Meine Zeit in der Hölle XI
Kampf der Ostereier
Zu Ostern gibt es in meiner Familie den Brauch des Eierpeckens. Nachdem die hart gekochten, bunt gefärbten Eier zunächst vom Osterhasen versteckt, dann von uns gesucht und gefunden wurden - abgesehen von denen, die erst einige Monate später auftauchen, wenn man zufällig beim Unkrautjäten darauf stößt -, sitzt man froh vereint und schlecht ausgeschlafen frühmorgens beim Osterfrühstück.
Bevor man aber eines der Eier essen darf, kommt es zum Eierpecken. Dabei sucht man sich zuerst einen Gegner aus und wählt dann ein Ei, mit dem man sich gute Gewinnchancen ausrechnet. Beide nehmen ihr Eier in die Hand und dann »peckt« einer der beiden mit der Spitze seines Eis auf die Spitze des anderen. Aus dieser Runde gehen meist eines der Eier, manchmal auch beide, mit einer eingeschlagenen Spitze hervor. Das Ganze wird noch einmal mit der flachen Seite des Eis wiederholt, diesmal darf der andere »zupecken«. Sieger ist, wer nach dieser Prozedur noch eine oder sogar zwei nicht eingeschlagene Seiten an seinem Ei hat.
In Italien wird in diesem Jahr um Ostern ein ähnliches Spiel gespielt. Auf der einen Seite sitzt der Vatikan mit seinem Ei, dem Radio Vatikan, auf der anderen die Bewohner des italienischen Städtchens Cesano. Um die Worte des Heiligen Vaters in die weite Welt zu schicken, stehen dort Sendemasten, deren elektromagnetische Emissionen die in Italien erlaubte Höchstgrenze bei weitem übersteigen.
Schon seit längerem hat Cesano den Kampf dagegen aufgenommen. Bei 18 Menschen in der Gemeinde wurden Tumore festgestellt, bei zwei Kindern Leukämie. Eine Studie der Europäischen Kommission, angefordert vom Komitee Kinder von Cesano ohne Wellen, bestätigt das erhöhte Krebsrisiko in Zusammenhang mit elektromagnetischen Feldern.
Vorige Woche holte nun der italienische Umweltminister Willer Bordon zum Schlag gegen das heilige Radio-Ei aus. Er forderte den Vatikan auf, die Emissionen auf das 1998 von der Regierung gesetzte Limit zu reduzieren und drohte damit, dass andernfalls die staatlichen Energiebetriebe ab 16. April keinen Strom mehr an den Sender leiten würden.
Aber auch ein Ei, das von außen betrachtet sehr stark aussieht, kann direkt unter der Spitze eine Luftblase haben. Auf Druck aus dem Vatikan berief nämlich Staatspräsident Giuliano Amato seine Minister zu einer Sondersitzung und verlängerte gemeinsam mit Außenminister Lamberto Dini und Gesundheitsminister Umberto Veronesi das von Bordon gesetzte Ultimatum zunächst einmal um 14 Tage. Bei dieser Gelegenheit erklärte Gesundheitsexperte Veronesi außerdem, es bestehe keinerlei Zusammenhang zwischen den Emissionen und den festgestellten Krebserkrankungen.
Der Umweltminister war geschlagen. »Ein Mitglied der Regierung darf ruhig seines Amtes enthoben werden, wenn es wagt, die göttlichen Gesetze zu bezweifeln, im Vergleich zu denen ja die des italienischen Staates weniger Gültigkeit haben«, bemerkte il manifesto dazu völlig richtig. Zumal der 16. April ja ausgerechnet der Ostermontag war - ein Tag also, an dem die päpstliche Verkündigung doch samt Wiederholung auf jeden Fall noch einmal um die Welt gehen musste.
Doch das Ultimatum wurde nicht nur verschoben, die Regierung beschloss auch, die ganze Angelegenheit erst mal zur Überprüfung an die bilaterale Kommission Italien-Vatikan weiterzuleiten. In der ersten Runde Eierpecken erwies sich das göttliche Radio als besser gebaut. Und pünktlich zum Karfreitag kam die triumphierende Meldung, die Emissionen lägen nach neuesten Messungen tiefer als vom Umweltministerium behauptet.
Mit Spannung wird nun die zweite Runde erwartet. Besonders Silvio Berlusconi hat, wie er il manifesto anvertraute, seinen Spaß am Osterspiel: »Mir scheint, es gibt nicht viel dazu zu sagen. Es gilt die Situation zu beobachten und das Spektakel einer in völlige Konfusion geratenen Regierung zu genießen.«
Mal sehen, ob die Bewohner von Cesano beim nächsten Mal eine andere Seite des Regierungs-Eis probieren oder auf ein ganz neues Ei vertrauen. Die EU-Umweltkommissarin Margot Wallstroem jedenfalls bestritt jeden Einfluss, weil der Vatikan nicht der EU angehöre.
Um die Spannung zu erhöhen, kann man übrigens beim Eierpecken auch ein rohes Ei einfärben und es unter die gekochten mischen.
irmi novotny
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