einer Organisierung, die die Konflikte mit den herrschenden Verhältnissen vervielfältigt und vertieft. Der Rahmen einer Wochenzeitung scheint uns gut gewählt, um unsere bisherige Form der Kritik an die politische Aktualität zu koppeln. Die Jungle World bietet die Möglichkeit, unser Interesse vor allem auf längere Texte zu konzentrieren; im monatlichen Format können wir dem Bedürfnis nach einer intensiveren Lektüre entgegenkommen und innerhalb dieser Zuständigkeit oder »Spezialisierung« unser Programm leichter angehen.
Die Entwicklungen der herrschenden Ordnung sind am Anfang des neuen Jahrzehnts deutlicher geworden. Wie immer zeigen sie ihre Härte in den Peripherien - innerhalb und außerhalb Europas -, und in ihrer ganzen unerbittlichen Konsequenz waren sie schon während des Nato-Bombardements gegen Jugoslawien zu sehen. Wir in den Machtzentren durften die Selbstherrlichkeit des Einsatzes als Monolog der kriegführenden Regierungen miterleben; in der Berichterstattung von der taz über die »Tagesthemen« bis zur FAZ gehörte die Bestätigung der neuen Kriegsdoktrin zum guten Ton, und sie vertrug sich bestens mit einer an sich selbst zweifelnden Geste. Weitaus schwerwiegender allerdings - und auch schwerer zu bekämpfen - sind die humanitären Einsätze, die als eine stärkere Hierarchisierung in Staat, Wirtschaft und Öffentlichkeit zu beobachten sind. Die Anmaßungen autoritärer Strukturen diktieren mittlerweile einen Verhaltenskodex, der Demütigung und Verachtung ebenso zur Regel machen will wie die sie begleitenden Entblößungen des Privaten oder offene Bestechung. Erst vor diesem Hintergrund zeigt die Integration des Zweifels, wie sie während des Nato-Bombardements als neues Stilelement der Herrschaft vorgeführt wurde, ihre Gefahren. Die Machtpositionen testen auf allen Stufen der bestehenden Ordnung die Aufkündigung ihrer demokratischen Legitimation, um sie gegen kontrolliertere Formen der Zustimmung einzutauschen. Selbst für alltägliche Beziehungen werden Formen der Berechnung und gegenseitigen Entmündigung als Konstanten des Lebens propagiert, anstatt es für Konflikte und die Freiheit von Herrschaft zu öffnen.
Mit den Subtropen werden wir hoffentlich für den einen oder anderen Zwist sorgen.
Jungle World, Bergmannstraße 68, 10961 Berlin, Germany
Tel. ++ 49-30-61 28 27 31
Fax ++ 49-30-61 8 20 55
E-Mail:
redaktion@jungle-world.com