Working Class Hero IV
My Life As A Pop Singer
Die Deutschen singen nicht mehr, so die alarmierende Meldung im Spiegel vor einigen Wochen. Pop-Konserven gebe es genug, aber eben kein Tralala mehr im Alltag. Das erinnerte mich an meine eigene Karriere als Popsänger. Denn in den frühen Achtzigern konnte man noch beides verbinden und das Gegröle im Alltag als Pop-Gesang verkaufen. Ein Mikrofon tat dabei gute Dienste: Wenn man seine Stimme so von links und rechts - oder noch besser: aus einer Monitorbox - hört, hat das gleich was Offizielles.
Nach einer komplexen musikalischen Ausbildung - Glockenspiel, Akkordeon (beim Lehrer Unterberg, eigentlich angestellt bei einer Sonderschule, ansonsten kreierte er im Selbstbau Pfeifenorgeln) und Schlagzeug, Bass, Gitarre (»Peter Burschs Gitarrenbuch«) - gründete ich sofort eine Band.
Was ist überhaupt Alltagsgesang? Das singt man an Heiligabend oder zu Ostern. Oder wenn man nach der Schule zu Haus die Treppe raufkommt. Oder Lieder summen von Depeche Mode, wie bei mir. Ich hatte damals ein absolutes Gehör, davon ist zwar heute nicht mehr viel übrig geblieben, aber eine Fähigkeit ist damit verbunden, die teure Walkmen erspart: Man kann beliebige Stücke im Kopf abspeichern, das ist wie ein eingebauter Napster.
Aber davon haben ja die anderen nichts. Nach diversen Gastauftritten in so wichtigen Bands wie Weltmeister 54 beim berühmten Mike Heinze lernte ich Bernhard kennen. Er hatte ein paar Synthesizer und auch eine Rhythmusmaschine, ein Gerät, das der Pop-Langweiler Phil Collins mit »In the Air Tonight« berühmt gemacht hatte. In Bernhards Bude verbrachten wir die Nachmittage zwischen Lötkolben und Elektroteilchen beim Fachblatt- und Spex-Lesen, denn während andere Idioten 50-Kilo-Boxen selbst bastelten, schraubte Bernhard Musikinstrumente. Nach einem heftigen Streit in der Fachblatt-Redaktion spaltete sich dort übrigens ein Teil ab und gründete das Expertenmagazin Gitarre und Bass - Jungle World-Redakteuren wird das bekannt vorkommen.
Bernhard und ich gründeten wiederum »Die stählernen Segler«, und wir probten im Keller meiner Eltern. Am schönsten war es, wenn wir stundenlang rumspielten, man dann irgendeine Melodie oder sonstwas hatte, und der Text fiel einem nebenbei ein. So entstanden echte Sternstunden des Pop, »Kiss Me« zum Beispiel: »Kiss me princess I am your frog, kiss me baby I want to fuck«. Dann stellten sich einem die Nackenhaare auf vor Rührung, und weinen muss ich übrigens immer noch, wenn ich Leute wie Isaac Hayes oder George Clinton höre. Unsere Musik war echter Dancefloor. Auch dank Diedrich Diederichsen fühlten wir uns wie sonstwas.
Bald kam der erste Auftritt, auf dem Fest im örtlichen Gymnasium. Der Hausmeister guckte nicht schlecht, als ich mit meiner Les-Paul-Kopie, die hatte diesen bescheuerten gelb-roten Yellow-Sunburn-Anstrich, in einer Plastiktüte angelatscht kam. Aber ich war noch nicht die Treppe rauf, da kam schon einer an, der wollte mir allen Ernstes die Gitarre tragen, weil er uns so toll fand. Wir spielten noch keine zehn Minuten über die 3 000-Watt-Anlage, da rannten alle 400 Leute raus. Scheiße, dachte ich, so schlecht sind wir also.
Da sprang auch schon Jörg, der Gitarrist von Geistige Verunreinigung, auf die Bühne, um mich zu warnen. »Tränengas!« In der ersten Reihe stand ein Typ mit einer Gaskanone. Nachdem er was auf die Fresse bekommen hatte und sich die Schwaden verzogen hatten, konnten wir weitermachen. Und siehe da, die Waver tanzten sogar, das ist immer ein schönes Kompliment im Pop-Business. Am Schluss drückte uns der Hausmeister sogar noch 50 Mark in die Hand! Dass ich in jungen Jahren wie der Zwillingsbruder von U2-Bono aussah, hatte ihn wohl überzeugt.
Leider war das auch schon das Ende der Stählernen Segler, ich verlor Bernhard, 21, an den Rock'n'Roll. Er verliebte sich in Monika, eine 15jährige. Da kam er nicht mehr zu den Proben, und wenn ich ihn traf, hatte er keine Lust auf Musik, sondern schwärmte immer nur davon, dass Monika nix unterm Rock anhat, wenn er sie besucht. Anschließend verpflichtete er sich bei der Bundeswehr.
Später traf ich ihn wieder, mit Monika war er quitt. »Hat 'nen Haufen Geld gekostet«, zog er Bilanz. Er trat mittlerweile allein auf und hatte es in Aachen sogar mal ins Vorprogramm von Tommi Stumpf (»Tommi Stumpf ist Trumpf«), dem Ex-Sänger von KFC (»Knülle im Politbüro«), geschafft. Viele Tränen habe ich geweint. Später verdiente ich mit Musik noch mehr Geld, allerdings nicht mit der eigenen: als Kulissenschieber an der Oper, elf Mark die Stunde. Und als Schreiber, 65 Pfennig bzw. sechs Mark die Zeile.
Immerhin gab es noch ein paar Rockgruppen, zum Beispiel die mit dem Namen »First You Pay«. Da sang einer Arabisch, und wir hatten ziemlichen Schiss, dass der da übles radikal-islamistisches Zeug absonderte. Aber wir konnten ja kein Arabisch. Am Keyboard stand der konkret- und Buchautor Peter Kratz. Er hatte am meisten zu sagen, denn er hatte den Schlüssel zum Proberaum. Horst, der Schlagzeuger, musste immer seine Frustrationen vom Job bei der Telekom verarbeiten. Gibt es moderne Tendenzen in der Musik? Klar: Früher wurden Klavierschülern die Finger in Spanngestelle gesteckt, damit die Finger länger wurden. Später erzielte man das gleiche Ergebnis mit zehn Stunden Üben.
Bandprojekte gab es noch viele, die lustigsten waren die, wo wir uns vier Stunden in den Proberaum stellten, um irgendwem eine Kassette zum Geburtstag einzuspielen. Seltsamerweise verdiene ich heute Geld damit, diese Kassetten auf Lesungen abzuspielen. Aber gesungen wird jetzt eigentlich nur unter der Dusche. Oder zu Madonna-CDs. Also, wenn ich mal so sagen darf: Man könnte der Auffassung sein, die Investition in meine musikalische Ausbildung habe sich alles in allem nicht so richtig gelohnt.
jürgen kiontke
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