The Making of Monsters
Der konstruktivistische Ansatz der Kulturwissenschaften zeigt eine offene Flanke zu den geschlechtlichen Normalisierungsstrategien der Sexualmedizin. Von Michael Reiter und Georg Klauda
In regelmäßigen Abständen, wie zuletzt vom 23. bis zum 25. März, finden in Berlin Medizinertreffen mit der niemals endenden Zielvorstellung statt, Normalität zu produzieren. Vordergründig besteht das Anliegen in der Therapie geschlechtlicher Irregularitäten. Tatsächlich geht es jedoch um die gleichzeitige Kreation und Beseitigung kultureller Monster.
Neuerdings werden in die Normalisierungsstrategien auch die Kulturwissenschaften mit ihrem Streit um »Konstruktivismus versus Essenzialismus« eingebunden. Als Pilotprojekt für diese neue Allianz kann der interdisziplinäre Kongress zum Thema »Intersexualität« vom 7. März in Magdeburg gelten (Jungle World, 12/01).
Monstervorstellungen werden üblicherweise als Teil des abgespaltenen Selbst analysiert, in konkreten Phänomenen wie Missgeburten, Hermaphroditen und Siechenden verortet, in zahlreichen medizinischen Werken dargestellt und bis in die Gen-Sequenz hinein analysiert. Monster werden für unwert erklärt und dem Abort übergeben. Sie können aber ebenso aus einer diametralen Perspektive gesehen werden: als Überschreitung des kulturell Zugelassenen und gleichwohl als fester Bestandteil einer Gesellschaft; als die andere Seite ihrer eigenen Verunmöglichung.
Monster verweisen auf die Demarkationslinie des sozial Legitimen und zugleich auf die Funktionsweisen des Normalen. Das Monster ist bereits eine hybride Figur. Es ist nicht reduzierbar auf das Abgespaltene, das dem Fremden und Anderen Zugesprochene oder auf stete Ironie: Es entspringt der Codeproduktion des »Normalen« und entzieht sich ihm zugleich. Daher ist es auch nicht integrierbar, sondern kann nur obsolet werden, überall dort, wo Grenzen fallen. Der Zwitter wird erst dann nicht mehr existieren, wenn polarisierte Geschlechterordnungen aufgehoben sind, das Missgebildete tritt nicht mehr in Erscheinung, wenn den Körperfunktionen kein Gewicht beigemessen wird, und die Distinktion zwischen Mensch und Tier findet dort ihr Ende, wo Chimären alltäglich sind.
Das Paradox lautet: Wer Monster verschwinden lassen will, muss sich mit der ihnen zugewiesenen Logik anfreunden und der Normativität geschuldete Privilegien aufgeben. Monster stellen damit stets eine kulturelle Herausforderung dar, sie sind die Wegweiser sozialgesellschaftlicher Entwicklungen. Wer sie kulturell nicht in Erscheinung treten lässt, so die banale Konsequenz, verhindert gesellschaftliche Weiterentwicklungen.
Werden figurativ gewordene Exemplare, das heißt in der Monstervorstellung auf Phänomene reduzierte Menschen, vernichtet, impliziert das stets einen Verlust von kulturellem Wissen, das über die Analyse einer Innenperspektive nicht erreichbar ist. Es existiert daher auch die dauerhafte Notwendigkeit, neue Monster zu kreieren, denn eine Gesellschaft, die selbstreferenziell zirkuliert und sich für ihren Bestandserhalt von anderen abgrenzen muss, ist zur permanenten Darstellung ihrer selbst verpflichtet.
Diese Gesellschaft ist aktuell weit davon entfernt, sich ihren eigenen Monstern zu stellen, deren Quantität und vielfältige Konstellation wegen des aktuellen Gesundheits- und Körperfetischismus, der Kontroll- und Bevölkerungspolitik, der kapitalistisch motivierten Globalisierung und der Phantasmen normativer Leitgedanken vielmehr stetig zunimmt. Es mangelt nicht an Beispielen und darum ist es auch möglich, sich der inhärenten Logik der Monsterfigur zu widmen, wie sie im Folgenden kurz angerissen werden soll.
Sechs Thesen über die Logik der Monsterfigur
1. Das Monster ist eine ausschließlich metaphorisch zu verstehende Figur zur Verkörperung kultureller Anliegen - der Zeit, der Gefühle und der begrifflichen Strukturen. Seine Unabhängigkeit und Unsterblichkeit verdanken sich der Angst, dem Wunsch, der Phantasie und der Besorgnis all jener, die kulturelle Grenzen nicht als vorgegeben hinnehmen und gleichwohl in ihnen leben. Das Monster bewohnt die Grenze nach dem Umbruch und vor dem Neuanfang und es verweist als Hybridgestalt auf beide.
2. Das Monster ist grundsätzlich nicht fassbar, denn es hinterlässt zwar Spuren, ist aber selbst nicht sichtbar. Die teratologische Beschreibung des Hermaphroditen in der medizinischen Literatur etwa verweist auf seine Existenz, obwohl er im Alltag nicht wahrgenommen werden kann, denn diese Gesellschaft ist nicht in der Lage, mehr oder weniger als zwei Geschlechter zu erkennen. Das Monster ist stets immateriell und durch seine Spuren virtuell, potenziell, zugleich ver- und entkörpert. Es ist der Prototyp der virtuellen Realität.
3. Monster können nicht leicht verortet werden, sie sind die Krisengestalten kategorialer Vereindeutigungen und verweisen auf logische Brüche, denn ihre Resistenz gegen das abendländische binäre Denken entzieht sie der systematischen Strukturierung. Ontologisch nicht nachweisbar, ist das Monster zugleich problematisch. Der Brisanz dieser Tatsache wurde Rechnung getragen durch Rassenkonstruktionen und die Einschreibung des Monsters in ein kohärentes epistemologisches System. All das war jedoch vergeblich, da keine logische Schlüssigkeit bei restloser Erfassung möglich ist.
Daher werden als Krisenerscheinung der Aufklärung auch Hoffnungen in genetische Screenings gesetzt. Denn was nicht fassbar ist, soll auch nicht existieren. Und es wird andererseits die metaphorische Komponente des Monsters außer Acht gelassen und die Idee seines Erfinders mit einer vorgeblichen Physis verwechselt, um sodann von einer phantasierten Essenz auf eine Existenz fehlzuschließen. Dieser Zirkelschluss führt dazu, dass das Monster an anderem Ort zu anderer Zeit immer wieder neu erscheinen wird.
4. Das Monster als das Andere oder Dritte, die Verkörperung des Außen, das Jenseitige, ist der Ort der Einschreibung kulturell relevanter Distinktionen, vorwiegend nationaler, politischer, rassischer, wirtschaftlicher oder geschlechtlicher Art. Zahlreiche Beispiele sind aus Religion, Politik und Geschichte bekannt und wurden in Analysen zu Rassismus oder Antisemitismus als Beispiele von kulturell Verworfenem erörtert. Die Gemeinsamkeit der sozial verhinderten Gruppierungen besteht im steten Verwischen der Grenzen zwischen kulturellen und personellen Körpern. Ein Monster vertritt immer zugleich beide Aspekte. Daher muss es auf beiden Ebenen auch verfolgt und vernichtet werden.
5. In einer hochtechnisierten und -spezialisierten Gesellschaft wie der westlichen verlässt man sich im Aufspüren und Sanktionieren des Monsters auf Experten. Zugleich wird es durch diese Spezialisten erst neu hervorgebracht. Das Monster fragmentiert, rekombiniert und multipliziert sich unendlich. Die daraus entstehende exponenzielle Aufwandssteigerung, die kapitalistischen Verwertungsprinzipien dient, entspricht der Hydra.
Resultat ist, dass permanent neue Differenzen erfunden werden müssen, da das Monster nicht nur auf die Relativität von Differenz hinweist, sondern jene kulturellen Systeme angreift, in denen Identität konstruiert wird. Somit wird es auch als überindividuelle Erscheinung begriffen, die eine ganze Gesellschaft bedrohen kann.
6. Das Monster verweist nicht nur auf kulturell unausgeschöpfte Möglichkeiten kategorialer Ausdehnungen und Vermischungen, sondern warnt zugleich vor der Ausweitung in jene unsicheren Gebiete, die es selbst bewohnt. Als kulturelle Projektionsfläche wird es massenmedial oft eingesperrt und in sicherem Terrain vorgeführt. Die Botschaft lautet: Monster sind gefährlich, und es ist ratsam, sich im sicheren Raum der bisher domestizierten Bereiche zu bewegen.
Das Monster begrenzt die intellektuelle, geographische oder geschlechtliche Mobilität durch die Drohung, durch Kontakt zu ihm selbst zu einem Monster werden zu können. Dieses pädagogische Lehrstück zeigt auf, welche Linien eine Kultur strukturieren, und welche Bereiche nicht verlassen werden dürfen: Hierarchien, geschlechtliche Polarität, domestizierte Terrains oder Gesetze. Eine Analyse des Monsters aus seiner Sicht ist eine wichtige kulturelle Lesehilfe.
Die Verbannung des Monsters
In der hiesigen Gesellschaft ist die Verbannung des Monsters dem Militär, der Medizin und der Justiz vorbehalten. Sie werden angerufen, für die Interessen dominierender Bevölkerungsgruppen einzutreten, Diskrepanzen auszuräumen und die innere Sicherheit zu garantieren. Als Grenzwärter arbeiten sie in einer Scharnierfunktion zwischen Verbotenem und Legitimem, stehen in permanentem Kontakt mit dem Monströsen, ohne sich ihm empathisch annähern zu dürfen und von ihm lernen zu können.
Im Bewusstsein kultureller Monsterphantasien kommt einer Veranstaltung wie dem vierten Berliner Symposium für Kinder- und Jugendgynäkologie, das vom 23. bis 25. März stattfand, eine Doppelfunktion zu. Einerseits walten die kulturschaffenden Ärzte ihres Amtes und verschärfen die Zulässigkeitskriterien der Kategorien, andererseits lacht das Monster, dem durch Ausschussproduktion stets neue Gefährten zur Seite gestellt werden.
Diskutiert wurden auf dem Mediziner-Symposium Vorgehensweisen gegen Adipositas (Fettsucht) und Kriterien zum Körpermassenindex sowie das in neuerer Zeit eingeführte PCO-Syndrom (polyzystische Ovarien) mit der Bedrohung einer Vermännlichung des Weiblichen. Es ging auch um »angeborene genitale Fehlbildungen und ihren Einfluss auf die künftige Sexualität und Fertilität bei Mädchen«, also um Zwitterbildungen, und um Entwicklungsvarianzen in Körpergröße und Geschlechterdifferenzierung zum Zwecke einer Klärung »für die unverzichtbare Differenzierung von Normvarianten gegenüber tatsächlicher Pathologie«.
Das Veranstaltungsprogramm wurde mit einem Bild heiratender Teenies und dem Pharmaslogan, »damit schon der erste Wurf ein Voll-Treffer wird«, verziert, der für das Antibiotika Augmentan wirbt. Das spricht zwar nicht für intellektuelle Komplexität, aber für die Bereitschaft, in jedem nur erdenklichen Fall bei Abweichung von den eigenen medizinischen Normen zu intervenieren, und zwar ohne bei der Durchführung allzu zimperlich zu sein. Wie bei jedem solchen Treffen wurden auf dem Symposium multimedial aufbereitete Vorträge mit Bildern verstümmelter Genitalien, dicker sowie nach erfolgreicher Therapie auf ein Normalmaß zurechtgestutzter Menschen und ekelerregender Missbildungen gezeigt. Ein Monstrositätenkabinett, das sich Institutionen selbst erschaffen, um sich ihrer Existenzberechtigung und Identität zu versichern.
Ein mögliches Gelächter über die Absurdität einer solchen Veranstaltung aber hört dort auf, wo der Mensch oder, wie im aktuellen Fall, wo Kinder vor unseren Augen stehen, die reale Versuchskaninchen neuer therapeutischer Methoden sind, die einzig dem Zwecke geschlechtlicher Normenkonstruktion dienen.
Wird das Monster unter dem Blickwinkel des Humanen betrachtet, dann zeigt sich deutlich, dass zwar formal die Zivilität dieses Landes betont wird, welches Menschenrechte achte, sich aber in der offenkundigen Verletzung der körperlichen Integrität des Kindes die ganze Gewaltförmigkeit des patriarchalen Modells von Herrschaft zeigt - und zwar ungebrochen und allen postmodernen Versprechen von Fortschritt zum Trotz.
Die janusköpfige Sexualmedizin
Die Doppelstrategie eines mittlerweile äußerst profitablen Zweigs der Sexualmedizin nahm Lutz Garrels bereits 1998 in der Zeitschrift für Sexualforschung vorweg: Einerseits warnte er intersexuelle Aktivisten vor einer »weitere(n) Dispersion, Radikalisierung der Positionen sowie (einem) Bruch mit Ärzten und Wissenschaftlern«. Andererseits forderte er eine »partnerschaftliche und von gegenseitigem Respekt gegenüber autonomen Interessen getragene Zusammenarbeit mit Ärzten und Wissenschaftlern und vor allem eine konstruktive und kritische Auseinandersetzung mit dem eingefahrenen Diskurs über Geschlechtsidentität«.
Diesem Ansinnen wurde mit dem erwähnten interdisziplinären Symposium zu Intersexualität in Magdeburg Rechnung getragen: »Das interdisziplinäre Symposium wurde in der Hoffnung konzipiert, dass neue Ansätze - außer durch den Dialog mit Betroffenen - auch über die Diskussion neuerer geisteswissenschaftlicher Forschungen zu entwickeln sind. In den verschiedenen Disziplinen der Kulturwissenschaften ist das Thema 'Geschlechtlichkeit' ein in den letzten Jahren intensiv bearbeitetes Forschungsfeld. Kategorien wie 'Geschlecht', 'Sexualität' und 'sexuelle Orientierung' werden hier als gesellschaftlich, sprachlich (d.h. diskursiv) verfasst diskutiert.«
Die gedanklichen Überschneidungen zwischen dem konstruktivistischen Ansatz der Kulturwissenschaften und den geschlechtlichen Normalisierungsstrategien der Medizin haben ihren Ursprung in einem medizinischen Experiment. John Money, ein 1921 in Neuseeland geborener Sexualwissenschaftler, hatte in einer eigens dafür eingerichteten Klinik an der John-Hopkins-Universität in Baltimore (USA) anhand von 131 Fällen gezeigt, dass Kinder, bei denen die Zuordnung zum männlichen oder weiblichen Geschlecht nicht eindeutig erfolgen konnte, nur wenig Probleme hatten, sich an das für sie ausgesuchte soziale Geschlecht anzupassen.
»Die Untersuchungen von Hermaphroditen stützen nicht die Theorie einer angeborenen, instinktgesteuerten Männlichkeit oder Weiblichkeit, sondern die Auffassung, dass die Geschlechtlichkeit bei der Geburt psychologisch nicht differenziert ist und erst im Laufe von Lernerfahrungen als männlich beziehungsweise weiblich differenziert wird«, folgerte Money und empfahl daher den ÄrztInnen des Krankenhauses, das künftige Geschlecht des Kindes nach Belieben und chirurgischer Machbarkeit zu bestimmen.
Da weder eine medizinische noch eine psychosoziale Indikation für die an intersexuellen Kindern vorgenommenen Genitalanpassungen vorlag, darf man vermuten, dass es ihm auch darum ging, seine These, Umwelt und Erziehung prägten die »Geschlechtsidentität« stärker als Chromosomen und Hormone, anhand einer einzigartigen Versuchsanordnung an Hunderten von Kindern zu überprüfen.
Dabei stellte er Vergleichspaare von Hermaphroditen mit ähnlichen Genitalien zusammen, von denen der eine zu einem Mann, der andere zu einer Frau operiert worden war. Moneys spektakulärster Fall war jedoch das eineiige Zwillingspaar Brian und Bruce Reimer. Mit ihnen wollte er jene verhassten Kritiker endgültig aus dem Feld schlagen, die eine notwendige, das heißt essenzielle Beziehung zwischen Biologie und Geschlechtsidentität behaupteten, allen voran den jungen Anatomen und Reproduktionsbiologen Milton Diamond.
Bruce hatte seinen Penis 1966 im Alter von sieben Monaten bei einer Vorhautbeschneidung mit einem Elektrokauter verloren. Nachdem sich die Eltern in Folge eines Fernsehinterviews bei dem berühmten Sexualwissenschaftler gemeldet hatten, drängte John Money sie dazu, ihr Kind im Alter von 22 Monaten von einem Arzt seiner Klinik kastrieren zu lassen und als Mädchen aufzuziehen. Außerdem verpflichtete er sie, Bruces ursprüngliche Anatomie vor ihm geheim zu halten.
Als Vergleichsmaßstab für den Erfolg dieses durch alle Medien geisternden Experiments an einem »normalen« Jungen diente ihm der genetisch identische Zwillingsbruder. Die Geschlechtsneuzuweisung scheiterte jedoch nach Jahren der Intensivbehandlung durch ein Team aus Ärzten und Psychologen. Bruce alias Brenda entwickelte eine männliche Geschlechtsidentität. 17 Jahre lang versuchte Money mit Vertuschung, Einschüchterung und Erpressung den katastrophalen Ausgang seines in zahlreichen Fachbüchern, aber auch in feministischen Werken wie Kate Millets »Sexus und Herrschaft« lobend erwähnten Experimentes vor der Öffentlichkeit zu verbergen.
So deckte sein Gegenspieler Milton Diamond, mit dem Money eine 30jährige Auseinandersetzung über Konstruktivismus und Essenzialismus geführt hatte, erst 1997 die Tatsache auf, dass »Brenda« nach langer, qualvoller Rebellion gegen ihre weibliche Geschlechterrolle und mit tiefen Hassgefühlen gegen ihren Peiniger John Money sich im Alter von 14 Jahren entschieden hatte, unter dem Namen David als Junge weiterzuleben.
»Das ist Bestandteil der antifeministischen Bewegung«, konterte John Money die seit der Enthüllung des Falls David Reimer einsetzende kritische Berichterstattung der New York Times. »Sie behaupten, Männlichkeit und Weiblichkeit sind genetisch verankert, also sollen die Frauen wieder zu ihrer angestammten Rolle im Bett und in der Küche zurückkehren.«
Tatsächlich ist die Nötigung, sich zwischen dem Konstruktivismus und dem Essenzialismus zu entscheiden, eine Falle, in die Diamond und der Autor der Biographie von David Reimer, John Colapinto, locken. So bezeichnen sie das Spielen mit Autos und Spielzeuggewehren als Ausdruck einer angeborenen männlichen, die Beschäftigung mit Puppen und Nähmaschinen als natürliche weibliche Geschlechtsidentität. Und es ist offensichtlich, dass sie niemals auf plausible Weise eine Brücke von diesen Verhaltensweisen, die Ausdruck der patriarchalen Zurichtung von Menschen sind, zur hormonalen Prägung des Gehirns schlagen können. Dies wäre aber eine Voraussetzung dafür, ihren Essenzialismus, der eine notwendige Beziehung zwischen Geschlechtsidentität und Biologie annimmt, auch nur einigermaßen begründet zu verteidigen.
Judith Butler und das Unbehagen der Geschlechter
Die US-amerikanische Kulturwissenschaftlerin Judith Butler meint hingegen, der einzige Weg, diesen tendenziell reaktionären Essenzialismus zu durchbrechen, bestehe darin, dem Körper seine Wesentlichkeit zu entziehen. »Man kann nämlich den Körpern keine Existenz zusprechen, die der Markierung ihres Geschlechts vorherginge«, heißt es in »Das Unbehagen der Geschlechter«.
Damit setzt sie den Geist absolut und ignoriert zudem geflissentlich den einigermaßen verwirrenden Umstand, dass Geschlecht nicht kohärent definiert werden kann. Chromosomales, pränatal hormonelles, inneres morphologisches, äußeres morphologisches, pubertär hormonelles, dargestelltes sowie innerlich empfundenes Geschlecht müssen in keiner Weise übereinstimmen.
Konfusion löst nicht nur die wechselseitige Zusammensetzung aus. Jede Definitionsebene ist selbst sehr komplex und widersprüchlich strukturiert, sodass eine eindeutig »männliche« oder »weibliche« Zuordnung immer eine Fiktion bleibt. Ihre begriffliche Vereinheitlichung ist so verrückt wie die Logik des Warentauschs, die zwischen Nicht-Identischem eine Identitätsbeziehung stiftet. Der Körper ist dabei als Träger der Geschlechtsidentität für die Wesensbestimmung letzten Endes so gleichgültig, wie der Naturstoff für den Tauschwert. Jener ist nur insofern von Belang, als er eben da sein muss, um das Allgemeine zu verkörpern.
Vom »natürlichen Heterogenen« möchte Butler also nicht reden. Denn es ist nun einmal so, dass kein Atom Kreatürlichkeit in das Geschlechterverhältnis eingeht. Die Körper werden schon immer im Schema von Frau und Mann wahrgenommen, selbst dort, wo sie ihm widersprechen. Denkbar ist unter dem Bann zweigeschlechtlicher Totalität allenfalls eine Multiplikation der Zeichen als Strategie der radikalen Lifestylisierung, etwa in der drag performance, welche die Anschauung für Butlers Begriff von Geschlecht liefert. Das ist etwas grundsätzlich anderes als der Operationstisch, und es könnte der Grund sein, warum Queer-TheoretikerInnen zur Genitalverstümmelungen an Zwittern kaum ernst zu nehmende Positionen entwickelt haben.
Eine Flucht aus der Geschlechtsidentität hält Butler jedoch für sentimentalen Kitsch. Deswegen überzieht sie den späten Foucault, der an die Stelle des »wahren Geschlechts« den glücklichen Nimbus der Nicht-Identität und an die Stelle der homosexuellen Identität die Ambivalenz der Freundschaft setzen möchte, mit seitenlangen Tiraden: Es gebe keine Sexualität vor dem Gesetz und keinen Körper vor dem Geschlecht. Weil die Macht ewig ist, gibt es darin nur ein beständiges Changieren. Damit passt sie Foucault in die manische Logik seines eigenen, von seinem frühen Strukturalismus errichteten Gedankengebäudes ein.
Butlers Problem ist, dass sie die Irrationalität der Sache, und das heißt die Alogik des Geschlechterverhältnisses, zudeckt. Identität ist laut Wörterbuch die vollständige Übereinstimmung in allen Merkmalen, also A = A, Nicht-Identität deren notwendige Konsequenz. Erst das Streben nach Identität, Norm und Durchschnitt schafft als seine notwendige Krisenerscheinung die Anomalien und Pathologien, die dann von der Medizin umständlich beseitigt werden müssen.
Die begriffliche Synthese, die das Geschlechterverhältnis an den empirischen Körpern vornimmt, ist dabei so unverständlich, dass sie allein in Antinomien wie dem noch immer ungeschlichteten Streit zwischen Konstruktivismus und Essenzialismus erscheinen kann, die jeweils für sich ins Diffuse führen. Das Eingeständnis des Nichtverstehens würde vielleicht mehr helfen, die gewalttätige Homogenisierung, die im Begriff des Geschlechts liegt, zu überwinden als immer neue Geschlechtertheorien wie Butlers Performanzthese, die die Ebene des dargestellten Geschlechts als die wesentliche setzt.
Ende des 19. Jahrhunderts begannen Ärzte, von »Pseudo«-Hermaphroditen zu sprechen, deren wahres Geschlecht sie zu erforschen suchten. Nacheinander galten hierfür die Genitalien, die Gonaden und schließlich die Chromosomen als ausschlaggebend. Gehört Butler nicht als letztes Glied in eine Reihe reduktionischer Vorfahren? Jedenfalls sind für sie Biologie wie Psychologie bloße ideologische Dreingaben. Hermaphroditen kommen daher in ihrer Theorie kategorial ebenso wenig vor wie Transsexuelle, drohen sie doch permanent das »Geschlecht« durch ihre pure Existenz zu essenzialisieren. Das beharrliche Schweigen der Queer-TheoretikerInnen über die Genitalverstümmelungen an Intersexuellen ist kein Zufall, sondern Konsequenz.
Hardcore science
Die Ende der neunziger Jahre einsetzende Skandalisierung des Falles David Reimer durch Massenmedien wie den Spiegel dürfte der Grund sein, warum sich auch in Deutschland der konstruktivistische Mainstream der Sexualmedizin, der intuitiv schon immer mit den KulturwissenschaftlerInnen harmonierte, von ihnen die Richtigkeit seiner Annahme bestätigen lassen möchte, dass es keinen natürlichen und authentischen Körper gebe.
So mündete der Text der Einladung für das Magdeburger Symposium in die Frage: »Könnten neuere Ansätze der Kulturwissenschaften einen Beitrag dazu leisten, die Diskrepanz zwischen medizinischer Entscheidung und Erleben der Patientinnen und Patienten zumindest besser zu verstehen?« Wohl kaum. Denn dazu wäre nicht das abermalige Herunterbeten von Butlers Kritik an einem »prädiskursiven Körper«, sondern eine Kritik an den von Garrels als »autonome Interessen« bezeichneten Bemühungen des medizinischen Establishments erforderlich, ein millionenschweres Forschungs- und Karrierefeld auch gegen das existenzielle Überlebensinteresse der PatientInnen abzu-sichern.
Für die beteiligten KulturwissenschaftlerInnen ist das offenbar ein ideologisch blinder Fleck, verfolgen sie doch mit der Kolonisation des Intersex-Themas - wenn auch im kleineren Rahmen - vielleicht ganz ähnliche Interessen wie Ihre KollegInnen aus der klinischen Abteilung.
Weitere Informationen unter http://www.aggpg.de
Literatur:
Cohen, Jeffrey Jerome: Monster Theory. Reading Culture. University of Minnesota Press, Minneapolis, London 1996
Schüßler, Marina / Bode, Kathrin : Geprüfte Mädchen - Ganze Frauen. Zur Normierung der Mädchen in der Kindergynäkologie. efef, Bern 1992
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