Der letzte linke Student XI
Bleibt erregt!
Der letzte linke Student ist müde. Denn: Der letzte linke Student hat getrunken. Und was hat der letzte linke Student getrunken? Viel! Und das: allein. Weil er nicht verstanden wird. Und das ist: ein Grund, sich tot zu trinken.
Aber wie fing alles an? Nun, zunächst fing alles damit an, dass der letzte linke Student ein Linker wurde. Da nämlich hat sich der letzte linke Student einige Chancen verbaut. Und das: gründlich. Zwar ist man als Linker auf der richtigen Seite, also jetzt mal historisch gesehen. Aber das wissen die anderen nicht. Und machen damit: den verbliebenen Linken ein Problem. Konkreter gesagt: Der letzte linke Student war protestieren. Denn ein Rechter hat gelesen. Und das in einer Disco, die eigentlich links ist. Oder Pop. Oder Trash. Also auf jeden Fall: irgendwie links.
Nun hat der letzte linke Student dagegen protestiert, dass in dieser Disco, die eine linke Disco ist und damit unsere Kneipe, dass der Rechte hier lesen darf. Weil nämlich: dann kommen Rechte in diese Kneipe. Und wir: Wir müssen dann bald draußen bleiben.
Und wenn man sich das immer gefallen lässt, also die Verdrängungspolitik der Rechten, sagt Dietrich Bonhöffer, dann ist bald alles voller Nazis. Weil nämlich das Lokale das Globale ist. Jedenfalls war der Rechte da und der letzte linke Student auch, und der letzte linke Student hat gewaltig protestiert. Und er war erst mal nicht allein, denn die Antifa war auch da, da war der letzte linke Student glücklich.
Aber als der letzte linke Student dann die Sache auf den Punkt gebracht hat und gerufen hat: »Diese Disko darf den Faschismus nicht hoffähig machen«, da hat die Antifa gelacht. Also nicht alle, aber doch einige und das war schon zu viel. Und der letzte linke Student fühlte - jetzt nicht real, aber schon so seelisch - einen Dolchstoß in seinem Rücken. Weil er hier ja quasi die Entsolidarisierung der Szene am eigenen Leibe erleben musste. Und nicht, dass er das nicht gewohnt ist. Aber: Weh tut es doch immer wieder. Und da hat der letzte linke Student sich umgedreht und angefangen, mit den Antifas zu diskutieren. Weil: Vielleicht haben die nur etwas falsch verstanden. Aber: Die hatten alles richtig verstanden. Und: lachten den letzten linken Studenten aus. Denn: »Pop ist nicht links«, sagten die Antifas.
Das aber hat der letzte linke Student dumm gefunden. »Erstens: Die Beatles und Heaven 17 sind Teil der Popkultur und auch links. Denn: Sie sind mit den Verhältnissen unzufrieden. Und zweitens: Diese Unzufriedenheit braucht eine Heimat. Denn: Wo soll das revolutionäre Subjekt hingehen, um sich zu versammeln? Marktplätze sind öd und leer!« Den letzten Satz hat der letzte linke Student schon fast geschrieen. Doch die Antifas haben nur gelacht.
Da ist der letzte linke Student weggegangen. Denn: Mit solchen Leuten ist nicht Politik zu machen. »Es gibt nichts Schlimmeres als die bürgerliche Linke.« Der Satz steht jetzt im goldenen Notizbuch. Daneben sitzt der letzte linke Student und ist betrunken. Vor allem aber ist er müde. Die Revolution macht einsam. Und reibt auf. Tja, wir sollten da nicht hintanstehen, und uns auch mal gehen lassen.
jörg sundermeier
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